[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Von der Nachtigall mit der süßen Stimme

In fernen Zeiten lebte ein grausamer Schah, der sein Volk viele Jahre lang knechtete und quälte. Er nahm seinen Untertanen das letzte Stück Brot und drangsalierte sie mit vielerlei Steuern und Abgaben. Auf diese Weise raffte er solch eine Menge Gold, Silber und Edelsteine zusammen, dass er nicht mehr wusste, wo er diese Kostbarkeiten lassen sollte. Eines Tages ließ der Schah kunstfertige Handwerker kommen und befahl ihnen: »Fertigt mir eine Platane an! Ihr Stamm soll aus Rubinen und ihr Gezweig aus Chrysolith bestehen, ihre Blätter aus Smaragden und ihre Früchte aus Perlen. Das Laub muss so dicht sein, dass kein Sonnenstrahl hindurch dringt!« Als das Volk diesen Befehl des Schahs vernahm, murrten die Menschen: »Bis dieser Baum fertig ist, wird man uns wohl das letzte Hemd vom Leibe reißen!« Doch der Schah ging gegen die Unzufriedenen erbarmungslos vor. Den einen ließ er die Köpfe abschlagen, andere in tiefe Gruben werfen.

Sieben Jahre verstrichen, da war die Platane fertig. Der Schah befahl, sein Bett unter den kostbaren Baum zu stellen und schlief nun dort.

Eines Morgens fühlte er die Wärme der Sonne auf der rechten Wange. Er schlug die Augen auf und sah durch die Smaragdblätter ein Stückchen blauen Himmels leuchten, nicht größer als eine Kopeke. Von dort fiel ein Sonnenstrahl auf seine Wange. »Ein Dieb hat von meiner Platane ein Blatt gestohlen! Wer den Übeltäter findet, den überhäufe ich bis zum Scheitel mit Gold. Wenn der Dieb aber nicht gefangen wird, dann lasse ich die Stadt niederbrennen und die Asche im Winde verstreuen!« Der Wesir zur rechten Hand des Schahs gab ihm den Rat: »Lasst in der Nacht eine Wache aus vierzig Kriegern aufstellen! Sie werden den Dieb fangen!« Der Schah war einverstanden. Vierzig bewaffnete Krieger hielten rings um die Platane Wache. Zur Mittemachtstunde schliefen aber alle ein. Als der Schah am Morgen erwachte, sah er im Laub noch eine leere Stelle von der Größe eines Fünfkopekenstücks. Er geriet so in Wut, dass jedes Härchen seines Körpers sich zur spitzen Nadel sträubte. »Henker herbei!« brüllte er. Schwarzen Vögeln gleich erschienen vor dem Schah vierzehn Henker, zogen ihre scharfen Säbel und fragten: »Wessen Todesstunde ist gekommen? Wen sollen wir köpfen!«

»Hinrichten!« befahl der Schah, wobei er auf die Krieger wies. Da aber mischte sich der Wesir ein. »Wenn Ihr jeden Tag vierzig Köpfe abschlagen Lasst«, gab er zu bedenken, »wird der Staat bald kein Heer mehr haben. Werft die Krieger lieber in den Kerker und stellt eine andere Wache um den Baum!« Die Krieger wurden in den Kerker gesperrt.

Der Schah hatte aber drei Söhne. Der älteste trat vor seinen Vater und bat: »Erlaub mir, dass ich die Platane eine Nacht lang behüte! Ich werde den Dieb fangen.« Der Schah willigte ein. Der älteste Sohn trat also zur Wache an, hielt jedoch nicht durch. Um Mitternacht schlief er ein. Als es hell wurde, sah der Schah inmitten des Laubes eine leere Stelle von der Größe einer Tjubetejka. Sofort verurteilte er seinen ältesten Sohn zum Tode. »Jetzt werde ich Wache stehen«, meldete sich der mittlere Sohn. »Wenn ich den Dieb nicht erwische, Lasst Ihr mich zusammen mit meinem Bruder hinrichten.« Doch zur Mitternachtsstunde ließ der Schlaf seine Augenlider schwer werden, und am Morgen war im Laub eine leere Stelle, nicht kleiner als ein großer Fladen. Vor Wut quollen dem Schah die Augen aus den Höhlen wie einer Katze, die ein Stück Speck hinunterwürgt. »Henker zu mir!« schrie er. Doch da bat ihn der jüngste Sohn: »Erlaubt mir, dass ich Bogen und Pfeile nehme! Ich werde den Dieb abschießen.« Der Schah gab seine Erlaubnis. Als es dunkel wurde, stellte sich der Prinz unter den Baum, spannte die Sehne und hielt aufmerksam nach allen Seiten Ausschau.

Tief in der Nacht wollte ihn der Schlaf überkommen. Da zog er ein Messerchen aus der Tasche, schnitt sich in den Finger und rieb die Wunde mit Salz und Pfeffer ein. Sofort vertrieb der Schmerz seine Müdigkeit. Der Prinz wartete. Kurz vor Tagesanbruch kam ein wunderlicher Vogel zur Platane geflogen. Sein Schnabel war aus Rubin, seine Füße aus Chrysolith, seine Flügel aus Perlen und Korallen. Er ließ sich auf einem Zweig nieder und sang, dass Erde und Himmel widerhallten. So Leid es dem Prinzen auch tat, auf den trefflichen Sänger zu schießen, ließ er die Sehne dennoch abschnellen. Seine Hand zitterte aber, der Pfeil streifte den Vogel nur und riss ihm eine Feder aus dem Flügel. Der Vogel flog davon.

Als der Schah erwachte, ging der Prinz auf seinen Vater zu, wobei er in der Rechten Bogen und Pfeile und in der Linken die Feder hielt. »Seht Ihr her«, sagte er. »Ich habe den Vogel erspäht, der die kostbaren Blätter Eurer Platane davontrug. Es war eine Nachtigall mit süßer Stimme. Es ist mir aber nicht gelungen, sie tödlich zu treffen, so süß hat sie gesungen. Nur eine Feder schoss ich ihr aus dem Flügel.« Der Schah nahm die Feder und sah, dass sie wertvoller war als alle Steuern, die sein Land in sieben Jahren aufbrachte. Da freute er sich und befahl, seine Söhne und die Krieger aus dem Kerker zu befreien.

Am selben Tage ließ er überall verkünden: »Wer mir diesen Vogel bringt, den setze ich auf meinen Thron, und er wird die Macht mit mir teilen! Wenn der Vogel nicht gefangen wird, brenne ich die ganze Stadt nieder und mache sie dem Erdboden gleich!« Die älteren Söhne des Schahs kreuzten ehrerbietig ihre Hände über der Brust, verbeugten sich und baten: »Erlaubt uns. Euch diesen Dienst zu erweisen, Vater!« Der Schah stimmte zu. Als Kaufleute verkleidet, ritten die Prinzen aus der Stadt.

Drei Tage vergingen. Da dachte der jüngste Sohn des Schahs: »Meine Brüder werden nichts finden, mein Vater aber kann vor Wut die Stadt niederbrennen lassen. Auch ich muss ausziehen!« Er ging zu seinem Vater: »Erlaubt auch mir. Euch einen Dienst zu erweisen, Vater! Ich will den Zaubervogel finden! Wenn Dir mich gehen Lasst, ziehe ich davon, wenn nicht, ziehe ich auch davon.« Nur ungern wollte der Schah seinen Jüngsten weglassen, doch der Prinz beharrte auf seinem Willen. Also rüstete er auch seinen jüngsten Sohn zur Reise aus. Der junge Prinz ritt hurtig dahin und hatte seine Brüder nach einer Woche eingeholt.

Zu dritt setzten sie ihre Reise fort und kamen über kurz oder lang zu einer Stelle, an der sich der Weg gabelte. An den drei Abzweigungen stand jeweils ein Stein mit einer Inschrift. Auf dem ersten Stein war zu lesen: »Wer diesen Weg geht, kommt zurück«; auf dem zweiten: »Wer diesen Weg geht, stößt auf Gefahren«; und auf dem dritten Stein: »Wer diesen Weg geht, kehrt nicht zurück«. Der älteste Bruder wählte den ersten Weg, der mittlere den gefährlichen und der jüngste den, auf dem man nicht zurückkehrt. Die Brüder nahmen Abschied voneinander und trennten sich. Wie er so dahin ritt, dachte der mittlere Bruder: »Ein gefährlicher Weg! Das ist schlimm. Und wenn mir plötzlich etwas widerfährt? Soll ich nicht lieber zusammen mit meinem älteren Bruder weiter reiten?« Er machte kehrt und schloss sich seinem älteren Bruder an. Zu zweit setzten sie ihren Weg fort.

Die Brüder gelangten in eine fremde Stadt, machten im Sonnenschein Rast, tranken sauere Milch und begannen einander das Haar zu kämmen. Die Tochter des Schahs, die gerade auf ihren Balkon hinaustrat, gewahrte die Brüder. »dass die beiden sich nicht schämen, sich vor meinen Augen zu kämmen!« dachte sie empört und warf ein Stück des Apfels, den sie eben aß, so geschickt nach dem ältesten Bruder, dass sie seinen Kopf traf. Der älteste Bruder wandte sich um und sah auf dem Balkon die schöne Prinzessin. »Wahrscheinlich hat sie sich in mich verliebt!« dachte er und blieb mit seinem Bruder vor dem Palast sitzen.

Am Abend kam eine Dienerin der Prinzessin zu den Brüdern. »Warum sitzt ihr hier herum und geht nicht weg?«

»Die Prinzessin hat sich in mich verliebt und sogar einen Apfel nach mir geworfen. Sie wollte mich wohl necken. Wie kann ich da weggehen?« entgegnete der ältere Bruder. »Schert euch sofort weg von hier, sonst wird die Prinzessin böse und lässt euch die Köpfe abschlagen!« machte ihnen die Dienerin angst. Die Brüder erschraken und eilten zitternd davon. Sie lebten nun in der Stadt und verbrauchten allmählich alles, was der Vater ihnen auf die Reise mitgegeben hatte. Da sie nichts gelernt hatten, um sich ihr Brot zu verdienen, kamen sie so herunter, dass sie auf der Schwelle eines fremden Ladens schlafen mussten. Schließlich verdingten sie sich. Der älteste Bruder ging als Kochgehilfe in eine Garküche, um die Suppe auszuteilen, und der mittlere Bruder in eine andere Garküche, in der er unter dem Pilawkessel Feuerholz nachlegte.

Hören wir nun, wie es dem jüngsten Bruder erging. Tage und Nächte ritt er von Fluss zu Fluss, von See zu See, von Berg zu Berg, ließ Rastplätze und Furten hinter sich. Seine Vorräte hatte er aufgezehrt, nur ein vertrockneter Fladen war ihm geblieben. Schließlich gelangte er an eine Quelle, neben der eine schattige Platane wuchs. Er band sein Pferd an ihrem Stamm fest, langte in den Mantelsack und holte seinen letzten Fladen hervor. Er tauchte ihn ins Wasser, brach ihn und wollte ihn eben verzehren, als er in der Ferne eine Staubwolke gewahrte. Wie er genauer hinsah, erkannte er, dass ein riesiger Affe Hals über Kopf auf ihn zu gerannt kam. Entsetzt kletterte der Jüngling auf den Baum. Der Affe kam indessen herbei, aß den Fladen auf, rieb sich das Maul, hob den Kopf und winkte dem Prinzen zu. »Komm herunter!« sprach er mit menschlicher Stimme. Der Prinz dachte: »Der Affe ist von dem Fladen wohl nicht satt geworden und will mich auffressen!« Darum kletterte er noch höher hinauf. Der Affe sprang auf den untersten Ast. »He, Mensch, komm herunter!« rief er wieder. »Wenn ein Vogel in unser Land geflogen kommt, versengt er sich die Flügel. Wenn ein Mensch kommt, verbrennt er sich die Füße! Warum bist du hergekommen?« Der Prinz kletterte herab und erzählte dem Affen seine Geschichte. »Wenn ich die Nachtigall mit der süßen Stimme nicht erlange, brennt mein Vater die ganze Stadt nieder und macht sie dem Erdboden gleich«, endete er betrübt. »Ein Sprichwort lautet: Wer dir einmal zu essen gab, vor dem sollst du dich vierzigmal verneigen«, antwortete der Affe. »Hätte ich deinen Fladen lieber nicht gegessen! Aber da ich ihn nun einmal gegessen habe, muss ich dir Dank erstatten. Besteige dein Pferd! Wenn wir Glück haben, beschaffen wir den Vogel und retten deine Stadt vor der Verwüstung.«

Zu zweit setzten sie sich auf das Pferd und machten sich auf die Suche. Lange ritten sie, bis sie an einen von einer hohen Mauer umfriedeten Garten kamen. »Ich werde einen unterirdischen Gang graben. Du wartest hier auf mich«, sagte der Affe. »Wenn ich in fünf Tagen noch nicht wieder da bin, dann kehre um.« Er begann zu graben. Am sechsten Tage kehrte der Affe zurück. »Ich habe den Gang bis unter den Käfig gegraben, in dem die Nachtigall mit der süßen Stimme unter sieben Decken sitzt. Krieche bis zum Ende des Ganges und warte, bis die Wächter eingeschlafen sind. Dann packe schnell den Käfig mit dem Vogel und bringe ihn her! Hüte dich aber, die Decken vom Käfig zu nehmen!« Der Prinz prägte sich die Ermahnungen des Affen ein und kroch durch den unterirdischen Gang. Er gelangte bis zu dessen Ende und wartete. Die Wächter - es waren ihrer zehn - schliefen jeder auf seinem Posten ein. Der Prinz schlich sich an ihnen vorbei und packte den Käfig mit dem Vogel. Zu gern hätte er gesehen, ob er wirklich den Wundervogel in der Hand hielt, der auf die Platane seines Vaters geflogen war. Kaum hatte er aber eine der sieben Decken gehoben, da begann die Nachtigall so herrlich zu singen, dass der Prinz wie verwunschen stehen blieb und der Käfig seinen Händen entfiel.

Die Wächter erwachten, bemächtigten sich des Prinzen und schleppten ihn zu ihrem Gebieter. Der Schah rief den Henker und befahl: »Schlage dem Dieb beide Arme bis zum Ellbogen ab!« Da mischte sich der Wesir ein: »Wartet mit dieser harten Strafe! Lasst uns erst erfahren, wozu er den Vogel haben wollte!«

»Gut, hören wir ihn an«, stimmte der Schah zu, und der Prinz erzählte alles von Anfang bis zu Ende. Da sagte der Wesir: »Wenn wir diesen tapferen Jüngling eines Vogels wegen umbringen, geraten wir in einen üblen Ruf. Wollen wir ihn lieber mit einer schweren Aufgabe betrauen.« Der Schah willigte ein und trug dem Jüngling auf: »Reite dorthin, wo die Sonne untergeht! Nach neun Monaten wirst du eine Stadt sehen. Der Schah dieser Stadt hat eine Tochter, die in einer goldenen Lade schläft. Wenn du mir das Mädchen bringst, schenke ich dir die Nachtigall mit der süßen Stimme.« Der Prinz kehrte zu dem Affen zurück und erzählte, was ihm widerfahren war. Wieder stiegen sie zu zweit auf das Pferd und traten den langen Weg an.

Neun Monate ritten sie, bis sie endlich zu der großen Stadt gelangten. Sie machten auf einem Felde halt, und wieder begann der Affe einen unterirdischen Gang zu graben. Nach neun Tagen und neun Nächten war die Arbeit beendet, und der Affe kehrte zum Prinzen zurück. »Ich habe einen unterirdischen Gang zum Palast der Prinzessin gegraben«, berichtete er. »Du musst eine Treppe von vierzig Stufen ersteigen und vierzig Gemächer durchschreiten. Dann kommst du auf einen Balkon, wo die strahlende Schönheit, von vierzig Dienerinnen umgeben, auf einer goldenen Lade sitzt. Wenn die Prinzessin schlafen will, öffnet sie den Deckel und legt sich hinein. Du hebe erst den Deckel und sieh nach, ob ihre Augen geschlossen sind. Schläft sie mit offenen Augen, dann trage sie davon, sind ihre Augen jedoch geschlossen, dann hüte dich, sie anzurühren!« Der Prinz kroch durch den unterirdischen Gang bis in den Palast, erstieg die vierzig Stufen, durchschritt die vierzig Gemächer und blickte auf den Balkon. Dort sah er die schöne Prinzessin inmitten von vierzig Dienerinnen. Wer sie sah, konnte von ihrer Schönheit den Verstand verlieren. Nun legte sie sich in ihrer Lade zur Ruhe, und rings um sie schliefen die Dienerinnen ein. Der Prinz hob den Deckel und sah, dass die Augen der Prinzessin geschlossen waren. Er hätte weggehen müssen, aber die Schönheit des Mädchens hatte ihn um den Verstand gebracht. Darum vergaß er die Ermahnung des Affen und beugte sich hinab, um die Königstochter zu küssen. Sein heißer Atem erwärmte das Antlitz des Mädchens, und es schlug die Augen auf. »Was suchst du hier, fremder Mann?« rief es.

Die Dienerinnen wachten auf, fielen über den Prinzen her, fesselten ihn und führten ihn zum Schah. Zornentbrannt befahl der Schah, den Jüngling sofort hinzurichten. Doch da gab sein Wesir zu bedenken. »O mein Gebieter, wenn wir ihn hinrichten, erfährt am Morgen alt und jung davon, und wir werden in Schande geraten. Besser, wir lassen den Jüngling eine unlösbare Aufgabe erfüllen.« Der Schah willigte ein und verkündete: »Wie ich gehört habe, befindet sich neun Monate Wegs von hier das Meer Kulsam. Dort gibt es eine Diamanteninsel, auf der der Zauberer Orsaky lebt. Er hat ein Ross mit Namen Kara Kaldyrgotsch. Dieses Ross vermag die Wegstrecke eines ganzen Monats in einem Augenblick zurückzulegen. Beschaffe mir das Ross, und du bekommst meine Tochter!« Der Prinz kehrte zu dem Affen zurück und brach in bitteres Weinen aus. Der Affe beschwichtigte ihn: »Mach dir keine Sorgen, junger Prinz! Wenn wir Glück haben, werde ich dir das Ross Kara Kaldyrgotsch verschaffen.«

Wieder machten sie sich auf die Reise, durchritten Steppen und Gebirge, bis sie endlich am Meere anlangten. Als der Prinz die unendliche Weite sah, wurde er traurig. »Dieses Meer werden wir nicht durchschwimmen können«, klagte er. »Wir werden umkommen.« Der Affe aber munterte ihn auf. »Frisch gewagt ist halb gewonnen! Hab keine Angst!« Und er begann, unter dem Meere einen unterirdischen Gang zu graben. Nach vierzig Tagen und vierzig Nächten war er fertig und kehrte zurück. »Ich habe den unterirdischen Gang bis zu den Vorderhufen des Pferdes gegraben. Du musst deinen Kopf vorsichtig herausstrecken. Kara Kaldyrgotsch wird dann wiehern, und der Zauberer Orsaky wird von seinem Lager aufstehen, herauskommen, das Pferd schlagen und wieder weggehen. Dann wirst du den Kopf wieder herausstrecken, und Kara Kaldyrgotsch wird abermals wiehern, der Zauberer wird kommen, das Pferd schlagen und weggehen. Nun kriechst du leise heraus, und noch ehe das Pferd wiehert, hängst du ihm diesen Futtersack mit Kischmisch um und sagst: ›Ach, gutes Pferd Kara Kaldyrgotsch! Wie lange willst du noch in der Gewalt dieses Schurken bleiben und seine Schläge erdulden?‹ Dann steig energisch aufs Pferd! Um Sattel, Zaumzeug und Schweißdecke mach dir keine Sorge! Reite los, so schnell du kannst!« Der Prinz prägte sich die Ermahnungen des Affen gut ein und gelangte unter dem Meer hindurch zu dem Pferd. Er blickte aus dem Erdloch hervor und sah Kara Kaldyrgotsch die Ohren spitzen, den Schweif von sich strecken und auf der Stelle tänzeln.

Als das Pferd den Fremden witterte, wieherte es laut. Da kam der Zauberer. Er war so hoch wie ein Minarett, jede Schulter so breit wie eine Platane, sein Mund war wie eine Höhle, seine Augen glichen alten Säcken, seine Nase einem Backofen und sein Körper einem Elefanten. Aus seinem Munde loderten Flammen. »Ach du elendes Geschöpf!« schrie er das Pferd an. »Ein Vogel, der hier herfliegt, versengt sich die Flügel, ein Mensch, der herkommt, verbrennt sich die Füße. Glaubst du, du hättest Menschengeruch verspürt?« Der Zauberer gab dem Pferd einen Peitschenschlag und ging schlafen. Wieder streckte der Prinz den Kopf hervor, wieder wieherte das Pferd. Der Zauberer kam mit seiner Peitsche und brüllte: »Verrecken sollst du! Hast du Menschengeruch verspürt? Selbst wenn er unter der Erde oder am Himmel wäre, entkäme er mir nicht! Wenn ich ihn erwische, zermalme ich ihn im Mund und verschlucke ihn!« Nachdem er dem Pferd mit der Peitsche einen Schlag versetzt hatte, ging er davon. Nun sprang der Prinz hervor, hing dem Pferd geschwinde den Futtersack mit Kischmisch um und sagte freundlich: »Ach, lieber Freund, wie lange willst du noch in der Gewalt des Zauberers bleiben und seine Schläge dulden?« Der Prinz streichelte das Pferd, schwang sich auf seinen Rücken, drückte ihm die Fersen in die Flanken und schloss die Augen. Kara Kaldyrgotsch schüttelte seine Mähne, an seinen Seiten wuchsen Flügel hervor, und wie ein Falke stieg er zum Himmel empor. Unter seinen Hufen zuckte ein Blitz und traf den Zauberer an der Stirn. Er erwachte. »Halt, halt!« schrie er, spreizte seine Krallen und eilte dem Pferd nach. Kara Kaldyrgotsch flog über das Meer. Schon hatte der Zauberer es beinahe eingeholt und streckte die Arme nach seinem Schweif aus, da schlug das Pferd mit den Hinterhufen nach ihm aus. Der Rachen des Zauberers zerriss wie altes Leinen. Der Zauberer fiel ins Wasser und ertrank.

Den Weg von neun Monaten flog das Pferd in neun Tagen. Der Prinz sah die Stadt und vor der Stadt den Affen, der da saß und Nüsse knackte. »Was machen wir nun?« fragte der Affe. »Wir geben ihm Kara Kaldyrgotsch und nehmen das Mädchen«, antwortete der Prinz. »Wer wird denn so ein Pferd weggeben? Hör mich an! Ich schlage einen Purzelbaum und verwandle mich in ein Pferd. Du führst die beiden Pferde vor den Schah. Er wird mich auswählen. Dann nimmst du das Mädchen und holst den Vogel.«

Wie gesagt, schlug der Affe einen Purzelbaum und verwandelte sich in ein so prächtiges Pferd, dass Kara Kaldyrgotsch neben ihm dürftiger als ein Esel aussah. Der Prinz führte die Pferde zum Palast. Durch ein Fenster sah der Schah beide Rappen, die wie Schwalben glänzten. »Ruf mir diesen Mann herbei!« befahl er seinem Wesir. »So prächtige Pferde gehören in meinen Stall! Wenn er sie verkauft, nehmen wir sie.« Der Wesir ließ den Prinzen rufen. »Was kosten deine Pferde?« fragte der Schah. »Für Geld gebe ich sie nicht her! Ein Pferd tausche ich gegen Eure Tochter ein!«

»Dummer Tropf! Kann man etwa ein Mädchen gegen ein Pferd eintauschen?« Da erinnerte der Prinz den Schah an sein Versprechen, ihm seine Tochter für Kara Kaldyrgotsch zu geben. »Was sollen wir nun tun?« wandte sich der Schah an seinen Wesir. »Ein mutiger Mensch steht zu seinem Wort. Ein Tiger kehrt nicht nach seiner Spur zurück«, erwiderte der Wesir. »Sein Versprechen muss man halten.«

»Für das eine Pferd gebe ich dir Gold, für das andere meine Tochter, ich nehme beide«, entschied der Schah. Der Jüngling aber entgegnete: »Das eine tausche ich für Eure Tochter ein, auf dem anderen wird sie zur Jagd reiten.«

Da wandte sich der Schah an den Wesir: »Welches Pferd ist besser? Wähle aus!« Dem Wesir gefiel Kara Kaldyrgotsch. »Ach du Dummkopf! Das hier ist ein gutes Pferd!« Der Schah wies auf den verwandelten Affen und wählte ihn. Sodann befahl er, seine Tochter zu holen, und gab sie dem Prinzen zusammen mit der Lade, in der sie zu schlafen pflegte. Der Schah befahl, den verwandelten Affen im Pferdestall anzubinden, aber das Pferd stellte die Ohren auf, schlug mit dem Schweif um sich, fasste den Zaum mit den Zähnen und wollte alle beißen, die von vom herantraten. Wer sich von hinten näherte, nach dem schlug es aus und ließ niemanden an sich heran, so dass man es nicht anbinden konnte. Der Schah hängte an die Tür des Pferdestalls ein schloss so groß wie ein menschlicher Kopf, stellte vierzig Wächter auf das Dach und legte sich selbst vor der Stalltür schlafen. In der Nacht nahm das Pferd wieder seine echte Gestalt an. Der Affe schlüpfte durch eine Spalte in der Wand und lief davon. Am Morgen sah der Schah durch das Fenster in den Stall, doch von dem herrlichen Pferd fehlte jede Spur. Verwirrt rief er nach dem Wesir und erzählte ihm, was geschehen war. Der Wesir tröstete ihn: »Kara Kaldyrgotsch war das Pferd des Zauberers Orsaky, dem alle bösen und guten Geister Untertan sind. Wie viele Schahs, die dieses Pferd erlangen wollten, haben ihren Kopf verloren! Wahrscheinlich hat der Zauberer Orsaky sich sein Pferd zurückgeholt. Noch gut, dass er uns nichts zuleide getan hat! Macht Euch keine Sorgen! Außerdem habt Ihr Eure Tochter ja einem Schah zur Frau gegeben, und das andere Pferd ist bei ihr geblieben.«

Nun hört, was der Prinz unterdessen erlebte. Als er an dem Garten anlangte, in dem die Nachtigall mit der süßen Stimme in einem Käfig lebte, saß der Affe bereits an der Einfriedung und knackte Nüsse. »Was machen wir nun?« fragte er. »Wir geben das Mädchen her und nehmen uns die Nachtigall mit der süßen Stimme«, antwortete der Prinz. »Du unvernünftiges Kind! Darf man denn ein Mädchen für einen Vogel hergeben? Ich schlage einen Purzelbaum und verwandele mich in ein Mädchen. Neben mir wird die Prinzessin schlimmer als eine neunzigjährige Greisin aussehen. Du wirst uns zum Schah führen, und er wird mich wählen.«

»Soll ich nicht das Mädchen hier lassen und nur dich mitnehmen?«

»Nein, das ist nicht nötig. Soll er selbst auswählen, damit er es hinterher nicht bedauert.« Der Affe verwandelte sich in ein liebliches Mädchen. Der Prinz legte die beiden schönen Mädchen in zwei Laden und brachte sie zum Palast des Schahs. Dort blieb er stehen und bat um Almosen. Der Schah sah ihn durchs Fenster und befahl seinem Schatzmeister: »Gib dem Wandersmann etwas!« Doch da mischte sich der Wesir ein: »Der Jüngling vor dem Palast ist kein Bettler, sondern der Sohn eines Schahs, nämlich der, den Ihr in das ferne Land nach der schönen Prinzessin ausgesandt habt.« Der Schah ließ den Jüngling rufen. »Nun, wackerer Jüngling, hast du deinen Auftrag erfüllt?«

»Das habe ich.«

»Und wo ist das Mädchen?«

»Ihr habt mir befohlen, Euch ein Mädchen zu bringen, ich habe aber zwei mitgebracht. Sucht Euch die aus, welche Euch gefällt, die andere bleibt mir.« Man öffnete die Laden. Beide Mädchen niesten gleichzeitig und erhoben sich. Der Schah war von ihrer Schönheit so betroffen, dass sich sein Verstand verwirrte. Ihm war, als steche ihn eine Nadel in die Brust und ein Pfeil führe ihm ins Herz. »Welches der Mädchen soll ich nehmen?« fragte er den Wesir.

Der Wesir wies auf die Prinzessin. Doch dem Schah gefiel der verwandelte Affe besser. Er behielt die falsche Prinzessin und gab dem Prinzen die Nachtigall mit der süßen Stimme. Der Prinz verließ die Stadt und bestieg Kara Kaldyrgotsch. Auf ein Knie stellte er die Lade mit dem Mädchen, auf das andere den goldenen Käfig mit dem Vogel und trat den Heimweg an. Der Schah rief das Volk zusammen und richtete eine so prunkvolle Hochzeit aus, wie sie niemand gesehen hatte. Als das Festmahl auf seinem Höhepunkt angelangt war, stand der Affe auf, schlüpfte durch eine Spalte in der Wand und war verschwunden.

Hört, was weiter mit dem Prinzen geschah. Er ritt bis zu der alten Platane. Dort sah er schon den Affen sitzen und Nüsse knacken. »Was machen wir nun?« fragte der Affe. »Jetzt reite ich nach Hause«, verkündete der Prinz. »Erst kommst du mit zu mir und bleibst ein paar Tage mein Gast, dann kannst du deinen Heimweg antreten.«

»Dein Haus ist wohl irgendeine Felsspalte im Gebirge? Wie komme ich da hinein?« Der Affe begann zu lachen. »Und du weißt noch immer nicht, wer ich bin? Komm mit!« Der Prinz folgte ihm. Sie kletterten über einen Berg und gelangten zu einem Tor mit edler Schnitzerei und goldenen Ringen. Es führte in einen wunderbaren Garten, wo Rosen blühten, Nachtigallen sangen und in Wasserbecken schwimmende Blätter grünten. Reife Pfirsiche und Weinbeeren fielen auf den Boden. In den vier Ecken des Gartens standen goldene Häuser, und jedes hatte vierzig Zimmer. In jedem Zimmer saßen junge Feen, lasen und schrieben.

Der Affe schlug einen Purzelbaum und verwandelte sich in eine schöne Fee. Noch keine Mutter hatte je so ein schönes Mädchen geboren. Drei Tage war der Prinz in diesem herrlichen Garten zu Gast. Als er sich zur Heimreise anschickte, riss die Fee ein Haar aus ihrem Zopf und reichte es ihm. »Solltest du in Ungemach geraten, dann zünde dieses Haar an, und ich erscheine vor dir«, sagte sie. »Warum hast du mir so viel Gutes getan und mir die ganze Zeit geholfen?« wollte der Prinz wissen. »Schon lange bevor wir einander begegneten, habe ich in die Zukunft gesehen und erfahren, dass im Lande, wo die Sonne aufgeht, ein grausamer Herrscher lebt, der seinen Untertanen das letzte Stück Brot wegnimmt und einen kostbaren Baum anfertigen lässt. Wegen dieses Baumes würde er die Stadt vernichten wollen. Dieser Schah hat drei Söhne. Der Jüngste würde sagen: ›Es ist schlimm, wenn mein Väter wegen eines Baumes die Stadt verwüstet und die Menschen ohne Obdach bleiben. Ich werde ihm den Vogel bringen, der die Blätter davonträgt.‹ Damals dachte ich mir: ›Wenn dieser Jüngling bereit ist, sein Leben für das arme Volk herzugeben, wie kann ich dann auf meinem Thron sitzen und es mir wohl sein lassen?‹ Sieben Jahre lang habe ich dich gesucht, bis ich dich fand.« Der Prinz nahm Abschied von der Fee, dankte ihr und trat mit der Prinzessin den Heimweg an.

Lange ritt er, bis er die Stelle erreichte, an der er sich von seinen Brüdern getrennt hatte. Dort ließ er Kara Kaldyrgotsch halten und überlegte: »Wo mögen wohl meine Brüder sein? Ich will doch versuchen, etwas über sie zu erfahren.« Er verbarg das Mädchen und den Käfig mit dem Vogel in einer Höhle und bog auf den Weg ein, den der ältere Bruder gewählt hatte. So kam er in die Stadt. Dort sah er seinen älteren Bruder in einer Garküche Suppe austeilen. »He, Wirt!« rief der Prinz. »Lass mir von dem Burschen, der da Feuer macht, eine Schüssel Suppe in den Hof der Karawanserei gegenüber deiner Garküche bringen!« Der Wirt goss die Suppe in eine Schüssel, reichte sie dem ältesten Bruder und gab ihm eine schallende Ohrfeige. »Trage sie vorsichtig!« befahl er. Der älteste Bruder brachte die Suppe in den Hof der Karawanserei. »Setz dich hin und iß selbst!« verlangte der jüngste Bruder. »Das darf ich nicht, der Wirt würde mich schelten.«

»Er wird nicht schelten, setz dich nur hin!« Als der älteste Prinz die Suppe aß, fragte ihn der jüngste: »Woher bist du? Aus welchem Geschlecht?«

»Ich bin Gehilfe in der Garküche und hier geboren.«

»Verheimliche vor mir nichts, ich habe dich erkannt! Wenn du die Wahrheit sagst, bringe ich dich in deine Heimat.« Da begann der älteste Bruder zu weinen und erzählte, wie es ihm ergangen war. »Würdest du deinen jüngsten Bruder erkennen, wenn du ihn sähest?« fragte der Prinz. »Ich würde ihn erkennen.«

»Und woran?«

»Als wir noch kleine Knaben waren, wollte ich einmal zum Fluss reiten, um das Pferd zu tränken. Er aber bedrängte mich und rief: Ich komme mit! Da schlug das Pferd nach ihm aus. Darum ist an seiner linken Schulter ein Abdruck des Hufeisens zurückgeblieben.«

»Warum hast du deinem kleinen Bruder die Freude nicht gegönnt und ihn nicht mit reiten lassen?«

»Ich habe ihn nicht leiden können - ebendeshalb.«

»Ist die Narbe deines Bruders nicht dieser ähnlich?«

Der Prinz schlug den Kragen seines Hemdes zurück und entblößte seine linke Schulter. Da warf sich ihm der älteste Bruder zu Füßen und weinte bitterlich. Der Prinz hob ihn auf, wischte ihm die Tränen ab, führte ihn auf den Basar und kaufte ihm ein Pferd und gute Kleidung. Der älteste Bruder legte sie an, bestieg das Pferd, und beide gingen auf die Suche nach dem mittleren Bruder. Der mittlere Bruder lebte bei dem Pilawverkäufer nicht besser als der älteste in der Suppenküche. Als sie den Bruder gefunden hatten, kleidete der Prinz ihn ebenfalls ein und rüstete ihn aus. Alle drei begaben sich auf den Weg in die Heimat. Als die älteren Brüder sahen, was für Geschenke der Prinz für ihren Vater mitbrachte, gerieten sie vor Neid außer sich und vergaßen alles Gute, was er ihnen erwiesen hatte. In der Nacht vereinbarten sie, ihren jüngsten Bruder zu töten. Aber das Mädchen in seiner Lade hatte ihr Gespräch gehört. Als die Brüder am Ufer eines Flusses haltmachten, um zu nächtigen, rief das Mädchen den Prinzen beiseite. »Deine Brüder haben sich eine Untat ausgedacht! Sie wollen dich töten. Verbirg dich vor ihnen!« Die Nacht zog herauf. Der Prinz blieb ein wenig liegen, dann schüttete er Erdreich auf seinen Schlafteppich und bedeckte es mit seinem Chalat. Er selbst verbarg sich in der Nähe. Vor Tagesanbruch traten die Brüder zu dem Teppich, packten ihn an den vier Ecken und warfen ihn in den Fluss. »Jetzt nehmen wir uns das Pferd, den Vogel und das Mädchen«, sagten sie. Plötzlich war ein Geplätscher zu hören, und sie sahen den Prinzen am Wasser sitzen und sich waschen.

Den niederträchtigen Brüdern bereitete das Misslingen ihres schändlichen Planes großen Verdruss. Sie schwangen sich in die Sättel, ritten, ein Stück voraus und machten an einem Sandhügel halt. Dort gruben sie einen scharfen Säbel ein, legten sich daneben und wühlten sich bis zum Gürtel in den Sand. Indessen kam der jüngste Bruder geritten und fragte: »Warum habt ihr euch so in den Sand eingewühlt?«

»Damit uns das Kreuz und die Beine nicht schmerzen«, antwortete der Älteste. »Komm, wir graben auch dich in den Sand ein, dann wirst du immer gesunde Beine haben.« Der Prinz stieg ab, und die Brüder gruben ihn ein. Der heiße Sand brannte ihm an den Beinen. »Ach, liebe Brüder, ist der Sand aber heiß!« klagte er. »Du musst deine Beine bewegen, dann kühlt er aus!« Der jüngste Bruder bewegte seine Beine, und sofort schnitt ihm der scharfe Säbel beide Beine an den Knien ab. Nun stachen ihm die Brüder auch noch die Augen aus, nahmen das Mädchen, das Pferd und den Vogel und sprengten davon. Sie langten bei ihrem Vater an und überreichten ihm, was sie mitgebracht hatten.

Der Schah war hocherfreut. Er erklärte das Mädchen zur Braut des ältesten Sohnes, schickte es in den Harem und gab es in die Obhut von vierzig Dienerinnen. Kara Kaldyrgotsch wurde in den Pferdestall geführt und der Käfig mit der singenden Nachtigall an die kostbare Platane gehängt. Aber die Nachtigall verbarg den Kopf unter dem Flügel und sang nicht. Kara Kaldyrgotsch biss jeden, der von vorn herantrat, schlug nach jedem aus, der von hinten in seine Nähe kam, und ließ niemanden an sich heran. Das Mädchen, das von vierzig Dienerinnen umgeben war, blieb in seiner goldenen Lade liegen und hob nicht einmal den Kopf.

Hört nun, wie es mit dem Prinzen weiterging. Nach drei Tagen und drei Nächten kam er zu sich, erinnerte sich des Haares, das ihm die Fee gegeben hatte, und zündete es an. Im selben Augenblick erschien sie vor ihm auf einem goldenen Thron inmitten ihrer Dienerinnen. »O Sohn eines Menschen! Wer hat dir so viel Böses zugefügt?« rief sie aus. Sie legte den Prinzen auf den Thron und befahl ihren Dienerinnen, ihn zu ihrem Vater zu bringen, der am Ende der Welt, in den Bergen Kuchikof wohnte. »Ich bitte Euch, den Sohn eines Menschen in den Ozean des Lebens zu tauchen und ihn nach unseren Bräuchen zu heilen. Nach vierzig Tagen, wenn er wieder gesund ist, schickt ihn zu mir! Er ist mir so lieb wie der eigene Bruder«, ließ sie ihrem Vater ausrichten. Die Feen brachten den Thron ans Ende der Welt, ins Gebirge Kuchikof zum Vater der Fee. Nach vierzig Tagen war der Prinz genesen und schöner denn je. »In dieser Gestalt lasse ich dich nicht zu deinem Vater«, sagte die Fee. »Ich mache dich einem fahrenden Bettler ähnlich, dann bringe ich dich in deine Heimat. Wenn dein Vater das Mädchen mit deinem ältesten Bruder vermählt und ihn statt seiner zum Schah ernannt hat, gehen wir nicht in die Stadt, sondern kehren um. Wenn dein Vater das Land aber noch immer regiert, dann richte ich deine Hochzeit mit dem schönen Mädchen aus.« Drei Monate blieb der Prinz bei der Fee. Dann war sein Haar so lang gewachsen, dass es die Stirn bedeckte, und auch seine Nägel waren sehr lang. Die Fee setzte ihn auf ihren Thron und flog zusammen mit ihm in seine Vaterstadt. Sie ließ den Thron außerhalb der Stadt stehen, nahm den Prinzen an der Hand und führte ihn in den Palast. Der Schah sprach gerade mit seinem Wesir. »Seit drei Monaten bin ich voller Trübsal«, klagte der Schah. »Der Vogel hat kein einziges Mal gesungen, das Pferd kein einziges Mal gewiehert, und das Mädchen verweigert Speise und Trank.«

Plötzlich sah er im Hof den jungen Wandersmann. »Heda! Komm doch mal her!« rief der Schah. Der Prinz blickte zum Thron und sah seine beiden Brüder rechts und links von seinem Vater sitzen. Kaum hatte er auch nur einen Schritt in Richtung des Thrones getan, da sang die Nachtigall mit ihrer süßen Stimme, dass aller Herzen wie Wachs zu schmelzen begannen. Der Prinz tat noch einen Schritt, da wieherte Kara Kaldyrgotsch im Pferdestall laut auf. Der Prinz tat einen dritten Schritt, da sprang das Mädchen aus seiner Lade, nahm eine goldene Laute zur Hand und begann sich inmitten der vierzig Dienerinnen im Tanze zu drehen. Der Schah strahlte vor Freude. »Wandersmann, du hast mir das Glück mitgebracht!« sagte er und schüttete über dem Kopfe des Jünglings eine Schüssel mit Goldmünzen aus. Da sagte sein jüngster Sohn: »Ich bin kein Wandersmann. Befragt die Nachtigall, sie wird Euch alles erzählen!«

»Wo hast du denn gehört, dass ein Vogel zu sprechen vermag?« staunte der Schah. Da aber hob die Nachtigall mit menschlicher Stimme zu sprechen an und berichtete, wie sich alles zugetragen hatte. Der Schah erkannte, dass es mit seiner Macht aus war, denn als das Volk erfuhr, wer die Stadt vor Leid und Ungemach errettet hatte, trat es wie ein Mann für den jungen Prinzen ein. Der grausame Schah und seine älteren Söhne flohen aus der Stadt. Vierzig Tage lang bewirtete der Prinz das ganze Volk auf seiner Hochzeit, und die Fee sagte zum Abschied: »Wenn du mich sehen willst, dann zünde mein Haar an, und ich erscheine vor dir.« So war das Volk von den Quälereien des Schahs befreit, und der Prinz hatte die Erfüllung seiner Wünsche erlangt. Auch ich war auf dieser Hochzeit und aß mich so mit Pilaw satt, dass ich mit fettigem Bart und Schnurrbart heimkehrte.