[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Märchen aus tausend und einer Nacht Geschichte des Königs Kalad und seines Wesirs Schimas

Man behauptet, einst lebte in Indien ein mächtiger König von hoher Statur und starkem Körperbau, sein Name war Kalad. Er gebot über zweiundsiebzig Vizekönige; dreihundertundfünfzig Kadhis war die Justizpflege anvertraut, und in seinem Divan saßen siebzig Wesire, von denen je zehn einem Oberen gehorchten. Über alle siebzig stand aber der Großvezier Schimas, der sowohl bei dem König als bei den übrigen Wesiren sehr beliebt war. Die Regierung dieses Königs war sehr mild, denn er liebte seine Untertanen, war sehr wohltätig und erleichterte ihre Abgaben mehr, als alle seine Vorgänger. Er war aber doch sehr missvergnügt, weil er keinen Sohn hatte, der ihm hätte auf den Thron folgen können. Eines Nachts, als ihn der Schlaf in diesen Gedanken überwältigte, sah er im Traume die Wurzel eines Baumes, aus dem viele Zweige hervorsprossen; dann entstieg dieser Wurzel eine Flamme, welche alle Zweige rund umher verzehrte. Der König erwachte hierauf sehr erschrocken und befahl einem seiner Diener, sogleich den Wesir Schimas zu rufen. Dieser kam schnell herbei und verbeugte sich vor dem König, der auf seinem Bett saß, wünschte ihm dauerndes Glück und sagte: »O König, Gott erhalte dich! Was ist dir Unangenehmes widerfahren, dass du mich plötzlich in der Nacht rufen lässt?« Der König hieß ihn sitzen, erzählte ihm seinen Traum und sagte: »Ich habe dich rufen lassen, weil ich dich als einen großen Gelehrten kenne, der Träume auszulegen versteht.« Schimas beugte den Kopf eine Weile und erhob ihn dann wieder lächelnd. Der König bat ihn, ihm zu sagen, was er von diesem Traum halte, ihm aber ja nichts zu verbergen, Schimas antwortete: »Beruhige dich in Gottes Namen und sei froh, denn ich habe viel Glück für dich. Gott wird dir einen Sohn bescheren, der nach langem Leben dein Reich erben wird, doch etwas wird vorfallen, das ich dir jetzt noch nicht mitteilen kann.« Der König freute sich sehr und sagte: »Wenn deine Deutung war ist, so erkläre mir alles, damit meine Freude vollkommen sei; mein ganzes Streben geht doch nur nach Gottes Wohlgefallen.« Schimas aber suchte allerlei Vorwand, um sich von der gänzlichen Auslegung des Traumes loszusagen, Da ließ der König Astrologen und andere Traumdeuter rufen und bat sie, ihm seinen ganzen Traum auszulegen. Einer von ihnen bat um das Wort und sagte: »O König! Dein Wesir Schimas kann den Traum ebenso gut deuten, als einer von uns, aber er scheut sich vor dir; wenn du mir deine Gnade verbürgst, will ich dir enthüllen, was er dir verborgen.« Als der König ihm Gnade versprach, sagte er: »Wisse, o König, du wirst einen Sohn zeugen, der dein Reich erben und einige Zeit in deinem Pfade wandeln wird, bald aber wird er treulos gegen seine Untertanen handeln, sein Volk wird missvergnügt werden, und es wird ihm gehen, wie der Maus mit der Katze!« Der König rief Gottes Hilfe an und fragte: »Was ist das für eine Geschichte?« Da begann der Traumdeuter:

Geschichte der Katze mit der Maus