[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Märchen aus tausend und einer Nacht Die Abenteuer des Kalifen Harun al-Raschid

Es kann dir nicht unbekannt sein, Herr, und du hast es ohne Zweifel auch schon an dir selbst erfahren, daß der Mensch sich manchmal in einer so außerordentlichen heiteren Stimmung befindet, daß er jeden, mit dem er in Berührung kommt, in seine Fröhlichkeit mit hineinzieht oder an der Freude anderer von Herzen gern teilnimmt; manchmal aber werden wir auch von so düsterer Schwermut befallen, daß wir uns selbst unerträglich sind, und wenn man uns fragte, könnten wir keine Ursache angeben, ja wir könnten sie nicht einmal entdecken, wenn wir uns alle Mühe gäben, darüber nachzusinnen.

In dieser letztgenannten Stimmung befand sich einst der Kalif Harun Arraschid, als Djafar, sein treuer und vielgeliebter Großvezier, vor ihn trat. Der Minister fand ihn allein, was selten vorkam, und da er beim Nähertreten bemerkte, daß er in eine düstere Laune versenkt war und nicht einmal die Augen aufhob, um ihn anzusehen, so blieb er solange wartend stehen, bis er ihn eines Blickes würdigen würde.

Endlich schlug der Kalif die Augen auf und sah Djafar an; allein er wandte sich sogleich wieder ab und blieb in seiner bisherigen Stellung, ebenso unbeweglich, wie zuvor.

Da der Großvezier in den Augen des Kalifen keinen Unwillen gegen seine eigene Person bemerkte, so nahm er endlich das Wort und sagte: »Beherrscher der Gläubigen, erlaubst du mir wohl eine Frage, woher diese Schwermut rühren mag, die du heute blicken lässest, und wozu du sonst immer so wenig Neigung verrietest?«

»Es ist wahr, Vezier«, erwiderte der Kalif, eine andere Stellung annehmend, »ich bin sonst nicht geneigt dazu, und wenn du nicht gekommen wärest, so hätte ich meinen gegenwärtigen Trübsinn gar nicht bemerkt; ich habe aber auch schon so genug daran, daß ich es keinen Augenblick länger aushalte. Wenn es nichts neues gibt, was dich zu mir führt, so tue mir den Gefallen und erfinde irgend etwas, um mich zu zerstreuend - »Beherrscher der Gläubigen«, antwortete der Großvezier Djafar, »bloß meine Pflicht hat mich hierhergeführt, und ich nehme mir die Freiheit dich zu erinnern, daß du dir selbst die Verpflichtung auferlegt hast, auf die gute Ordnung in deiner Hauptstadt und in der Umgebung persönlich ein wachsames Auge zu haben. Gerade den heutigen Tag hast du dir dazu bestimmt, und so bietet sich von selbst die schönste Gelegenheit, die Wolken zu verscheuchen, die deine gewöhnliche Heiterkeit trüben.«

»Ich hatte es ganz vergessen, entgegnete der Kalif, »und du erinnerst mich zur gelegenen Stunde daran. Geh also und kleide dich um, ich will es indes auch so machen.«

Sie verkleideten sich nun in fremde Kaufleute und gingen so ganz allein miteinander durch eine geheime Gartentüre des Palastes, die aufs freie Feld führte. In ziemlich weiter Entfernung von den Toren machten sie nun die Runde um die Stadt bis an die Ufer des Euphrats, ohne etwas zu bemerken, was gegen die gute Ordnung gewesen wäre. Auf dem ersten Boot, das sie antrafen, setzten sie über den Strom, machten nun auch um die entgegengesetzte Seite der Stadt die Runde und nahmen dann ihren Weg über die Brücke, welche beide Hälften der Stadt verband.

Am Ende dieser Brücke trafen sie einen alten blinden Mann, der um ein Almosen bat. Der Kalif wandte sich gegen ihn und drückte ihm ein Goldstück in die Hand. Der Blinde faßte ihn augenblicklich am Arme, hielt ihn an und sagte: »Mildtätiger Mann, wer du auch sein magst, dem Gott eingegeben hat, mir dies Almosen zu reichen, versage mir die Gnade nicht, um die ich dich jetzt bitte, und gib mir eine Ohrfeige. Ich habe sie verdient, ja vielleicht noch eine derbere Züchtigung.« Mit diesen Worten ließ er die Hand des Kalifen los, damit er ihm die Ohrfeige geben könnte, aber um ihn nicht vorüber zu lassen, ehe er es getan hätte, faßte er ihn beim Kleide.

Der Kalif, höchst verwundert über das Verlangen und Benehmen des Blinden, sagte zu ihm: »Guter Mann, ich kann dir deine Bitte nicht gewähren; ich werde mich wohl hüten, das Verdienstliche meines Almosens durch eine so schlechte Behandlung, wie du von mir verlangst, wieder aufzuheben.« So sprechend, suchte er sich mit Gewalt von dem Blinden loszumachen.

Der Blinde aber, der infolge mannigfacher Erfahrungen seit langer Zeit sich dieser Weigerung seines Wohltäters versehen hatte, wendete alle Kraft an, um ihn festzuhalten. »Herr«, sagte er zu ihm, »verzeih mir meine Kühnheit und Aufdringlichkeit; ich bitte dich, gib mir eine Ohrfeige, oder nimm dein Almosen zurück; ich kann es nur unter dieser Bedingung behalten, oder ich müßte einen feierlichen Eid brechen, den ich vor Gott geschworen habe; wenn du den Grund wüßtest, so würdest du mir gern zugeben, daß diese Strafe sehr gering ist.«

Der Kalif, der sich nicht länger aufhalten lassen wollte und den aufdringlichen Blinden nicht los werden konnte, versetzte ihm endlich eine ziemlich leichte Ohrfeige. Der Blinde ließ ihn nun auf der Stelle unter vielen Danksagungen und Segenswünschen los, und der Kalif ging mit dem Großvezier weiter. Kaum aber waren sie einige Schritte gegangen, so sagte er zum Vezier: »Dieser Blinde muß doch seine wichtige Ursache haben, warum er von allen, die ihm ein Almosen geben, dies verlangt. Ich wünschte das Nähere darüber zu erfahren, kehre daher um, sage ihn, wer ich bin, und er solle sich morgen um die Zeit des Nachmittagsgebets im Palast einfinden, indem ich ihn zu sprechen wünsche.«

Der Großvezier ging auf der Stelle zurück, gab dem Blinden ein Almosen und danach eine Ohrfeige, und nachdem er seinen Befehl an ihn ausgerichtet, eilte er wieder zum Kalifen.

Sie kehrten in die Stadt zurück, und als sie über einen öffentlichen Platz gingen, trafen sie eine große Menge Volks, die einem wohlgekleideten jungen Manne zusah, der auf einer Stute saß, dieselbe mit verhängtem Zügel um den Platz herumtrieb und unaufhörlich mit Sporn und Peitsche so grausam mißhandelte, daß das arme Tier ganz mit Schaum und Blut bedeckt war.

Der Kalif war sehr erstaunt über die Grausamkeit des jungen Mannes und fragte einen der Umstehenden, warum er denn seine Stute so mißhandle; dieser erwiderte, niemand wisse die Ursache, indes nehme er schon seit geraumer Zeit um dieselbe Stunde dieses grausame Geschäft mit ihr vor.

Sie gingen weiter und der Kalif sagte zum Großvezier, er solle sich diesen Platz wohl merken und ja nicht vergessen, den jungen Mann morgen um dieselbe Stunde, wie den Blinden, zu ihm zu bestellen.

Ehe der Kalif seinen Palast erreicht hatte, erblickte er in einer Straße, durch die er schon lange nicht mehr gegangen war, ein neuaufgeführtes Gebäude, das er für das Haus irgend eines Großen seines Hofes hielt. Er fragte den Großvezier, ob er wisse, wem dieses Haus gehöre; dieser antwortete, er wisse es nicht, wolle sich aber erkundigen.

Er fragte nun einen Nachbarn, der ihm sagte, das Haus gehöre dem Chogia Hassan, Alhabbal genannt wegen seines Seilerhandwerks, das er ihn selbst noch in seiner großen Armut habe treiben sehen; indes habe er, ohne daß man wisse, wo das Glück ihn begünstigt, ein so großes Vermögen erworben, daß er die Kosten dieses stattlichen Baues sehr leicht habe tragen können.

Der Großvezier eilte dem Kalifen nach und sagte ihm, was er gehört hatte. »Ich will diesen Chogia Hassan Alhabbal sehen«, sprach der Kalif; »gehe und melde ihm, er solle sich morgen um dieselbe Stunde wie die beiden anderen in dem Palast einfinden.« Der Großvezier ermangelte nicht, den Befehl des Kalifen auszurichten.

Am folgenden Tage nach dem Nachmittagsgebet trat der Kalif in sein Audienzzimmer, und der Großvezier führte sogleich die drei obenerwähnten Personen zu ihm ein und stellte sie ihm vor. Sie warfen sich alle drei vor dem Throne des Beherrschers der Gläubigen nieder, und als sie wieder aufgestanden waren, fragte der Kalif den Blinden, wie er heiße. »Baba Abdallah«, antwortete der Blinde. »Baba Abdallah«, sagte hierauf der Kalif zu ihm, »deine Art Almosen zu fordern, erschien mir gestern so seltsam, daß ich ohne gewisse besondere Rücksichten mich wohl gehütet hätte, dir den Gefallen zu erweisen, den du verlangtest; im Gegenteil hatte ich große Lust, dir dein Handwerk zu legen, wodurch du allem Volke großes Ärgernis gibst. Ich habe dich daher kommen lassen, um von dir zu erfahren, was dich zu einem so unverständigen Eide veranlaßt hat, und aus deiner Antwort werde ich urteilen, ob du recht gehandelt hast und ob ich dir noch länger ein Betragen gestatten kann, mit dem du ein so schlechtes Beispiel zu geben scheinst. Sage mir ohne Hehl, wie bist du auf diesen tollen Einfall gekommen? Verschweig mir nichts, denn ich verlange es durchaus zu wissen.«

Baba Abdallah, durch diesen Verweis eingeschüchtert, warf sich zum zweiten Male vor dem Throne des Kalifen auf sein Angesicht, und als er wieder aufgestanden war, begann er also: »Beherrscher der Gläubigen, ich bitte dich demütiglichst um Verzeihung für die Frechheit, womit ich es gewagt habe, dich zu einer Sache zu nötigen, die allerdings mit der gesunden Vernunft zu streiten scheint. Ich erkenne mein Verbrechen an, aber da ich meinen Herrn und König nicht kannte, so flehe ich jetzt um Gnade und hoffe, daß du meine Unwissenheit berücksichtigen wirst. In Beziehung auf das, was du Tollheit zu nennen beliebst, muß ich allerdings gestehen, daß mein Betragen in den Augen der Menschen nicht anders erscheinen kann; in den Augen Gottes aber ist es nur eine sehr geringe Buße für eine ungeheure Missetat, deren ich mich schuldig gemacht habe, und die ich nicht genugsam abbüßen würde, wenn auch alle Menschen, einer nach dem andern, kämen und mir Ohrfeigen gäben. Du wirst dies selbst beurteilen können, wenn ich dir, deinem Befehle gemäß, meine Geschichte erzählt und gezeigt haben werde, worin diese ungeheure Missetat besteht.«

Geschichte des blinden Baba Abdallah