[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Kampf der Tiere

Es gab einmal eine Zeit, da versammelten sich die Tiere und auch die Vögel zum Kampf. Der Sohn des Königs von Seilstadt beschloss auszuziehen, denn er wollte dem Kampf zuschauen. Er beabsichtigte, seinem Vater Nachricht zu bringen, wer in diesem Jahr König der Tiere geworden war. Der Kampf ging bereits dem Ende zu, als er ankam. Nur ein großer schwarzer Rabe und eine Schlange stritten noch miteinander, und es sah aus, als werde die Schlange den Raben bezwingen. Da half der Königssohn dem Raben und hieb der Schlange mit einem Schlag den Kopf ab.

Nachdem der Rabe wieder zu Atem gekommen war, sprach er: »Für diesen Dienst will ich dir etwas zeigen. Komm, setz dich auf meinen Rücken.« Der Königssohn stieg auf, und der Rabe flog mit ihm über sieben Berge, über sieben Täler und über sieben Moore. »Siehst du dieses Haus dort unten?« sprach der Rabe. »Meine Schwester wohnt darin. Ich möchte wetten, dass du willkommen sein wirst. Fragt sie dich, ob du beim Kampf der Tiere gewesen bist, dann antworte, dass du da warst. Will sie wissen, ob du mich getroffen hast, sage, dass du mich sahst. Morgen früh werde ich dich auf diesem Platz erwarten.«

In der Nacht wurde der Königssohn aufs beste versorgt. Er bekam alle erdenklichen Speisen und alle erdenklichen Getränke, warmes Wasser für seine Füße und ein weiches Bett für seine Glieder.

Am nächsten Tag flog der Rabe mit ihm wieder über sieben Berge, über sieben Täler und über sieben Moore. Tief unten erblickten sie eine Hütte, ah der sie bald anlangten. Wie zuvor wurde der Königssohn in dieser Nacht aufs beste versorgt, bekam reichlich zu essen und zu trinken, warmes Wasser für seine Füße und ein weiches Bett für seine Glieder.

Am nächsten Morgen brach er auf wie am vorhergehenden Tag. Aber wer wartete auf ihn? Das war nicht der Rabe, sondern ein hübscher Bursche mit einem Bündel in der Hand. Der Königssohn fragte ihn, ob er nicht einen großen schwarzen Raben bemerkt hätte. Sprach doch der Bursche zu ihm: »Den Raben wirst du niemals wieder sehen, denn der Rabe bin ich. Ich war verzaubert, und als du für mich mit der Schlange strittest, hast du mich erlöst. Dafür gebe ich dir dieses Bündel. Nun kehre auf demselben Weg zurück, und in jedem der Häuser, in denen du schon gewesen bist, verbring eine Nacht. Achte aber darauf, dass du das Bündel nicht aufmachst, bevor du zu dem Platz gelangst, auf dem du am allerliebsten wohnen möchtest.«

Der Königssohn drehte dem Burschen den Rücken und wandte sich heimwärts. Unterwegs wurde er von den Schwestern des Raben wiederum gut aufgenommen. Als er so dahin zog, kam es ihm vor, als würde das Bündel schwerer. Ich muss doch einmal nachsehen, was darinnen ist, dachte er. Er öffnete es und war überrascht. Vor ihm stand im Handumdrehen ein prächtiges Schloss mit Beeten und einem Obstgarten ringsherum, in dem es alle Arten von Früchten und Kräutern gab.

Voller Staunen betrachtete er Schloss und Garten und bedauerte, dass er das Bündel aufgemacht hatte, denn er besaß nicht die Macht, alles wieder hineinzutun. Und er wäre doch so glücklich gewesen, wenn das Schloss sich in dem reizenden kleinen Tal befunden hätte, das ganz in der Nähe seines Vaterhauses lag.

Plötzlich sah er einen Riesen auf sich zukommen. »Einen schlechten Platz hast du dir für dein Haus ausgesucht, Königssohn«, sagte er. »Ja, ich wollte auch gar nicht, dass es hier steht. Es geschah nur aus Versehen«, antwortete der Königssohn. »Was würdest du mir als Belohnung geben, wenn ich alles wieder einsammle?«

»Was möchtest du denn haben?« fragte der Prinz. »Du sollst mir deinen ersten Sohn geben, wenn er sieben Jahre alt ist«, erwiderte der Riese. »Wenn ich einen Sohn bekommen sollte, dann kannst du ihn haben«, sagte der Prinz. Im Nu beförderte der Riese Garten und Schloss in das Bündel zurück. »Nun«, sprach er, »geh deinen Weg, und ich will meinen gehen. Aber vergiß dein Versprechen nicht. Solltest du. es vergessen, so werde ich dich daran erinnern.«

Der Königssohn machte sich wieder auf den Weg, und nach einigen Tagen gelangte er zu der Stelle, die er am liebsten hatte. Er öffnete das Bündel, und da waren auch schon das Schloss und der Garten. Als er das Tor aufmachte, sah er das hübscheste Mädchen, das er je erblickt hatte. »Komm nur herein. Königssohn«, sprach das Mädchen zu ihm. »Alles ist vorbereitet, denn du sollst mich heut Nacht heiraten.«

»Das lass ich mir nicht zweimal sagen«, erwiderte er, und schon in derselben Nacht wurden sie Mann und Frau.

Aber nach mehr als sieben Jahren, wer erscheint da im Schloss? Der Riese. Der Prinz, der inzwischen selbst König geworden war, hatte sein Versprechen zwar nicht vergessen, seiner Königin aber nicht davon erzählt. »Überlass es mir, mit dem Riesen fertig zu werden«, sagte sie, nachdem der König ihr alles gestanden hatte. »Schick deinen Sohn heraus«, rief der Unhold. »Denk an dein Versprechen.«

»Du wirst ihn bekommen«, antwortete der König, »sobald seine Mutter ihn für die Reise gerüstet hat.«

Die Königin zog den Sohn des Kochs aufs schönste an und fühlte ihn zum Riesen. Der ging mit ihm fort; er war aber noch nicht weit gekommen, da gab er dem Kleinen eine Rute in die Hand und fragte ihn: »Wenn dein Vater eine solche Rute hätte, was würde er damit tun?«

»Wenn mein Vater diese Rute hätte, würde er die Hunde und die Katzen verjagen, die über die Speisen des Königs herfallen wollen«, antwortete der Kleine. »Du bist der Sohn des Kochs«, sagte der Riese und kehrte wütend mit ihm zum Schloss zurück. Er drohte ihnen, wenn sie ihm nicht den Königssohn schickten, wollte er auch nicht einen Stein auf dem andern lassen.

Sprach die Königin zum König: »Wir wollen es noch einmal versuchen. Der Sohn des Haushofmeisters ist ja genauso alt wie unser Sohn.« Sie zog den Sohn des Haushofmeisters aufs beste an und führte ihn zum Riesen. Der war noch nicht weit mit ihm gegangen, da gab er dem Kleinen eine Rute in die Hand. »Wenn dein Vater eine solche Rute hätte«, fragte er den Jungen, »was würde er wohl tun?«

»Er würde damit die Hunde und die Katzen verjagen, die sich über die Flaschen und Gläser des Königs hermachen wollen.«

»Du bist der Sohn des Haushofmeisters«, sagte der Riese. Voller Wut kehrte er mit ihm um. Unter seinen Füßen erzitterten die Erde und das Schloss mit allem, was sich darin befand. »Heraus mit deinem Sohn!« rief er dem König zu, »oder im nächsten Augenblick bleibt von deinem Schloss auch nicht ein Stein mehr auf dem andern.«

So gaben sie ihm schließlich den Königssohn.

Der Riese führte ihn in sein Haus und zog ihn auf wie ein eigenes Kind. Eines Tages, als der Riese nicht zu Haus war, ertönte oben in einem Zimmer die süßeste Musik, und der Königssohn erblickte das reizendste aller Mädchen. Die Schöne bat ihn, ein wenig näher zu kommen, und sagte ihm, er solle um Mitternacht wieder an derselben Stelle sein. Was er versprochen hatte, hielt er. Im selben Augenblick stand die Tochter des Riesen vor ihm und sprach: »Morgen wirst du gefragt werden, welche von meinen Schwestern du heiraten möchtest. Du aber sage, dass du keine von den beiden anderen, sondern nur mich haben willst. Mein Vater verlangt von mir, dass ich den Sohn des Königs von der Grünen Stadt heirate, aber ich mag ihn nicht.«

Am nächsten Morgen führte der Riese seine drei Töchter heraus und sagte: »Nun, Sohn des Königs von Seilstadt, wenn du auch lange bei mir gelebt hast, so hast du nichts dabei verloren. Du bekommst jetzt eine von meinen beiden älteren Töchtern zur Frau. Mit ihrer Erlaubnis kannst du am Tag nach der Hochzeit mit ihr heimkehren.« Darauf erwiderte der Königssohn: »Wenn du mir die hübsche Kleine geben würdest, bin ich wohl zufrieden.«

Da entbrannte der Riese in heftigem Zorn und sagte: »Bevor du sie bekommst, musst du drei Aufgaben vollbringen, die ich dir gleich stellen werde.«

»Sag, was es ist«, entgegnete der Königssohn. Der Riese führte ihn zum Kuhstall. »Hier«, sagte er, »liegt der Mist von hundert Kühen. Seit sieben Jahren ist der Stall nicht mehr gesäubert worden. Ich gehe jetzt fort. Wenn der Stall aber vor Einbruch der Nacht nicht so sauber ist, dass ein goldener Apfel ungehindert von einem Stallende zum andern rollen kann, sollst du nicht nur meine Tochter verlieren, sondern auch das Leben.«

Der Prinz begann den Stall auszumisten. Aber das war genauso vergeblich, als wenn er einen Ozean hätte ausschöpfen wollen. Nach dem Mittag, der Schweiß lief ihm schon in die Augen, kam die jüngste Tochter des Riesen und sagte: »Du wirst ordentlich bestraft. Königssohn.«

»Das stimmt«, antwortete er. »Komm her«, fuhr sie fort, »und ruh dich ein wenig aus.«

»Das will ich« sagte er, »denn in jedem Fall erwartet mich der Tod.« Er setzte sich neben sie, und da er rechtschaffen müde war, schlief er ein. Als er aufwachte, war der Kuhstall blitzsauber. Ungehindert konnte ein goldener Apfel von einem Stallende zum andern rollen. Herein kam nun der Riese und fragte: »Hast du den Kuhstall gesäubert. Königssohn?« »Das habe ich«, antwortete der. »Den hat doch jemand anders gereinigt«, sprach der Riese. »Du warst es auf keinen Fall«, entgegnete der Königssohn. »Ja doch, ja doch«, sagte der Riese. »Da du heute soviel geschafft hast, sollst du morgen das Stalldach mit Vogelfedern decken - aber auch nicht zwei Federn dürfen von der gleichen Farbe sein.«

Noch bevor die Sonne aufging, hatte sich der Königssohn erhoben. Er nahm einen Bogen und den Köcher mit den Pfeilen und ging auf die Heide hinaus. Aber die Vögel waren keineswegs leicht zu erlegen. So lange lief er hinter ihnen her, dass ihm der Schweiß in die Augen rann. Um die Mittagszeit - wer kommt da zu ihm? Die Tochter des Riesen. »Du bist wohl schon ganz erschöpft. Königssohn?« fragte sie. »Das bin ich«, erwiderte er. »Ich habe nur diese zwei Schwarzdrosseln heruntergeholt, und beide sind von der gleichen Farbe.«

»Komm her und ruh dich aus«, sagte das Mädchen. »Das will ich gern tun« sprach er und hoffte, dass sie ihm auch dieses Mal helfen würde. Er setzte sich neben sie, und es dauerte nicht lange, da schlief er schon.

Als er aufwachte, war die Tochter des Riesen verschwunden. Er ging zum Haus zurück, und da war die Arbeit schon vollbracht. Der Riese kehrte heim und fragte sogleich: »Hast du den Kuhstall gedeckt. Königssohn?«

»Ich habe ihn gedeckt«, antwortete der. »Jemand anders hat das getan«, sagte der Riese. »Du warst es auf keinen Fall«, erwiderte der Königssohn. »Ja doch, ja doch«, sagte der Riese. »Aber unten am See steht eine Kiefer. In ihrem Wipfel ist ein Elsternnest. Im Nest wirst du Eier finden, und die muss ich morgen zu meiner ersten Mahlzeit haben. Aber von den fünf Eiern im Nest darf auch nicht eins angeknackt oder zerbrochen sein.«

Früh am Morgen ging der Königssohn zum See. Die Kiefer war nicht schwer zu finden, denn einen solchen Baum gab es im ganzen Wald kein zweites Mal. Bis zum untersten Ast waren es fünfhundert Fuß. Der Königssohn versuchte vergeblich hinaufzusteigen. Da erschien sie, die ihm bisher geholfen hatte. »Du hast ja keine Haut mehr an deinen Händen und Füßen.«

»Ach, das ist nur allzu wahr«, antwortete er. »Kaum bin ich ein Stück geklettert, rutsche ich auch schon herunter.«

»Wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte die Tochter des Riesen. Sie steckte einen Finger nach dem andern in den Stamm, so dass eine Leiter entstand, auf der der Königssohn hinaufsteigen konnte.

Als er das Nest erreicht hatte, sprach sie: »Beeil dich, ich spüre, wie der Atem meines Vaters mir den Rücken verbrennt.« Und da dachte er nicht mehr an ihren kleinen Finger und ließ ihn oben im Baum stecken. »Nun geh mit den Eiern schnell nach Haus. Wenn du mich heute Abend erkennst, können wir heiraten. Meine beiden Schwestern werden die gleichen Gewänder tragen und ganz genauso aussehen wie ich. Sagt dann mein Vater: ›Geh nun zu deiner Frau, Königssohn‹, wirst du mich leicht herausfinden, denn es fehlt der kleine Finger an meiner Hand.«

Der Königssohn brachte die Eier dem Riesen, und der sagte: »Ja doch, ja doch, mach dich zur Hochzeit bereit.« Wirklich gab es eine Hochzeit, und was für eine! Riesen und Edelleute und auch der Königssohn von der Grünen Stadt befanden sich unter den Gästen. Der Tanz begann, und das war ein ganz toller Tanz! Das Haus erzitterte von oben bis unten. Spät am Abend sagte der Riese: »Es ist Zeit für dich, zur Ruhe zu gehen. Königssohn. Such dir jetzt unter meinen. Töchtern deine Braut aus.« Da streckte sich ihm eine Hand entgegen, an der der kleine Finger fehlte. Die ergriff er. »Wieder einmal hast du es richtig getroffen, aber es ist noch nicht heraus, ob wir dir nicht auf andre Art beikommen können«, brummte der Riese.

Der Königssohn zog sich mit seiner Braut zurück, und sie sagte zu ihm: »Schlafe nicht, wir müssen fliehen. Es steht fest, dass mein Vater dich töten will.« Sie gingen in den Stall und bestiegen das blaugraue Stutenfüllen. »Warte einen Augenblick«, sagte sie, »ich will dem Alten zuvor noch einen Streich spielen!« Sie eilte ins Haus zurück und schnitt einen Apfel in neun Teile. Zwei Stück legte sie ans Kopfende und zwei Stück ans Fußende des Bettes, zwei Stück an die Küchentür, zwei Stück an die große Eingangstür, und eins ließ sie draußen vor dem Haus liegen.

Tief in der Nacht erwachte der Riese und rief: »Schlaft ihr beide schon?«

»Noch nicht«, antworteten die beiden Apfelstücke am Kopfende des Betts. Nach einem Weilchen fragte er wieder. »Wir schlafen noch nicht«, antworteten die Apfelstücke am Fußende des Betts. Etwas später fragte er wieder. »Wir schlafen noch nicht«, antworteten die Apfelstücke an der Küchentür. Abermals rief der Riese, und die Apfelstücke an der großen Eingangstür antworteten ihm. »Ihr seid bereits fort«, sagte der Riese. »Noch nicht«, antwortete das Apfelstück, das draußen vor dem Haus lag. »Ihr flieht ja schon«, rief er, sprang auf die Füße und trat zum Bett. Aber es war kalt - und leer. »Daran erkenne ich meine Tochter«, sagte er. »Aber ich werde ihr nachsetzen.«

Bei Tagesanbruch fühlte die Tochter des Riesen, wie der Atem ihres Vaters ihr im Rücken brannte. »Schnell«, sprach sie, »steck deine Hand dem blaugrauen Füllen ins Ohr und wirf das, was du darin findest, hinter dich.«

»Ein Schlehenzweig ist darin«, sagte der Königssohn und warf ihn nach hinten. Kaum hatte er das getan, wuchs ein Wald von schwarzen Dornensträuchern empor, zwanzig Meilen weit und so dicht, dass kaum ein Wiesel sich hätte hindurch winden können. Der Riese kam, mit dem Kopf voran, angestürzt und riss sich an den Dornen Gesicht und Hals auf. »Wieder hat mir meine Tochter einen bösen Streich gespielt«, rief er. »Hätte ich doch meine große Axt und das Buschmesser hier!« Schon lief er nach Haus, um beides zu holen. Tatsächlich brauchte er nicht viel Zeit, und er war mit der großen Axt zur Stelle.

Es dauerte auch gar nicht lange, da hatte er sich einen Weg durch die schwarzen Dornen gehauen. »Ich will die Axt und das Buschmesser hier liegenlassen, bis ich zurückkomme«, sagte er. »Wenn du sie hier lässt«, rief eine Krähe, die auf einem Baum saß, »stehle ich sie.«

»Das sieht dir ähnlich«, entgegnete der Riese, »dann will ich sie doch lieber heimbringen.« Er kehrte um und trug Axt und Messer nach Haus.

In der Mittagshitze spürte die Tochter des Riesen wieder den Atem ihres Vaters. »Steck deinen Finger dem Füllen ins Ohr und wirf das, was du darin findest, hinter dich.« Der Königssohn zog einen grauen Steinsplitter heraus. Im Nu erhob sich hinter ihnen ein großer grauer Felsen, zwanzig Meilen breit und ebenso hoch. Der Riese kam angepoltert, doch der Felsen versperrte ihm den Weg. »Niemand kann mir einen schlimmeren Streich spielen als meine eigene Tochter«, sagte er. »Hätte ich nur meine Brechstange und meinen mächtigen Meißel, schnell würde ich mir einen Weg durch diesen Felsen hauen.«

Da mussten die beiden eilig weiter fliehen. Und wie der Riese den Felsen zerschlug! Es dauerte nicht lange, und der Weg war frei. »Ich will die Werkzeuge dalassen«, sprach der Riese. »Wenn du sie liegen lässt«, sagte die Krähe, »werde ich sie stehlen.«

»Tu es nur. Ich habe keine Zeit, sie nach Haus zu tragen.« Als der Abend anbrach, sagte die Tochter des Riesen: »Schau dem Füllen ins Ohr, Königssohn, oder wir sind verloren.« Er tat's, und diesmal fand er eine Blase mit Wasser. Er warf sie hinter sich. Jetzt erstreckte sich hinter ihnen ein See, der war zwanzig Meilen lang und ebenso breit. Der Riese nahte mit unglaublicher Geschwindigkeit, und ehe er sich's versah, befand er sich mitten im See, und die Wellen schlugen über ihm zusammen.

Am nächsten Tag gelangten die Fliehenden in die Nähe des Königsschlosses. Da sagte die Tochter des Riesen: »Mein Vater kann uns nicht mehr schaden. Aber bevor ich weitergehe, erzähle deinem Vater, wen du mitgebracht hast. Du darfst dich aber zu Haus von keinem küssen lassen, sonst wirst du dich nicht mehr an mich erinnern.« Alle hießen ihn daheim herzlich willkommen. Seinen Vater und seine Mutter bat er, ihm keinen Kuss zu geben. Jedoch erkannte ein alter Windhund den Königssohn wieder; er sprang an ihm hoch, bis zu seinem Mund. Da hatte er die Tochter des Riesen vergessen. Das Mädchen saß indessen neben dem Brunnen, an dem der Königssohn sie zurückgelassen hatte, er aber kam nicht wieder. Bei Anbruch der Nacht kletterte sie auf eine Eiche, die neben dem Brunnen stand, und lag die ganze Nacht in einer Astgabel.

In der Nähe des Brunnens wohnte ein Schuster. Am nächsten Tag um die Mittagszeit bat er seine Frau, zum Brunnen zu gehen und ihm Wasser zum Trinken zu holen. Die Schustersfrau erblickte im Wasser das Spiegelbild des Mädchens, das noch immer im Baum saß. Da glaubte sie, es wäre ihr eigenes Spiegelbild. Bisher hatte sie nicht gedacht, dass sie so schön sei. Sie warf den Krug, den sie in der Hand hielt, auf die Erde, und er zerbrach. Ohne Krug und ohne Wasser eilte sie nun nach Haus. »Wo ist das Wasser, Frau?« fragte der Schuster. »Du schlotternder, jämmerlicher, alter, unleidlicher Kerl, zu lange schon bin ich deine Magd gewesen und habe für dich Wasser und Holz geholt.«

»Frau, ich glaube, du hast den Verstand verloren. Tochter, geh du und hol deinem Vater Wasser.«

Die Tochter machte sich auf den Weg zum Brunnen und erblickte ebenfalls das Spiegelbild der jungen Frau im Wasser. Bisher hatte sie nicht gedacht, dass sie so lieblich aussähe, und sie eilte nach Haus. »Gib mir das Wasser«, sagte ihr Vater. »Du grober Schustersmann, glaubst du wirklich, dass ich noch länger deine Magd bleiben will?«

Der arme Schuster dachte, die beiden Frauen wären nicht recht bei Troste, und ging selbst zum Brunnen. Und da erblickte auch er das Spiegelbild im Wasser. Er schaute zum Baum hinauf und sah die lieblichste junge Frau, der er je begegnet war. »Der Ast, auf dem du sitzt, schwankt, aber dein Gesicht ist selbst im Wasser klar und schön«, sagte er. »Komm herab, in meinem Haus ist auch Platz für dich.« Er hatte sogleich begriffen, dass ihr Spiegelbild seinen Frauen den Kopf verdreht hatte. »Ich besitze zwar nur eine ärmliche Hütte, doch von allem, was darin ist, wirst du deinen Anteil erhalten.«

Nach zwei Tagen kamen drei junge Herren und bestellten bei ihm Schuhe, denn der Königssohn war heimgekehrt und wollte heiraten. Wie aber staunten sie, als sie die Tochter des Riesen sahen. Niemals zuvor hatten sie eine schönere Frau erblickt. »Du hast aber eine hübsche Tochter«, sagten sie zum Schuster. »Sie ist tatsächlich hübsch«, antwortete der, »doch sie ist nicht meine Tochter.«

»Hundert Pfund würde ich geben«, meinte einer der drei Burschen, »wenn ich sie heiraten könnte«, und die beiden andern sagten dasselbe; Der arme Schuster jedoch erwiderte, er hätte ihr nichts zu raten und nichts zu befehlen.

Als die jungen Herren fort waren, wollte die Tochter des Riesen vom Schuster wissen: »Was haben sie über mich gesagt?« Er erzählte es ihr. »Geh du ihnen nach«, sprach sie, »ich will einen von ihnen heiraten. Er soll aber seine Geldbörse mitbringen.« Der Schuster eilte den Burschen hinterher. Der erste kehrte um und gab dem Schuster hundert Pfund als Brautgeld.

Am Abend gingen die beiden jungen Leute zur Ruhe. Die Tochter des Riesen legte sich nieder und bat den Burschen um einen Schluck Wasser. Das Glas stand auf einem Brett am andern Ende der Kammer. Erging hin, konnte sich aber von dort nicht mehr fortbewegen. »He du«, sprach sie zu ihm, »warum legst du dich nicht hin?« Er aber musste die ganze Nacht hindurch mit dem Glas Wasser in der Hand stehen bleiben, und erst am Morgen konnte er sich wieder bewegen. Da erschien der Schuster an der Tür. Sie forderte ihn auf, den jungen Tölpel wegzuführen. Der begab sich nach Haus, erzählte aber den beiden andern nicht, wie es ihm ergangen war.

Dann kam der zweite Bursche, doch kaum hatten sie sich zur Ruhe begeben, bat sie ihn um eine kleine Gefälligkeit. »Geh«, sagte sie, »und schau nach, ob der Riegel an der Tür vorgeschoben ist.« Der Riegel hielt die Hand des Burschen fest, und er konnte sich erst am hellen Morgen davon lösen. Mit Schimpf und Schande schickte sie ihn fort. Er aber erzählte dem dritten Burschen nicht, wie es ihm ergangen war.

Und als der in der dritten Nacht ihre Kammer betrat, blieb ihm ein Fuß am Boden haften. Am Morgen machte er sich eilends auf die Strümpfe und schaute nicht mehr hinter sich. Da sagte das Mädchen zum Schuster: »Dir gehört die Börse mit dem Gold, denn ich brauche es nicht Deine Freundlichkeit hat mir schon geholfen.« Der Schuster hatte inzwischen seine Arbeit beendet.

Am selben Tag sollte die Hochzeit des Königssohnes stattfinden, und der Schuster wollte ins Schloss gehen. Da sagte das Mädchen zu ihm: »Gern möchte ich mir den Königssohn anschauen, bevor er heiratet.«

»Komm mit«, schlug ihr der Schuster vor, »ich bin mit den Dienern im Schloss gut bekannt, und dort kannst du den Prinzen und die ganze Gesellschaft in aller Ruhe betrachten.« Sobald die vornehmen Herren die hübsche Frau sahen, führten sie sie in den Hochzeitssaal und reichten ihr ein Glas mit Wein. Schon wollte sie trinken, da schlug eine Flamme aus dem Glas, und eine goldene und eine silberne Taube flatterten heraus. Sie flogen im Saal herum, als drei Haferkörner zur Erde fielen. Die silberne Taube kam herbei und fraß sie. Da sprach die goldene Taube zu ihr. »Wenn du dich daran erinnert hättest, wie ich den Kuhstall ausmistete, würdest du die Körner nicht gefressen haben, ohne mir mein Teil zu geben.« Wieder fielen drei Haferkörner herab, und die silberne Taube pickte sie auf. »Wenn du dich daran erinnert hättest, wie ich den Kuhstall mit Federn deckte, würdest du die Körner nicht gefressen haben, ohne mir mein Teil zu geben«, sprach die goldene Taube. Drei weitere Körner fielen herab, und die silberne Taube fraß sie. »Wenn du dich daran erinnert hättest, wie ich dir half, das Elsternnest auszuheben, würdest du die Körner nicht gefressen haben, ohne mir mein Teil zu geben«, sprach die goldene Taube. »Ich habe dabei meinen kleinen Finger eingebüßt, und er fehlt mir immer noch.«

Plötzlich erinnerte sich der Königssohn an alles, und er wusste, wer vor ihm stand. Er lief auf seine Frau zu und küsste sie herzhaft, von der Hand bis zum Mund. Danach heirateten sie zum zweiten Mal. Und dabei habe ich sie verlassen.