[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Geschichte des alten Wolfs In sieben Fabeln

I

Der böse Wolf war zu Jahren gekommen und fasste den gleißenden Entschluss, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er machte sich also auf und kam zu dem Schäfer, dessen Horden seiner Höhle die nächsten waren. »Schäfer«, sprach er, »du nennst mich den blutgierigen Räuber, der ich doch wirklich nicht bin. Freilich muss ich mich an deine Schafe halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schütze mich nur vor dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin.«

»Wenn du satt bist? Das kann wohl sein«, versetzte der Schäfer. »Aber wann bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie! Geh deinen Weg!«

II

Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer. »Du weißt, Schäfer«, war seine Anrede, »dass ich dir das Jahr durch manches Schaf würgen könnte. Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben, so bin ich zufrieden. Du kannst alsdann sicher schlafen und die Hunde ohne Bedenken abschaffen.«

»Sechs Schafe?« sprach der Schäfer. »Das ist ja eine ganze Herde!«

»Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen«, sagte der Wolf.

»Du scherzt; fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfere ich kaum im ganzen Jahre dem Pan.«

»Auch nicht viere?« fragte der Wolf weiter, und der Schäfer schüttelte spöttisch den Kopf.

»Drei? - Zwei?«

»Nicht ein einziges«, fiel endlich der Bescheid. »Denn es wäre ja wohl töricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich mich durch meine Wachsamkeit sichern kann.«

III

»Aller guten Dinge sind drei«, dachte der Wolf und kam zu einem dritten Schäfer.

»Es geht mir recht nahe«, sprach er, »dass ich unter euch Schäfern als das grausamste, gewissenloseste Tier verschrien bin. Dir, Montan, will ich jetzt beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jährlich ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher macht als ich, frei und unbeschädigt weiden dürfen. Ein Schaf? Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger, könnte ich uneigennütziger handeln? - Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?«

»O über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?« sprach der Schäfer.

»Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine liebsten Lämmer zu würgen.«

»Erzürne dich nicht, alter Isegrim! Es tut mir leid, dass du mit deinem Vorschlage einige Jahre zu spät kommst. Deine ausgerissenen Zähne verraten dich. Du spielst den Uneigennützigen, bloß, um dich desto gemächlicher, mit desto weniger Gefahr nähren zu können.«

IV

Der Wolf ward ärgerlich, fasste sich aber doch und ging zu dem vierten Schäfer. Diesem war eben sein treuer Hund gestorben, und der Wolf machte sich den Umstand zunutze.

»Schäfer«, sprach er, »ich habe mich mit meinen Brüdern im Walde veruneinigt und so, dass ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen aussöhnen werde. Du weißt, wie viel du von ihnen zu fürchten hast! Wenn du mich aber anstatt deines verstorbenen Hundes in Dienste nehmen willst, so stehe ich dir dafür, dass sie keines deiner Schafe auch nur scheel ansehen sollen.«

»Du willst sie also«, versetzte der Schäfer, »gegen deine Brüder im Walde beschützen?«

»Was meine ich denn sonst? Freilich.«

»Das wäre nicht übel! Aber wenn ich dich nun in meine Horde einnähme, sage mir doch, wer sollte alsdann meine armen Schafe gegen dich beschützen? Einen Dieb ins Haus nehmen, um vor den Dieben außer dem Hause sicher zu sein, das halten wir Menschen...«

»Ich höre schon«, sagte der Wolf, »du fängst an zu moralisieren. Lebe wohl!«

V

»Wäre ich nicht so alt!« knirschte der Wolf. »Aber ich muss mich leider in die Zeit schicken.« Und so kam er zu dem fünften Schäfer.

»Kennst du mich, Schäfer?« fragte der Wolf.

»Deinesgleichen wenigstens kenne ich«, versetzte der Schäfer.

»Meinesgleichen? Daran zweifle ich sehr. Ich bin ein so sonderbarer Wolf, dass ich deiner und aller Schäfer Freundschaft wohl wert bin.«

»Und wie sonderbar bist du denn?«

»Ich könnte kein lebendiges Schaf würgen und fressen, und wenn es mir das Leben kosten sollte. Ich nähre mich bloß mit toten Schafen. Ist das nicht löblich? Erlaube mir also immer, dass ich mich dann und wann bei deiner Herde einfinden und nachfragen darf, ob dir nicht...«

»Spare der Worte!« sagte der Schäfer. »Du müsstest gar keine Schafe fressen, auch nicht einmal tote, wenn ich dein Feind nicht sein sollte. Ein Tier, das mir schon tote Schafe frisst, lernt leicht aus Hunger kranke Schafe für tot und gesunde für krank anzusehen. Mache auf meine Freundschaft also keine Rechnung und geh!«

VI

»Ich muss nun schon mein Liebstes daran wenden, um zu meinem Zwecke zu gelangen!« dachte der Wolf und kam zu dem sechsten Schäfer.

»Schäfer, wie gefällt dir mein Pelz?« fragte der Wolf.

»Dein Pelz?« sagte der Schäfer. »Lass sehen! Er ist schön; die Hunde müssen dich nicht oft untergehabt haben.«

»Nun, so höre, Schäfer: Ich bin alt und werde es so lange nicht mehr treiben. Füttere mich zu Tode, und ich vermache dir meinen Pelz.«

»Ei, sieh doch!« sagte der Schäfer. »Kommst du auch hinter die Schliche der alten Geizhälse? Nein, nein; dein Pelz würde mich am Ende siebenmal mehr kosten, als er wert wäre. Ist es dir aber Ernst, mir ein Geschenk zu machen, so gib ihn mir gleich jetzt.«

Hiermit griff der Schäfer nach der Keule, und der Wolf floh.

VII

»O die Unbarmherzigen!« schrie der Wolf und geriet in äußerste Wut.

»So will ich auch als ihr Feind sterben, ehe mich der Hunger tötet; denn sie wollen es nicht besser!«

Er lief, brach in die Wohnungen der Schäfer ein, riss ihre Kinder nieder und ward nicht ohne große Mühe von den Schäfern erschlagen.

Da sprach der weiseste von ihnen: »Wir taten doch wohl unrecht, dass wir den alten Räuber auf das Äußerste brachten und ihm alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch war, benahmen!«