[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Zwei Groschen

Ein armer Schlucker stopfte einmal einen Sack mit Moos voll, tat eine Schicht Wolle darüber und begab sich zum Markt, um den Sack zu verkaufen. Unterwegs begegnete ihm einer, der ebenfalls auf dem Weg zum Markt war, mit einem Sack, der unter einer Schicht von Nüssen wertlose Galläpfel enthielt. »Was hast du in deinem Sack?« fragte jeder den anderen. »Wolle«, antwortete der eine. »Nüsse«, antwortete der andere. Da vereinbarten sie, sich an Ort und Stelle gegenseitig ihre Waren abzukaufen, und machten sich ans Feilschen. Der mit dem Moos erklärte, dass Wolle wertvoller sei als Nüsse und er deshalb eine Zuzahlung verlangen müsse. Dies bezeichnete der mit den Galläpfeln als Zumutung, weigerte sich zu zahlen und stellte seinerseits Forderungen, die der mit dem Moos entrüstet ablehnte. Sie feilschten so lange miteinander, bis sie ganz erschöpft waren, und einigten sich schließlich dahingehend, dass der mit den Galläpfeln zwei Groschen nachzuzahlen hätte. Weil er aber keinen roten Heller besaß, bestand der mit dem Moos darauf, dass sie sich verbrüderten, denn dadurch war der andere moralisch verpflichtet, seine Schuld zu bezahlen. Und nachdem sie die Säcke getauscht hatten, trennten sie sich in dem Glauben, den anderen übers Ohr gehauen zu haben. Als sie aber daheim die Säcke auspackten, wurde ihnen klar, dass jeder den anderen betrogen hatte.

Nach einiger Zeit machte sich der mit dem Moos auf den Weg zu seinem Nennbruder, um die zwei Groschen einzutreiben, und fand jenen im Kirchdorf, wo er als Knecht bei einem Popen arbeitete. »Nennbruder, du hast mich betrogen!« sagte der mit dem Moos. »Nennbruder, du hast mich ja auch betrogen!« antwortete der andere. »Trotzdem musst du mir die zwei Groschen bezahlen!« beharrte der erste. »Wir haben unseren Kaufvertrag durch Verbrüderung bekräftigt, und deshalb musst du ihn einhalten!«

»Da hast du recht«, stimmt der andere zu. »Und ich würde dir die zwei Groschen mit größter Freude geben, doch leider besitze ich nicht so viel Geld. Aber mein Pope hat hinter dem Haus eine große Grube, wo er häufig hineinklettert, und ich nehme an, dass er sein Vermögen darin aufbewahrt Hilf mir heute Abend, in die Grube hinab zu steigen und sie auszurauben. Wir teilen uns die Beute, und bei dieser Gelegenheit erhältst du auch die zwei Groschen.« Damit war der andere einverstanden.

Nach Einbruch der Nacht nahm der Popenknecht einen Sack und einen Strick, und die beiden Nennbrüder gingen zu der bewussten Grube hin. Der Popenknecht setzte sich in den Sack, und der andere ließ ihn in die Tiefe hinab.

Weil aber der Popenknecht trotz allen Suchens in der Grube nichts anderes entdecken konnte als Korn, dachte er: Wenn ich meinem Nennbruder das sage, geht er womöglich seiner Wege und lässt mich hier unten sitzen, so dass mich der Pope findet und windelweich prügelt. Er kletterte in den Sack zurück und rief: »Nennbruder! Zieh den Sack hoch, ich habe ihn mit Schätzen voll gestopft!« Der andere gehorchte und dachte dabei: Warum soll ich mit dem Nennbruder teilen? Ich will den ganzen Sack nehmen, der Nennbruder wird bestimmt auch ohne meine Hilfe aus der Grube herauskommen! So warf er sich den Sack auf den Rücken und machte, dass er wegkam. Aber auf der Dorfstraße rannten die Hunde kläffend hinter ihm her, er keuchte unter dem schweren Sack und ließ ihn immer tiefer herunterrutschen. Da rief es plötzlich aus dem Sack: »Nennbruder, zieh mich hoch, sonst beißen mich die Hunde!« Vor Schreck ließ er den Sack los. »Wolltest du mich wieder betrügen. Nennbruder?« fragte der Popenknecht und kletterte heraus. »Du hast mich ja auch betrogen!« erwiderte jener. Sie stritten und schimpften noch eine Weile, und nachdem sich der Popenknecht verpflichtet hatte, die zwei Groschen beim nächsten Besuch seines Nennbruders zu bezahlen, trennten sie sich.

Etliche Jahre vergingen. Inzwischen hatte der Popenknecht ein Haus gebaut und geheiratet. Eines Tages, als er neben seiner Frau auf der Vortreppe saß, sah er seinen Nennbruder auf das Haus zukommen. »Frau«, sagte er, »da kommt mein Nennbruder, dem bin ich zwei Groschen schuldig. Damit ich sie nicht bezahlen muss, will ich ins Haus laufen und mich auf das Bett legen, ein Tuch über dem Gesicht. Setze dich neben mich und jammre. Dann wird er denken, dass ich gestorben bin, und seiner Wege gehen.«

Gesagt, getan. Und kaum hatte die Frau zu jammern begonnen, da trat auch schon der Nennbruder ein. »Gott zum Gruß!« sprach er und erkundigte sich nach dem ehemaligen Popenknecht. »Wehe mir Unglücklichen!« jammerte die Frau. »Da liegt er und ist tot!«

»Gott sei seiner Seele gnädig! Er war mein Nennbruder, mit dem ich gearbeitet und Geschäfte gemacht habe. Es ist Christenpflicht, dass ich jetzt bei ihm bleibe und ihm die letzte Ehre gebe.«

»Es dauert aber noch lange, bis er begraben wird!« wandte die Frau ein. »Willst du nicht lieber heimgehen?«

»Gott behüte! Ich kann doch meinen Nennbruder nicht im Stich lassen! Nein, ich warte hier solange, bis ich ihn auf seinem letzten Weg begleiten kann!« Das berichtete die Frau insgeheim ihrem Mann, der ihr auftrug, den Popen zu bitten, seine Leiche in die Friedhofskirche zu überführen. Vielleicht würde sich der Nennbruder dann verziehen. Die Frau gehorchte, und als der Pope kam, brachte er einige Männer mit, die den vermeintlichen Toten auf eine Bahre legten, ihn in die Kirche brachten und dort hinstellten. Der Pope versprach, ihm am nächsten Morgen die Totenmesse zu lesen und ihn zu begraben, und ging anschließend mit den Männern fort. Nur der Nennbruder blieb zurück, weil er darauf bestand, die Totenwache zu halten.

Um Mitternacht zogen durch das Dorf etliche Räuber, die kurz zuvor ein schloss überfallen und Geld, Kleidung und Waffen erbeutet hatten. Und weil sie sahen, dass in der Kirche Licht brannte, beschlossen sie, dort ihre Beute zu teilen. Bei ihrem Erscheinen versteckte sich der Nennbruder hinter dem Altar und sah zu, wie die Räuber teilten - das Geld mützenweise und die übrige Beute aufs Geratewohl. Schließlich war mir noch ein schöner Säbel übrig; ein Räuber nahm ihn in die Hand und rief: »Ich will mal an der Leiche ausprobieren, ob der Säbel so gut ist, wie wir annehmen!« Und ging auf den im Sarg Liegenden zu. Dieser sprang mit einem Satz heraus. »Totengespenster! Wo seid ihr?« schrie er mit hohler Stimme. »Hier!« schrie der Nennbruder zurück. »Wir sind schon alle bereit!« Als die Räuber das hörten, ließen sie ihre Beute im Stich und rannten in wilder Flucht davon. »He, Brüder!« sagte der Räuberhauptmann, als sie nach einer Weile zur Besinnung kamen und stehen blieben. »Da ziehen wir nun Tag und Nacht durch Wald und Feld, überfallen Burgen und Schlösser, kämpfen gegen Ritter und Soldaten und kennen keine Furcht. Aber von ein paar Gespenstern lassen wir uns ins Bockshorn jagen. Gibt es unter uns wirklich keinen, der es wagt, zur Kirche zurückzugehen und nachzusehen, was dort los ist?«

»Ich geh nicht«, sagte der Erste. »Ich hab auch Angst«, sagte der Zweite. »Ich will lieber mit zehn Lebenden kämpfen als mit einem Toten«, sagte der Dritte.

Aber schließlich fand sich doch ein Wagehals bereit, schlich leise unter das Kirchenfenster und horchte. Drinnen hatten die Nennbrüder inzwischen Geld, Kleidung und Waffen der Räuber miteinander geteilt, waren wieder bei den zwei Groschen angelangt und darüber erneut in Streit geraten. »Wo bleiben meine zwei Groschen? Ich will meine zwei Groschen!« schrie der eine gerade. Da sah der andere den Kopf des Räubers am Fenster, steckte schnell die Hand hinaus, riss ihm die Mütze vom Kopf und hielt sie seinem Nennbruder hin. »Nimm das zum Ersatz für die zwei Groschen!« Entsetzt taumelte der Räuber vom Fenster weg und raste zu seinen Gefährten zurück. »Brüder!« stammelte er atemlos, als er bei ihnen angelangt war. »Wir können von Glück sagen, dass wir mit dem Leben davongekommen sind! In jener Kirche scheint es von Totengespenstern nur so zu wimmeln! Ihr erinnert euch, dass wir das erbeutete Geld mützenweise unter uns aufteilten, aber auf die Totengespenster entfielen nur je zwei Groschen. Selbst dabei kam eines zu kurz, deshalb riss ein anderes mir die Mütze ab und gab sie jenem zum Ersatz für die zwei Groschen!«