[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Wie der Kantschil durch List eine Braut erwarb und sie wieder verlor

Leopard und Kantschil waren einst Freunde. Nun geschah es aber, dass beide das gleiche Mädchen zur Frau nehmen wollten. Das Mädchen wohnte in einem etwas entfernt gelegenen Dorf. Da meinte der Leopard eines Tages zum Kantschil: »Es wäre gut, wenn jeder von uns Fleisch beschaffte.« Der Leopard hatte bald reichlich Fleisch erbeutet, der Kantschil dagegen nur Eidechsen. Er bereitete aus den Eidechsen eine Speise, während der Leopard ein schmackhaftes Fleischgericht kochte. Dann machten sich beide auf den Weg.

Als sie in den Wald kamen, sagte der Kantschil: »Es heißt, dass hier in der Gegend gekämpft wird. Wenn wir so etwas wie einen Schuss hören, werfen wir unsere Last ab und laufen lieber davon.« Bald darauf krachte es auch: »Bum!« Sofort ließen die beiden fallen, was sie trugen, und suchten sich ein Versteck. Der Kantschil aber hatte bemerkt, dass nichts weiter als ein herab fallender Ast das Geräusch verursacht hatte, kehrte auf den Weg zurück und brachte so die Last des Leoparden an sich. Als es ruhig blieb, kam auch der Leopard wieder, nahm, ohne weiter nachzusehen, auf, was noch da war, und die beiden setzten ihre Wanderung fort. Bald hatten sie ihr Ziel erreicht.

»Was wollt ihr?« fragte das Mädchen. »Wir möchten dich zur Frau nehmen«, antworteten Leopard und Kantschil. »Ihr liebt mich, aber was habt ihr meiner Mutter mitgebracht?« fragte das Mädchen weiter. »Wir bringen deiner Mutter jeder eine Speise«, antworteten sie. Das Mädchen machte darauf jedem ein Lager zurecht und rief dann seine Mutter. »Was bringt ihr uns?« fragte auch die Mutter. Und Leopard und Kantschil erwiderten: »Wir bringen dir jeder eine Speise.«

»esst mein Gericht heute, das des Leoparden morgen«, fügte der Kantschil hinzu. Der Mutter war das recht, und sie verzehrten, was der Kantschil übergeben hatte, mit großem Genuss, denn es war reichlich schmackhaftes Fleisch darin.

Am nächsten Tag rief das Mädchen seine Verwandten zusammen, um zusammen mit ihnen das andere Gericht zu verspeisen. Es entfernte die Schnur und das Blatt und sah nun zu ihrer Enttäuschung statt des erhofften Leckerbissens etwas ganz und gar Ungenießbares. Vorwurfsvoll sprach sie zum Leoparden: »Was hast du denn da zusammengerührt! Dir fällt es doch nicht schwer, Fleisch zu erbeuten!« Als der Leopard das hörte, schämte er sich sehr. Zum Kantschil gewandt sprach er: »Warum hast du mir das angetan? So etwas liebe ich gar nicht!«

»Ich hab doch nichts getan!« erwiderte der Kantschil frech, »das bist du selbst gewesen. Dabei bist du so groß und kannst besser jagen als alle anderen Tiere.« Der Leopard aber beharrte: »Du warst das, und ich werde dich dafür töten!«

Gegen Abend bat der Kantschil das Mädchen: »Gib mir doch dein Gewand, ich möchte es gern einmal tragen! Komm, lass uns tauschen, zieh mein Kleid an!« Das Mädchen legte also das Kleid des Kantschils an, und dann begaben sie sich zur Ruhe. Gegen Mittemacht schlich der Leopard heran, um den Kantschil zu töten, und kaum hatte er dessen Kleid gesehen, biss er zu. Er hatte aber nicht den Kantschil, sondern das Mädchen erwischt.

Sobald der Morgen graute, legte der Kantschil das Gewand des Mädchens ab, lief hinaus und rief, so laut er konnte: »Der Leopard hat etwas Schlimmes getan!« Und zum Leoparden meinte er kopfschüttelnd: »Warum hast du bloß das Mädchen getötet.« Das vernahm der Vater des Mädchens, und sein Herz wurde traurig. »Ist das wirklich wahr?« fragte er den Kantschil, und der versicherte, das sei die reine Wahrheit. Da tötete der Vater des Mädchens den Leoparden. Er wurde anschließend gekocht und verspeist. Der Kantschil aber kehrte wieder in den Wald zurück, denn das Mädchen war ja nun tot.