[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Warum der Osingbaum nur noch durch Zauber spricht

Es war einmal ein Ort, in dem alle, die dort lebten, reich waren, bis auf einen Mann, der hatte alles verloren, was ihm sein Vater vererbt hatte. So arm war er, dass weder er noch seine Frau etwas zu essen hatten.

Eines Tages veranstalteten die Bewohner jenes Ortes ein Fest für den Tod. Nun hatte, als der arme Mann noch jung war, sein Vater für ihn den nötigen Preis bezahlt, dass er Mitglied der Egbo-Gesellschaft werden konnte. So ging er jetzt hin, um sich, wie alle anderen, an dem Fest zu beteiligen, aber die Leute riefen: »Du bist zu ärmlich angezogen, du kannst nicht an unserer Feier teilnehmen!« und trieben ihn weg. Es war gegen Abend, und so lief er heim und legte sich schlafen. Doch bei Tagesanbruch ging er in den Wald, um zu jagen. Den ganzen Tag lang verfolgte er Spuren, aber er fand nichts. Schließlich kehrte er in der Dämmerung hungrig und traurig zurück. Als er sich dem Ort näherte, hörte er in der Dunkelheit Stimmen. Er ging leise weiter und entdeckte sieben Geister, die sich vor einer kleinen Hütte miteinander unterhielten. Er verbarg sich hinter der Hütte und beobachtete die Geister. Jeder von ihnen hielt in der Hand einen Flaschenkürbis, der einen schwarzen Juju enthielt. Damit rieben sie sich ihre Gesichter ein, wobei sie sagten: »Möge mich das unsichtbar machen.« Danach hängte jeder seinen Flaschenkürbis an die Wand der Hütte und machte sich auf den Weg in den Ort.

Als die sieben außer Sicht waren, schlich der Mann in die Hütte und nahm einen der Flaschenkürbisse herab. Er goss ein wenig von dem schwarzen Juju auf seine Hand, rieb sein Gesicht damit ein und sprach die Worte, die er den Geistern abgelauscht hatte. Danach trug er den Flaschenkürbis nach Hause, verwahrte ihn und begab sich zu dem Platz, wo das Fest für den Tod stattfand. Da sah er alle Leute feiern und die Geister mitten unter ihnen. Die anderen wussten nicht, dass die Geister da waren, doch der arme Mann wusste es, denn er hatte ihren Juju benutzt und konnte sie daher sehen.

Einer der reichsten Männer der Stadt stand auf und bot reichlich zu essen an. Dann goss er Rum in ein Glas. Einer der Geister wollte gerade von diesem Getränk kosten, da streckte der arme Mann seine Hand aus und sagte: »Halt, berühre das nicht!« Der Geist hielt inne, und für den Rest des Festes hinderte der arme Mann jeden der Geister, irgendetwas zu essen oder zu trinken. Die Geister fragten einander: »Was kann das sein? Irgendjemand hindert uns, mit den Lebenden zu essen, wie wir das sonst immer taten.«

Bevor die Dämmerung anbrach, mussten die Geister zurück, wohin sie gehörten. Als sie die Hütte erreichten, sagte der Anführer: »Wir haben unsere Jujus hier gelassen, lasst sie uns mitnehmen.« Da nahmen alle ihre Flaschenkürbisse von der Wand bis auf einen. Der, dessen Juju fehlte, schrie laut auf. Da trat der arme Mann, der den Geistern die ganze Zeit über gefolgt war, vor und sagte: »Ich bin es, der deinen Juju genommen hat.« Der Geist sprach: »Geh und bring ihn mir.« Das tat der Mann, und der Geist fuhr fort: »Nun hole mir einen anderen Flaschenkürbis.«

Als das geschehen war, bereitete der Geist den gleichen Juju für den Mann und sagte: »Nimm ihn mit nach Hause, aber erlaube niemandem, ihn zu berühren, denn wenn das jemand tut, wird der Juju von dir fortlaufen, und du musst sterben. Hör gut zu, ich will dir sagen, was du tun sollst. Häng ihn in einem Raum deines Hauses auf und verschließe die Tür. Wenn du am nächsten Tag hineinkommst, wirst du sehen, dass er dir schöne Kleider gebracht hat. Danach wird er dir alles geben, was du brauchst, um sehr reich zu werden.«

Der arme Mann tat froh, wie ihm befohlen war. Als er am anderen Tag die Tür öffnete, fand er ein großes Stück prächtigen Stoff. Er schnitt davon ab, soviel er brauchte, und warf es sich um. Als seine Frau vom Feld kam, fragte sie: »Woher hast du denn diesen Stoff? So schönen habe ich noch nie gesehen.« Der Mann antwortete: »Es ist ein Egbo-Geschenk.«

Die Frau dachte: »Ich muss unbedingt wissen, woher so schöne Sachen kommen. « Sie wartete, bis ihr Mann an den Bach zum Baden ging. Kaum war er außer Sicht, so öffnete sie die Tür zu dem Raum, in dem der Juju aufbewahrt wurde und streckte die Hand danach aus. Doch kaum hatte sie den Flaschenkürbis auch nur mit einem Finger berührt, sprang der Juju heraus und floss aus der Tür, zurück zu den Geistern. Gleichzeitig fühlte sie rund um ihren Körper einen stechenden Schmerz, wie von einem Peitschenhieb.

Als ihr Mann heimkehrte, sah er, dass seine Frau einen großen Schnitt quer über Brust und Rücken hatte. Er fragte: »Woher hast du diese Wunde?« Sie antwortete: »Es war dein Juju, der mich schlug.« Da rief der Mann: »Nun hast du mich getötet, denn das Gesetz dieses Juju heißt: Niemand außer dem Eigentümer darf ihn berühren.« Er schickte nach seinem Bruder und teilte ihm mit: »Meine Frau hat mich getötet, denn sie hat meinen Juju berührt.« Danach baute er einen Sarg und legte ihn mit dem prächtigen Stoff aus, den er von dem Juju bekommen hatte, stieg hinein und starb.

Sein Bruder aber rief die Bewohner des Ortes zusammen und forderte: »Diese Frau hat den Tod ihres Mannes verursacht, und ich verlange, dass auch sie sterben soll.«

Die Versammelten riefen die Frau vor und fragten: »Hast du uns irgend etwas zu sagen über den Tod deines Mannes?« Sie antwortete: »Ja, denn seit er den Juju nach Hause brachte, hat er nie mit mir darüber gesprochen, dass niemand ihn berühren darf.« Der Bruder beharrte: »Trotzdem muss die Frau gehängt werden.« Aber der Osingbaum, der dicht beim Haus stand, stieß hervor: »Diese Frau soll nicht hängen. Wenn jemand durch einen Unfall stirbt, kann man nichts machen.«

Obassi Osaw hörte alles, was vorging. Er kam hernieder und stand unter den Leuten. Er hob seine rechte Hand und sagte zu dem Osingbaum: »Weil du Recht sprichst, ohne gefragt zu sein, sollst du von heute an nicht länger sprechen können, wann du es möchtest, sondern nur noch durch die Schalen deiner Samen, wenn sie für einen Zauber benutzt werden.«