[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Warum das Schaf mit dem Kopf nickt

Der Leopard und die Schildkröte waren einst Freunde. Als nun die Bakwabäume Früchte trugen, konnte es der Leopard nicht erwarten, dass sie reif wurden, sondern aß alle seine Früchte schon vorher auf. Nachdem dann aber die Bakwafrüchte der Schildkröte reif waren, ging er des Öfteren auch dorthin und aß. Er stellte es natürlich so an, dass die Schildkröte nichts davon merkte. Eines Tages aber beobachteten die Schildkrötenkinder, als sie vom Wasser kamen, wie der Leopard ihre Früchte pflückte. Sie liefen heim und erzählten es ihrem Vater. Der hörte sich das an, nahm ein paar Seile und ging, den Leoparden zu suchen. Als er ihn fand, sprach er zu ihm: »Mein Freund, warum hast du mir nichts davon gesagt, dass du meine Bakwafrüchte pflückst, bist du denn ein Dieb?« Der Leopard erwiderte: »Ich dachte, du wärst ohnehin nicht damit einverstanden.« Da sprach die Schildkröte: »Freund, du hast etwas getan, was nicht recht war. Wenn du wieder einmal Früchte gepflückt hast und vom Baum herunterkletterst, so sollst du dabei den Kopf nach unten halten.« Als der Leopard dann aber wirklich mit dem Kopf voran vom Baum kletterte, wie die Schildkröte gesagt hatte, band sie ihn an dem Baum fest und ging nach Hause.

Der Leopard bat alle Tiere, die vorbeiliefen, ihn doch loszubinden. Aber sie weigerten sich. Schließlich kam auch ein Schaf mit seinen sieben Jungen vorbei. Der Leopard rief ihm zu, es möge ihn doch befreien. Aber das Schaf erklärte: »Ich binde dich nicht los, denn du würdest ja nur meine Jungen fressen.« Sogleich versicherte der Leopard, er wolle die Schäfchen bestimmt nicht anrühren. Da befreite das Schaf den Leoparden. Nun schlug der Leopard vor, das Schaf solle an der Spitze laufen, seine Kinder in der Mitte, und er selbst wolle als letzter gehen. Das Schaf war damit einverstanden. Während sie so dahingingen, packte der Leopard ein Junges, warf es in den Wald und rief: »Eine wilde Mangofrucht vom Baum des Elefanten ist heruntergefallen. Ich gehe, um sie aufzulesen und zu essen.« In Wahrheit fraß er das Schafsjunge auf, ohne dass dessen Mutter etwas merkte. Und so machte er es wieder und wieder und fraß sechs Junge auf. Das Mutterschaf aber merkte nichts. Als er sich nun an das siebente heranmachte, rannte das davon und lief vor seiner Mutter her. Da merkte nun das Schaf, dass der Leopard seine Jungen gefressen hatte. Es begab sich zur Fledermaus und sprach: »Mein Freund, der Leopard, hat alle meine Kinder aufgefressen, und nun bin ich zu dir gekommen, damit du, die du doch in List und Betrug Bescheid weißt, Rache für mich übst.« Die Fledermaus war einverstanden.

Als sich der Leopard wieder einmal zu seinem Schwiegersohn auf die Reise machte, rief er die Fledermaus, damit sie ihn begleite. Die Fledermaus hatte eine Tasche bei sich. Am Rande des Dorfes, das ihr Ziel war, sagte der Leopard zur Fledermaus: »Nimm den Löffel aus deiner Tasche und lass ihn hier liegen.« Als sie weitergingen, flog die Fledermaus aber heimlich zurück und nahm den Löffel an sich, ohne dass der Leopard es merkte. Dann kamen sie in das Haus des Schwiegersohnes. Der schlachtete ein Huhn, bereitete es zu und setzte es dem Leoparden vor. Der dachte nun, dass er alles allein aufessen könne, während er die Fledermaus nach dem Löffel schickte. Aber als er ihr auftrug zurückzugehen und den Löffel zu holen, zog sie ihn hervor und reichte ihn dem Leoparden. Ärgerlich sprach er: »Hatte ich dir nicht gesagt, dass du ihn am Weg liegenlassen solltest? Nimm das Essen, ich mag nichts mehr davon.« Damit schob er das Essen von sich und überließ es der Fledermaus. Die aß alles auf, während der Leopard vom Hunger geplagt wurde. Leise sprach er darum zu seiner Tochter: »Besorge für mich etwas anderes zu essen. Stelle es aufs Feuer und weck mich, wenn es gar ist. Aber pass auf, dass die Fledermaus nicht auch aufwacht.« Die aber hatte alles mit angehört.

Die Leopardentochter kochte nun Bohnen und wartete, dass es Nacht wurde. Als es zu dunkeln begann, nahm die Fledermaus das Gewand des Leoparden und zog es sich an. Dann trug sie den Leoparden auf ihren Schlafplatz und legte sich selbst auf den seinen. Im Glauben, es wäre ihr Vater, weckte die Leopardentochter nun die Fledermaus, und die aß die Bohnen auf. Der Leopard aber merkte nichts. Nachdem die Fledermaus satt war, steckte sie dem Leoparden ein paar Bohnen in den Mund. Sie zog auch sein Gewand wieder aus und legte es an seinen Platz zurück. Dann nahm sie noch eine Nuss, aß sie und behielt einen Rest davon im Mund.

Als der Leopard aufwachte, rief er seine Tochter und verlangte das Essen. Die Tochter entgegnete: »Mein Vater, hast du nicht schon gegessen?« Er schüttelte den Kopf. Da riefen sie die Leute aus dem Dorf herbei, um den Streitfall zu entscheiden. Während die Leute nun berieten, stand die Fledermaus auf und bat, man solle zwei Krüge voll Wasser und zwei Schalen herbeibringen. Nachdem das geschehen war, sagte die Fledermaus, sie und der Leopard müssten nun nur ihren Mund ausspülen, dann werde man sehen, wer Bohnen gegessen hätte. Der Leopard spülte seinen Mund aus und spie das Wasser in eine Schale, und ebenso tat die Fledermaus. Da lagen in der Schale des Leoparden die Bohnen, die ihm die Fledermaus während der Nacht in den Mund gesteckt hatte. Die Leute wussten das natürlich nicht, ja nicht einmal der Leopard ahnte etwas davon. In der Schale der Fledermaus aber sah man Reste einer Nuss. Da musste der Leopard zugeben, dass er das Essen verzehrt und es nur wieder vergessen hatte.

Als die Leute gegangen waren, jagte der Leopard die Fledermaus davon. Sie sollte allein heimkehren. Auf ihrem Weg gelangte sie an den Fluss, in dem die Jungen des Leoparden zu baden pflegten. Sie ließ sich zur Erde fallen und verwandelte sich in ein Amulett. Auf seiner Heimreise kam auch der Leopard an der Stelle vorbei. Er sah das Amulett und dachte, es gehöre seinen Kindern. Darum hob er es auf und steckte es in die Tasche, die er bei sich trug. Gleich verwandelte sich das Amulett wieder in die Fledermaus und aß alles Fleisch auf, das der Leopard eingepackt hatte. Daheim angekommen, rief der Leopard Frau und Kinder und wollte ihnen zeigen, was ihm der Schwiegersohn mitgegeben hatte. dass die Fledermaus schon alles aufgegessen hatte, wusste er ja nicht.

Er öffnete die Tasche, da flog die Fledermaus heraus und setzte sich einem der Leopardenkinder auf den Kopf. Als der Leopard entdeckte, dass die Tasche leer war, wurde er furchtbar zornig. Er nahm ein Messer und befahl seinem Kind, ganz still zu halten, hob das Messer in die Höhe, um der Fledermaus den Kopf zu spalten. Die aber flog davon, der Leopard traf den Kopf seines Kindes und tötete es. Die Fledermaus setzte sich nun einem anderen Leopardenkind auf den Kopf. Wieder befahl der Leopard: »Halte still und rühr dich nicht, dass die Fledermaus nicht davonfliegt. Ich muss sie töten, denn sie ist schuld am Tod deines Bruders.« Das Kind verhielt sich ganz ruhig. Der Leopard hob das Messer, wieder flog die Fledermaus davon, und wieder tötete der Leopard sein eigenes Kind. So ging es fort, bis der Leopard alle seine sieben Kinder und seine Frau getötet hatte!

Die Fledermaus aber flog weiter und setzte sich auf eine kleine Kalebasse, die der Leopard hoch oben in einer Palme aufgehängt hatte. Als der Leopard das sah, band er sich ein starkes Seil als Haltegurt um den Leib, nahm sein Messer und kletterte auf die Palme, um der Fledermaus endlich den Garaus zu machen. Oben angekommen, schlug er zu. Aber die Fledermaus hatte sich inzwischen längst auf dem Seil niedergelassen, mit dem der Leopard sich am Stamm der Palme hielt. Der Leopard zerschlug erst die Kalebasse, erhob das Messer von neuem, um die Fledermaus auf dem Seil zu treffen. Natürlich flog sie davon. Der Leopard aber zerhieb seinen Haltegurt, fiel vom Baum und war tot.

Da ging die Fledermaus zum Schaf und berichtete ihm alles. Als das Schaf hörte, dass die Fledermaus die sieben Kinder des Leoparden und ihn selbst mitsamt seiner Frau getötet hatte, freute es sich sehr und begann zufrieden mit dem Kopf zu nicken. Seitdem nickt das Schaf beim Laufen immer mit dem Kopf, es denkt an die Rache, die von der Fledermaus am Leoparden geübt worden war, weil er die Jungen des Schafs gefressen hatte.