[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Karamergen

Vor sehr langer Zeit lebte ein Jäger mit Namen Karamergen. Er hatte keine Familie und verbrachte all seine Zeit auf Wanderungen durch Berge und Steppen. Eines Tages, als er in den Bergen jagte, erblickte er zwei Schlangen, eine schwarze und eine weiße, die sich zu einem Knäuel verwickelt hatten. Karamergen schoss, erlegte die Schlangen jedoch nicht, sondern verletzte sie nur, und sie krochen davon. Auf dem Heimweg dachte Karamergen bei sich: Warum habe ich überhaupt auf sie geschossen? Die Schlangen haben mich nicht angerührt, und ich wollte sie eigentlich gar nicht erlegen. Als er in seine Kibitka trat, hatte er seinen unüberlegten Schuss schon zutiefst bedauert.

Derweilen kroch die weiße Schlange zu ihrem Vater, dem Schlangen-Padischah, und klagte: »Ich bin in den Bergen lustwandelt, da hat Karamergen auf mich geschossen.« Der Padischah gebot den fliegenden Schlangen, Karamergen unverzüglich zu ihm zu bringen. Als die Schlangen zur Kibitka des verwegenen Jägers geflogen kamen, sahen sie, wie er gerade ins Freie trat. Sie griffen ihn und trugen ihn im Handumdrehen zu ihrem Gebieter. »Hast du auf eine weiße Schlange geschossen, als du auf Jagd warst?« fragte der Padischah. »Ja, das habe ich getan«, bekannte Karamergen. »Erzähle, wie das geschah.«

»Ich ging für mich hin und erblickte plötzlich zwei zu einem Knäuel verstrickte Schlangen, eine weiße und eine schwarze. Das erschien mir äußerst seltsam, und ich schoss. Getötet habe ich sie nicht, wohl aber verwundet. Jedenfalls habe ich sie nicht gefunden, sie müssen davon gekrochen sein.«

»Würdest du sie wieder erkennen?« fragte der Padischah. »Ich glaube schon.«

Drei Tage lang krochen sie an Karamergen vorbei - eine Schlange nach der anderen. Am vierten Tag endlich wies er auf die weiße und die schwarze, auf die er geschossen hatte. Dafür, dass seine Tochter allein, ohne seine Erlaubnis fort gegangen war, überantwortete der Padischah beide Schlangen dem Tode, Karamergen aber schenkte er einen Ring und sprach: »Mit diesem Ring wirst du die Sprache aller Tiere und Pflanzen verstehen. Doch erzähle keinem, was du hörst.« Eines Tages saß Karamergen beim Bei und trank Tee. Da lief ein Hund herbei und bellte. Karamergen stand auf und gab ihm ein Stück Fladen. Alle in der Runde verwunderten sich. »Warum fütterst du den Hund?« fragten sie. »Er hat gesagt, dass er hungrig sei«, entgegnete Karamergen.

Da Karamergen nicht die Bedingung erfüllt hatte, die der Schlangen-Padischah ihm gestellt hatte, verlor er die Gabe, die Sprache der Tiere und Pflanzen zu verstehen. Lange sann er darüber nach, was er tun solle, und begab sich schließlich noch einmal zum Schlangen-Padischah. »Aus Vergesslichkeit habe ich getan, wovor du mich gewarnt hast«, gestand Karamergen. »Kann ich das nicht wiedergutmachen?« Der Padischah setzte ihm einen Telpek auf den Kopf, gab ihm vierzig Kamele und sprach: »Geh zu den Ruinen der alten Festung und töte dort diese Kamele. Wenn du das getan hast, verbirg dich und warte: Krähen werden herbei fliegen und über den Kadavern kreisen. Haben sie erst ihren Hunger gestillt, wirst du einiges von ihnen erfahren.«

Karamergen tat alles, wie ihm der Schlangen-Padischah aufgetragen hatte, und versteckte sich. Die Krähen flogen herbei und begannen einen Festschmaus. Nachdem eine alte Krähe ihren Hunger gestillt hatte, sagte sie: »Früher hat dieses Land dem Padischah Ashdar gehört. Als er Hochzeit feierte, bin ich ebenso satt geworden wie heute. Doch das ist sehr, sehr lange her, wohl an die neunhundert Jahre! Der Padischah besaß sehr viel Gold. Er hat es unter dem Erdhügel vergraben, auf dem ich jetzt sitze.« Als die Krähen fort geflogen waren, grub Karamergen den Schatz aus. Danach gründete er einen eigenen Hausstand und lebte lange in Freuden und Wohlergehen.