[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Jarty-gulak und die Räuber

Einmal besuchte ein Gast aus fernen Landen Jarty-gulaks Vater. Es war ein sehr alter Freund, ein berühmter Karawan-baschi, ein Karawanentreiber. Jarty-gulaks Vater breitete seine weichste Koschma aus und bat den Gast, Platz zu nehmen. Der Gast sprach: »In den vielen Jahren, da ich durch die Lande zog, habe ich weder Gold noch anderes Hab und Gut erworben. Mein einziger Reichtum ist mein weißer Maulesel. Er ist mir Freund und Helfer. Mit ihm bin ich alle Karawanenstraßen entlang gezogen, von dem ruhmreichen Choresm bis zum alten Chorasan. Das Tier erinnert sich der Straßen so gut, dass es ganz allein die Wege durch den Sand der Wüste findet. Gib ihm gut zu fressen und binde es zur Nacht an einem sicheren Ort an.« Antwortete der Vater: »Sei unbesorgt. In unserem Aul keiner wird deinen Freund kränken. Ich will den Maulesel am Duwal festbinden und trage meinem einzigen Sohn auf, nach ihm zu schauen.«

Jarty-gulak hütete also den weißen Maulesel, und das Tier zupfte die zarten Gräser am Duwal. Der Junge war sehr glücklich, dass er so ein wertvolles Tier hüten durfte. Mit wichtiger Miene setzte er sich auf den hohen Duwal und baumelte sogar mit den Beinen vor Stolz. Außerdem standen dort Leute, vor denen er sich zeigen konnte! Alle Kinder des Auls waren nämlich zu Jarty-gulaks Haus geeilt. Sie bestaunten die Samttroddel des weißen Maulesels und konnten gar nicht den Blick wenden von dem prachtvollen Zaumzeug mit den zierlichen silbernen Spangen. Solche Spangen fertigten allein die berühmten Meister aus Urgentsch.

Den Kindern gefiel der Maulesel über alle Maßen. Sie schlugen Jarty-gulak, einander an Lautstärke überbietend, vor, gemeinsam den Esel zu hüten, doch wo denkt ihr hin! Jarty schrie die Kinder nur an und wollte mit keinem die Ehre teilen, die ihm widerfahren war. »He, Durdy-klytsch, wohin! Du hast schmutzige Hände, rühr das Zaumzeug nicht an!«

»He, Gjul-dshamal! Komm mir nicht so dicht an den Esel heran, der schlägt aus!« Lange standen die Kinder auf der Straße herum und bestaunten den Esel. Doch alles nimmt einmal ein Ende: Nachdem sie das Zaumzeug und die Satteldecke ausgiebig begutachtet hatten, trollten sie sich. Jarty blieb allein, um den Esel zu bewachen. Bald wurde ihm langweilig, und um sich die Zeit zu vertreiben - er kannte dieses hilfreiche Mittel - stimmte er ein Liedchen an. Er sang über das, was er sah: »Ein weißer Esel rupft das Gras,
Schaut euch das weise Tier nur an.
Weit gezogen ist er durchs Land,
Nun hütet ihn Jarty-gulak.«
So sang Jarty, die Sonne aber neigte sich. Die Dämmerung brach herein, Jarty schreckte auch das nicht. Er sang nur noch lauter. Plötzlich ertönte dicht vor ihm ein zartes Stimmchen: »Wie schön du singst! Hat dich die Nachtigall das Singen gelehrt?« Jarty-gulak schaute genauer hin und erblickte ein Mädchen, lieblich wie eine erblühte Nelke und herrlich anzusehen wie eine gütige Peri.

Noch niemals im Leben hatte Jarty so ein holdes Mädchen gesehen. Aber es nahm ihn nicht wunder: Was war schon Erstaunliches daran, dass die Tochter des Khans oder gar des Schahs gekommen war, um sich am Anblick dieses wundersamen Esels zu erfreuen. Drum verneigte er sich artig vor dem Mädchen und sprach: »Komm nur näher, hab keine Angst. Mein Maulesel schlägt nicht aus. Wenn du willst, darfst du ihn sogar streicheln.« Doch das Mädchen hatte nicht einmal einen Blick für den Esel, es lief zu Jarty-gulak und flüsterte zärtlich: »Wer kann sich mit einem, wie du es bist, vergleichen, schlanker Dshigit! Heißt es nicht gar von dir im Lied, dass deine Schönheit wie der silberne Mondenschein die Erde überstrahlt.« Zum ersten Mal in seinem Leben vernahm Jarty solche Worte, doch er verlor nicht die Fassung. Vielmehr ordnete er seine Zöpfchen und gab dem Mädchen zur Antwort: »Wenn du mich mit dem Mond vergleichst, so will ich dich mit der lieben Sonne vergleichen. Wenn du mich jedoch mit der Sonne vergleichst, so sage ich dir, die Sonne hat nur ein Auge, du aber besitzest zwei Augensterne!« und Jarty lachte.

Das Mädchen lachte ebenfalls, zog alsdann einen Beutel mit Süßigkeiten hervor und stopfte dem Knaben den Mund voll Chalwa. Jarty-gulak aber mochte Chalwa für sein Leben gern. Doch er hatte den Leckerbissen noch nicht verzehrt, da war das holde Mägdelein, herrlich wie eine gütige Peri und lieblich wie eine erblühte Nelke fort. Und mit ihr war der wertvolle Maulesel verschwunden! Jarty wollte rufen, doch sein Mund war mit Chalwa voll gestopft. Jarty wollte dem Mädchen nachlaufen, doch er stürzte vom Duwal und schlug so schmerzhaft auf, dass er sich nicht einmal zu erheben vermochte. Da brach er in Tränen aus. Als die Mutter ihn weinen hörte, eilte sie herbei und erfuhr vom Verschwinden des Maulesels.

Der alte Karawan-baschi vermochte vor Gram kein Wort zu sagen. Er raufte sich verzweifelt den Bart und stöhnte. Der Vater suchte ihn zu trösten: »Beruhige dich, ich bitte dich. Will mein Kamel und die Kibitka verkaufen, um dir den Verlust zu ersetzen.« Die Mutter suchte ebenfalls den Gast zu beruhigen: »Will vom frühen Morgen bis in die Nacht fortan Teppiche knüpfen und dir für den Erlös einen Maulesel kaufen, der noch schöner und klüger ist als der alte.« Doch der Karawan-baschi blieb untröstlich. Jarty-gulak hatte erwartet, dass die Eltern ihn auszanken würden, doch weder Vater noch Mutter sagten ihm ein böses Wort. Sie kannten ja das alte Sprichwort: Wer klagt schon über sein eigenes Kind? So schwiegen sie. Das aber machte dem Knaben das Herz noch schwerer. Jarty weinte: »Wenn ich nicht so stolz gewesen und meine Freunde davongejagt hätte, so hätten sie mir geholfen, den Maulesel zu hüten, und er stände noch immer am Duwal und würde gemächlich die Grashalme zupfen. Ich allein bin an allem schuld!« Also dachte Jarty, wischte sich die Tränen und huschte aus der Kibitka. Die Eltern schliefen fest, und so bemerkte keiner, wie sich der kleine Junge fortstahl. Jarty beschloss, den Maulesel auf eigene Faust zu suchen.

Lange irrte der Knirps durch den Wüstensand. Er erklomm steile Barchane und glitt in ausgetrocknete Aryks. Er zwängte sich durch dorniges Gestrüpp, versank bis zum Gürtel im heißen Sand, nur den Maulesel fand er nicht. Die Nacht brach herein, doch der Mond war noch nicht aufgegangen. Jarty konnte nicht mehr die Hand vor Augen sehen. So hub er an, den Esel zu rufen. Er nannte ihn bei allen Kosenamen, die ihm in den Sinn kamen, doch der Maulesel gab keine Antwort. Schließlich ließ sich der Knabe völlig erschöpft auf einem Sandhügel nieder und beschloss, die Morgenröte abzuwarten.

Am liebsten wäre er umgekehrt, doch dann besann er sich: Eher will ich in der Wüste verhungern und verdursten, als mit leeren Händen heimkehren. Da kam in der Wüste ein Wind auf. Er packte den Knaben wie einen welken Grashalm und trug ihn über die Erde. Jarty flog. Er flog sehr lange. Ihm schien schon, dass er niemals mehr auf die Erde zurückkehren würde. Doch alles nimmt einmal ein Ende. Der Knirps klammerte sich an einen Saksaulzweig und blieb hängen. So erwartete er den Tagesanbruch. Wenn ein Mädchen vorbeigegangen wäre, so hätte sie gesagt: Da sitzt ja ein Vöglein im Strauch. Wenn ein Jüngling vorbeigekommen wäre, so hätte er gesagt: Da steckt ja der Pfeil eines Jägers. Wenn ein Greis vorbeigekommen wäre, so hätte er mit seinen schwachen Augen den Baum hinaufgeschaut und gebrabbelt: Da hängt ja noch ein trockenes Blatt vom letzten Jahr!

Aber was dort hing, war kein Vöglein, kein Pfeil und auch kein Blatt. Es war Jarty-gulak, und er fand es ganz und gar nicht bequem, kopfunter am Baum zu hängen. So begann er zu strampeln und fiel in den Sand. Der Wüstensand aber war so weich, und Jarty-gulak war so müde, dass er also gleich einschlummerte wie ein Reicher auf Daunenkissen. Wie lange er schlief - wir wissen es nicht zu sagen. Endlich weckte ihn Pferdegetrappel. Der Knabe steckte den Kopf aus seinem Schlupfloch und, als er angestrengt lauschte, vernahm er dicht in der Nähe Stimmen. Flugs kletterte er auf einen Zweig und sah, dass sich auf dem Hügel des Saksaulhains Fremdlinge im Kreis versammelt hatten. In ihrer Mitte aber thronte auf einem prächtigen Yomud-Teppich ein Mädchen - herrlich anzusehen wie eine gütige Peri und lieblich wie eine erblühte Nelke.

Jarty erkannte sie also gleich. Er merkte auch, dass diese Fremdlinge Räuber waren, und das Mädchen war ihr Ataman. Jarty sprang vom Zweig und kroch näher, um zu hören, worüber sich die Spießgesellen unterhielten. Das Mädchen sagte: »Was für eine Beute habt ihr mir gebracht?« Der größte unter den Räubern trat vor, verneigte sich vor dem Mädchen und sprach: »Ich war auf dem Basar. Ein alter Kaufmann schlummerte auf der Schwelle seines Ladens, da nahm ich ein Stück des besten Sammets an mich.« Und der Räuber legte dem schönen Mädchen den Sammet zu Füßen. Trat der Nächste vor: »Ich war auf dem Stadplatz. Der Wesir persönlich schritt mit großem Gefolge in den Palast. Ich nahm ihm den brillantenverzierten Säbel vom Gürtel.« Und der Räuber legte dem schönen Mädchen den Säbel zu Füßen. Der Dritte trat vor. Verächtlich musterte er seine Kameraden und verkündete prahlerisch: »Schaut her, was ich gebracht habe! Ich war im Palast des Khans. Auf einer Strickleiter ließ ich mich zum Fenster der Khan-Bäder hinab und nahm ihm, während er badete, seinen Turban weg.« Also sprach der dritte Räuber und legte dem schönen Mädchen einen weißen, mit Perlenfäden verzierten Seidenturban zu Füßen. So einen Turban konnte in der Tat nur der allmächtige Khan tragen!

Die Räuber schwiegen, überrascht von der Verwegenheit ihres Spießgesellen, doch das schöne Mädchen brach in Lachen aus: »Alle drei habt ihr nicht vermocht, was ich ganz allein vollbracht habe!« Verwundert blickten die Räuber auf. Das Mädchen fuhr fort: »Wie oft sind wir in der Wüste schon vom Weg abgekommen! Wie viele von uns haben den Tod gefunden, weil sie im schwarzen Sand in die Irre gingen! Deshalb habe ich Tag und Nacht über den weißen Maulesel des alten Karawan-baschi gewacht. Dieses Tier kennt alle Wüstenwege, es geht Pferden und Kamelen voran und führt die Pilger zum Wasser und in den kühlen Schatten der Bäume. Ich habe diesen Maulesel an mich gebracht. Hier ist er!«

Also sprach das Mädchen, die Räuberhauptmännin, und wies ins dichte Saksaulgestrüpp. Jarty reckte sich zu seiner vollen Größe und sah, dass zwischen den Sträuchern an einen Baumstamm gebunden, der weiße Maulesel stand. Er stand reglos vor Verblüffung, das Mädchen aber lachte laut: »Ich habe einen kleinen dummen Jungen betrogen! Hab ihn mit zärtlichen Worten eingelullt und hab alsdann dem Dummerjan direkt vor der Nase diesen Esel entführt, der nicht seinesgleichen hat von Choresm bis Chorasan!« Diese Worte konnte Jarty nicht ertragen. Er riss einen harten spitzen Saksaulzweig ab, schlich sich hinter das Mädchen und stach es empfindlich in den Rücken. Das schöne Mädchen kreischte und schrie die Räuber an: »Ihr unverschämtes Pack! Wer hat es gewagt, mich zu berühren! Gesteht es! Der Schuldige kann keine Gnade erwarten!« Die Räuber fielen vor ihr auf die Knie und flehten: »Erbarme dich, Khanum-dshan, liebliche Herrin! Keiner von uns hat gewagt, dich zu berühren. Es schien dir nur so.«

Unvermittelt heulte da der größte Räuber wie ein wild gewordenes Kamel. Er sprang auf und versetzte seinem Nachbarn einen wuchtigen Schlag. »Wie erdreistest du dich, mich in den Rücken zu stechen?!« Doch Jarty säumte nicht, er stach auch den zweiten und den dritten Räuber mit einem Zweig.

Die Raubgesellen fielen übereinander her, und eine Prügelei begann, dass der Sand aufwirbelte und die Erde erbebte. Vergebens suchte das Mädchen die Ringenden zu trennen, vergebens suchte sie, die Gesellen zu überschreien. Die Räuber prügelten sich erbittert. Dies gerade hatte Jarty gewollt. Er band den Maulesel los, kletterte auf seinen Rücken und trieb ihn fort aus dem Saksaulhain. Der Esel jagte davon wie der Wirbelwind. Er schien das Gewicht des Reiters kaum zu spüren. Jarty-gulak trieb das Tier unverdrossen an: »Hü-hott! Hü-hott! Trabe rascher davon, sonst finden wir beide den Tod!« Und der Maulesel jagte davon mit angelegten Ohren und wirbelte hohe Staubwolken auf.

Miteins vernahm Jarty hinter sich Hufegeklapper: So sehr der Maulesel sich auch eilen mochte, ein Achaltekiner Traber holte ihn ein, schwarz wie brünierter Stahl, ungestüm wie ein Wirbelsturm. »Halt an, du störrisches Tier!« rief die Wegelagerin dem Maulesel zu. »Wie konntest du es wagen, deine Fesseln zu lösen und deiner Herrin zu entfliehen!« und sie brach in unflätige Schimpfreden aus. Doch sie bemerkte Jarty-gulak nicht: Er war klein und versteckte sich in der Troddel. Die Räuberhauptmännin knüpfte die Leine des Maulesels an ihren Sattel und trieb das Pferd zurück in den Saksaulhain. Jarty schlüpfte aus der Satteldecke und begann vorsichtig über den Rücken des Maulesels zu kriechen: Er hockte bereits auf seinem Kopf und hielt sich am Eselsohr fest. Dicht vor sich erblickte er die Kruppe des Pferdes. Jarty riss ihm gewandt die Haare aus dem prächtigen Schweif. Das Pferd wieherte vor Schmerz und richtete sich steil auf den Hinterläufen auf. Die Reiterin schwankte und stürzte aus dem Sattel. Das Ross, der Esel und Jarty, alle drei, galoppierten weiter. Jetzt blieb nur wenig zu tun: Als der Traber ein wenig ruhiger wurde, sprang Jarty auf seinen Rücken, kreischte durchdringend und galoppierte in den heimatlichen Aul. Mit Recht sagen die Leute: Das Ross eines verwegenen Dshigiten hinkt nicht, der Chalat eines verwegenen Dshigiten verschleißt nicht.

Spätabends trat Jarty-gulak zu seinen Eltern in die Kibitka. Auf der Erde saßen am Herdfeuer, die Köpfe kummervoll gesenkt, Vater, Mutter und der alte Karawan-baschi. »Ein Unglück kommt selten allein«, sprach der Vater. »Erst ist der Maulesel verschwunden, und nun ist auch noch Jarty-gulak fort.«

»Ich bin hier!« rief Jarty. Er lief zum Vater und sprang mit einem Satz auf seinen Handteller. Die Mutter wollte den Knaben ausschelten, weil er, ohne um Erlaubnis zu fragen, davongerannt und so lange fortgeblieben war, obwohl auf dem Acker die Arbeit wartete. Doch da schrie der Maulesel im Hof. Er schrie laut und lang gezogen. Die Mutter tat einen Ausruf der Freude und presste Jarty-gulak an ihr Herz, und der Vater und der alte Karawan-baschi lachten befreit. Der Esel aber schrie und schrie, es dröhnte wie eine Trompete, doch sein heiseres Schreien erschien den Menschen süßer als Nachtigallenschlag. Damit ist mein Märchen zu Ende.

Nun weißt du, wohin es führt, hoffärtig zu sein und die Hilfe der Freunde auszuschlagen, wenn sie sie dir aus freien Stücken antragen. Nun weißt du auch, dass sich hinter einem hübschen Gesicht nicht immer ein gutes Herz verbirgt. Und du weißt auch, dass ein Eselsschrei uns bisweilen klangvoller erscheinen mag als Nachtigallengesang. Das alles lehrt uns das alte Märchen. Das Märchen aber spricht immer wahr. Nicht ich habe es gedichtet. Habe es vielmehr gehört von den Alten, die noch älter waren als ich.