[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Guldshachan

Ob es sich nun zugetragen hat oder nicht - in fernen Zeiten lebte ein Padischah mit Namen Schirwanadyl. Tagsüber hörte er die Klagen seiner Untertanen an, nachts aber verkleidete er sich als Bettler, zog mit ein paar Wesiren durch die Höfe und hörte aufmerksam an, was im Volk über ihn geredet wurde. Eines Nachts kamen Schirwanadyl und zwei seiner Wesire auf den Hof eines armen Mannes, der am Rande der Hauptstadt wohnte, und baten um ein Nachtlager. Der Arme ließ sie ein in seine Kibitka. Die Gäste legten sich auf einer verschlissenen Koschma zur Ruhe und taten, als seien sie eingeschlafen.

Der Arme aber besaß drei erwachsene Töchter. Als sie sahen, dass die Gäste eingeschlafen waren, sagte die eine: »Kommt, liebe Schwestern, wir wollen ein wenig vor uns hinträumen.«

»Gern«, erwiderten die beiden anderen. »Wenn ich dem Daichan angetraut würde, den ich liebe, so würde ich ihm die ruhigste und beste Frau sein«, sagte die älteste. »Ich würde gern einen reichen Kaufherrn zum Ehegemahl nehmen«, meinte die mittlere. »Was sind das schon für Träume«, sagte die jüngste Schwester Guldshachan. »Wenn ich die Gattin von Schirwanadyl wäre, so würde ich alles Geld aus der Staatskasse unter die Armen verteilen. Der Padischah aber würde mir, wenn ich die Stube verließe, meine Schuhe eigenhändig überstreifen und sie mir, wenn ich den Raum wieder betrete, abstreifen.« Morgens verabschiedete sich Schirwanadyl von seinem freundlichen Gastgeber und eilte in den Palast. Er rief die Wache und befahl, die Töchter des Armen in den Palast zu holen.

Als die drei Schwestern im Palast erschienen, sprach der Padischah: »Schöne Jungfrauen, beantwortet meine Fragen, die ich euch stellen will. Aber sprecht die Wahrheit. Sagt: Worüber habt ihr gestern Abend miteinander gesprochen?«

»Ich habe gesagt, dass ich die Frau des Daichan, den ich liebe, werden möchte«, sagte die älteste Schwester. Der Padischah brachte den Namen des Mannes in Erfahrung, ließ ihn rufen und wünschte der ältesten Schwester ein glückliches Leben mit ihm. »Was hast du gesagt?« wandte sich der Padischah an die zweite Schwester. »Ich sagte, dass ich die Frau eines reichen Kaufherrn werden möchte«, erwiderte die mittlere Schwester. Der Padischah brachte auch den Namen dieses Mannes in Erfahrung, rief ihn zu sich und wünschte der mittleren Tochter mit ihm ein glückliches Leben. »Nun sprich du, was du gesagt hast«, wandte sich der Padischah an Guldshachan. »Hoher Padischah, ich erkühnte mich zu sagen, dass ich, wäre ich Euer Weib, alles Geld aus der Staatskasse unter die Armen verteilen würde und dass der Padischah mir eigenhändig meine Schuhe überstreifen würde, wenn ich die Stube verließe und sie mir wieder abstreifen würde, wenn ich sie betrete.«

»Ich bin mit all deinen Wünschen einverstanden«, sagte Schirwanadyl, »doch was die Schuhe angeht... so verlangst du reichlich viel...« Er rief den Henker und befahl: »Richte sie hin!«

»Oh, großer Padischah«, sagten die Wesire, »sie ist noch so jung und einfältig, drum schenke ihr das Leben und schicke sie stattdessen in die Wüste. Mag das Schicksal seinen Lauf nehmen: Lächelt es, so wird sie leben, zürnt es ihr, so muss sie sterben.« Der Padischah war mit diesem Vorschlag einverstanden.

Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht weinte Guldshachan in der Wüste. Am Morgen trocknete sie ihre Tränen, schaute sich um und zog aufs Geratewohl los. Vom Laufen schwollen ihr die Füße an, von der heißen Sonne verbrannte ihr Antlitz, und vor Durst sprangen ihre Lippen auf. Als sie schon alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben hatte, gelangte sie zu einem Baum, in dessen Schatten ein Bächlein murmelte. Guldshachan löschte ihren Durst mit seinem Wasser und streckte sich im Schatten zu kurzer Rast aus. Dabei bemerkte sie gar nicht, wie sie einschlummerte. Nachts weckten sie fremde Stimmen. Das Mädchen hob lauschend den Kopf. Es waren die Vögel im Baum, die sich da miteinander unterhielten. »Freundinnen, seht ihr unter dem Baum das schlafende Mädchen«, fragte ein Vogel. »Ja, natürlich«, erwiderten zwei andere. »Das arme Ding musste von Padischah Schirwanadyl so Schweres erleiden, bevor sie in ihre Besitzungen gelangte.«

»Sind dies hier ihre Besitzungen?«

»Ja. Sie wurden ihr von dem Padischah bestimmt, der noch zu Zeiten von Noah gelebt hat. Vierzig Schritte gen Osten von diesem Baum liegt ein Schatz vergraben. Er gehört ihr. Auf dem Stein, unter dem der Schatz liegt, steht geschrieben ›Guldshachan‹. In den Bergen aber, an der Quelle des Bächleins, das unter unserem Baum murmelt, breitet sich ihr Garten aus. In diesem Garten steht ein Palast von so herrlicher Schönheit, wie kein Menschenauge ihn je geschaut.« Nachdem die Vögel so gesprochen, sträubten sie ihr Gefieder und flogen davon.

Kaum graute der Morgen, da war Guldshachan schon auf den Füßen. Sie tat vierzig Schritte gen Osten und begann mit einem trockenen Ast, den sie vom Baum gebrochen hatte, in der Erde zu graben. Bald stieß sie auf einen Stein, auf dem sie ihren Namen las. Der Stein ließ sich leicht beiseite schieben. Da erblickte das Mädchen so viele Schätze, dass es sich gar nicht beschreiben lässt. Sie deckte wieder den Stein darüber und machte sich auf, um den Garten und den Palast zu suchen. Über kurz oder lang erreichte Guldshachan am Oberlauf des Baches, an dessen Ufer sie eingeschlafen war, eine Schlucht. Sie ging an ihr vorbei und stand miteins in einem herrlichen Garten. Dem Mädchen gingen vor Staunen die Augen über, so betäubend süß dufteten die Blumen, Nachtigallen schlugen und Wasserspiele sprudelten. Guldshachan badete in ihnen und ging weiter. Durch das Laub der Bäume schimmerte ein Palast, dessen Schönheit sich nicht beschreiben lässt. Das Mädchen wandelte durch die prunkvollen Gemächer und trat schließlich wieder in den Garten. Da kam ein altes Weiblein auf sie zu. »Woher kommst du, schönes Mägdelein?« fragte sie Guldshachan. »Noch niemals hat eines Menschen Fuß diesen Ort betreten.«

»Ich bin Guldshachan.«

»Sei gegrüßt, mein Kind.« Die alte Frau war von Herzen erfreut. »Viele Jahre habe ich schon deiner geharrt. Nun endlich bist du gekommen, mein schönes Kind. Komm mit mir, ich will dir deine Besitzungen zeigen und dir die Schlüssel geben. Jetzt bist du die Herrin über all diese Schätze.« Die Greisin führte Guldshachan in eines der Gemächer und zeigte ihre alle Gewänder.

Anderntags sattelte das Mädchen ein Pferd und ritt in Männerkleidung zum Padischah dieser Lande. Als die Jessaule dem Padischah meldeten, dass aus weiter Ferne ein reicher Kaufherr eingetroffen sei, befahl der Padischah: »Bittet den ehrenwerten Gast herein!« Guldshachan trat ein, begrüßte den Herrscher und überreichte ihm ihre Gaben. »Woher kommst du, guter Mann?« fragte der Padischah. »Und was führt dich in unser Reich?«

»Ich bin Kaufherr«, erwiderte Guldshachan. »Mein Vater hat mir ein reiches Erbe hinterlassen, und ich will Ackerwirtschaft betreiben. In Eurem Reich liegt eine wilde, öde Steppe. Verkauft sie mir, und ich will diese Wüste zum gelobten Land machen.« Nachdenklich erwiderte der Padischah: »Das ist ein ernstes Angebot. Ruhe dich aus. Ich aber will mit meinen Wesiren und Wekilen beraten. Danach sollst du die Antwort vernehmen.« Anderntags ließ der Padischah Guldshachan rufen und nannte den Preis für das Steppengebiet - tausend Tumen. Guldshachan zählte das Geld auf und reichte es dem Padischah. »Ich habe noch eine Bitte, großer Padischah«, sagte sie. »In eurer Hauptstadt leben viele kunstfertige Meister und Handwerker. Gestattet ihr mir, einige von ihnen mit mir zu nehmen?« Gnädig gewährte der Padischah dem Kaufherrn die Bitte. Guldshachan verließ den Palast und begab sich auf den Basar. Die Kunde darüber, dass ein fremder Kaufherr allen, die mit ihm ziehen, um eine neue Stadt in der Steppe zu errichten, hohe Löhne zu zahlen versprach, verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und gegen Abend fanden sich so viele ein, die Lust hatten, dem Kaufherrn zu folgen, wie gerade vonnöten waren. Guldshachan kaufte Zugvieh und Handwerksgerät, nahm Abschied vom Padischah und machte sich an der Spitze der gemieteten Arbeitsleute auf den Weg.

Über kurz oder lang kamen sie zu dem Baum, unter dem Guldshachan die Unterhaltung der Vögel belauscht hatte und wo ihr Schatz vergraben lag. Nachdem sie geruht hatten, machten sich die Leute ans Werk. Die besten Meister erbauten einen Palast für Guldshachan, und die Erdarbeiter schachteten Kjarise aus, um aus den Bergen das Wasser in die Steppe zu leiten. Guldshachan beschloss, einen Palast zu errichten, herrlicher als ihn Schirwanadyl besaß. Hatte sein Palast sieben Tore, so sollte der ihre acht besitzen. Den Paradeeingang von Schirwanadyls Palast rahmten sieben Säulen, den ihren acht. Schirwanadyls Palast war aus Ziegelstein gefügt, Guldshachans aus behauenen Steinplatten. Guldshachans Palast wuchs nicht in Tagen, sondern in Stunden. Er war von solcher Pracht, dass man den Blick von ihm nicht zu wenden vermochte. Rund um den Palast wurde ein Garten angelegt mit Bassins und Wasserspielen, lauschigen Pavillons und Blumenrabatten. Als die Stadt fertig war, versammelte Guldshachan die Erbauer und sprach: »Wer will, kann seine Familie holen und sich in dieser Stadt niederlassen. Und sagt allen, denen ihr unterwegs begegnet, sie mögen zu uns kommen.«

Die Kunde von dem guten Kaufherrn verbreitete sich, und aus allen Gegenden strömten Menschen herbei. Die Stadt wuchs und wurde immer schöner. Die Menschen hatten ihr Auskommen und waren glücklich. Bald wählten sie Guldshachan zu ihrem Padischah.

Doch kehren wir zu Schirwanadyl zurück. Er pflegte folgenden Brauch: Trat ein Bettler, nachdem er alle sieben Tore des Palasts besichtigt hatte, vor ihn, so schenkte er ihm etwas zur Erinnerung. Von diesem Brauch wusste Guldshachan: Eines Tages rief sie den Großwesir zu sich und sprach: »Mein Wesir, begib dich zu Schirwanadyl. Bevor du die Stadt betrittst, verkleide dich als Bettler, betrachte die sieben Tore des Palastes und tritt dann vor den Padischah. Er wird dir ein Geschenk machen. Betrachte daraufhin noch einmal die sieben Tore und tritt abermals vor ihn. Das wird ihn erzürnen. Dann sprich: ›Ich habe nicht gedacht, den Zorn des edlen Schirwanadyl zu wecken. Er ist in der Tat nicht jenes Padischahs wert, dessen Palast diesem hier gleicht, aber acht Tore besitzt. Auch der Padischah, der in jenem Palast residiert, ist großmütiger, er verteilt Geschenke für jedes Tor, das man besichtigt. Überhaupt ist jener Padischah über alle Maßen freundlich. Von seiner Gerechtigkeit will ich schon gar nicht reden. Auf der weiten Welt findet man keinen, der ihm vergleichbar wäre. Ich will zu ihm zurückkehren...‹ und damit gehst du fort.« Nachdem Guldshachan so zum Wesir gesprochen hatte, rüstete jener unverzüglich zur Reise und begab sich auf den Weg.

Über kurz oder lang erblickte er eine Herberge, nächtigte dort und tat am anderen Morgen, wie Guldshachan ihn geheißen. Er verkleidete sich als Bettler, betrat den Palast des ruhmreichen Herrschers Schirwanadyl und hub zu singen an: »Ein Diwaná tritt durchs Tor,
Unglück, hebe dich fort...
Oh Allah, oh Allah! Oh, heiliger Diwaná Bachewetdin! Gebt eine milde Gabe, möge Allah Euren Reichtum mehren!« sprach er hastig vor sich hin und betrachtete das Tor. Als er so alle sieben Tore besichtigt hatte, gab ihm Schirwanadyl eine Münze. Da ging der Bettler zum ersten Tor zurück und hub abermals zu singen und zu sprechen an. »Du bist ein gewissenloser Diwaná!« Schirwanadyl jagte erzürnt den Bettler fort. Da rief der »Bettler« aus: »Ach, Schirwanadyl! Hier gibt es nichts Besonderes zu sehen. Doch in der Wüste, in der neuen Stadt, lebt ein gütiger Padischah. In der ganzen Welt gibt es wohl keinen, der ihm gleich ist an Großmut und Gerechtigkeit. Alle Menschen empfängt er mit Freuden und beschenkt sie für jedes Tor, das sie besichtigen, obschon sein Palast nicht sieben, sondern acht Tore besitzt. In Eurem Reich will ich keinen Tag länger bleiben!« In die Herberge zurückgekehrt, legte Guldshachans Wesir die Bettlerkleidung ab, schwang sich in den Sattel und ritt heim. Dann berichtete er seinem Padischah, wie er den Auftrag erfüllt hatte. Guldshachan gab ihm die versprochene Belohnung und trug ihm auf: »Mein Wesir, lass die Stadt in Ordnung bringen. Es steht zu erwarten, dass Schirwanadyl uns unter irgendeinem Vorwand heute oder morgen einen Besuch abstatten wird.«

Doch sprechen wir nun von Schirwanadyl. Nachdem der »Bettler« ihn getadelt, einen anderen Padischah aber über die Maßen gelobt hatte, beschloss Schirwanadyl das neue Reich zu besuchen und sich persönlich von den Wundern zu überzeugen, die ihm der Bettelmönch so begeistert geschildert hatte. Er rief zwei seiner Wesire und sprach: »Rüstet zur Reise. Wir begeben uns in die neue Stadt. Man erzählt so viel über sie, dass ich sie selbst sehen möchte. Es wäre schön, wenn wir auch den gerechtesten Padischah, der über unsere heilige Erde wandelt, sehen könnten.« Als Pilger angetan, machten sich Schirwanadyl und seine beiden Wesire auf den Weg. Sie langten an der Stadt an, in der Guldshachan residierte, und gingen durchs Tor. Die Wache meldete unverzüglich ihrem Padischah, dass drei Diwaná eingetroffen seien. Guldshachan legte ihre prunkvollsten Kleider an, setzte sich eine brillantenbesetzte Krone aufs Haupt und nahm auf dem Thron Platz. Neben sich stellte sie einen ganzen Chum Gold auf, denn sie war in der Tat über alle Maßen reich. Schirwanadyl und seine Wesire gingen in eine Herberge, rasteten nach dem weiten Weg, aßen, tranken Tee und begaben sich alsdann in den Palast.

Als die Gäste an einem Tor vorbeikamen, gab Guldshachan ihnen so viel Gold, dass sie es gar nicht zu zählen vermochten. Als sie am zweiten Tor vorbeikamen, wiederholte sich dasselbe. Als sie an den anderen Toren vorbeigingen, erhielten sie ebenfalls eine Gabe. Als sie das letzte, das achte Tor passierten, waren ihre Beutel so prall von den Gaben, dass sie die Münzen in die Taschen und in den Gürtel schoben.

Als die Gäste ihrer Wege ziehen wollten, fragte Guldshachan: »Teure Pilger, wohin eilet ihr? Tretet ein in das Gastgemach, dort wird man euch mit Speisen und Getränken bewirten - mit allem, was euer Herz begehrt. Dann aber ziehet von dannen mit Allah. Wir halten uns an diesen Brauch: Wer zu uns kommt, gleich ob Padischah oder Bettler, sei unser Gast.« Und sie führte die Pilger, die über so viel Großmut zutiefst verwundert waren, in ein Gemach, in dem der Satschak schon mit Leckerbissen in Schalen aus purem Gold gedeckt war. Guldshachan gestattete jedem Gast, als Geschenk mit sich zu nehmen, was ihm besonders gefiel. Die Diwaná lehnten entschieden ab. Guldshachan aber ließ sich nicht beirren: »Nein, nein, so will es unser Brauch: Wenn wir einen Gast bewirten, so geben wir ihm das Geschirr mit, aus dem er gegessen und getrunken hat.« In der Tat hatte sie diesen Brauch eingeführt und hielt sich streng daran. Wollte man ihn missachten, so würde das den Gastgeber kränken. Deshalb nahm Schirwanadyl das Geschirr, das er benutzt hatte, an sich. »Verehrte Gäste«, hub Guldshachan abermals an, »ihr habt wahrscheinlich viel gesehen, und man sagt nicht von ungefähr: Wer viel sah, der viel weiß. Erzählt uns ein wenig von euren Erlebnissen. Wir aber wollen aufmerksame Zuhörer sein. Besonders gern höre ich weise Sprichwörter und Märchen.«

»Oh, ehrenwerter Padischah, jetzt wissen wir gar nichts zu erzählen«, entgegnete Schirwanadyl. »Wir haben uns noch nicht recht gesammelt. Wenn Ihr gestattet, so wollen wir abends vor Euch treten und etwas erzählen.«

»Mag es nach Eurem Willen geschehen«, gab Guldshachan zur Antwort.

Schirwanadyl kam mit seinen Begleitern gegen Abend abermals in den Palast. Guldshachan gebot: »Als erster mag derjenige sprechen, der am meisten weiß.«

»Wenn der Padischah gestattet, so will ich der erste sein«, erwiderte Schirwanadyl. Guldshachan nickte: »Mag es nach deinem Willen geschehen. Heute Nacht wollen wir dir zuhören. Deine Begleiter aber mögen gehen und in den Gastgemächern ruhen.« Während Schirwanadyl erzählte, was er gesehen und vernommen hatte, stand Guldshachan viele Male auf und trat in den Hof. Stets streifte ihr der hohe Gebieter Schirwanadyl eilfertig ihre Schuhe an und streifte sie wieder ab. Schirwanadyl erzählte: »In alten, alten Zeiten lebte einmal ein kluger und gerechter Padischah. Von seiner Hochherzigkeit und seinem Edelmut erzählte das Volk Legenden. Häufig allein geblieben, dachte er bei sich: Einen Menschen wie mich hat es noch niemals auf Erden gegeben und wird es wohl auch nicht mehr geben. Einmal, als er in solche Betrachtungen versunken saß, trat ein Bettler vor ihn und bat um eine milde Gabe. Der Padischah reichte ihm eine Münze. Der Bettler kehrte zurück und bat um eine zweite. Der Padischah mochte diese Dreistigkeit nicht verzeihen und jagte ihn davon. Da sagte der Bettler, dass der Padischah gar nicht so großmütig sei, wie das Gerücht künde, und dass in einem anderen Reich ein Padischah regiere, der ein weit großmütigerer Herrscher sei. An Großmut und Gerechtigkeit tue es ihm keiner gleich auf Erden. Der Padischah glaubte den Worten nicht und begab sich in jenes Land, um sich persönlich davon zu überzeugen, ob der Bettler die Wahrheit gesprochen habe. Wie sich zeigte, hatte der Bettler nicht übertrieben. Da wurde der Padischah, von dem ich erzähle, ebenfalls gütig und großmütig. Seit jener Zeit gab es auf Erden zwei Padischahs, die einander in Weisheit, Großmut und Edelmut ebenbürtig waren.«

Sprach Guldshachan: »Unser Gast hat allerdings eines nicht beachtet: Jener Padischah ist in der Tat großmütig geworden, aber nicht aus ehrlichem Herzen, sondern aus Neid auf den Ruhm eines anderen. Es wäre wohl besser gewesen, wenn er sich selbst treu geblieben wäre... Doch es ist schon spät. Der Gast ist sicher müde, und es ist an der Zeit für ihn, zu ruhen. Gute Nacht. Morgen aber kommt wieder, auch ich habe euch etwas zu erzählen.«

Anderntags kam Schirwanadyl mit seinen Wesiren abermals. Guldshachan nahm auf dem Thron Platz und hieß die Gäste, sich auf die Ehrenplätze ihr zu Seiten zu setzen. Dann erzählte sie, wie ein Schah die Unterhaltung dreier Schwestern belauscht und die Wünsche der zwei Älteren erfüllt hatte, wie er jedoch die Jüngste, statt sie zum Weib zu nehmen, den wilden Tieren in der Wüste zum Fraß vorgeworfen hatte. Schirwanadyl trat mehrmals Anstalten, sich zu erheben und davon zu gehen. Doch Guldshachan entließ ihn nicht, bevor sie nicht erzählt hatte, wie jener Schah sich einstmals über den kühnen Traum der Jungfrau erzürnte, die sich gewünscht hatte, der Padischah würde ihr eigenhändig die Schuhe von den Füßen streifen, wenn sie aus ihrem Gemach träte und sie ihr wieder reichen, wenn sie in den Raum zurückkehrte. Wie sie dennoch den Padischah zwang, ihr die Schuhe abzustreifen und sie ihr dann wieder zu reichen. Und wie sich ihr Wunsch also erfüllt hatte.

Das Gehörte brachte Schirwanadyl in so arge Verlegenheit, dass er nicht wusste, wohin er den Blick wenden sollte. Zu guter Letzt verließ Guldshachan das Gemach und kehrte in Frauenkleidern zurück. Lächelnd sprach sie: »So ging also meine Geschichte aus, Schirwanadyl. Du hast mir am Ende doch meine Schuhe gereicht. Oder habe ich mich getäuscht?« fügte sie verschmitzt lächelnd hinzu. Mit hohen Ehren entließ Guldshachan Padischah Schirwanadyl und seine Wesire. Sie selbst aber blieb ihrem Volk noch viele Jahre ein weiser, gerechter und großmütiger Padischah, der weiseste, gerechteste und großmütigste Padischah auf Erden.