[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Gülnar-dshan

In alten Zeiten lebten einst ein Mann und eine Frau. Sie lebten in Frieden und Eintracht, nur machte sie traurig, dass sie keine Kinder besaßen. An einem besonders heißen Tag saß der Mann niedergeschlagen vor seiner Kibitka. Da kam ein Derwisch des Weges. Er blieb vor der Kibitka stehen, um sich ein wenig in ihrem Schatten zu verschnaufen, und fragte: »Weshalb bist du so betrübt, guter Mann?«

»Ich trage großes Leid«, erwiderte der Mann und seufzte schwer. »Allah hat mir Kinder versagt.«

»Dir kann leicht geholfen werden«, versprach der Derwisch und reichte ihm einen Apfel. »Nimm diesen Apfel, teile ihn in zwei Hälften, gib die eine Hälfte deiner Frau, die andere aber verzehre selbst. Wenn euch eine Tochter geboren wird, so nennet sie Gülnar-dshan.« Mit diesen Worten zog der Derwisch weiter. Der Mann teilte den Apfel in zwei Hälften, verzehrte die eine und reichte die andere Hälfte seinem Weib. Nach einem Jahr wurde ihnen eine Tochter geboren, und sie nannten sie Gülnar-dshan.

Das kleine Mädchen wuchs heran und wurde mit jedem Tag schöner. Wenn es in die dunkle Kibitka trat, wurde es so hell, als leuchte der Mond. Vater und Mutter konnten sich gar nicht genug erfreuen an ihrem Töchterlein. Doch dann brach ein Unglück über die kleine Familie herein: Die Mutter starb. Der Vater trauerte mehrere Jahre, vermählte sich aber am Ende mit einer anderen sehr schönen Frau. Gülnar-dshan war um diese Zeit schon zu einer holden Jungfrau erblüht.

Die junge Frau mochte ihre Stieftochter nicht leiden, denn Gülnar-dshan war schöner als sie. Als sie der Neid gerade besonders arg plagte, fragte sie den Mond: »Sag an, wer ist schöner: ich oder Gülnar-dshan?« Erwiderte der Mond: »Wir können uns beide mit ihr nicht vergleichen. Wenn Gülnar-dshan des Nachts aus der Kibitka tritt, erstrahlt sie in solcher Schönheit, dass ich vom Himmel verschwinden muss.« Die Stiefmutter erbosten diese Worte zutiefst, und sie fragte die Sonne: »Sag an, wer ist schöner: ich oder Gülnar-dshan?« Entgegnete die Sonne: »Meine Schöne, wir können uns nicht mit Gülnar-dshan vergleichen. Wenn sie gegen Abend die Ziegen melkt, verblasse ich und erröte vor Scham, denn ich weiß, dass nicht ich, sondern das holde Mägdelein am Himmelszelt leuchten müsste.« Diese Worte erzürnten die Stiefmutter noch mehr, und sie fing an, ihrem Mann zuzusetzen: »Ich will nicht länger mit Gülnar-dshan in einer Kibitka leben! lass uns Fladen für sie backen, alsdann wollen wir sie in die Wildnis führen. Von dort kehrt sie nimmermehr heim.« Gülnar-dshans Vater widersetzte sich anfangs den Bitten seines Weibes, doch da sie ihm keine Ruhe gab bei Tag und bei Nacht, musste er schließlich einwilligen.

Früh am Morgen buk die Stiefmutter Fladen. Der Vater sattelte die Kamele, ließ seine Tochter und die Stiefmutter aufsitzen, schwang sich selbst in den Sattel, und sie ritten in die Wüste. Sie ritten bis zum Sonnenuntergang und gerieten schließlich an einen verlassenen Ort, wo die Augen nichts sehen und die Ohren nichts hören. Hier machten sie halt, um zu übernachten. Gülnar-dshan, die Böses ahnte, vermochte lange nicht einzuschlafen. Erst gegen Mitternacht legte sie ihr Haupt auf des Vaters Chalat und schlummerte ein. Die Stiefmutter rüttelte den schlafenden Mann und schnitt, um Gülnar-dshan nicht zu wecken, vom Chalat das Stück ab, auf dem der Kopf der Stieftochter ruhte. Dann machten sich die beiden auf den Heimweg. Sie trieben alle Kamele vor sich her und ritten eilig davon. Gülnar-dshan blieb allein zurück. Morgens, als Gülnar-dshan erwachte und sah, dass alle fort waren - Vater, Stiefmutter und auch die Kamele - brach sie in bittere Tränen aus. Doch da nichts mehr zu ändern war, stand sie auf und ging aufs Geratewohl los.

Über kurz oder lang erblickte sie drei Kibitkas vor sich. In diesen Kibitkas lebten Unholde. Als sie die erste Kibitka erreichte, sah Gülnar-dshan am Eingang die Frau eines Dew und grüßte höflich. Sprach das Weib des Dew: »Schönes Mägdelein, fliegt ein Vogel herbei, bricht er sich die Schwingen, trabt eine Gazelle herbei, bricht sie sich einen Huf. Geh weiter, eh' dir ein Leid geschieht!« Gülnar-dshan näherte sich der zweiten Kibitka und erblickte das Weib des zweiten Dew. Das Mädchen grüßte, und das Weib des zweiten Unholds sprach ebenfalls: »Schönes Mägdelein, fliegt ein Vogel herbei, bricht er sich die Schwingen, trabt ein Kulan herbei, bricht er sich einen Huf. Geh weiter, eh' dir ein Leid geschieht!«

Trat Gülnar-dshan vor die dritte Kibitka und grüßte das Weib des dritten Dew, das ihr entgegenkam. »Tritt in die Kibitka ein, schönes Mägdelein!« sprach das Weib des dritten Dew freundlich. Gülnar-dshan folgte der Einladung. Die Frau des Dew bewirtete sie mit Tee, reichte ihr frischgebackene Fladen und sprach: »Schönes Mägdelein, unsere Männer sind schreckliche Unholde. Sie sind auf der Jagd, doch bald kehren sie heim. Wenn dich mein Mann hier findet, geschieht ein Unglück. Drum müssen wir dich rasch verstecken.« Das Weib des Dew hob in der Kibitka eine Grube aus, hieß Gülnar-dshan, sich dort zu verkriechen, und breitete eine Koschma drüber aus.

Bald kehrte der Dew von der Jagd heim. Als er die Kibitka betrat, hob er witternd die Nase und knurrte: »Ich rieche, rieche Menschenfleisch! Sprich, Weib, wo hält sich der Mensch verborgen?« Entgegnete die Frau: »Bei Allah, ich schwöre es, keines Menschen Fuß hat die Kibitka betreten. Bist sicher an Menschen vorbei geflogen und hast noch ihren Geruch in der Nase.« Der Unhold Dew beruhigte sich und stürzte sich aufs Essen. Er vertilgte eine ganze Gazelle und begab sich abermals auf die Jagd. Als er fort war, rief sein Weib Gülnar-dshan aus der Grube und begann mit ihr zu spielen und Kurzweil zu treiben. So vergingen mehrere Tage. Immer, bevor der Unhold heimkehrte, versteckte das Weib Gülnar-dshan in der Grube.

Eines Tages kam ein altes Weiblein des Weges und erblickte das schöne Mägdelein, das mit der Frau des Dew spielte. Sie dauerte das schöne Kind, und so beschloss sie Gülnar-dshan zu retten, was immer es auch kosten mochte. Die Alte rief Gülnar-dshan also zu sich und bat: »Schönes Mägdelein, kämme mir mein Haar!« Gülnar-dshan setzte sich auf die Erde, bettete der Greisin Haupt behutsam in ihren Schoß und begann ihr das Haar zu strähnen. Da stach die Greisin dem Mägdelein eine Nadel ins Knie. Gülnar-dshan vermochte nicht einmal einen Schrei auszustoßen, so rasch schwanden ihr die Sinne. Die Alte sagte der Frau des Unholds, dass das Mägdelein eingeschlafen sei und auf eine Lagerstatt gebettet werden müsse. Dann ging die alte Frau fort. Das Weib des Dew trug Gülnar-dshan in die Kibitka, bettete sie auf die weiche Lagerstatt und versuchte sie vor der Heimkehr des Dew zu wecken. Da sah sie, dass das Mägdelein tot war. Das Weib des Dew erschrak und weinte bitterlich.

Als der Dew von der Jagd heimkehrte, knurrte er schon an der Schwelle: »Ich rieche, rieche Menschenfleisch! Sprich Weib, wo hat sich hier ein Mensch verborgen?«

»In unserer Kibitka liegt ein totes Mägdelein«, erwiderte das Weib, denn sie wusste, dass der Unhold eine Tote nicht berühren würde. »Wir haben ein paar Tage miteinander gespielt und uns die Zeit vertrieben. Heute aber kam eine alte Frau des Wegs und bat das Mädchen, ihr die Haare zu kämmen. Das Mägdelein tat's, doch schlief sie alsbald ein. Als ich sie wecken wollte, war sie schon tot.«

»Wozu um das Mädchen trauern?« fragte der Unhold Dew. Und er befahl seinem Weib: »Binde den Körper des Mädchens auf ein Kamel und lass es laufen, wohin es will. Die Menschen werden das herrenlose Kamel erblicken und es sich zu Eigen machen wollen.«

Das Weib des Dew trieb das Kamel in die Wüste, schmückte es jedoch, als trüge es eine Braut. Das Kamel trottete von dannen, bis zwei Bauern es bemerkten, die gerade Brennholz sammelten. Einer rief freudig aus: »Dieses herrenlose Kamel soll mir gehören!« Der andere fügte hastig hinzu: »Und die Bürde, die es trägt, soll mein sein!« Sie holten das Kamel ein und erblickten das tote Mägdelein. Die Bauern trieben das Tier in ihren Aul. Derjenige, den es nach der Traglast gelüstet hatte, erhielt das tote Mädchen und trug es fort, um seinen Körper zu bestatten. Unterwegs begegnete ihm eine Greisin. »Warum trägst du ein lebendiges Mädchen zum Friedhof? Trag es in den Heim, lade Gäste ein und rüste zur Hochzeit.« Der Bauer tat, wie ihm die Greisin geraten, und trug Gülnar-dshan in seine Kibitka. Die alte Frau folgte ihm. Als sie die Kibitka betraten, zog die Frau dem Mädchen die Nadel aus dem Knie, und das schöne Kind erwachte aus seinem totenähnlichen Schlaf. Alsbald lud der Bauer Gäste zuhauf, veranstaltete einen Hochzeitsschmaus und vermählte sich mit Gülnar-dshan.