[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Einhundert Goldmünzen

In alten Zeiten lebte in einer Stadt ein Sattlermeister mit Namen Sarai. Er hatte einen Sohn Mamed. Eines Tages sprach der Sattler: »Mein Sohn, ich bin alt und kann nicht mehr so schwer arbeiten wie in früheren Jahren. In meinem langen Leben habe ich ganze dreihundert Goldmünzen zusammengespart. Da ich wohl bald das Zeitliche segnen werde, will ich für deine Zukunft sorgen. Sag an, was willst du werden: Kaufmann, Musikant oder Mullah?« Mamed erwiderte: »Ich möchte nicht Mullah werden, weil das Lernen schwer ist. Ich will auch nicht Musikant werden, weil ich zu faul bin, die Saiten zu zupfen und mir die Kehle heiser zu singen. Aber ich würde gern Kaufmann werden, denn die sitzen in ihren Läden und haben nichts zu tun.« Der Sattlermeister war es zufrieden: »Gut. Hier hast du einhundert Goldmünzen, ziehe ins Nachbarreich. Wenn du für das Geld schwarzen Pfeffer einkaufst, so kannst du ihn hier vorteilhaft weiterverkaufen.« Mamed steckte das Geld in seinen Beutel und begab sich auf den Weg.

Über kurz oder lang kam er in die Hauptstadt des Nachbarreichs. Auf dem Basar bemerkte er einen Laden, dessen Besitzer schwarzen Pfeffer feilbot. Mamed bat den Händler, ihm für einhundert Goldmünzen Pfeffer zu verkaufen. Während der die Ware abwog, blickte sich Mamed um und sah, dass alle Leute irgendwohin hasteten. Er vergaß seinen Handel und folgte ihnen. So gelangte er in einen Garten, in dem zwei festlich gekleidete Männer die Dutaren spielten. Es waren bekannte Musikanten, und die Menge lauschte mit Vergnügen ihrem Spiel.

Das würde ich auch gern machen wollen, dachte Mamed, trat zu den Spielern und fragte: »Fröhliche Leute, wie viel Geld fordert ihr, wenn ihr mich in sieben Tagen das Dutar spielen lehrt?«

»In sieben Tagen machen wir es nicht unter einhundert Goldmünzen«, erwiderte einer von ihnen. Mamed willigte ein, die hundert Goldmünzen zu zahlen. Die Musikanten nahmen ihn mit sich in ihr Haus und lehrten ihn in sieben Tagen, den Dutar zu spielen. Mamed gab ihnen einhundert Goldmünzen und machte sich auf den Heimweg.

Über kurz oder lang kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Als der Sattlermeister seinen Sohn erblickte, freute er sich von Herzen: »Na, mein Sohn, hast du viel Pfeffer mitgebracht?« Mamed gestand dem Vater, dass er für einhundert Goldmünzen allein auf dem Dutar spielen gelernt habe. Drauf gab der Vater ihm noch einmal einhundert Goldmünzen und befahl ihm, den schwarzen Pfeffer heimzubringen. Mamed begab sich abermals in jene Stadt, in der die Musikanten ihn das Dutarspiel gelehrt hatten. Der Ladenbesitzer, der den Pfeffer ausgewogen hatte, rief ihn verdrossen an: »He, Kaufmann, wohin bist du verschwunden, als ich dir die Ware abgewogen habe?«

»Bist mir ein rechter Lehrmeister«, erwiderte Mamed ärgerlich. »Ich treibe an hundert Orten Handel, da kann ich nicht überall gleichzeitig sein. Verliere keine Zeit mit müßigen Reden, sondern wiege mir lieber Pfeffer für einhundert Goldmünzen ab.« Flink wog der Händler den Pfeffer aus, doch die Ware interessierte Mamed nicht sonderlich, neugierig sah er sich nach allen Seiten um.

Plötzlich bemerkte er Jünglinge, die mit Büchern und Heften unterm Arm an ihm vorbeieilten. Mamed hätte zu gern gewusst, wohin sie ihre Schritte lenkten. Er vergaß den Pfefferhandel und lief ihnen nach. Die Jünglinge gelangten zu einem großen Tor und traten in den Hof. Hier erwartete sie ein grauhaariger Mullah. Sie ließen sich im Kreis um den Mullah nieder, und der begann ihnen etwas zu erklären. Mamed trat zum Mullah und fragte, was er mache. »Ich unterrichte die Jünglinge, damit sie später einmal Aufgaben von staatlicher Bedeutung lösen können.«

»Wie viel verlangst du, wenn du mich in sieben Tagen diese Dinge lehrst?«

»Für sieben Tage«, entgegnete der Mullah, »nehme ich nicht unter einhundert Goldmünzen.«

»Ich bin's zufrieden«, entgegnete Mamed. »Hier nimm hundert Goldmünzen.« Nach sieben Tagen hatte Mamed seine Studien beendet und trat den Heimweg an.

Über kurz oder lang kehrte er in seine Heimatstadt zurück und erzählte dem Vater, wofür er das Geld ausgegeben hatte. Der Vater schalt Mamed nicht aus, gab ihm die letzten einhundert Goldmünzen und schickte ihn zum dritten Mal aus nach schwarzem Pfeffer. Wieder kam Mamed in die Stadt, in der er schon zweihundert Goldmünzen gelassen hatte, und ging zu dem ihm bekannten Laden, doch der war geschlossen. Mamed schaute sich nach allen Seiten um und vernahm miteins aus dem Nachbarladen laute Rufe: »Nimm den Springer. Schieb den Läufer hierher! Mach den nächsten Zug mit dem Bauern! Schach!« Er schaute in den Laden und erblickte Leute, die Schach spielten. Ein besonders kunstfertiger Spieler fiel ihm auf. Mamed bat ihn: »wie viel verlangst du, wenn du mich in sieben Tagen dieses Spiel lehrst?«

»In sieben Tagen mache ich es nicht unter einhundert Goldmünzen.«

»Nimm das Geld und red nicht so viel!« sagte Mamed. Nach sieben Tagen, als Mamed das Schachspiel erlernt hatte, schrieb er dem Vater, dass er auch die letzten einhundert Goldmünzen ausgegeben habe. Er schlug dem Vater ferner vor zu ihm zu kommen, damit er auf die alten Tage in seiner Heimatstadt nicht betteln gehen müsse und sich vor den Menschen nicht blamiere, die ihn seit langem kannten.

Als der Vater kam, sagte Mamed: »Führe mich auf den Basar und verkaufe mich an die Kaufleute, die einen Karawanentreiber brauchen. Von diesem Geld sollst du leben, bis ich reich geworden bin.« Der Vater vergoss bittere Tränen, denn es tat ihm von Herzen weh, den Sohn in die Sklaverei verkaufen zu müssen. Doch Mamed bat ihn so inständig, dass der Vater endlich einwilligte: Er führte den Sohn auf den Basar. Just zu dieser Zeit rüsteten die Kaufleute eine große Karawane aus und suchten Kameltreiber. Einer der Kaufleute, mit Namen Iomud-bek, kaufte Mamed für eine Goldmünze, und der Jüngling zog mit der Karawane in ferne Länder.

Über kurz oder lang kam die Karawane an einen tiefen, fast ausgetrockneten Brunnen. Iomud-bek befahl den Kameltreibern, Mamed anzuseilen und in den Brunnen hinab zu lassen, damit er wenigstens einen Krug voll Wasser schöpfe. Auf dem Brunnengrund erblickte Mamed Berge von Silber, Gold und Edelsteinen. Er berichtete den Kaufleuten, welchen Fund er gemacht hatte, und die warfen ihm ein paar leere Säcke hinab. Als sie alle Schätze geborgen hatten, setzte die Karawane ihren Weg fort, Mamed aber ließen sie im tiefen Brunnen zurück. Iomud-bek befürchtete nämlich, dass Mamed seinen Anteil fordern könne, und beschloss, sich seiner zu entledigen.

Als Mamed sich im Brunnen umsah, bemerkte er eine niedrige Tür. Er öffnete sie und trat in eine Stube. Dort schlief ein Dew. Über ihm an der Wand hing ein Dutar. Mamed nahm den Dutar und begann so herrlich zu spielen, wie es ihn die Musikanten für einhundert Goldmünzen gelehrt hatten. Sofort erwachte der Dew und schrie, als er den Jüngling erblickte: »He, Bursche, wie bist du hierher gelangt?« Mamed erzählte dem Dew, wie die Kaufleute ihn betrogen hatten. »Ich würde dich fressen«, sagte der Unhold, »wenn du nicht so herrlich spielen würdest. Zudem spielst du das Lieblingslied meines Sohnes.« Bei diesen Worten brach der Dew in Tränen aus. »Weshalb weinst du?« fragte Mamed. »Ich muss immerfort an meinen Sohn denken, der genau so jung ist wie du«, entgegnete der Dew. »Einmal, als ich mit ihm spielte, zerschlug ich aus Versehen das Glasfläschlein, in dem seine Seele aufbewahrt war, und er starb. Mein Sohn hat so gern auf diesem Dutar gespielt. Wie kann ich dir nur für dein Spiel danken, wackrer Geselle? Wenn du willst, hole ich die Karawane zurück und rechne mit dem Kaufherrn ab.« Mamed antwortete: »Nein, ehrenwerter Dew, tu das nicht, bring lieber mich zur Karawane.«

Der Dew erfüllte Mameds Bitte. Bevor ein Mann einen Schluck Wasser hätte trinken können, hatten sie ihr Ziel erreicht. »Friede sei mit euch«, sprach Mamed zu den verblüfften Kaufleuten. »Vergebt mir, dass ich im Brunnen eingeschlafen und zurück gegeblieben bin.«

»Was soll mit ihnen geschehen?« fragte der Dew. »Wenn du es wünschest, will ich sie alle zerreißen.«

»Nein ehrenwerter Dew«, entgegnete Mamed, »das ist nicht vonnöten. Ich erhalte von ihnen meinen Anteil an dem Schatz, kaufe mich aus der Sklaverei frei und kehre mit dem Geld zu meinem Vater heim. Hab Dank für Deine Hilfe, ich entlasse dich.«

Im selben Augenblick war der Dew verschwunden, und da die Kaufleute arg erschrocken waren, berieten sie flüsternd, wie sie den Sklaven, der Macht über einen Geist hatte, loswerden könnten. Iomud-bek kam auf die Idee, Mamed mit einem Brief zu seinen Söhnen zu schicken, damit die ihn umbrächten. Nachdem er den Brief verfasst hatte, befahl er Mamed: »Nimm mein Ross, reite voran und berichte daheim, dass in der Karawane alle wohlauf sind. Diesen Brief aber gib meinem ältesten Sohn.« Mamed nahm den Brief und ritt von dannen.

Über kurz oder lang kam er an einen Bach und beschloss zu rasten. Er entzündete ein Feuer und setzte Wasser auf, um Tee zu brühen. Während er darauf wartete, dass das Wasser zu brodeln begann, betrachtete er den Brief von allen Seiten und verspürte große Lust, ihn zu lesen. Bei sich dachte er: Ich will doch einmal prüfen, ob ich nicht alles verlernt habe, was der Mullah mich für einhundert Goldmünzen gelehrt hat. Mamed öffnete den Brief und las. Er begann mit den Worten: »Meine Söhne, ich grüße jeden von Euch.« Und er endete folgendermaßen: »Der Überbringer ist mein Sklave. Er führt Böses gegen uns im Schilde, deshalb erschlagt ihn, ohne zu säumen.« Mamed zerriss diesen Brief und schrieb einen anderen: »Der Überbringer dieses Briefes fand in einem Brunnen viel Gold und Edelsteine. Die Hälfte des Schatzes hat er mir geschenkt. Deshalb empfanget den Gast, wie es sich geziemt, und veranstaltet ihm zu Ehren ein Fest.« Inzwischen kochte das Wasser, Mamed trank Tee, verzehrte seine Fladen und setzte seinen Weg fort.

Als er in die Stadt gelangte, in der Iomud-bek lebte, fragte er nach dessen Haus und überbrachte dem ältesten Sohn den Brief des Kaufmanns. Die Söhne freuten sich über die Maßen, als sie von dem unerwarteten Reichtum erfuhren, und bereiteten Mamed einen ehrenvollen Empfang. Am selben Abend noch veranstalteten sie ein großes Fest und luden viele Gäste ein. Sie feierten die ganze Nacht, gegen Morgen aber fragte Mamed den ältesten Sohn: »Was gibt es Sehenswertes in eurer Stadt?«

»Eigentlich gar nichts«, erwiderte jener. »Und wer regiert euer Land?«

»Eine Padischah-Jungfrau. Kürzlich ließ sie verkünden, sie würde denjenigen zum Manne nehmen, der sie beim Schachspiel besiegt.«

»Wie gelangt man in den Palast?« fragte Mamed. »Geh nicht dorthin, lieber Freund«, riet ihm der älteste Sohn des Kaufherrn. »Schon viele Verwegene haben versucht, die Jungfrau beim Spiel zu besiegen, doch alle mussten es mit dem Leben zahlen, denn jeden, den sie besiegt, überantwortet sie dem Henker.«

Mamed ließ sich jedoch nicht von seinem Vorhaben abbringen und machte sich, nachdem er sich am Tee erfrischt hatte, unverzüglich auf in den Palast. Am Eingangstor vertrat ein Jessaul ihm den Weg. »Was suchest du hier?« fragte er. »Ich will um eure Padischah-Jungfrau freien«, entgegnete Mamed. Der Jessaul ging, um der Padischah-Jungfrau Meldung zu erstatten, kehrte bald zurück und fragte: »Die Padischah-Jungfrau wünscht zu erfahren, ob du gut Schach spielen kannst?«

»Jawohl.«

»Wer war dein Lehrmeister?«

»Ein Meister, dem ich für seine Lehre einhundert Goldmünzen gezahlt habe.«

»Du musst vier Spiele gegen unsere Padischah-Jungfrau austragen. Nur ein einziges Mal aber darfst du verspielen.«

»Ich bin einverstanden«, gab Mamed zur Antwort. »Weißt du auch, was dich erwartet, wenn du die Bedingungen nicht erfüllst?«

»Ja«, antwortete Mamed. »Ist es dir nicht leid, aus dem Leben zu scheiden?«

»Sicherlich, denn wenn ich mich erst mit eurer Padischah-Jungfrau vermählt haben werde, verspüre ich wohl keine Lust mehr zum Sterben«, entgegnete Mamed. Drauf führte der Jessaul den Jüngling in die Gemächer der Padischah-Jungfrau.

Als das holde Mädchen ihn erblickte, rief sie aus: »Jüngling, es wird mich dauern, wenn der Henker dir den Kopf abschlägt! Verzichte lieber auf dein Unterfangen.«

»Ich bin nicht gekommen, um müßige Reden zu führen«, gab Mamed zur Antwort. Die Padischah-Jungfrau befahl, ein Schachbrett zu bringen, und eröffnete die Partie. Wesire und Höflinge drängten sich um die Spielenden und verfolgten jeden Zug. Das erste Spiel verlor Mamed. Die Padischah-Jungfrau sprach: »Jüngling, tritt vom Wettkampf zurück, denn du wirst mich doch nicht besiegen!«

»lass ab von den sinnlosen Redereien«, erwiderte Mamed. »Das erste Mal habe ich aus Ehrfurcht vor dir verloren. In meinem Land ist es Sitte, dass man den Hausherrn die erste Partie gewinnen lässt.« Sie setzten das Spiel fort, und Mamed gewann drei Partien hintereinander.

Als das Volk davon hörte, freute es sich von Herzen, denn viele Mütter hatten schon den Tod ihrer Söhne beweinen müssen. Sprach die Padischah-Jungfrau zu Mamed: »Du hast mich noch nicht völlig besiegt. Wir wollen eine letzte Partie spielen. Verlierst du sie, so will ich dich nicht dem Henker überantworten, sondern lass dich in Frieden ziehen. Besiegst du mich aber, so lass ich unsere Hochzeit richten.« Mamed gewann auch diese Partie. Der Padischah-Jungfrau blieb nichts zu tun, sie musste zur Hochzeit rüsten und alle Bewohner der Stadt mit Pilaw bewirten. Anderntags wurde der Heiratsvertrag unterzeichnet, und die Padischah-Jungfrau führte den Jüngling auf den goldenen Thron. So wurde Mamed Padischah. Er begann seine Regentschaft damit, dass er reitende Boten zu den verräterischen Kaufleuten sandte und befahl, sie in den Palast zu schleppen. Als die Kaufleute, allen voran Iomud-bek, in den Palast getrieben wurden, befahl Mamed, ihnen die Schätze abzunehmen, die er vom Grund des Brunnens geborgen hatte, und sie an die Armen zu verteilen. Iomud-bek aber gab er eine einzige Goldmünze und sprach: »Hier hast du das Geld zurück, das du meinem Vater für mich gezahlt hast. Mit dem heutigen Tag habe ich mir die Freiheit erkauft. Wisse, dass ich dein Padischah bin, und wenn du noch einmal an einem Menschen so verräterisch handelst wie an mir, sollst du es bitter bezahlen.« Mit diesen Worten entließ er Iomud-bek und alle übrigen Kaufleute. Dann schrieb Mamed seinem Vater einen Brief und befahl den reitenden Boten, den Greis in den Palast zu bringen. Der alte Sattlermeister kam zu seinem Sohn und lebte mit ihm fortan in Glück und Freuden. Man sagt, er lebe bis zum heutigen Tag und freue sich seines Lebens.