[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die weiße Schlange

Die weiße Schlange ist die Ahnfrau und Königin sämtlicher Schlangen. Weiß wird sie aber erst im hohen Alter. Ihr Kopf ist rund wie ein Katerschädel, und auf ihrem Scheitel funkelt eine Krone mit einem riesengroßen Diamanten, von dem ein solcher Glanz ausgeht, dass vier Schneider bei seinem Licht die Nacht hindurch nähen könnten, ohne eine andere Beleuchtung nötig zu haben. Auch soll dieser Diamant Erfolg und Glück bringen. Viele haben schon versucht, ihn zu gewinnen, doch das ist nicht so einfach. Die weiße Schlange lässt sich nicht beschleichen, sie ist über alle Maßen schlau, lebt immer in Erdhöhlen und kommt nur selten ans Tageslicht.

Ein Schlangenjäger, der Schlangenfett sammelte, fand einst im Gebirge in einem Buchenwald ein Schlangennest, das unzählige Schlangen enthielt. Um sie allesamt zu erwischen, holte er aus dem Dorf einen Helfer. In den Buchenwald zurückgekehrt, suchte er sich einen passenden Platz, brach eine Nußgerte ab und zeichnete mit ihr einen Kreis um sich herum in den Sand. Sodann stellte er eine Falle auf und nahm die Flöte zur Hand, mit der er die Schlangen anzulocken pflegte. Sein Helfer sprang aus dem Kreis, weil er sich vor der weißen Schlange fürchtete, und kletterte auf die neunte der umstehenden Buchen. Als nun der Jäger auf der Flöte zu spielen begann, krochen von allen Seiten die Schlangen herbei - braune, graue, gefleckte, gestreifte. Und alle legten den Kopf auf die Kreislinie. Danach kroch eine weiße Schlange herbei. Sie legte ebenfalls den Kopf auf die Kreislinie und schwenkte den Schwanz. Da stürzten sich alle Schlangen auf den Jäger und bissen ihn dermaßen, dass er tot umfiel. Hätte sich der Helfer nicht auf der neunten Buche versteckt; dann wäre es ihm ebenfalls übel ergangen.