[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die verhexten Wasserbüffel

Die Sonne hatte die Gipfel der fernen Berge noch nicht in ihr güldenes Licht getaucht, als Jarty erwachte. Er wusch sich im kühlen Wasser des Aryks, brach sich ein kleines Stück Gerstenfladen ab und lief davon, um die Wasserbüffel anzuschirren. Er spannte sie vor den alten Pflug und sang laut ein Liedchen dabei: »Ich bin klein aber mutig.
Bin klug und glücklich.
Glücklich und unüberwindlich!
Nicht der ist ein Recke,
Der hoch gewachsen ist,
Sondern der ist ein Recke,
Der Berge versetzt!«
Er sang sehr laut, so dass der Alte und sein Weib erwachten. Sie liefen aus der Kibitka und sahen gerade noch, wie der Knabe die Tiere durchs Tor trieb. Das verblüffte sie. »Ata-dshan! Edshe-dshan!« rief Jarty-gulak ihnen zu und winkte zum Abschied mit seiner Tjubetejka. »Kommt gegen Mittag aufs Feld und seht, wie ich den Boden für die Baumwolle pflüge!«

Die Eltern blickten einander an. »Ach, was haben wir doch für einen prächtigen Sohn! Er ist zwar klein von Wuchs, aber er kann arbeiten!« sagte der Alte. Die Alte hob hilflos die Hände: »Es ist schon eine Not mit dem Kind! Er wird doch allein gar nicht mit den Büffeln fertig. Geh, Alter, und hilf Jarty-gulak.« Die Alte kehrte ins Haus zurück, der Alte folgte dem Sohn aufs Feld. »Hü-hott! Legt euch ins Zeug!« schrie Jarty-gulak so laut, dass es übers ganze Feld schallte. Er hatte es sich zwischen den Hörnern der Wasserbüffel bequem gemacht. Die klugen Tiere gingen gehorsam voran, und unter dem Pflug glitt eine schnurgerade Ackerzeile hervor. Als der Alte aufs Feld kam und sah, wie geschickt sein Sohn mit den Wasserbüffeln umging, freute er sich aufrichtig. Jetzt habe ich einen Helfer, nun kann ich endlich ausruhen! dachte der Alte und legte sich in den Schatten eines Maulbeerbaums am Rande des Feldes, um ein wenig zu schlummern.

Zu dieser Zeit ritt auf feurigem Ross ein reicher und dicker Bei des Weges. Als er sah, dass die Wasserbüffel allein den Boden pflügten, hielt er also gleich sein Ross an. »Was für ein Wunder sehen meine Augen!« rief der Bei. »Besäße ich diese Tiere, so könnte ich die Hälfte meiner Knechte entlassen und würde viel Geld sparen!« Laut rief er über den Acker: »He, wer ist der Herr auf diesem Feld?« Der Alte erwachte, sah, dass der geizige Bei ihn rief und erschrak. Tief neigte er sein graues Haupt vor dem Reichen und erwiderte: »Ich bin hier der Herr, doch ich weiß nicht recht, was ich für meinen reichen Nachbarn tun kann.«

Natürlich erkannte auch der Bei den Alten. Im Nu hatte er sich überlegt, wie er den Handel zu einem günstigen Ende bringen könnte. Er gab dem Ross die Peitsche, trabte näher heran und schrie: »Ach, das sind deine Wasserbüffel! Umso besser! Ich nehme sie dir ab! Damit ist deine Schuld getilgt!« Der Alte begriff nicht: »Was für eine Schuld?« Der Bei lachte: »Hast ein schlechtes Gedächtnis, Alter. Gestern hast du dir von mir zwei Säcke Gerste zur Aussaat geborgt, dafür nehme ich heute deine Wasserbüffel.«

»Hab Erbarmen mit mir!« flehte der Alte. »Hast du nicht versprochen bis zum Herbst mit der Rückzahlung zu warten? Der Frühling ist doch gerade erst angebrochen!«

»Das habe ich gestern gesagt. Heute aber habe ich es mir anders überlegt«, entgegnete der Bei. »Du hast zwei Säcke genommen, dafür nehme ich mir jetzt zwei Wasserbüffel. Oder geht die Rechnung etwa nicht auf? Nun, antworte! Warum schweigst du?«

»Ohne die Tiere sind wir verloren, mein Weib und ich! Hab Erbarmen mit mir«, stöhnte der Alte. Aber Jarty-gulak hatte sich bereits zum Vater geschlichen und flüsterte ihm ins Ohr: »Ata-dshan, gib die Wasserbüffel her. Ich verspreche dir, es wird kein Tag vergehen, und der Reiche treibt sie uns selbst wieder heim.« So antwortete der Alte dem Bei: »Es ist mir natürlich leid um meine Tiere. Sie sind für mich von unschätzbarem Wert. Wie du siehst, pflügen sie den Acker ganz allein. Aber Schuld ist Schuld. So nimm sie denn und denke nicht, ich sei undankbar.« Der Alte verneigte sich abermals tief vor dem Bei. Der trieb, heilfroh über seine Schlauheit, die wundersamen Wasserbüffel, die den Acker selbst pflügten, zu sich nach Hause. Jarty-gulak aber thronte schon wieder auf seinem Platz zwischen den Hörnern. Er wüsste in der Tat um den Preis seiner Tiere!

Bald erreichten sie den großen Hof des Beis, den ein hoher Duwal umgab. Schon vom Tor rief der Bei nach seinem Weib: »He, Guldshan! Tränke die Wasserbüffel und wirf ihnen reichlich Klee in den Trog! Bedenke stets: Es sind keine gewöhnlichen Tiere! Wenn ihnen etwas zustößt, so trägst du die Schuld!« Nach diesen Worten ließ er sich auf dem Teppich in der Mitte des Hofes nieder und entließ all seine Knechte, die bislang die Feldarbeiten verrichtet hatten. Fortan würde er sie nicht mehr brauchen - dachte der Bei. Jarty-gulak sah und hörte alles. Er sah auch, wie die Knechte sich grämten, weil der Bei sie um ihren einzigen Broterwerb gebracht hatte. Finster betrachtete er den Reichen und dachte bei sich: »Wart nur, du böser Mensch, du sollst mir die Tränen dieser armen Menschen noch teuer bezahlen!« Er kletterte vom Kopf des Wasserbüffels, glitt verstohlen durchs Tor und lief nach Hause zu seinen Eltern.

Anderntags ritt der Bei aufs Feld, um zu sehen, wie die gelehrten Wasserbüffel seinen Boden unter den Pflug nehmen würden. Doch die widerspenstigen Tiere standen am Ackerrain und rührten sich nicht von der Stelle. So laut der Reiche auch schreien mochte, so gut er ihnen zuzureden suchte, sie schlugen nur störrisch mit den Schwänzen um sich und wollten keinen Schritt tun. Der Bei wurde immer wütender. Schließlich holte er mit der Kamtscha aus und schlug so brutal auf die Wasserbüffel ein, dass sie anzogen und davonjagten. Kreuz und quer zerrten sie den Hakenpflug hinter sich her, warfen ohne Sinn und Verstand die Erde auf und schütteten die Aryke zu. Der Reiche rannte hinterdrein und schrie: »Wach, welch Unheil, sie machen mir meinen Acker zuschanden!«

Er schwang sich auf sein Ross und trieb es im Galopp zum Haus der alten Leute. »Du Schuft!« schrie der Bei. »Ich habe dir zwei Säcke hervorragende Gerste gegeben, dabei sind deine Wasserbüffel nicht einmal einen halben Sack Mais wert!« Und er erzählte, was sich mit den Tieren auf dem Acker zugetragen hatte. Der Alte hörte den Reichen aufmerksam an und ließ ratlos die Arme sinken: »Oh, mein Bei! Man muss solche Wasserbüffel nur richtig behandeln, sonst bringen sie dir gewiss keinen Nutzen!« Der Alte führte den Bei zurück aufs Baumwollfeld. Jarty-gulak begleitete sie heimlich: Er war in den Ärmel von seines Vaters wattegefütterten Chalats geschlüpft. Als sie den Acker erreichten, glitt er hurtig aus seinem Versteck und war mit zwei Sprüngen auf seinem Lieblingsplatz, zwischen den großen Hörnern der Tiere. Die setzten sich also gleich in Bewegung, und der Pflug zog eine glatte gleichmäßige Ackerfurche. »Findest du wirklich, dass meine Wasserbüffel schlecht pflügen?« fragte der Alte den Bei. »Mir wird immer ganz froh ums Herz, wenn ich sie bei der Arbeit sehe!«

Bis zum Sonnenuntergang pflügte Jarty den Acker des Beis, und als der Abend dämmerte, trieb er die Tiere auf das Anwesen des Reichen. Es wurde Nacht. Im Haus des Beis lagen alle in tiefem Schlaf. Das Kind schlief in seiner hölzernen Wiege, die Töchter des Beis lagen auf einer weichen Matte, und Gjul, die Lieblingsfrau des Beis, ruhte unter einer Decke aus feinster Atlasseide. Der Hausherr schnarchte auf einer weißen Koschma und hatte sich ein langes Kissen, Mutaka, unter den Kopf geschoben. Nur Jarty-gulak schlief nicht und auch nicht der Mond am nachtdunklen Himmel.

Als der Mond schon hoch am Himmel stand, und ein goldener Stern zwischen seinen Hörnern funkelte, sprach Jarty-gulak zu sich: »Nun ist es Zeit, Jarty, um mit dem Bei abzurechnen!« Er trieb die Wasserbüffel hoch und lenkte sie direkt zur Haustür des Beis. Die Tiere stießen voller Wucht mit ihren Hörnern gegen die Tür, Holz splitterte, und die schöne Gjul erwachte. Sie hub zu schreien an: »Steh auf, Mamed, ich sterbe vor Angst!« Sie schrie dem Mann direkt ins Ohr, der aber schlief fest und erwachte nicht. Der Lärm wuchs. Die Lehmwände bebten unter den machtvollen Schlägen. Gjul war zu Tode erschrocken. Sie griff nach dem mit Baumwollöl gefüllten Leuchter, entzündete ihn und eilte zur Tür. »Wer klopft dort?« fragte die schöne Frau, zitternd vor Angst. Doch keine Antwort wurde ihr zuteil. Stattdessen splitterte die Tür, sie wurde eingestoßen, und ein mächtiger gehörnter Kopf schob sich in die Kibitka. Ein heiseres Heulen ertönte, und der Leuchter entfiel Gjuls Händen.

Wie sprangen da alle von ihren Schlafmatten auf! Doch in der Dunkelheit konnte keiner begreifen, was geschehen war. Gjul schrie, ein leibhaftiger Schaitan sei ins Haus gedrungen, die Tochter des Beis schrieen, ein Erdbeben sei ausgebrochen, und das Kind in der Wiege weinte vor Angst. Der dicke Bei griff nach der Kiste mit Gold, um so rasch wie möglich aus diesem verfluchten Haus zu entfliehen, doch überall drängten ihm blindwütige, schreckliche Tierköpfe entgegen, und das durchdringende dröhnende Heulen betäubte ihn schier. Nur ein einziger Knecht fasste sich: Er bändigte die Wasserbüffel und band sie am Duwal fest.

Erst jetzt merkte der Bei, dass weder der Schaitan noch ein Erdbeben, sondern die verhexten Büffel das Haus mitten in der Nacht in Aufruhr versetzt hatten. Er legte sich wieder auf seine Koschma, wälzte sich aber noch lange von einer Seite auf die andere, bevor er endlich einschlief. Gjul kuschelte sich wieder in ihre Decke aus feiner Atlasseide, die Töchter schliefen ein auf ihrer weichen Matte, und das Kind träumte in seiner Holzwiege. Doch der dicke Mamed und seine Familie sollten sich nicht lange ihrer Ruhe erfreuen. Miteins huben im Hof die Schafe zu mähen an, die Kamele schrieen, und die Maulesel trompeteten laut. Dem Hausherrn schien, als sei der Himmel auf die Erde gestürzt. Er sprang auf und schrie: »Das ist jetzt wirklich ein Erdbeben! Spürt ihr, wie die Erde unter unseren Füßen wankt?!« Alle rannten in den Hof und sahen, dass die Mauer, hinter der das Vieh des Beis stand, eingestürzt war. Schafe, Maulesel und Kamele aber flohen schreiend, kreischend, heulend vom Anwesen des Beis. Die Arba, auf der gerade erst Tonkrüge angefahren worden waren, lag umgekippt mitten im Hof, und die klirrenden Tonscherben waren über die Erde verstreut. Auf dem Hof aber jagten wie wild geworden die verhexten Wasserbüffel umher. Schaum stand ihnen vor den Mäulern, und sie zertrümmerten alles, was ihnen unter die Hufe geriet. Der Reiche kreischte mit sich überschlagender Stimme: »Verfluchte Wasserbüffel! Wasserbüffel wie der schwarze Wind! Ungeheuer wie Pest und Sturm! Die Stunde sei verflucht, da ich euch in mein friedliches Haus getrieben habe!« Die Frauen weinten und schrieen: »In diesen Büffeln wohnt der Schaitan! Vater, treib die Tiere weg, jag sie fort, sonst finden wir noch alle den Tod!« Da beschloss der Bei: Ich will nichts bei dem Geschäft verlieren. Ich gebe dem Alten die Wasserbüffel zurück und fordere von ihm Geld für die Gerste. Er nahm einen Stecken und trieb die Wasserbüffel vom Hof.

Doch nun höre, was dem Alten und seinem Weib widerfuhr. Die beiden alten Leutchen saßen die liebe lange Nacht auf der Schwelle ihrer Kibitka. Sie konnten keinen Schlaf finden und mussten nur fortwährend an ihren kleinen Sohn denken. Sang der Alte: »Wo bist du mein Söhnelein,
Gewandt und stark
Wie Adler und Leopard?«
Sein Weib sang: »Fortgezogen ist mein Söhnelein,
Schön wie ein Blümelein
Und der liebe Sonnenschein!«
Dann sangen beide gemeinsam: »Kehre zurück, Söhnelein,
Haben auf der weiten Welt nur dich allein!«
Miteins hörten sie. wie jemand laut ans Hoftor pochte. Der Alte fragte: »He, wer klopft zu so später Stunde ans Tor?« Mamed schrie durch den Duwal, denn es war kein anderer als er, der da Einlass begehrte: »Ich bin's, guter Nachbar. Du tatest mir so leid, drum bringe ich dir deine wundersamen Wasserbüffel zurück. Du kannst mir für die Gerste ja auch Geld zahlen.« Der Alte wusste nicht, was er dem Reichen erwidern sollte, und ging das Tor öffnen. Doch da hörte er, wie ihm jemand etwas ins Ohr wisperte, und er erkannte die Stimme von Jarty-gulak: »Ata-dshan, nimm die Tiere auf keinen Fall zurück!«

Der Alte verneigte sich also tief vor dem späten Gast und sagte: »Ach, mein Bei! Woher soll ein armer Mann Geld nehmen? Wir hatten uns doch geeinigt: Ich habe Gerste von dir bekommen, und du hast dir die Wasserbüffel genommen. So benutze sie denn nach Herzenslust.«

»Wach, wach!« schrie der Bei. »Du hast mich zwar an den Bettelstab gebracht, aber ich fasse mich in Geduld und will warten, bis du mir die Schuld nach der neuen Ernte zurückzahlen kannst.« Der Alte erkannte die Hinterlist des Beis und schüttelte ablehnend den Kopf: »Nein, nein! Ich will lieber in einen Kessel mit siedendem Wasser springen, als in dein Joch geraten. Du hast die Tiere bekommen, und nun sind wir quitt!« Also antwortete der Alte dem Bei und lachte sich insgeheim in den Bart, der Reiche aber hub zu stöhnen an: Er konnte doch nicht mit den verhexten Wasserbüffeln heimwärts ziehen!

Endlich sagte er zu dem Alten: »Ich bin ein guter Mensch. Ich schenke dir diese Tiere, doch sei meiner Großherzigkeit stets eingedenk und künde in allen Häusern und auf allen Wegen von meinen guten Taten!« Diese Worte verblüfften den Alten, und er wollte schon einwilligen, doch Jarty flüsterte ihm abermals ins Ohr: »Nimm die Wasserbüffel auf keinen Fall, Ata-dshan!« Da verneigte sich der Alte noch tiefer vor dem Bei und sprach: »Wie soll ich das Vieh zurücknehmen, für das ich kein Geld zahlen kann! Alle Nachbarn werden mich mit Recht für einen Dieb und Halsabschneider halten! Wenn ich ihnen noch sage, der Bei selbst habe sie mir geschenkt, so werden sie es mir nicht glauben! Nein, mag alles beim alten bleiben. Treibe die Wasserbüffel heim auf deinen Hof und störe nicht meinen nächtlichen Frieden.« Also sprach der Alte und ging in die Kibitka. Er schob den Teppich, der ihm die Tür ersetzte, vor den Eingang, und sein Weib kochte Fleischbrühe für ihren lieben Sohn. Doch Jarty war nicht mehr daheim.

Nun höre, was mit dem dicken Bei geschah. Der Wolf ist gierig, doch der Bei ist noch gieriger. Er wollte die Wasserbüffel nicht einfach am Wegesrand stehen lassen, er wollte sie nicht in die Wüste jagen, sondern wollte für sie viel Geld erhalten. Drum beschloss er: Ich will die Tiere im Maulbeerhain hinter dem Aul verstecken, morgen verkaufe ich sie dann auf dem Basar. Der Bei trieb die Wasserbüffel also weiter. Natürlich sah er Jarty-gulak nicht, der wieder auf seinem Lieblingsplatz zwischen den Hörnern der Tiere thronte. Wenn der Bei gewusst hätte, dass auf den Wasserbüffeln ein Knabe saß, so hätte er begriffen, warum die Tiere nach rechts trabten, wenn er sie nach links lenkte. Er hätte gewusst, warum die Wasserbüffel zurückliefen und ihm mit ihren riesigen gewundenen Hörnern bedrohten, wenn er versuchte, sie mit dem langen Stecken vorwärts zu treiben. So zogen sie denn ihre Kreise durch den Aul, bis der Morgen graute, und kamen natürlich gar nicht in den Maulbeerhain. Der Bei war schließlich völlig erschöpft, er setzte sich an den Wegrand und brach vor Ärger und Müdigkeit in Tränen aus.

Nun hatte er sich ausgerechnet vor dem Weingarten des Mullahs niedergelassen. Der aber war mürrisch und konnte lauter schreien als hundert alte Weiber. Die Wasserbüffel drängten sich an die Rebstöcke und labten sich an den jungen Blättern und Blüten. Alsbald kam der Mullah aus seinem Haus gerannt und schrie den Bei an. Er hob die Hände zum Himmel und heulte wie ein Schakal: »Oh Ruchloser! Du hast dich mit dem leibhaftigen Schaitan eingelassen! Diese Tiere werden noch dich und deine Enkel, deine Kinder und deine Urenkel verderben, so wie sie heute meinen Weingarten verdorben haben! Töte sie oder bezahle mir für die Weintrauben. Wenn du das nicht tust, so wird Allah im Jenseits sein Haupt von dir abwenden!«

Das Geschrei des Mullahs weckte den Aul. Die Leute liefen herbei und begannen laut untereinander zu streiten: Die einen riefen, der Mullah habe recht, die anderen riefen, der Bei trage keine Schuld, und beide Parteien konnten sich nicht einig werden. Alle zusammen aber hatten die Wasserbüffel völlig vergessen.

Die hungrigen Tiere traten an den Bei heran und begannen am Saum seines prächtigen seidenen Chalats zu knabbern. Sie glaubten, es sei kein grüner Chalat, sondern Tscherkes - ein Strauch, der im Frühling grün und saftig ist. Während die Menschen also miteinander stritten, hatten die Büffel den Chalat schon zur Hälfte vertilgt. Da erst sahen alle, was mit dem ehrwürdigen Bei geschehen war. Die Menschen hörten auf, miteinander zu streiten und brachen in Lachen aus. Selbst die bettelärmsten Männer lachten über den stolzen Bei! Niemals zuvor hatte der vornehme Reiche eine ähnliche Schande erlebt! Er kreischte vor Wut, ergriff den Stecken und trieb die Wasserbüffel in die Sandwüste. Doch wie soll man seinem Unglück entgehen, wenn es einem im Nacken sitzt!

Als der dicke Bei die Tiere in das Wüstenmeer getrieben hatte, zog er seine Kamtscha mit dem geschnitzten versilberten Griff und begann auf die Büffel einzuprügeln, damit sie sich trollten. Er weinte abermals vor Ärger, denn es war ihm leid um die Tiere, für die er auf dem Basar viel Geld bekommen hätte. Dann wischte er sich mit dem Ärmel die Tränen ab und schleppte sich zu seinem Hof. Als der Bei hundert Schritte gegangen war, drehte er sich um, um zu sehen, wie weit die Wasserbüffel in die Wüste gezogen seien, doch da musste er feststellen, dass die verhexten Tiere seelenruhig seinen Spuren folgten.

Der Bei schrie, fuchtelte mit den Armen und rannte von dannen. Auch die Büffel begannen zu traben. Als er sich nach rechts wandte, wandten sich auch die Büffel nach rechts. Als er sich nach links wandte, wandten sich auch die Büffel nach links! Die Sonne stand schon hoch am Himmel, die drei aber rannten noch immer durch die Wüste. Endlich kam der Bei auf eine List: Er hockte sich wie ein Hase hinter einen Barchan, alsdann versteckte er sich hinter einem Tscherkes-Strauch. Doch sofort standen die Wasserbüffel vor ihm und knabberten voller Genuss an den frischen grünen Blättern. Der dicke Bei floh auf allen Vieren wie eine Schildkröte, er kroch wie eine Eidechse durch die Wüste und verbarg sich auf dem Grund eines ausgetrockneten Aryks. Als er den Kopf hob, sah er, dass die störrischen Tiere ihn ganz aus der Nähe anstarrten. Drei Tage währte die Verfolgung. Drei Tage und drei Nächte irrte der Bei durch die Wüste. Was immer er sich auch überlegen mochte, was immer er auch unternehmen mochte, um sich von den verfluchten Tieren zu befreien - er grub sich bis über den Kopf im Sand ein, er erklomm die Mauern alter Türme, die wie finstere Wachtposten in der Wüste stehen, er sprang in steinerne Brunnen, doch nirgendwo konnte er den wundersamen Wasserbüffeln entgehen. Der dicke Bei wurde dünn wie ein Holzspan, dünn wie ein Kissen, aus dem man alle Federn geschüttet hat, dünn wie ein Burdjuk, aus dem man den Wein bis zum letzten Tropfen gegossen hat. Seine Kleider hingen in Lumpen an seinem hageren Körper herab. Er setzte sich in den Sand und heulte wie eine Hyäne: »Wach, wach! Es gibt kein Unglück auf der Welt, das dem meinen gleicht! Will zu dem Alten gehen, will mich ihm zu Füßen werfen, will ihm meinen fettesten Hammel versprechen, wenn er mich nur von diesen störrischen Untieren befreit!« Und der Bei hastete zum Hause der alten Leute.

Wie stets waren der Alte und sein Weib frühzeitig am Morgen erwacht. Sie breiteten auf dem Hof ihre Koschma aus, setzten sich nieder, tranken Tee und aßen heiße Tschureks. Plötzlich sprang die alte Frau auf. Die Piale mit dem heißen Tee fiel ihr aus der Hand, und sie rief ängstlich: »Wach! Schau, Mann, ein Wegelagerer dringt in unseren Hof!« Der Alte blickte auf und sah hinter dem Duwal einen Furcht erregenden Menschen. Abwehrend hob der Alte die Arme: »Wer du auch immer sein magst, du Unhold, lass die Armen in Frieden und ziehe deines Weges!«

»Ich bin kein Unhold, bin vielmehr Mamed-aga, dein unglücklicher Nachbar«, erklang hinter dem Duwal eine schwache Stimme. Dann öffnete sich das Tor, doch der Alte erkannte Mamed nicht wieder: Sein Gesicht war zerkratzt, und der prächtige Chalat hing in Fetzen um seinen knochigen Körper. »Erbarme dich, guter Mann!« wehklagte der Reiche. »Nimm deine Wasserbüffel zurück, nimm sie sofort! Ich will dir zur Belohnung auch den fettesten Hammel aus meiner Herde geben.« Also sprach der Bei und wies auf die Tiere, die friedlich am Duwal standen. Der Alte wollte schon einwilligen, doch Jarty-gulak kletterte auf des Vaters Schulter und wisperte: »Drei Hammel, Ata!« Der Alte sprach ihm nach: »Drei Hammel, ehrwürdiger Bei!« Der Reiche flehte: »Wach, wach! Warum forderst du nicht gleich mein ganzes Anwesen? Willst du mich ruinieren?«

Doch der Alte blickte den Reichen streng an: »Für einen, der Dutzende von Anwesen ruiniert hat, sind drei Hammel kein allzu schmerzlicher Verlust.« Da blieb dem reichen Bei nichts übrig, er musste sich fügen. Die alte Frau bereitete für alle Nachbarn einen schmackhaften Pilaw aus den Hammeln des Beis, und der Alte lud die Armen und die Knechte des reichen Beis zum Mahl. Bis spät in die Nacht währte der Toi im Hof von Jarty-gulak. Alle schlugen sich die Bäuche voll und lachten von Herzen über den geizigen Bei. Doch nun höre, was Jarty-gulak tat. Früh am Morgen, als die Sonne noch gar nicht erwacht war, schlug Jarty die Äuglein auf. Er wusch sich mit kühlem Wasser aus dem Aryk, lief hastig zu den Wasserbüffeln und sprang auf seinen Lieblingsplatz zwischen die Hörner. Alsdann trieb er die Tiere aufs Feld, um den väterlichen Boden für die Baumwollaussaat zu pflügen. Möge Jarty nun pflügen. Möge der Dutar laut erklingen!