[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Stieftochter

Einer sagt: Das hat sich wahrhaftig zugetragen, ein anderer sagt: das ist nie geschehen, ihr aber hört, was ich euch erzähle. Einmal begab sich folgende Geschichte. Die Frau eines Daichan schenkte einer Tochter das Leben und starb kurz nach der Niederkunft. Der Mann heiratete ein zweites Mal. Auch seine zweite Frau gebar ihm eine Tochter. Die Jahre vergingen, und beide Mädchen wuchsen heran.

Die Stiefmutter mochte die Stieftochter nicht leiden, hieß sie die Kühe hüten und alle schweren Arbeiten verrichten, ihre eigene Tochter aber umhegte sie, denn sie hoffte, sie mit dem Sohn eines reichen Mannes zu vermählen. So vergingen die Tage. Ein Mädchen verbrachte die Zeit mit Muße und Faulenzerei, die andere hingegen mit Arbeit und Mühe.

Eines Tages sagte die Stiefmutter zu ihrer Stieftochter: »Möge dich doch die Erde verschlingen, du Nichtstuerin! Warum reinigst du so wenig Baumwolle, wenn du die Kühe hütest?« Sie schleppte einen riesengroßen Ballen Baumwolle herbei und sprach: »Wenn du bis zum Abend dies alles nicht von den Samen reinigst, so komm erst gar nicht heim! Achte darauf, dass kein einziges Samenkorn verloren geht und dass keine einzige Baumwollfaser vom Winde davongetragen wird!« Das Mädchen wälzte sich den Ballen auf den Rücken und trieb die Kuh mit dem Kälbchen zur Weide. Immer tiefer beugte sich das Mädchen unter der schweren Last und weinte leise vor sich hin: »Wie soll ich an einem einzigen Tag nur so viel Baumwolle verlesen? Das schaffe ich nicht einmal in zwei Tagen!« Das Kälbchen vernahm ihre Klagen und sprach: »Weine nicht, Aibibi, ich will dir in deiner Not beistehen. Sobald wir auf die Weide kommen, rupfe ich Gras, um meinen Hunger zu stillen, und will dann die Baumwolle kauen und reinigen.«

Gesagt getan. Als das Kälbchen am Gras seinen Hunger gestillt hatte, schüttete das Mädchen vor ihm die Baumwolle aus, und das Tier begann zu kauen. Das Mädchen sammelte jedes Häuflein gereinigte Baumwollfasern und jedes Samenkorn auf und sortierte sie in eigens dafür bestimmte Säcke. Abends brachte sie beide Säcke heim und gab sie der Stiefmutter. Die Stiefmutter erstaunte die Gewandtheit der Stiertochter, und so gab sie ihr am anderen Morgen einen ebenso großen Ballen wie tags zuvor. Sie sagte: »Wenn du so flink bist, macht es dir sicher nichts aus, die Baumwolle zu reinigen und die Fasern zu spinnen. Schaffst du es nicht, so komm erst gar nicht heim!« Aibibi lud sich den schweren Ballen auf den Rücken und ging weinend auf die Weide. »Weine nicht, Aibibi.« Das Kälbchen suchte sie zu trösten. »Ich kann nicht nur Fasern von Samenkörnern scheiden, ich kann auch mit der Zunge den Faden zwirnen.« Nachdem es sich nach Herzenslust am frischen Gras erquickt hatte, machte sich das Kälbchen ans Werk. Bald hingen aus seinem Mäulchen fein gezwirnte Fäden, und das Mädchen wickelte große Garnknäuel auf. Gegen Abend war das Tagewerk vollbracht, und Aibibi brachte der Stiefmutter das fertige Garn. Wieder verblüffte die Stiefmutter die Gewandtheit der Stieftochter. Am nächsten Morgen gab sie dem Mädchen abermals einen riesigen Ballen Baumwolle und befahl ihr, am Abend das fertige Garn heimzubringen.

Nachdem sich das Kälbchen am Gras gestärkt hatte, machte es sich ans Werk und noch vor Sonnenuntergang hatte das Mädchen das Garn aufgewickelt. Doch da brach unversehens ein Sturmwind los, packte ein Knäuel und trieb es den schmalen Gebirgspfad entlang. Das Mädchen wusste, dass die Stiefmutter das gesponnene Garn abwiegen würde. Deshalb eilte sie dem Knäuel nach. Es rollte jedoch immer rascher über die Felder und durch die Aryks, bis es zu einer einsamen Kibitka gelangte, über die Schwelle sprang und darin verschwand.

Das Mädchen schaute in die Kibitka und erblickte auf einer Koschma eine Greisin mit zerzaustem grauem Haar. »Ene-dshan«, wandte sich das Mädchen an die alte Frau. »Ich wünsche dir Gesundheit und ein langes Leben! Mein Garnknäuel ist in deine Kibitka gerollt. Wenn ich es nicht heimbringe, wird mich die Stiefmutter aus dem Hause jagen.« Antwortete die Greisin: »Dein Knäuel liegt in der Truhe, Töchterchen! Hol es heraus und ziehe in Frieden heim.« Das Mädchen näherte sich der Truhe, öffnete den Deckel und erstarrte vor Staunen: Die Truhe war mit Gold- und Silberschmuck und mit Edelsteinen gefüllt. Die Greisin saß mit dem Rücken zur Truhe. Doch das Mädchen berührte nichts, holte vielmehr nur sein Garnknäuel heraus und nahm Abschied von der Greisin. »Verweile noch ein wenig, mein Kind«, bat die alte Frau. »Schließe mir zuerst den Rauchfang, meine Kraft reicht nicht mehr dafür.« Das Mädchen streckte seine Hand nach der Schnur aus, um den Rauchfang mit einem Filz zu schließen, doch da es ihr nicht gelingen wollte, legte sie das Knäuel auf den Boden und schob mit Mühe den Filz zurecht. »Jetzt reiße mir alle Haare aus«, sagte die Greisin, »ich möchte nicht länger so zerzaust umhergehen.« Das Mädchen brachte Wasser im Kessel zum Sieden, wusch der alten Frau den Kopf und strähnte ihr Haar. »Kind«, sagte die Alte, »ich lass dich ziehen, wenn du mir mein Geschirr zerschlägst, die Truhe zersägst, die Bettdecke zerschneidest und die Wolle herauszerrst.«

»Wie du meinst, Großmutter«, gab das Mädchen zur Antwort und wusch also gleich das Geschirr, säuberte die Truhe und schüttelte alle Decken und Kissen der alten Frau auf.

Nachdem sie die Kibitka aufgeräumt hatte, sagte sie: »Ene-dshan, nun lass mich heim, sonst geht die Kuh ohne mich von der Weide. Wenn sie die Saat niedertrampelt, lassen es mich die Stiefmutter und Vater entgelten.«

»Schön, mein Kind«, entgegnete die Alte. »Ziehe in Frieden dahin. Zuerst kommst du an einen Aryk und später an einen breiten Jap. Wasche im Aryk dein Antlitz und spüle dein Kleid, durch den Jap aber laufe rasch hindurch und schließe dabei fest die Augen. Nun geh, mein Kind.« Das Mädchen trat ans Tageslicht, da war die Kibitka verschwunden. Mutterseelenallein stand das schöne Kind in der Wüste. Es schritt aufs Geratewohl aus, erblickte alsbald einen so schmalen Aryk, dass man ihn leicht überspringen konnte. Das Mädchen ließ sich jedoch am Ufer nieder, wusch sich Gesicht und Hände und spülte sein verschlissenes Kleidchen. Dann ging es weiter fürbass und erblickte unvermittelt vor sich einen breiten Jap. Es kniff die Augen fest zusammen und lief rasch hindurch. Als es die Lider hob, lag vor ihm die Weide, auf der die Kuh mit dem Kälbchen ihrer harrte. Das Mädchen sammelte flugs seine Garnknäuel ein und trieb Kuh und Kälbchen heim.

Als die Stiefmutter Aibibi erblickte, sperrte sie vor Staunen den Mund weit auf: Vor ihr stand eine holde Jungfrau im seidenen Kleid und ihr mit Edelsteinen besetzter Gold- und Silberschmuck funkelte im Abendsonnenschein. »Wo hast du das alles her, mein Geißlein«, fragte sie mit gespielter Schmeichelei die Stieftochter. Das Mädchen glaubte, die Stiefmutter meine es ehrlich, und gestand, dass an allem der Wirbelwind schuld gewesen sei, der ein Garnknäuel gepackt und es bis zur Kibitka der einsamen alten Frau gejagt hatte.

Anderntags hieß die Stiefmutter die Stieftochter daheim bleiben, um ihre eigene Tochter auf die Weide zu schicken. Sie gab ihr frische Fladen und ein Garnknäuel und sprach: »Bleib so lange auf der Weide sitzen, bis der Wirbelwind dein Garnknäuel forttreibt. Wenn es davon rollt, so lauf hinterdrein.«

»Ich will aber nicht die Kuh weiden!« schrie die Tochter. »Mag Aibibi das tun! Wenn du mich zur Hirtin machst, wird mich kein einziger Beisohn zum Eheweib wollen!« Freundlich hub die Mutter an, ihr zuzureden: »Meine kleine dumme Gazelle, ich will doch nur dein Glück! Sollst nur einen einzigen Tag auf der Weide sitzen, dann wird dich die Alte noch reicher beschenken, als Aibibi.« Die Tochter überwand ihre Faulheit und trieb die Kuh mit dem Kälbchen auf die Weide. Das Bündel mit den frischen Fladen und dem Garnknäuel erschien ihr jedoch über die Maßen schwer, und sie beschloss, es sich leichter zu machen. Doch da es ihr leid tat, die Fladen an die hungrigen Tauben, die auf den Bäumen saßen, zu verteilen, wickelte sie vom Garnknäuel lange Fäden, riss sie ab und hängte sie auf die Steine am Wegesrand und an die Zweige der Feldulmen. So gelangte sie zu einem Schatten spendenden Baum. Gras für Kuh und Kälbchen wuchs dort zwar nicht, doch das Mädchen ließ sich erleichtert unter dem Baum nieder und legte das halbabgewickelte Garnknäuel neben sich. Dann verzehrte es die Fladen. Als der Tag sich neigte, war die Tochter der Stiefmutter unter dem Baum ausgeschlafen und wollte sich schon auf den Heimweg machen, als plötzlich ein Wirbelwind aufkam, ihr kleines Knäuel packte und es auf einem schmalen Pfad vor sich hintrieb. Das Mädchen erinnerte sich der Ermahnungen der Mutter, lief dem Knäuel nach und gelangte an eine einsame Kibitka.

Als es eintrat, erblickte es eine zerzauste alte Frau. Das Mädchen erschrak und wollte sich zum Gehen wenden, aber die Alte fragte: »Kindchen, was suchst du hier?«

»Was fragst du, als hättest du nichts gesehen!« erwiderte die Tochter der Stiefmutter. »Mein Garnknäuel ist in deine Kibitka gerollt.«

»Dort in der Truhe findest du dein Knäuel«, bedeutete ihr die alte Frau. Die Tochter der Stiefmutter hob den Deckel der Truhe an und sah, dass sie mit Gold- und Silberschmuck und mit Edelsteinen gefüllt war. Der Schmuck stach ihr so in die Augen, dass sie heimlich ein paar Schmuckstücke nahm und unter der Achsel verbarg. Dann holte sie das Garnknäuel aus der Truhe und wollte rasch davonlaufen. Doch die alte Frau hielt sie zurück: »Kind, eile nicht so, fort zu kommen. Schließe mir zuerst den Rauchfang.« Da die Tochter der Stiefmutter schnell fortwollte, zerrte sie mit beiden Händen an der Schnur. Da rutschten ihr die Schmuckstücke, die sie aus der Truhe gestohlen hatte, auf den Boden. Die alte Frau hob sie auf und sprach: »Jetzt reiße mir all meine Haare aus, Kind.« Die Tochter der Stiefmutter war so wütend über die Alte, dass sie ihr das Haar büschelweise ausriss. Als die alte Frau kein einziges Haar mehr auf dem Kopf hatte, sagte sie ruhig: »Jetzt zerschlage all mein Geschirr, Kind, zersäge meine Truhe, trenne die Kissen und Decken auf und zerre das Wolle heraus.« Diesen Wunsch der verhassten alten Frau erfüllte die Tochter der Stiefmutter mit größter Freude und, als in der Kibitka alles zerbrochen, zerrissen und ausgestreut herumlag, sprach die alte Frau: »Hab Dank, mein Kind. Möge dein Glück aus demselben Gold sein wie dein Herz! Ich will dir Schönheit schenken. Auf dem Heimweg gelangst du an einen Aryk. Schließe fest die Augen und spring rasch über ihn hinweg. Dann kommst du an einen breiten Jap. Wasche Gesicht und Hände in seinen Wellen und spüle dein Kleid in seinem Wasser. Wenn du heimkommst, so sage zu deinem Vater: ›Halt fest!‹ und zu deiner Mutter: ›Schneid ab!‹«

Die Tochter der Stiefmutter trat aus der Kibitka und lief davon, so rasch sie ihre Füße trugen. Als sie den Aryk erreichte, kniff sie die Augen zusammen und sprang hinüber, wie die alte Frau sie geheißen, am Jap aber setzte sie sich nieder, wusch Gesicht und Hände und spülte ihr Kleid. Kuh und Kälbchen waren inzwischen allein von der Weide heimgetrottet. Als die Tochter so lange nicht heimkehrte, ging die Stiefmutter gemeinsam mit ihrem Mann das Mädchen suchen. Bald kam sie ihnen entgegen in einem verschlissenen Kleid. Als die Eltern ihr ins Gesicht blickten, erschraken sie über die Maßen: Aus der Stirn des Mädchens wuchs ein Eselsohr. Die Mutter brach in heftige Tränen aus, dem Vater aber verschlug es vor Staunen die Sprache. So kehrten sie heim. Die Tochter der Stiefmutter erblickte sich im Spiegel und begann vor Schreck zu kreischen: »Vater, halt fest! Mutter, schneid ab!« Der Vater packte die Tochter beim Eselsohr, und die Mutter schnitt es mit einem Messer ab. Doch alsbald wuchs der Tochter auf der Stirn ein neues fellbedecktes Ohr. Sooft sie es abschneiden mochten, es wuchs stets nach, und das Mädchen blieb verunstaltet.

Die Stiefmutter hasste fortan die schöne Stiertochter noch mehr als zuvor. Sie erriet, dass das Kälbchen dem Mädchen beigestanden hatte. Deshalb sagte sie eines Tages zu ihrem Mann: »Unser Kalb ist groß und kräftig geworden. Wir könnten es eigentlich schlachten.« Der Mann widersprach nicht. Aibibi begann laut zu weinen. Sie ging zum Kälbchen und sagte unter Tränen: »Lieber Freund, die böse Stiefmutter hat befohlen, dich zu schlachten! Ich weiß einfach nicht, wie ich dich retten kann!«

»Sei nicht betrübt, gute Aibibi«, erwiderte das Kälbchen. »Hör zu, was ich dir sage. Wenn sie mich schlachten und das Fleisch verzehren, so sammle meine Knochen ein und verstecke sie auf dem Hof in dem verfallenen Tamdyr, dem Ofen, in dem die Stiefmutter früher Fladen gebacken hat. Wenn du einmal besonders traurig bist, so komm dorthin und betrachte meine Knöchelchen, dann wird dir leichter ums Herz.« Am selben Abend noch schlachtete der Vater das Kälbchen, und die Stiefmutter dünstete das Fleisch in einem großen Kessel. Aibibi konnte nicht mit ansehen, wie der Vater, die Stiefmutter und die Schwester das Kälbchen verspeisten. Weinend ging sie in die Kibitka. Als die anderen schließlich gesättigt die Knochen in den Hof warfen, sammelte das Mädchen sie ein und versteckte sie in dem verfallenen Ofen, in dem die Stiefmutter früher Fladen gebacken hatte.

Ein paar Monate gingen ins Land. Einmal, an einem Feiertag, legte Aibibi das seidene Kleid mit dem Goldschmuck an und erging sich im Freien. Just zu dieser Zeit war der Sohn des Padischahs in der Nähe auf Jagd. Er erblickte die holde Jungfrau, ihm schien, als erstrahle die Sonne über der Erde, und er entbrannte in heftiger Liebe zu ihr. Als der Sohn des Herrschers in den Palast zurückkehrte, sagte er zum Padischah: »Vater, ich bin zu dem Mädchen Aibibi in Liebe entbrannt. Wenn du mich nicht mit ihr vermählst, so sterbe ich vor Kummer.« Der Padischah war bereit, seinen Sohn mit Aibibi zu vermählen und schickte Brautwerber zu ihrem Vater. Der Tag der Hochzeit rückte heran, und eine Kamelkarawane mit Geschenken wurde ausgeschickt, um das Mädchen an den Hof des Padischahs zu bringen. Die Stiefmutter setzte indes ihrem Mann zu: »Erst müssen wir die hässliche Tochter verheiraten, die schöne nimmt sowieso ein jeder.« Der Mann war es zufrieden, und die Stiefmutter nahm der Stieftochter das seidene Kleid mit dem Goldschmuck fort, schmückte hastig die eigene Tochter, schnitt ihr das Eselsohr von der Stirn, verhüllte ihr Antlitz und setzte sie auf das geschmückte Kamel.

Am selben Abend noch führten sie die Braut in das Schlafgemach des Bräutigams. Als der Sohn des Padischahs ihr ins Antlitz schauen wollte, wandte sie sich verschämt ab und begann hastig das Eselsohr, das ihr auf der Stirn nachgewachsen war, abzuknabbern. »Weshalb schaust du mich nicht an?« fragte der Sohn des Padischahs. »Ich schäme mich!« erwiderte die Missgestalt. »Und was kauest du da?«

»Mutter hat mir etwas geröstete Weizenkörner mitgegeben, damit ich unterwegs nicht so traurig bin«, antwortete sie. »Gib mir auch ein paar Körner«, bat der Sohn des Padischahs. »Ich esse gerösteten Weizen für mein Leben gern.«

»Ich habe schon alles verzehrt«, entgegnete die Missgestalt hastig.

Nachts träumte der Sohn des Padischahs, er schlafe in der Umarmung einer Eselin. Voller Schreck erwachte er und spürte ein Eselsohr unter seinem Kopf. »Das ist also kein Traum!« schrie er und schlug das Eselsohr mit seinem Schwert ab, doch es wuchs alsbald nach. Da musste die Tochter der Stiefmutter dem Sohn des Padischahs alles gestehen. Der erzürnte Bräutigam befahl, die Missgestalt unverzüglich ihren Eltern zurückzubringen und ihm die richtige Braut zuzuführen. Die ausgesandten Jessaule brachten der Stiefmutter die Tochter zurück und fragten drohend: »Wo hältst du die Braut des Padischah-Sohnes verborgen?« Die Stiefmutter wurde schwarz vor Wut und schrie: »Wenn der Sohn des Padischahs gewillt ist, ein Mädchen zu ehelichen, das nach Mist stinkt, dann sucht sie nur auf der Weide, wo sie die Kuh hütet!« Die Jessaule machten sich auf die Suche nach dem Mädchen und brachten sie heim, auf dass sie sich umkleide. Doch außer dem seidenen Kleid, das die Stiefmutter ihr abgenommen hatte, besaß Aibibi nichts. So blieb sie in ihrem verschlissenen Kleidchen.

Bevor die Jungfrau das Vaterhaus auf immer verließ, ging sie zum Tamdyr, um Abschied zu nehmen von den Knöchelchen des Kälbchens. Als sie in den Ofen schaute, erblickte sie jedoch statt der Knöchelchen ein silberbesticktes, mit Gold und Edelsteinen besetztes, rotseidenes Gewand. Als die schöne Aibibi in den Palast gebracht wurde, schloss der Padischah für einen Augenblick gar die Augen, so schön war die Braut. Er befahl zum Hochzeitsfeste zu rüsten, und es währte vierzig Tage und vierzig Nächte. Auch ich war zu diesem Festmahl geladen. Die Dienerinnen haben mir eine Platte mit Pilaw und eine Hammellende in den Hof getragen. Als ich heimwärts wankte, stolperte ich und verstreute den Pilaw im Sande. Kam ein Hund gerannt, packte das Lendenstück und trug es fort. So kam ich von der Festtafel hungrig in euren Ort.