[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Schildkröte mit Uantu bei den Geistern

Die Schildkröte und Uantu hatten ihre Pflanzung einmal in der Nähe eines großen Baumwollbaumes angelegt. Als die beiden sich eines Abends dort länger als gewöhnlich aufhielten, hörten sie, wie die Geister der Verstorbenen auf einem Horn bliesen und sangen: »Baumwollbaum, öffne dich, wir wollen in unser Haus!« Darauf öffnete sich der Stamm, die Totengeister traten ein, und der Baum schloss sich wieder. So ging das nun Abend für Abend, bis die Schildkröte eines Tages sprach: »Lass uns doch einmal nachsehen, was für ein Haus die Geister dort im Baum haben.« Sie blies auf einem Hörn und sang, wie sie es von ihnen gehört hatte. Sogleich tat der Baum sich auf, die Schildkröte ging mit Uantu hinein, und der Baum schloss sich hinter ihnen. Sie befanden sich in einem großen, gut eingerichteten Haus und nutzten die Gelegenheit, sich etwas zu essen zu bereiten, denn sie waren hungrig. Aber sie hatten ihr Mahl kaum beendet, da hörten sie die Totengeister auf ihrem Horn blasen. Schnell legte sich die Schildkröte auf den Mahlstein, zog Kopf und Beine ein und glich nun vollkommen dem Stein, den man zum Mahlen benutzt. Uantu aber versteckte sich auf dem Hausboden.

Nun betraten die Geister ihr Haus, und gleich sagte einer: »Pfui, hier riecht es nach dem Körper eines Kaufmanns!« Dann wurde Sesam geröstet. Einer der Geister fing an, ihn auf dem Mahlstein zu zerreiben, griff sich die Schildkröte und wälzte sie wie einen Reibstein kräftig auf dem Sesam hin und her. Das wurde der Schildkröte aber bald zuviel, sie konnte es kaum aushallen und fing an zu stöhnen: »Oh, mein Rücken, oh, mein Rücken!« Der Geist, der die Schildkröte hin und her wälzte, wunderte sich über diese Töne, und es dauerte nicht lange, da standen alle anderen um ihn herum und betrachteten den stöhnenden Stein. Als die Schildkröte sich schließlich entdeckt wusste, streckte sie Kopf und Gliedmaßen wieder heraus und sagte: »Glaubt nur nicht, ich wäre allein hier, schaut auf dem Boden nach, dort findet ihr noch jemanden.« So kam auch Uantu zum Vorschein, und die Geister setzten ihn neben die Schildkröte.

Während sie beratschlagten, was mit den Eindringlingen geschehen sollte, flüsterte die Schildkröte Uantu zu: »Was sollen wir nur tun, wir kennen doch den Zauber nicht, der das Haus öffnet!« Aber bald war ihr etwas eingefallen. Sie fragte die Geister, ob sie von der Salzherstellung noch Salzstein übrig hätten. »Jawohl, wir haben noch etwas«, erhielt sie zur Antwort. »Dann gebt mir von dem Salzwasser zu trinken!« Die Geister gossen ihr Salzwasser ein und wunderten sich sehr, dass die Schildkröte das salzige Wasser zu trinken vermochte. »Trinkst du das immer?« fragten sie. »Ja, sicher, ich trinke das täglich. Kennt man es erst einmal, schmeckt es sehr gut und ist überaus bekömmlich für den Magen.«

»Dann zeig uns doch, wie man es trinken muss«, meinte einer der Geister. Die Schildkröte erklärte: »Das will ich tun, aber man braucht dazu einen ganz bestimmten Zauber. Ich- kann ihn euch zeigen, aber ihr dürft nicht schreien, auch nicht, wenn es weh tut. Und ihr dürft euch nicht beunruhigen, wenn ihr wie tot ausseht. Mit einem zweiten Zauber lasse ich euch dann schon wieder aufstehen.« Dann schärfte sie ihr kleines Messer und machte sich an die Arbeit. Indem sie vorgab, den ersten für das Salzwassertrinken vorzubereiten, fuhr sie ihm mit dem Messer in den Mund und - schnitt ihm von innen die Kehle durch. Den anderen Geistern erging es ebenso, und alle ließen es ruhig mit sich geschehen. Schließlich war nur noch ein kleiner Junge übrig, den die Schildkröte nicht zu fürchten brauchte. Als der Junge nicht heran wollte, weil er sah, dass den anderen das Blut aus dem Mund floss, herrschte sie ihn an: »Öffne uns sofort die Tür, sonst töte ich auch dich, wie deine Leute!« Da fürchtete sich der Junge, blies auf dem Hörn und befahl dem Baumwollbaum, sich aufzutun. Das geschah, und so waren die Schildkröte und Uantu wieder frei. Den Jungen aber nahmen sie mit. Nie wieder konnte er in den Baumwollbaum zurückkehren, denn der Zauber war für immer zerstört.