[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Rohrratte und der Breibaum

Während einer Hungersnot suchte die Rohrratte einmal einen Geist auf. Sie traf aber nur dessen Kind an, der Geist selber war in den Wald gegangen. Die Rohrratte fragte nun: »Was hat deine Mutter dir denn zu essen dagelassen?« Das Kind zeigte darauf der Rohrratte, was es hatte. Die Rohrratte riss die Mahlzeit an sich und verschwand. Das Kind saß nun da und musste hungern. Als das Kind des Geistes wieder einmal allein zu Hause war, nahm ihm die Rohrratte ebenfalls alles weg, was an Essbarem im Hause war, na, und so ging das eine ganze Weile. Eines Tages hatte das Kind nur rohe Maniokknollen. Als die Rohrratte kam, machte sie sich sogleich daran, sie zu schälen, stellte die Knollen dann aufs Feuer, und als sie weich waren, stampfte sie Brei daraus. Die Rohrratte war eben dabei, den Brei aufzutragen, da sah sie den Geist aus dem Wald zurückkommen. Schnell griff sie sich einen Breikloß und rannte davon. An einer glitschigen Stelle rutschte sie aus und fiel hin. Aber weil der Geist sie verfolgte, ließ sie den gestohlenen Breikloß liegen und flüchtete weiter.

Zwei Wochen wagte sich die Rohrratte nun nicht aus dem Haus, dann aber zog es sie doch zu dem Brei. Sie musste nachsehen, ob er noch da war. Als sie die Stelle wieder gefunden hatte, entdeckte sie, dass der Breikloß inzwischen zu einem Baum herangewachsen war, der Früchte trug, natürlich Breiklöße. Da fing sie an zu singen: »Brei, fall herab! Ich will dich mitnehmen. Auch Anyi, meine Frau, und Abang, mein Sohn, sollen davon essen.« Da regnete es Brei vom Baum, und die Rohrratte aß, was sie konnte, und ließ weder für Abang noch für Anyi etwas übrig.

Was Anyi zu Hause gekocht hatte, ließ die Rohrratte stehen.

So ging das nun etliche Tage. Und weil Vater Rohrratte nun gar nichts mehr von dem Essen nahm, das seine Frau Anyi gekocht hatte, beauftragte sie ihren Sohn, doch herauszufinden, wovon sein Vater immer so satt wäre. Abang durchlöcherte darauf die Tragetasche, mit der sein Vater in den Wald zu gehen pflegte, und füllte sie mit Asche. Als sich der Vater das nächste Mal auf den Weg machte, fiel beim Gehen Asche auf den Weg, und Abang brauchte nur dieser Spur zu folgen, um ebenfalls zu dem Breibaum zu gelangen. Dort aber verbarg er sich, damit ihn sein Vater nicht sah. Vater Rohrratte sang sein Lied, es regnete Brei, und er aß. Abang, der all das beobachtet hatte, schlich sich davon und erzählte alles seiner Mutter.

Diesmal trat Vater Rohrratte nach seiner Heimkehr vom Breibaum zusammen mit anderen Tieren eine Reise an. Aber während der ganzen Zeit blieb er in seinem Herzen bei dem Brei, den er zurücklassen musste. Eine Woche hielten sich die Tiere in dem Dorf auf, das sie besuchen wollten, dann traten sie den Heimweg an. Kaum war Vater Rohrratte wieder von der Reise zurück, bereitete er eine Soße zu, die wollte er mit in den Wald nehmen, um endlich wieder eine wohlschmeckende Breimahlzeit zu halten. dass Anyi und ihr Sohn Abang während seiner Abwesenheit längst beim Breibaum gewesen waren und allen Brei gegessen hatten, wusste er natürlich nicht.

Die Rohrratte lief also zum Breibaum, Aber wie groß war ihr Erstaunen! Nur ein einziger Kloß hing noch am Baum! Sie sang ihr Lied, aber kein Breiregen kam hernieder. Sie sprang, so gut sie konnte, um den Breikloß abzureißen, aber sie kam nicht an den Zweig heran. Da lief das Chamäleon vorüber. Die Rohrratte rief es heran und schlug vor: »Mein Freund, klettere doch bitte auf den Baum und pflück den Breikloß ab, wir essen ihn dann gemeinsam.« Das Chamäleon war einverstanden, wollte aber die Soße mit hinauf nehmen, um beides erst einmal zu kosten. Wäre der Brei nämlich sauer, so meinte es, ließe es ihn gleich oben. Aber als es auf dem Baum war, aß das Chamäleon Brei und Soße ganz allein auf.

»Gib mir doch auch ein bisschen Brei ab«, bettelte da die Rohrratte. Aber das Chamäleon höhnte nur: »Wenn Klettern so eine Kleinigkeit ist, warum bist du dann nicht selbst auf den Baum gestiegen?« Die Rohrratte versteckte sich nun in der Nähe des Baumes, und als das Chamäleon dachte, sie wäre nach Hause gegangen, stieg es herab. Da packte die Rohrratte das Tier, warf es zu Boden und trampelte auf ihm herum.

Seht ihr, so ist es gekommen, dass das Chamäleon so schmal und hoch ist, nicht mehr so schön rund wie früher.