[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Ratschläge des alten Vaters

In fernen Zeiten lebte einstmals ein Padischah. Er war in der Welt berüchtigt für seine Grausamkeit. Er jagte alle alten Männer und Frauen hinaus in die Steppe, wo der Tod sie fand. Seither wird dieser Ort Tal des Todes genannt. Als der Vater eines Nukers, der diesem Padischah diente, alt wurde, nahm der, des Herrschers Gebot eingedenk, den alten Mann auf den Rücken und trug ihn ins Tal des Todes. Das Gehen ermüdete ihn so, dass er haltmachen musste. Er setzte sich, um zu verschnaufen, auf einen kleinen Hügel. Als er die fühllos gewordenen Schultern vorsichtig bewegte, hörte er plötzlich, wie der Vater lachte. Das verwunderte den Sohn außerordentlich. »Ata! Ich trage dich ins Tal des Todes, du aber lachst. Warum?«

»Mein Sohn, auch ich habe einst meinen Vater ins Tal des Todes getragen und just an diesem Ort Rast gemacht. Man sagt nicht von ungefähr: Lache niemals über das Unglück eines armen Nachbarn, dasselbe kann auch dir widerfahren. Wie du siehst, hat mich das gleiche Los ereilt. Deshalb lache ich jetzt.« Unsicher fragte der Sohn: »Was soll das bedeuten, Vater, mich erwartet also auch im Alter das Tal des Todes?«

»Natürlich, mein Sohn! Sobald du alt wirst, ladet dein Sohn dich auf seine Schultern und trägt dich dorthin. Und auch er wird auf diesem Hügel hier rasten.«

»Ata-dshan, ich trage dich nimmer mehr weiter. Wir wollen lieber nach Hause zurückkehren...« Da der Sohn den Padischah fürchtete, hieß er seinen Vater sich in eine Truhe legen, verschloss sie und zeigte sie keiner Menschenseele. Wenn niemand in der Nähe war, öffnete er die Truhe, gab dem Vater zu essen und zu trinken und erheiterte ihn auf jede Weise. Doch kaum näherte sich ein Mensch, so versteckte er ihn also gleich.

Eines Tages versammelte der Padischah seine Bediensteten und verkündete: »Wir wollen zur Quelle Awysemsem reisen, um vom Wasser des Lebens zu trinken. Haltet euch bereit.« Als unser Nuker heimkehrte, ließ er den Vater aus der Truhe steigen und teilte ihm die Neuigkeit mit, die er gerade beim Padischah erfahren hatte. Sprach der Vater: »Oh, mein Sohn, die Quelle Awysemsem ist nicht so leicht zu finden. Doch wenn du auf meinen Rat hörst, so will ich dich etwas Nützliches lehren.«

»Ich nehme dich mit mir, Vater. Dann wird uns fröhlicher zumute sein.«

»Gut.« Der Vater war einverstanden. »Nimm außerdem einen Fisch, einen Ochsen und Melonenkerne mit dir.« Der Nuker wälzte die Truhe, in welcher der Vater sich versteckt hielt, einem Kamel auf den Rücken, nahm den Platz im Gefolge des Padischahs ein, der ihm gebührte, und die Karawane begab sich auf den weiten Weg.

Über kurz oder lang sprach der Vater: »Bald werden wir in die Wüste kommen, mein Sohn. Wenn euch das Trinkwasser ausgeht, so lass den Ochsen vom Strick und folge ihm Schritt für Schritt. Dort, wo er stehen bleibt und beginnt mit den Hörnern das Erdreich aufzuwühlen, grabe weiter, und du wirst auf Wasser stoßen. Ihr werdet alle genügend zu trinken haben und könnt euren Durst stillen.« Als der Padischah die Karawane besichtigte, bemerkte er, dass ein Nuker einen Ochsen am Strick mit sich führte. Das verwunderte ihn, und er fragte: »Weshalb hast du einen Ochsen mitgenommen?« Erwiderte der Nuker: »Oh, mein Padischah, wir haben einen weiten Weg vor uns: Wenn uns das Essen ausgeht, kann er uns vielleicht von Nutzen sein.« Der Padischah gab seinem Ross die Sporen und ritt weiter.

Über kurz oder lang kamen sie in die Wüste. Die unerträgliche Hitze, der schwere Weg und der Mangel an Trinkwasser brachten die Menschen an den Rand der Erschöpfung. Sie vergingen schier vor Durst. Da ließ der Nuker seinen Ochsen vom Strick und gebot den Menschen, ihm zu folgen. Der Ochse trottete los und blieb unvermittelt stehen. Er witterte und begann mit den Hörnern das Erdreich aufzuwerfen. Alle, die noch ein wenig bei Kräften waren, griffen zu den Spaten und begannen zu graben. Nach kurzer Zeit sahen sie eine unterirdische Quelle sprudeln. Dieser Vorfall erstaunte den Padischah durch seine Wunderkraft. Die Pilger löschten ihren Durst, rasteten, füllten die Trinkwasservorräte auf und zogen weiter. Der Vater aber sagte zu seinem Sohn: »Mein Sohn, wirf alle Samen, die du mitgenommen hast, in diesen Quell. Bis zu unserer Rückkehr werden große, saftige Wassermelonen reifen.« Der Sohn tat, wie der Vater ihm geraten hatte, und eilte der davongezogenen Karawane nach. Abermals fiel dem Padischah das seltsame Verhalten seines Nukers auf, und es verblüffte ihn.

Über kurz oder lang sprach der Vater zu seinem Sohn, dem Nuker: »Mein Sohn, hast du auch nicht vergessen, einen Fisch mit dir zu nehmen?«

»Wie hätte ich deine Worte nicht befolgen können, mein Vater. Natürlich nahm ich ihn mit.«

»Dann höre mir gut zu: Wir werden bald in eine Gegend kommen, in der vierzig Quellen entspringen. Eine von ihnen ist der Awysemsem. Während die Pilger nach ihr suchen, nimm den Fisch und spüle ihn in jeder Quelle. Sobald er in das Wasser des Awysemsem gerät, wird er aufleben, deinen Händen entgleiten und davonschwimmen. Dann bücke dich unverzüglich, trinke aus dieser Quelle und fülle deinen Tonkrug.« Als sie auf die vierzig Quellen stießen, sprang der Nuker von seinem Ross und hielt den Fisch, wie der Vater geraten, nacheinander in jede Quelle. Plötzlich entglitt er seinen Händen und schwamm davon. Der Sohn neigte sich zur Quelle und löschte gierig seinen Durst. Dann füllte er alle Tonkrüge, die er mit sich genommen hatte. Der Padischah bemerkte auch dies.

Nach einer längeren Rast trat die Karawane den Heimweg an. Als sie jenen Ort erreichte, wo der Nuker mit Hilfe des Vaters die Quelle gefunden hatte, erblickten sie viele große reife Wassermelonen. Die Menschen verzehrten mit großem Wohlbehagen soviel sie vermochten und nahmen die restlichen Melonen mit auf den Weg. Dies merkte sich der Padischah ebenfalls. So kehrte die Karawane des Padischahs, nachdem sie alle Schwierigkeiten bezwungen hatte, wohlbehalten nach Hause zurück. Das Verhalten des Nukers hatte den Padischah jedoch neugierig gemacht, und er ließ ihn unverzüglich zu sich rufen, auf dass jener ihm seine Handlungsweise erkläre. »Oh, großer Padischah, ich will Euch Rede und Antwort stehen, wenn Ihr versprecht, mein Leben zu schonen«, erwiderte der Nuker. »Wir versprechen es!« verkündete der Padischah feierlich und hörte dem Nuker aufmerksam zu. Der Nuker begann: »Mein Vater wurde alt. Als ich ihn, Eurem Gebot folgend, in das Tal des Todes trug, ließ ich mich erschöpft zur Rast nieder. Da lachte mein Vater und erzählte mir, dass er, als er seinen Vater ins Tal des Todes getragen hatte, ebenfalls an dieser Stelle gerastet hat. Ich bekam Mitleid mit meinem Vater, trug ihn wieder heim und halte ihn seither versteckt. Als ich ihm sagte, dass unser Padischah zur Awysemsem-Quelle wallfahren wolle, riet er mir, was ich mit mir nehmen und tun sollte. So hat also meine Handlungsweise ausschließlich mein Vater bestimmt. Ohne ihn wären wir niemals durch die Wüste gekommen, sondern wären elendiglich verdurstet. Dann aber hätten wir auch niemals die Awysemsem-Quelle gesehen.« Zum ersten Mal breitete sich auf dem Antlitz des Padischahs ehrliche Verwunderung aus, und er erließ ein Gesetz, das es auf ewige Zeiten verbot, alte Menschen ins Tal des Todes zu tragen. Vierzig Tage und vierzig Nächte lang währte der große Toi zu Ehren des Sohnes, der den Tod durch den Henker des Padischahs nicht gefürchtet, seinem Vater das Leben gerettet und durch dessen Ratschlag viele Menschen vor dem sicheren Tode bewahrt hatte.