[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Pflanzentöchter

Es war einmal eine Frau, die war sehr sehr alt. Niemals hatte sie ein Kind gehabt. Rund um ihre Hütte wuchsen viele essbare Pflanzen, die sie angebaut hatte, darunter waren auch Etigi, Etinyung, Ikaw und Etidutwurzeln.

Tag für Tag verließ die Frau ihre Hütte und ging in den Wald, um Nüsse und wilde Früchte zu sammeln, und jedes Mal, wenn sie fort war, krochen aus den Pflanzen vier schöne Mädchen, gingen in die Hütte, kochten auf dem Herd, aßen und kehrten dann wieder zu ihren Pflanzen zurück.

Eines Tages kam eine Nachbarin an der Hütte vorbei und hörte darin Stimmen. Sie wusste, dass die alte Frau keine Kinder hatte, und wunderte sich, wer da so fröhlich erzählte. So ging sie auf die Hütte zu und schaute hinein. Zu ihrer Überraschung sah sie vier schöne Mädchen, die sprangen auf und liefen zurück zu ihren Pflanzenbeeten, wo sie verschwanden. Sie ging weiter, als ob sie gar nichts bemerkt hätte, aber am nächsten Tag berichtete sie alles ihrer Nachbarin. »Geh nicht aufs Feld, sondern versteck dich irgendwo«, sagte sie, »und komm dann heimlich zurück. Du wirst ganz gewiss etwas sehen, das dich freut.«

Das brauchte der alten Frau nicht zweimal gesagt zu werden. Sie tat genau, was ihr die Nachbarin geraten hatte. Sie gab vor, wie üblich fort zu gehen, aber dann verbarg sie sich in der Nähe ihrer Hütte und kehrte bald zurück. Verstohlen blickte sie hinein, da sah sie vier schöne Mädchen vergnügt kochen und essen. Und bevor sie noch davonlaufen konnten, trat die Alte hervor und bat sie, doch als ihre Kinder bei ihr zu bleiben. Die Mädchen versprachen, so lange bei ihr zu leben, wie ihnen nicht die Pflanzen, von denen sie stammten, Etinyung, Ikaw, Etidut und Etigi, als Speise gereicht würden. Das versprach die alte Frau und hielt ihr Versprechen getreulich, denn man brauchte ihr nicht zu sagen, wie schlimm es für jemanden in ihrem Alter ist, allein gelassen zu werden.

Die Zeit verging, und sie bemerkte, dass ihre Töchter größer und schöner wurden. Besonders Etinyung, die lieblichste von allen, war so wunderschön, dass der große Ekpenyong Obassi sich in sie verliebte, als er sie eines Tages in der Nähe der Hütte erblickte. Zuerst verweigerte die alte Frau ihre Zustimmung zu dieser Heirat, aber Ekpenyong war nicht davon abzubringen. Immer wieder versuchte er, die Alte umzustimmen, und schließlich hatte er Erfolg. Die alte Frau aber stellte ihm folgende Bedingungen: Etinyung sollte niemals zu Arbeiten gezwungen werden, die von anderen Frauen nicht auch verrichtet wurden, alle vier Tage sollte sie ihre Pflegemutter besuchen, und schließlich, und das war das Wichtigste, niemals dürfe Etinyung in ihr Essen getan werden, darum vertraute sie ihm das Geheimnis von der Herkunft des Mädchens an. Ekpenyong war mit allem einverstanden und kehrte heim, um geeignete Brautgeschenke zu besorgen.

Als er wiederkam, brachte er sechzehn mit Geschenken beladene Sklaven, die der alten Frau als Diener überlassen wurden. Daraufhin wurde ihm Etinyung zur Frau gegeben, und die Diener breiteten Felle und schöne Kleider auf dem Weg von der Hütte bis zum Haus des Paares aus. Singend und tanzend gingen sie fort, und ihre Füße berührten kein einziges Mal den Boden. Ekpenyong war so verliebt in seine Frau, dass er die ganze Zeit bei ihr zubrachte. Eine seiner anderen Frauen aber ärgerte sich darüber. Irgendwie fand sie heraus, dass Etinyung niemals von der Pflanze essen dürfe, deren Namen sie trug, weil sonst ein großes Unglück über sie hereinbräche. Darum pflückte die Eifersüchtige heimlich einige von diesen Pflanzen und mischte sie unter das Essen, das der jungen Frau vorgesetzt wurde. Kaum hatte Etinyung davon gegessen, so sagte sie zu ihrem Mann: »Ich muss auf der Stelle zu meiner Mutter zurückkehren.«

Wie traurig war der Ehemann, als er hörte, dass sie von der verbotenen Pflanze gegessen hatte. Vergeblich bat er sie, bei ihm zu bleiben. Sie erklärte ihm, dass sie ihn verlassen müsse und nicht länger seine Liebste bleiben könne. Während sie zur Hütte ihrer Mutter zurückeilte, sang sie: »Etigi, Schwester, komm zu mir, wir müssen fort.
Etidut, Schwester, komm zu mir, wir müssen fort.
Ikaw, Schwester, komm zu mir, wir müssen fort.«
Als sie das sang und ihre Schwestern Etigi, Etidut und Ikaw rief, die inzwischen alle drei verheiratet waren, verließen auch sie die Häuser ihrer Männer und kehrten zurück in die Hütte ihrer Pflegemutter. Dort erzählten sie, was geschehen war, und dann verwandelten sie sich wieder in Pflanzen wie vorher.

Wäre die andere Frau von Ekpenyong nicht so grausam gewesen, Etinyung von der verbotenen Pflanze zu essen zu geben, dann hätten alle Frauen, die zu alt sind, um auf die übliche Art Kinder zur Welt zu bringen, auch heute noch die Möglichkeit, wie die alte Frau in unserer Geschichte, doch noch ein Kind zu bekommen.

Als die Pflanzentöchter verschwunden waren, musste die Pflegemutter zufrieden sein mit den sechzehn Sklaven, die ihr von ihrem Schwiegersohn gebracht worden waren, aber Ekpenyongs Kummer über den Verlust seiner geliebten Frau war größer, als man beschreiben kann.