[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Brüder Mongwäd und Tengwäd

In einer Stadt lebten einmal zwei Brüder. Der eine hieß Mongwäd, der andere Tengwäd. Die beiden hatten auch eine Schwester mit Namen Nkura. Eines Tages überfielen Feinde die Stadt. Die Brüder flohen, Nkura aber wurde gefangen genommen und von den Feinden verschleppt.

Beide Brüder wurden Jäger. Aber während Tengwäd alles Fleisch, das er erbeutete, heimbrachte und der Familie überließ, schenkte Mongwäd seine Beute stets den Vögeln des Waldes. Tengwäd wurde darum natürlich von allen geschätzt und verehrt. Mongwäd dagegen warfen die Angehörigen vor, er halte nicht zur Familie und sei überhaupt ein schlechter Mensch.

Eines Tages machte sich Mongwäd wieder auf in den Wald, diesmal aber nicht zur Jagd. Er rief alle Vögel herbei, denen er Fleisch geschenkt hatte, und bat jeden um eine Feder. Da riss sich jeder Vogel eine Feder aus und gab sie Mongwäd. Der nähte sich davon ein Gewand und zog es an. Er sah aus wie ein fremder großer Vogel. Dann flog er davon, um seine Schwester zu suchen.

Zuerst kam er in eine große Stadt. Dort setzte er sich auf einen Baum und fing an zu singen: »O bang bang, ko ko ko lot, Nkura!« Die Bewohner sprachen: »Habt ihr den fremden Vogel gehört? Was für ein sonderbares Lied er nur singt?! Wir wollen ihn fangen!« Aber Mongwäd flog davon in eine andere Stadt. Wieder setzte er sich auf einen Baum und fing an: »O bang bang, ko ko ko lot, Nkura!« Die Bewohner kamen zusammen und sagten zueinander: »Dieser sonderbare Vogel ruft nach Nkura, der Frau unseres Königs!« Nun war Mongwäd froh und sagte sich: »Jetzt habe ich meine Schwester gefunden. Sie ist in dieser Stadt die Frau des Herrschers geworden. Schon immer war sie ja ein schönes Mädchen!«

In der Nacht begab er sich zu ihr. Nkura erschrak sehr, als der fremde Vogel in ihr Haus kam. Aber Mongwäd sprach: »Erschrick nicht! Ich bin dein Bruder! Ich habe dich gesucht und will dich nun wieder zur Mutter bringen. Die Sehnsucht nach dir hat sie beinahe getötet!« Dann nahm er seine Schwester auf den Arm und flog mit ihr auf einen nahen Baum. Dort schliefen sie ein. Am anderen Morgen wurden sie durch ein großes Geschrei geweckt: »Nkura, die schöne Königsfrau ist nicht mehr da! Der fremde Vogel ist schuld daran!« Dann sah ein Mann sie auf dem Baum sitzen. Er eilte zum König, und der schickte sogleich hundert Männer mit hundert Äxten. Die sollten den Baum fällen. Aber Mongwäd nahm seine Schwester fest in den Arm und flog davon. Da fiel der Baum auf die hundert Männer und erschlug sie alle.

Endlich langte Mongwäd mit seiner Schwester in der Heimat an. Alle freuten sich, als sie das schöne Mädchen sahen, und die Mutter weinte.

Mongwäd aber sagte: »Wer hat jetzt am meisten zur Familie gehalten? Tengwäd oder ich?« Da lobten ihn alle und sagten: »Du bist deinem Bruder noch überlegen, denn deine Klugheit ist ebenso groß wie deine Liebe!«