[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Wesir und die Kinder

In sehr alten Zeiten lebte einst ein Padischah, der hatte einen Wesir. Einmal erzürnte sich der Padischah über ihn, nahm ihm alles Vieh ab, dass jener, während er in seinen Diensten gestanden hatte, an sich gebracht hatte, und jagte ihn auf und davon. Lange Zeit fand der Wesir keine neue Aufgabe und beklagte sich bitter, weil er keine Gelegenheit hatte, sich in den Augen seines Gebieters zu rechtfertigen. Eines Tages, als er ziellos einher schlenderte, lenkten ein paar Kinder seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie spielten Padischah und Wesir. »Du bist ein schlechter Wesir«, sagte der Knabe, der den Padischah spielte, »ich nehme dir dein Vieh weg und jage dich auf und davon.« Erwiderte der Knabe, der den Wesir spielte: »Oh mein Padischah, ein Tyrann kann seinem Untertan jede Ungerechtigkeit widerfahren lassen.«

»Nein«, entgegnete der Knabe, der den Padischah spielte, »ich bin kein Tyrann, sondern ein gerechter Herrscher.«

»So nimm denn mein Vieh«, sagte der Knabe, der den Wesir spielte, »aber gib mir die Gesundheit zurück, die ich in deinen Diensten eingebüßt habe...« Als der Wesir diese Worte vernahm, dachte er bei sich: Das hätte auch ich meinem Padischah sagen müssen. Die Kinder haben offensichtlich mehr Verstand als ich.

Nach Hause zurückgekehrt, setzte sich der Wesir hin und schrieb folgenden Brief an den Padischah: »Mein Gebieter, bevor ich zum Wesir ernannt wurde, besaß ich nichts. Ich war bettelarm. In den vielen Jahren, da ich dir diente, habe ich Vieh erworben, doch meine Gesundheit verloren. Ich beklage nicht, dass du mir mein Vieh genommen hast. Doch wenn du ein gerechter Herrscher bist, so behalte mein Vieh, gib mir aber meine Gesundheit zurück.« Der Brief des Wesirs gefiel dem Padischah, weil er geistreich war. Er sandte seinen Jessaul zu ihm mit dem Auftrag, ihn in den Palast zurückzubringen, auf dass er sein altes Amt weiterführe.