[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Unhold Dew und die drei Jungfrauen

Ein Kaufmann besaß drei Töchter. Eines Tages, als er zum Basar wollte, sagte er: »Meine Töchter, ich begebe mich auf eine Handelsreise. Wenn es mir gelingt, die Käufer zu übertölpeln und ich reichen Gewinn erziele, so will ich euch Geschenke mitbringen. Was wünschet ihr euch?« Antwortet die älteste Tochter: »Bring mir Schuhe aus Kalbsleder mit.« Die Mittlere sagte: »Bring mir ein Kleid aus Kamelhaarflaum mit.« Bat die jüngste Tochter: »Bring mir Glasperlen zum Sticken mit.« Der Kaufherr begab sich in die Stadt, übertölpelte alle Käufer, erzielte reichen Gewinn und erinnerte sich, bevor er den Heimweg antrat, an sein Versprechen. Für die älteste Tochter kaufte er Schuhe aus Kalbsleder, für die mittlere ein Kleid aus Kamelhaarflaum, für die jüngste aber kaufte er nichts, weil er nirgendwo Glasperlen fand. Da trat unversehens ein Mann vor den Kaulherrn: »Was suchest du, Kaufherr?« fragte er. »Glasperlen«, erwiderte er. »Dann mache dich auf den Heimweg«, riet ihm der Unbekannte. »Unterwegs erblickst du den Teufelsberg. Hinter diesem Berg steht ein hohes Haus. Seine Wände sind mit Glasperlen bestickt. Seit vielen Jahren bewohnt es keine Menschenseele mehr. Tritt ein in das Haus und nimm dir von dem Hab und Gut, soviel du magst.« Der Kaufherr dankte dem Unbekannten und begab sich auf den Heimweg.

Als er am Teufelsberg anlangte, bog er vom Wege ab und erblickte alsbald ein hohes Haus. Alle Türen standen offen.

Der Kaufherr trat ein und sah, dass die Wände im Innern mit Glasperlen bestickt waren. Plötzlich vernahm der Kaufherr ein lautes Knurren: »Ich rieche, rieche Menschenfleisch!« Im selben Augenblick erblickte er dicht vor sich einen grauenhaften Unhold Dew. Es gelang dem Kaufherrn, seine Verblüffung zu verbergen, und er sprach: »Sei gegrüßt, ehrwürdiger Dew!«

»Wieso hast du dich hierher verirrt?« fragte der Dew. »Was willst du von mir?« Antwortete der Kaufmann: »Ich habe meinen Töchtern Geschenke versprochen. Zweien habe ich auf dem Basar gekauft, worum sie mich baten, doch für die dritte konnte ich nirgendwo Glasperlen finden. Ein Fremder riet mir, dieses Haus aufzusuchen, weil es hier viele Glasperlen geben soll.«

»Da hat man dich recht beraten«, gab der Unhold Dew zur Antwort. »Halte deinen Rock auf.« Mit diesen Worten schüttete er dem Kaulherrn ein wenig glühende Asche in den aufgehaltenen Rock und gab feinste Glasperlen obendrauf.

Als der Kaufherr den Rock voll Glasperlen hatte, begann er also gleich die Ware zu bemäkeln, um den Preis zu drücken. Doch der Dew sprach: »Ich fordere nichts dafür. Nur eine Bedingung stelle ich dir: Blicke dich auf dem Heimweg nicht um.« Erfreut setzte der Kaulherr seinen Weg fort. Die glühende Asche aber brannte in den Saum seines Rocks ein winziges Löchlein, die Glasperlen rutschten hindurch und fielen auf den Weg. Da der Kaufmann sich nicht umblickte, bemerkte er nichts.

So gelangte er nach Hause. Er hatte zwar eine feine Glasperlenspur hinter sich zurückgelassen, doch im Rock waren noch immer viele Glasperlen geblieben.

Anderntags, als der Kaufherr mit seinen Töchtern beisammen saß und ihnen erzählte, wie er in den Besitz der Glasperlen gelangt war, vernahm er auf der Straße Hufegeklapper. »Da kommen sicher Brautwerber geritten«, meinte der Kaufherr, »sie werden wohl um dich, mein ältestes Töchterlein, freien.« Die älteste Tochter hub zu weinen an, die mittlere und die jüngste aber freuten sich von Herzen. Der Kaufherr eilte den Brautwerbern entgegen, da sah er, wie auf hohem Ross der Unhold Dew durchs Hoftor ritt. Ohne vom Pferd abzuspringen, brüllte er: »Führe deine älteste Tochter heraus, so dir dein Leben lieb ist! Ich will sie zum Weibe nehmen!« Der Kaufherr musste dem Unhold seine älteste Tochter geben.

Der Dew führte die Jungfrau heim und sprach: »Ich will mich auf die Jagd begeben und gegen Abend wiederkehren. Wenn du Hunger verspürst, so verzehre dies hier.« Er reichte ihr eine Platte, auf der eine abgeschnittene Menschennase lag. »Wenn du die Nase verspeist, sollst du die Herrin im Hause sein, tust du es nicht, so will ich dich an deinen Zöpfen aufhängen.« Mit diesen Worten begab er sich auf die Jagd. Die älteste Tochter des Kaulherrn vermochte an diesem Tag nichts zu essen und weinte bitterlich. Die Tränen rannen von ihren Wangen, fielen auf den Boden und verwandelten sich alsbald in bunte Glasperlen. Gegen Abend rief das Mägdelein, das den Zorn des Unholds fürchtete, eine Katze vom Hof herbei und warf ihr die Nase von der Platte zum Fraße hin. Die Katze verschlang sie alsbald. Der Unhold Dew kehrte heim und fragte das Mädchen: »Weib, hast du die Nase verzehrt?« Sie erwiderte: »Ja.« Rief der Dew erzürnt: »He, Nase, wo bist du? Melde dich!« Alsbald erwiderte die Nase: »Ich bin im Magen der Katze.«

»Du hast also die Nase nicht verzehrt«, schrie der Dew und zerrte das Mägdelein in ein verborgenes Kämmerlein. Dort fesselte er es und hängte es mit den Zöpfen an einem Haken auf.

Anderntags erschien der Unhold abermals im Hause des Kaufherrn. »He, Kaufherr!« brüllte er. »Führe deine mittlere Tochter heraus! Ich will sie zum Weibe nehmen!« Dem Kaufherrn blieb keine Wahl, er musste dem Unhold gehorchen. Der Dew brachte sie in sein Haus, stellte die Platte mit der abgeschnittenen Nase vor sie hin und sprach: »Ich will mich auf die Jagd begeben und gegen Abend wiederkehren. Wenn du Hunger verspürst, so verzehre diese Nase. Tust du es nicht, so will ich dich an deinen Zöpfen aufhängen wie deine älteste Schwester.« Der Dew ritt auf die Jagd, die mittlere Tochter aber hub zu weinen an, und ihre Tränen verwandelten sich in bunte Glasperlen. Gegen Abend, bevor der Unhold heimkehrte, warf das Mädchen, zitternd vor Angst, der Katze die Nase hin. Die Katze verschlang sie alsbald. Als der Dew von der Jagd heimkehrte, fragte er: »Weib, hast du die Nase verzehrt?« Sie erwiderte: »Ja.« Der Dew, der ihr nicht glaubte, schrie drohend: »He, Nase! Wo bist du? Melde dich!« Alsbald antwortete die Nase: »Ich bin im Magen der Katze!«

»Du hast mir also keinen Gehorsam geleistet«, brüllte der Dew, zerrte das arme Mädchen in die verborgene Kammer und hängte es an seinen Zöpfen neben der ältesten Schwester an einem Haken auf.

Morgens erschien der Dew zum dritten Mal auf dem Hofe des Kaufherrn und schrie, ohne von seinem Pferde zu springen: »He, Kaufherr, führe deine jüngste Tochter heraus!« Der Kaufherr kam auf den Hof gelaufen und sprach: »Ehrenwerter Dew! Ich habe dir zwei Töchter ohne jedes Entgelt gegeben und großen Verlust dadurch erlitten. Für die Jüngste aber verlange ich ein Lösegeld.«

»Habe ich dir nicht ohne jedes Entgelt den Rocksaum voll Glasperlen geschüttet?« schrie der Dew. »Das sind die Tränen meiner früheren Frauen gewesen. Mag nun deine jüngste Tochter weinen, um mir meinen Verlust zu ersetzen!« Dem armen Kaufherrn blieb keine Wahl, er musste dem Dew auch seine jüngste Tochter opfern.

Der brachte das Mägdelein heim, trug die Platte mit der abgeschnittenen Nase auf und befahl ihr, vor seiner Heimkehr von der Jagd die Nase zu verzehren. »Gehorchst du mir nicht«, rief er drohend aus, »so ereilt dich das gleiche Los wie deine Schwestern!« Die jüngste Tochter des Kaulherrn erwiderte: »Ich bin dein Weib und alles, was du mir befiehlst, will ich tun. Doch da du mein Ehegemahl bist, darfst du auch kein Geheimnis vor mir haben.«

»Was du sprichst, ist recht. Frage mich alles, was du magst.« Das Mädchen sprach: »Ich bange um dein Leben, drum muss ich wissen, wo deine Seele aufbewahrt ist, um sie an einem sicheren Ort zu verwahren.«

»Du hast recht«, nickte der Dew. »So sollte jedes getreue Eheweib handeln. Doch zuvor nenne du mir den Ort, an dem deine Seele verborgen liegt.«

»Meine Seele ist in meinem Körper beschlossen«, entgegnete das Mägdelein. »Und die meine«, bekannte der Unhold Dew, »ist in einem Glasfläschlein eingeschlossen.« Er reichte dem Mädchen das Fläschchen und bat: »Verwahre es an einem sicheren Ort.«

»lass das nur meine Sorge sein«, erwiderte das Mägdelein. »Bring von der Jagd recht viel Wild heim, denn von einer Nase allein wird keiner satt.«

Der Dew begab sich auf die Jagd, und die jüngste Tochter sang den Tag über fröhliche Lieder. Gegen Abend kam die Katze vom Hofe gelaufen, begann zu miauen und um die Nase zu betteln. Als das Mägdelein sie verjagte, richtete die Nase sich witternd auf der Platte auf und warnte: »Ich spüre es, der Dew naht. Wenn du mich nicht isst, so hängt er dich an den Zöpfen in dem verborgenen Kämmerlein auf, wo schon deine Schwestern hängen.« Doch das Mägdelein schlug die Warnung der Nase in den Wind.

Als es dunkelte, kehrte der Dew von der Jagd heim und brüllte: »He, Nase! Wo bist du? Melde dich!«

»Ich bin hier«, ließ sich die Nase vernehmen. »Wo?« fragte der Unhold mit drohender Stimme. »Im Magen der Katze?«

»Nein, ich liege heil und unversehrt auf der Platte!« Da bedrängte der wütende Dew das Mägdelein: »Wie erdreistest du dich, mir den Gehorsam zu verweigern?« Er wollte das Mägdelein an den Zöpfen packen, doch es zog das Glasfläschlein mit der Seele des Dew hervor und schleuderte es zu Boden. Das Fläschlein zersprang, und die Seele des Unholds fuhr zur Hölle. Der Dew stürzte entseelt zu Boden, die Nase aber war im selben Augenblick von der Platte verschwunden. Das Mägdelein suchte nach dem verborgenen Kämmerlein, nahm seine Schwestern von den Haken und befreite auch die anderen Mädchen, unter deren Füßen bergeweise Glasperlen lagen. Das waren ihre vergossenen Tränen. Die glücklichen Schwestern nahmen die Schätze des Unholds an sich und kehrten wohlbehalten nach Hause zurück.