[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Teppichknüpfer

Es war einmal ein Padischah. Seine Leute pflegten sich unter das Volk zu mischen, um zu hören, was die Menschen redeten. Eines Tages, als der Wesir sich abermals in die Stadt begab, vernahm er ein eigentümliches Pochen. Was mag das sein? dachte er bei sich und schaute in die Kibitka, aus der das Pochen erklang. Da sah er, wie ein Mann einen Teppich knüpfte und dazu sprach: »Oh, meine Zunge, ich flehe dich an, bringe kein Unglück über mein Haupt.« Diese Worte müssen einen tieferen Sinn haben, dachte der Wesir und begab sich fortan Nacht für Nacht zu jener Kibitka. Es gab aber weit und breit auf der Welt keinen zweiten Meister, der so herrliche Teppiche zu knüpfen verstand. Endlich war auch dieser Teppich vollendet, und der Meister trug ihn auf den Basar, um ihn zu verkaufen. Ein Vertrauter des Padischahs erblickte ihn und eilte in den Palast. »Oh, mein Gebieter«, sagte er, »ich bin gekommen, um Euch zu melden, dass ein Mann einen Teppich von unsagbarer Schönheit auf den Basar zum Verkauf gebracht hat. Dieser Teppich gehört in keine Kibitka, er ist einzig dazu angetan, Euren Palast zu schmücken.«

»Geh und führe den Mann zu mir«, gebot der Padischah. Der Mann begab sich zum Teppichknüpfer und sagte: »Dich lässt der Padischah zu sich rufen!« Der Meister wickelte den Teppich zusammen und begab sich zum Padischah. Jener verwunderte sich über die Maßen, als er den prächtigen Teppich sah. »Was kostet dieser Teppich?« fragte der Padischah. Der Besitzer nannte den Preis, der Padischah zahlte ihn, und der Teppichknüpfer ging fort.

Der Padischah aber ließ Wesire und Wekile rufen, zeigte ihnen den Teppich und sprach: »Ich habe einen herrlichen Teppich erworben. Ratet mir, wie ich ihn am besten verwenden soll?« Einer riet, ihn hierhin zu legen, der andere dorthin, und der dritte gar empfahl ihn an die Wand zu hängen. Allein unser Wesir schwieg. Der Padischah wandte sich an ihn: »Mein Wesir, alle geben mir Ratschläge, du allein schweigst.«

»Großer Padischah«, entgegnete der Wesir, »ich möchte Euch raten, den Mann zu befragen, der Euch den Teppich verkauft hat. Er wird besser als wir wissen, was mit dem Teppich geschehen soll.« Dem Padischah gefiel der Vorschlag, und er befahl, den Teppichknüpfer in den Palast zu holen. »Du hast diesen Teppich geknüpft«, hub der Padischah an, als jener vor ihm stand. »Kannst du mir auch raten, wie ich ihn verwenden soll?«

»Dieser Teppich wird Euch gute Dienste erweisen, mein Padischah, wenn Ihr das Zeitliche segnet. Man wird den Namas darauf lesen. Jetzt aber Lasst ihn aufrollen und forträumen.«

Diese Worte des Teppichknüpfers erzürnten den Padischah: »Fort mit diesem Mann aus meinen Augen! Richtet ihn hin!« Da mischte sich der Wesir ein: »Mein Padischah«, sagte er, »ich bitte Euch, habt Erbarmen mit diesem Mann. Ich habe gehört, wie er, als er den Teppich knüpfte, vor sich hin sprach: ›Oh, meine Zunge, ich flehe dich an, bringe kein Unglück über mein Haupt!‹ Danach bin ich noch oftmals zu seiner Kibitka gegangen und habe stets die selben Worte vernommen. Ich glaube, dieser Mann ist unschuldig. Schuld an allem hat seine Zunge.« Der Padischah, den die Worte des Wesirs überzeugten, entließ den Teppichknüpfer. Als jener gegangen war, sagte der Wesir: »Besser stumm sein, als eine Zunge besitzen, die einem Unglück bringt.«