[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Sohn des Diebes

Es war einmal ein Dieb, der hatte einen vielleicht zehnjährigen Sohn. Eines Tages stahl der Vater einen Hammel aus der Herde des Beis, schlachtete ihn und ging Saksaul schneiden, um darauf die Nieren zu braten. Er entzündete das Feuer, stellte den Kessel auf und bemerkte, dass eine Niere fehlte. Er sah sich suchend nach allen Seiten um, doch die Niere blieb verschwunden. »Wo ist die zweite Niere?« fragte er seinen Sohn. »Weiß nicht«, erwiderte der. »Vielleicht hatte der Hammel nur eine?« Der Vater brach eine Gerte, verprügelte den Sohn und wiederholte fortwährend: »Sag, wohin hast du sie getan? Wohin hast du sie getan?« Doch so lange er den Sohn auch prügeln mochte, der gestand es nicht.

Eines Tages beschloss der Vater, den Staatsschatz des Padischahs zu stehlen. Er sah sich gründlich um und beschloss schließlich, den Sohn mit sich zunehmen, damit er durchs Gitter krieche, sonst, so fürchtete er, würde ihm sein Unternehmen misslingen. Nachts nahm er den Sohn mit und wartete, bis die Wache um die Ecke verschwand. Dann kletterten sie aufs Dach. Der Dieb hob das Glas heraus und ließ den Sohn an einem Strick hinab durchs Gitter. Dann warf er ihm einen Beutel nach und hieß den Knaben, ihn mit Gold und Edelsteinen zu füllen. Der Sohn tat, wie der Vater ihm befohlen. Nachdem der Vater den Beutel herausgezogen hatte, begann er den Sohn hochzuziehen. Als der schon dicht unter dem Gitter war, fragte er leise: »Und wo ist die zweite Niere?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte der Sohn ebenso leise. »Vielleicht hat er nur eine gehabt.«

»Wenn du es nicht sofort gestehst«, zischte der Vater, »so lass ich dich hier zurück.«

»Tu, was du magst«, entgegnete der Sohn, »aber ich habe sie nicht genommen.« Das erzürnte den Vater, und er ließ den Strick fahren.

Morgens, als der Schatzmeister die Kammer öffnete, bemerkte er in der Ecke den schlafenden Knaben. Er weckte ihn und fragte: »Wie bist du hierher gelangt?«

»Durchs Gitter.«

»Wer hat den Schatz geraubt?«

»Der, der mich hier hineingeworfen hat.«

»Und wer ist das gewesen?«

»Der, der den Schatz geraubt hat.« Wie der Schatzmeister sich auch mühte, er brachte nichts in Erfahrung. Da packte er den Knaben und schleppte ihn vor den Padischah.

Der Padischah versuchte mit Schmeicheleien und Drohungen herauszufinden, wer den Schatz geraubt hatte, doch auch ihm gelang es nicht. Wütend befahl er endlich: »Hängt die Schlangenbrut!«

Die Kunde vom Diebstahl und von der bevorstehenden Hinrichtung des Diebes verbreitete sich mit Blitzesschnelle in der Hauptstadt. Die Kaufleute schlossen ihre Läden, die Handwerker vergaßen ihr Tagewerk, und auch der Vater des Diebes kam, um sich die Hinrichtung anzusehen. Der Knabe wurde auf das Gerüst geführt, der Strick wurde ihm um den Hals gelegt, doch er stand, als berühre ihn dies alles nicht. In der Menschenmenge bemerkte er den Vater. Der wies ihm zwei Finger, als wolle er fragen, der Hammel hat also doch zwei Nieren gehabt? Der Knabe lächelte und hob einen Finger, als wolle er sagen, nein, eine! Dem Padischah erschien das Verhalten des Knaben seltsam und er fragte ihn: »Warum hast du einen Finger gehoben?«

»Als sie mir den Strick um den Hals legten, kam ein Schaitan geflogen und sagte: ›Es gibt zwei Götter.‹ Ich aber antwortete: ›Nein, es gibt nur einen einzigen Gott - Allah!‹« Als der Padischah diese Worte vernahm, befahl er, den Knaben freizulassen und ihm eine Belohnung zu geben.