[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Schuster und die vierzig Räuber

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die waren sehr arm. Da machte sich der Mann eines Tages auf und ging in eine andere Stadt. Dort nähte er Schuhe, und das Geld floss ihm reichlich zu. So konnte er wieder nach Hause zurückkehren. Unterwegs hörte er vierzig Räuber laut redend näher kommen. Der Mann hatte sich in jener Stadt ein Pferd gekauft und fürchtete nun, dass die Räuber ihm sein Geld wegnehmen würden. Er steckte dem Pferd einige Münzen in die Ohren, und da waren die Räuber auch schon heran.

Sie fragten ihn: »Was hast du bei dir?« Der Mann beteuerte, dass er nichts bei sich hätte, nur das Pferd. »Steig ab!« forderten ihn die Räuber auf. »Aber warum denn?« erwiderte er und gab dem Pferd einen Schlag. Das Pferd machte einen Satz, und die Münzen, die ihm der Mann in die Ohren gesteckt hatte, fielen auf die Erde. »Woher kommt das Geld?« Wollten die Räuber wissen. Der Mann sagte: »So ist mein Pferd nun einmal. Wenn es schnell läuft, verliert es immer Geld.« Da verlangten die Räuber, er solle ihnen das Pferd verkaufen. Der Mann aber weigerte sich. Wenn er einmal kein Geld hätte, stiege er aufs Pferd. Beim schnellen Lauf verlöre es viel Geld, das hebe er auf und kaufe sich Sachen dafür. Überließe er das Pferd ihnen, was sollte er dann in der Not tun? Die Räuber erhoben nun ein großes Geschrei. Und so verkaufte der Mann ihnen das Pferd schließlich für einen Sack Geld. Dabei sagte er: »Jeder soll das Pferd eine Woche reiten, aber sprecht erst dann darüber, was das Pferd tut, wenn alle geritten sind.«

Eines Tages saßen die Räuber beisammen und redeten miteinander: »Was hat das Pferd getan?« fragte einer den anderen. »Bist du geritten, ist Geld heruntergefallen?« Der eine sagte nein, der andere sagte nein. Da verabredeten sie, jenem Mann das Pferd zurückzubringen.

Als der Mann sie kommen hörte, überlegte er bei sich, dass sie wohl kämen, um ihn zu töten. Er rief seine Frau und trug ihr auf: »Wenn diese Leute kommen, werde ich mich hinter dem Haus verstecken.« Während er das sagte, setzte er einen kleinen Hund ins Haus und fügte hinzu: »Fragen sie: ›Wo ist denn dein Mann?‹, dann antworte: ›Er ist spazieren gegangen.‹ Sage ihnen ferner, sie brauchten sich nicht zu bemühen, du schicktest den kleinen Hund, mich zu rufen.«

Die Frau gab dem kleinen Hund einen Klaps und befahl ihm: »Geh und rufe den Vater!« Der Mann hörte das, kam und begrüßte die Räuber. Sie fragten, wer ihn gerufen habe, und er antwortete: »Der kleine Hund rief mich.« Die Räuber wunderten sich: »Was, ein Hund als Bote? Verkaufe ihn uns!« Aber der Mann sagte nein. Dieser Hund wäre ihm wie sein eigenes Kind. Die Räuber erhoben ein großes Geschrei. Da verkaufte er ihnen den Hund für einen Sack Geld. Dabei forderte er: »Jeder soll den Hund eine Woche bei sich haben. Was der Hund tut, darf aber keiner seinen Gefährten erzählen, bis der Hund bei allen gewesen ist.«

Eines Tages saßen die Räuber wieder beisammen und fragten einander: »Hast du den Hund geschickt? Ist er gegangen?« Der eine sagte nein, der andere sagte nein. Da nahmen sie den Hund und brachten ihn dem Mann zurück. Der rief seine Frau und sprach: »Ich werde bald sterben. Bleib zu Hause und lass es dir gut gehen!« Als er sich so verabschiedet hatte, steckten ihn die Räuber in einen Sack, nähten die Öffnung zu und nahmen ihn mit, um ihn ins Wasser zu werfen. Unterwegs wurden sie müde, und die Müdigkeit wurde schließlich so groß, dass sie sich auf die Erde legten und einschliefen.

Ein anderer Dieb hatte ein Schwein und Stoff gestohlen. Der Mann in dem Sack hörte das Schwein bei dem Dieb quieken. Nun begann er heftig zu weinen und klagte: »Sie wollen, dass ich die Tochter eines Häuptlings heirate, aber das will ich auf keinen Fall.« Der Dieb fragte ihn: »Bist du närrisch? Ich heirate die Häuptlingstochter!« Er band den Sack auf, der Mann kroch heraus, der Dieb schlüpfte hinein, und der Mann band den Sack wieder zu.

Als die Räuber aus dem Schlaf erwachten, glaubten sie, es wäre noch jener Mann in dem Sack, dabei war es inzwischen ein anderer. Sie hoben den Sack auf und warfen ihn ins Wasser. Die Räuber warteten noch einen Tag und sagten dann zueinander: »Dieser Mann ist sehr klug. lasst uns in sein Haus gehen und nachsehen, ob er dort ist oder ob wir ihn so ins Wasser geworfen haben, dass er nun tot ist.«

Als sie hinkamen, erblickten sie den Mann in seinem Haus. Da fragten sie: »Wir haben dich doch ins Wasser geworfen. Wie kommst du hierher?« Er lachte und sprach: »Ihr seid wirklich dumm! Ihr habt mich ja in das Wasser meines Ahnen geworfen. Kommt und seht euch das Schwein an, das er mir gab, und den Stoff! Er hat mir gesagt, wenn ich etwas brauche, solle ich nur kommen. Geld ist dort reichlich vorhanden.«

Als die Räuber das hörten, staunten sie und baten den Mann: »Können wir uns nicht zusammen zu deinem Ahnen begeben?« Der Mann war einverstanden und versicherte: »Wenn wir zu ihm gehen, werdet ihr mit viel Geld zurückkommen.« Aber er stellte noch folgende Bedingung: »Wer von euch zuerst ins Wasser geht, soll nicht eher herauskommen, bis alle hineingegangen sind.« Sein Ahne gäbe ihnen dann die Sachen, die sie sich wünschten. Die Räuber stiegen einer nach dem anderen ins Wasser und kamen alle um. Der Mann aber kehrte vergnügt nach Haus zurück.