Der Lindwurm von Lambton - Hekaya
[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Lindwurm von Lambton

Ein wilder junger Bursche war der Erbe von Lambton, dem schönen Gut und Landsitz am schnell fließenden Wear. Sonntags pflegte er nicht die Messe in der Kirche in Brugeford zu hören, sondern fischen zu gehen. Und wenn er nichts herauszog, konnten die Leute seine Flüche hören, wenn sie auf dem Weg nach Brugeford vorbeikamen.

Nun, eines Sonntagmorgens war er wie üblich beim Fischen, und kein einziger Lachs hatte angebissen, in seinem Korb war keine Plötze und kein Weißfisch. Und je mehr Pech er hatte, desto übler wurden seine Ausdrücke, bis die Vorübergehenden entsetzt waren von seinen Worten, als sie auf ihrem Weg waren, um den Priester die Messe lesen zu hören. Schließlich spürte der junge Lambton einen mächtigen Ruck an seiner Leine. »Endlich ein Bissen, den zu fangen sich lohnt!« rief er, und er zog und zog, und was erschien da über dem Wasser: ein Kopf wie von einer Echse, mit neun Löchern an jeder Seite des Maules. Aber er zog immer weiter, bis er das Ding an Land gebracht hatte, und es zeigte sich, dass es ein Lindwurm von grässlicher Gestalt war.

Wenn er vorher schon geflucht hatte, so ließen einem seine Flüche jetzt die Haare zu Berge stehen. »Was fehlt dir, mein Sohn?« sagte eine Stimme neben ihm, »und was hast du gefangen, dass du den Tag des Herrn mit solch arger Sprache befleckst?« Der junge Lambton wandte sich um und sah einen seltsamen alten Mann neben sich stehen. »Nun, wahrhaftig«, sagte er, »ich glaube, ich habe den Teufel selber gefangen. Schaut selbst und seht, ob Ihr das kennt.« Aber der Fremde schüttelte den Kopf und sagte: »Es bringt nichts Gutes für Euch oder die Euren, wenn Ihr solch ein Ungeheuer an Land zieht. Werft es jedoch nicht zurück in den Wear; Ihr habt es gefangen, und Ihr müsst es behalten.« Und damit wandte er sich ab und wurde nicht mehr gesehen.

Der junge Erbe von Lambton nahm das grausige Wesen, löste es vom Haken und warf es in einen nahen Brunnen. Und seither trägt dieser Brunnen den Namen Lindwurmbrunnen. Eine Zeitlang hörte und sah man nichts von dem Lindwurm, bis er eines Tages für den Brunnen zu groß geworden war und voll ausgewachsen hervorkam. Er kam aus dem Brunnen hervor und begab sich zum Wear. Dort lag er nun während des Tages um einen Felsen in der Mitte des Stromes geringelt, und des Nachts kam er aus dem Fluss heraus und verheerte die Gegend. Er saugte den Kühen die Milch aus, verschlang die Lämmer, würgte das Vieh und erschreckte alle Frauen und Mädchen der Umgebung. Danach zog er sich immer für den Rest der Nacht auf den Hügel zurück, der heute noch Lindwurmhügel heißt. Er liegt nördlich des Wear, etwa ein und eine halbe Meile entfernt von Lambton Hall.

Diese schreckliche Heimsuchung brachte den jungen Lambton in Lambton Hall zur Vernunft. Er legte den Eid des Heiligen Kreuzes ab und brach auf ins Heilige Land. Er hoffte, die Geißel, die er über seine Gegend gebracht hatte, würde so verschwinden. Aber der grässliche Lindwurm kümmerte sich nicht darum, er überquerte nur den Fluss und kam geradenwegs auf Lambton Hall selbst zu, wo der alte Lord ganz allein lebte, nachdem sein einziger Sohn ins Heilige Land gezogen war. Was war da zu tun? Der Lindwurm kam immer näher und näher auf das Gut zu; die Frauen kreischten, die Männer nahmen die Waffen auf, Hunde bellten und Pferde wieherten vor Entsetzen. Schließlich rief der Verwalter den Milchmägden zu: »Bringt all euere Milch hierher!« Das taten sie, und als sie all die Milch gebracht hatten, die die neun Kühe im Stall gegeben hatten, goss er alles in den großen Steintrog vor dem Gutshaus. Der Lindwurm schlängelte sich näher und näher, bis er schließlich zu dem Trog kam. Als er aber die Milch witterte, legte er sich neben den Trog und trank alle Milch aus. Dann wandte er sich langsam um, überquerte den Wear-Fluß und blieb für diese Nacht dreifach um den Lindwurmhügel gerollt liegen.

Hinfort kam der Lindwurm nun jeden Tag über den Fluss, und wehe dem Gut, wenn der Trog weniger enthielt als die Milch von neun Kühen. Dann zischte der Lindwurm und wütete und peitschte mit seinem Schwanz um die Bäume des Parks, und in seiner Wut konnte er auch die stärksten Eichen und die höchsten Fichten entwurzeln. So ging das durch sieben Jahre. Viele versuchten, den Lindwurm zu vernichten, aber keinem war es gelungen, und so mancher Ritter hatte sein Leben im Kampf gegen das Ungeheuer verloren, das alles Lebendige langsam zermalmte, das in seine Nähe kam.

Zuletzt kam der Junker von Lambton heim in seines Vaters Haus, nachdem er sieben lange Jahre in Nachdenken und Reue auf heiliger Erde zugebracht hatte. Er fand seine Leute traurig und trostlos: das Land war nicht bestellt, die Hälfte der Parkbäume entwurzelt, die Höfe verlassen, denn keiner wollte bleiben und die neun Kühe versorgen, die das Ungeheuer jeden Tag zu seiner Fütterung brauchte. Der Junker suchte seinen Vater auf und bat ihn um seine Vergebung für den Fluch, den er über das Gut gebracht hatte. »Deine Sünde ist dir vergeben«, sagte sein Vater, »aber du sollst zu der Weisen Frau von Brugeford gehen und herausfinden, ob uns irgend etwas von diesem Ungeheuer befreien kann.«

Der Junker ging zu der Weisen Frau und bat sie um ihren Rat. »Es ist Euer Vergehen, Junker, das uns leiden lässt« sagte sie, »so ist es an Euch, uns zu erlösen.«

»Ich gäbe mein Leben dafür«, sagte der Junker. »Es mag sein, dass Ihr es tun müsst«, sagte sie. »Aber hört auf mich und merkt Euch wohl, nur Ihr und nur Ihr allein könnt den Lindwurm töten. Geht aber dafür zur Schmiede und Lasst Eure Rüstung mit Speerspitzen besetzen. Dann geht zum Felsen des Lindwurms im Wear und stellt Euch dort auf. Wenn dann der Lindwurm im Morgengrauen zum Felsen kommt, dann versucht Eure Tapferkeit an ihm, und Gott möge Euch gutes Gelingen schenken.«

»Und dies will ich nun tun«, sagte der Junker Lambton. »Aber noch eines«, sagte die Weise Frau, als sie zu ihrer Klause zurückging. »Wenn Ihr den Lindwurm erschlagt, schwört, dass Ihr dem ersten Wesen den Tod gebt, dem Ihr begegnet, wenn Ihr den Fuß wieder über die Schwelle von Lambton Hall setzt. Tut das, und dann wird für Euch und die Euren alles gut werden. Haltet Ihr Euren Schwur nicht, soll kein Lambton in dreimal drei Geschlechtern in seinem Bett sterben. Schwört und versagt nicht.«

Der Junker schwor, wie es die Weise Frau verlangte, und machte sich auf den Weg zur Schmiede. Dort ließ er seine Rüstung überall mit Speerspitzen besetzen. Dann verbrachte er die Nacht im Gebet in der Kirche von Brugeford, und im Morgengrauen begab er sich an den Platz beim Felsen des Lindwurms im Wear Fluss. Als die Dämmerung anbrach, entrollte der Lindwurm seine Schlangenwindungen um den Hügel und kam zu seinem Felsen im Fluss. Als er sah, dass der Junker auf ihn wartete, peitschte er im Zorn das Wasser und wand sich in Schlingen um den Junker und versuchte dann, ihn zu zermalmen. Aber je mehr er drückte, desto tiefer drangen die Speerspitzen in seine Seiten. Aber er drückte immer weiter und weiter, bis das Wasser um ihn sich dunkelrot färbte von seinem Blut. Da löste der Lindwurm die Umschlingung und gab den Junker frei. So konnte der nun sein Schwert ziehen, er hob es, ließ es niedersausen und teilte den Lindwurm in zwei Stücke. Eine Hälfte fiel in den Fluss und wurde rasch fort getragen. Der Kopf mit dem Rest des Leibes umschlang noch einmal den Junker, aber schon mit geringerer Kraft, und wieder taten die Speerspitzen ihr Werk. Zuletzt löste der Lindwurm die Schlingen, er schnaubte und schäumte ein letztes Mal Blut und Feuer und wälzte sich sterbend in den Fluss und wurde nie mehr gesehen.

Der Junker von Lambton schwamm ans Ufer, er setzte sein Horn an die Lippen und ließ es dreimal ertönen. Dies war sein Signal für den Gutshof, wo die Diener und der alte Lord sich eingeschlossen hatten, um für den Sieg des Junkers zu beten. Beim dritten Ruf des Horns sollten sie Boris, den Lieblingshund des Junkers, freilassen. Aber als sie erfuhren, dass der Junker gerettet und der Lindwurm getötet war, vergaßen sie den Befehl, und als der Junker die Schwelle des Hauses erreichte, eilte ihm sein alter Vater entgegen und wollte ihn schon an seine Brust ziehen. »Der Schwur, der Schwur!« rief der Junker von Lambton aus und blies noch einmal in sein Horn. Diesmal besannen sich die Diener und ließen Boris frei, der seinem Herrn entgegen sprang. Der Junker erhob sein schimmerndes Schwert und schlug seinem treuen Hund den Kopf ab.

Aber der Schwur war gebrochen, und durch neun Geschlechterfolgen starb keiner der Lambtons in seinem Bett. Der letzte Lambton starb in seinem Wagen, als er über die Brücke von Brugeford fuhr. Das war von einhundertunddreißig Jahren.