[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Hirte

Ein Padischah erkrankte schwer. Die Heilkundigen behandelten ihn Tag und Nacht, konnten ihm jedoch keine Linderung verschaffen. Die Höflinge glaubten bereits, die Tage des Padischahs seien gezählt, und ein jeder mühte sich, dem Herrscher zu Diensten zu sein, in der Hoffnung, jener würde dem Eilfertigsten den Thron vererben. Eines Tages ließ der Padischah den Wesir und die Höflinge rufen und sprach: »Wenn ihr keine Heil bringende Arznei zu finden vermögt, so lasse ich euch allen, bevor ich sterbe, die Köpfe abschlagen.« Die Höflinge eilten davon und suchten angstvoll nach einer Arznei. Doch da alle Suche vergeblich blieb, kamen sie zum Wesir und fragten: »Ob der Padischah seine Drohung wahr machen wird?«

»Sicher!« entgegnete der Wesir. »Ein Wahnsinniger verflucht sogar Allah.« Sie begaben sich abermals auf die Suche und fanden endlich einen Heilkundigen, der bereit war, den Padischah zu heilen.

Der Heilkundige trat vor den Padischah und sagte: »Möge dir ein langes Leben beschieden sein, gnädigster Padischah. Es gibt ein einziges Mittel für deine Genesung. Wenn du tust, was ich dir sage, wirst du genesen, tust du es nicht, so musst du sterben.«

»Sprich!« gebot der Padischah. »lass einen Klugen und einen Dummkopf rufen«, beschied ihn der Heilkundige. »Töte beide und trinke ihr Blut.« also gleich befahl der Padischah dem Wesir, den klügsten und den dümmsten Mann aus seinem Reich herbeizuschaffen. Der Wesir schwang sich auf sein Ross, ritt in die Medresse und fand dort einen gelehrten Mullah, der zwanzig Jahre in einer Zelle gesessen und die Werke der Weisen studiert hatte. Der Wesir hieß ihn auf sein Ross steigen und brachte ihn in den Palast.

Dann begab er sich auf die Suche nach dem Dummkopf. Jeden, der ihm begegnete, fragte er: »Hältst du dich für einen Dummkopf?« Doch keiner wollte zugeben, ein Dummkopf zu sein. So kam der Wesir in die Wüste. Plötzlich erblickte er einen Hirten in verschlissenen Kleidern. Das ist sicher der größte Dummkopf im ganzen Reich, dachte der Wesir. Ohne ein Wort an ihn zu richten, verprügelte er den Hirten mit seiner Kamtscha und trieb ihn vor sich her in den Palast. »Ich habe dir einen Dummkopf gebracht«, meldete der Wesir dem Padischah. Der Hirte grüßte den Padischah untertänig, doch der würdigte ihn nicht einmal eines Blickes. »Padischah, warum habt Ihr mich rufen lassen?« fragte der Hirte. »Wenn du ein Kamel besteigst, so verstecke dich nicht hinter dem Sattel«, erwiderte der Padischah. »Mich hat ein schweres Leiden befallen, du aber bist meine Arznei.«

»Es ist mir eine hohe Ehre, Eure Arznei zu sein«, gab der Hirte zur Antwort. »Doch wie kann ich Euch heilen?«

»Wenn ich das Blut eines Klugen und eines Dummkopfes trinke«, entgegnete der Padischah, »so werde ich wieder genesen.«

»Woher willst du wissen, wer der Klügste ist und wo der größte Dummkopf sitzt?« fragte der Hirte. Erwiderte der Padischah: »Weshalb soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Hier sitzt der Mullah, er ist der Klügste. Und du bist der Dümmste.«

»Sollte man tatsächlich denjenigen für den Klügsten halten, der die Aussprüche der Weisen auswendig lernt?« fragte der Hirte. »Wenn für deine Heilung wirklich ein kluger Mann vonnöten ist, so ist es der Heilkundige selbst.«

Der Mullah, der schon vor Angst zitterte, atmete erleichtert auf, der Heilkundige, der ebenfalls in der Runde saß, aber schrie: »Ich habe seit meiner Geburt niemals Verstand besessen! Nicht den allergeringsten!«

»Das glaubt dir keiner«, gab der Hirte zu bedenken. »Wenn du nicht großen Verstand besäßest, wie hättest du dann herausfinden können, welche Arznei dem Padischah zu helfen vermag?« Der Padischah fand die Worte des Hirten vernünftig und befahl: »Jagt den Mullah fort! Statt seiner legt den Heilkundigen in Fesseln!« Der Mullah machte sich vor Freude blitzschnell aus dem Staube, der Heilkundige aber erstarrte vor Furcht.

Den Mullah habe ich gerettet, dachte der Hirte bei sich, jetzt muss ich an mich selber denken. Laut sprach er zum Padischah: »Du hältst mich für den größten Dummkopf. Doch wenn das stimmte, so gäbe mir keiner jeden Monat ein Lämmchen.«

»Wer ist dann der Dummkopf?« fragte der Padischah verblüfft. »Jeder Dieb ist zweifellos ein Dummkopf«, antwortete der Hirte. »Urteile selbst: Der Dieb wird gefangen, verprügelt, in den Kerker gestoßen, dann kommt er heraus und stiehlt aufs Neue.«

»Wo soll ich den größten Dieb fangen?« wollte der Padischah wissen. »Es gibt keinen Berg ohne Wolf und keinen Staatsschatz ohne Dieb!« antwortete der Hirte und sah zum Wesir. Der Wesir erblasste und sagte zum Padischah: »Ich schaffe dir den größten Dieb heran!« Er schickte die Jessaule in den Kerker. Der Padischah trank das Blut des Heilkundigen und des Diebes und wurde von seinem Leiden befreit. Zum Zeichen der Dankbarkeit schenkte er dem Hirten einen Esel mit gestutztem Schwanz und behielt ihn als Pferdeknecht am Hofe.

Einmal zog der Padischah mit dem Wesir auf die Jagd. Der Hirte folgte ihnen auf seinem Esel. Als sie an einem Garten vorbeikamen, erblickten sie ein Mädchen. Es ging mit dem Krug zum Bach. Dieses Mädchen war von solcher Schönheit, dass man Essen und Trinken darüber vergessen und sie allein anschauen mochte. Padischah, Wesir und Hirte entbrannten also gleich in Liebe zu der holden Jungfrau. Sie aber schenkte ihnen keinen Blick. Der Padischah war der Jagd bald überdrüssig und kehrte in seinen Palast zurück. Als die Dunkelheit einbrach, verkleidete er sich, verließ heimlich den Palast und begab sich in den Garten zu der schönen Maid. Er klopfte ans Tor, eine Dienerin trat heraus und brachte ein Tischtuch und eine Platte, auf der eine Leber und eine Lunge lagen. Der Padischah, der nicht wusste, was er mit der Platte anfangen sollte, befahl der Dienerin, sie ihrer Herrin zu bringen. Nach einer Weile kam die Dienerin zurück und sagte dem Padischah, dass die schöne Jungfrau den Padischah nicht zu sehen wünsche.

Just in diesem Augenblick ertönten Schritte, und der Padischah versteckte sich erschrocken hinter einem Baum. Dem Tor näherte sich der Wesir. Kaum hatte er angepocht, da trug die Dienerin auch ihm die Platte heraus. Der Wesir wusste nicht, was er damit beginnen sollte, und schickte die Platte zusammen mit dem Tischtuch zurück. Die Dienerin trug die Platte fort, kam zurück und sagte, dass die schöne Maid den Wesir nicht zu sehen wünsche. Kaum hatte die Dienerin das Tor verschlossen, da ertönte das Geklapper von Eselshufen. Als der Wesir sich rasch hinter einem Baum verstecken wollte, stieß er den Padischah an. Er wollte vor ihm auf die Knie fallen und um Vergebung bitten, doch der Padischah hinderte ihn daran und flüsterte: »Wir wollen sehen, was weiter geschieht!«

Inzwischen war der Hirte aus dem Dunkel aufgetaucht. Er ritt auf seinem Esel ans Tor und pochte an. Die Dienerin brachte eine in ein Tischtuch gehüllte Platte mit Leber und Lunge. Der Hirte zog sein Messer aus dem Gürtel, säbelte ein Stück von der Leber und ein Stück von der Lunge ab, schnitzelte alles in kleine Häppchen, vermischte es, schnitt in das Tischtuch viele Löcher und schob die Leber- und Lungenschnitzel hindurch. Dann wickelte er alles in das Tischtuch, brach das Messer in der Mitte durch und schickte alles der holden Jungfrau. Nach kurzer Zeit kam die Dienerin zurück und meldete: »Du erhältst die Antwort zu seiner Zeit.«

Morgens, als die Sonne so hoch am Himmel stand, dass allein die Vögel in ihrer Nähe dahin zu gleiten vermögen, rief der Padischah den Wesir und fragte: »Was haben der nächtliche Streich dieses seltsamen Hirten und die Antwort der schönen Jungfrau zu bedeuten?« Doch der Wesir hob nur ratlos die Schultern. »Schicke also gleich Brautwerber zu dem schönen Mädchen«, gebot der Padischah. »Sie sollen ihr sagen, dass ich sie glücklich machen und heiraten will.« Dem Wesir klangen die Worte bitter im Ohr, doch er konnte nicht anders, er musste Gehorsam leisten. Die Brautwerber kehrten rasch zurück und überbrachten die Antwort: »Den Padischah nehme ich nicht.« Diese Worte erzürnten den Padischah, und er rief: »Wie erkühnt sie sich, mir eine Absage zu erteilen, mir, dem Herrscher über das ganze Reich! Tötet die Ungehorsame!« Als der Hirte den Zornesruf des Padischahs vernahm, eilte er geschwind herbei. »Gnädigster Padischah«, flehte er. »Höret meinen Wunsch an.«

»Auch das noch!« brüllte der Padischah. »Was für Wünsche kann ein Hirte haben?!«

Doch der Wesir schloss sich den Bitten des Hirten an: »Bezwinget Euren Zorn, oh Padischah, der Hirte ist Euer Untertan, jeder Untertan aber wünscht Euch Gesundheit und hält noch einen guten Wunsch bereit. Höret ihn also an.«

»Gut«, entgegnete der Padischah besänftigt. »Mag er sprechen!«

»Gnädiger Padischah«, hub der Hirte an, »ist es des Gebieters über ein großes Reich würdig, ein schwaches, schutzloses Mädchen zu töten? Wenn das Volk davon erfährt, wird es heißen: Der Padischah hat sie getötet, weil sie sich nicht mit ihm vermählen wollte. Sie aber wollte ihn nicht zum Mann, weil der Padischah dümmer als jener Dummkopf ist, dessen Blut er getrunken hat.«

»Der Hirte spricht wahr«, pflichtete ihm der Wesir bei.

Der Padischah sagte nach einigem Sinnen: »Gut, ich schenke ihr das Leben. Möge die Undankbare heiraten, wen immer sie mag.« Da bat der Wesir den Padischah: »Gestatte mir, Brautwerber zu dem Mädchen zu schicken.« Der Padischah willfahrte der Bitte, und der Wesir schickte Brautwerber ins Haus des Mädchens. Die kehrten bald mit der Antwort zurück: »Nein, den Wesir nehme ich nicht.« Drauf erkühnte sich der Hirte, den Padischah zu bitten: »Gnädiger Padischah, gestatte mir, Brautwerber zu dem Mädchen zu schicken.« Der Padischah lachte: »Wie kann einem Mädchen, das meine Werbung und die des Wesirs ausgeschlagen hat, ein einfacher Hirte gefallen?« Doch er gestattete auch dem Hirten, einen Brautwerber zu schicken. Als der Brautwerber zurückkam, brach der Padischah in noch lauteres Gelächter aus: »Nur zu, Hirte, eile zu dem Mädchen! Sie hat sicher befohlen, dich umgehend in ihr Haus zu bringen!« Der Brautwerber verneigte sich vor dem Padischah und sagte: »Ja, das Mädchen ist bereit, sich mit dem Hirten zu vermählen.«

Diese Nachricht verblüffte den Padischah und betrübte den Wesir. Der Padischah dachte daran, wie er, sein Wesir und schließlich der Hirte nachts ans Tor der Jungfrau gepocht hatten, und fragte den Jüngling: »Hast du in der Nacht an ihr Tor gepocht?«

»Nein, gnädiger Padischah«, entgegnete der Hirte. »Du lügst! Hat sie nicht dir Leber und Lunge auf einer Platte geschickt?«

»Nein, gnädiger Padischah!«

»Wenn du lügst, befehle ich, dich hinzurichten, sprichst du hingegen die Wahrheit, so will ich dir gnädigst verzeihen!« verkündete der Padischah erzürnt. »Ich schwöre, gnädiger Padischah, ich weiß von nichts!« Drauf sprach der Wesir: »Der schlaue Hirte betrügt uns. Er muss gehenkt werden.« Da der Hirte weiterhin leugnete, gebot der Padischah ihn hinzurichten. Dem Hirten wurde die Schlinge um den Hals gelegt.

Als die holde Jungfrau erfuhr, dass ihr Bräutigam zur Hinrichtung geführt wird, schüttete sie Asche in einen Kürbis und trug ihrer Dienerin auf, den Kürbis dem Hirten vor die Füße zu werfen. Die Dienerin eilte zur Richtstätte. Der Padischah und der Wesir hatten sich bereits eingefunden. Doch den Padischah drängte es, das Geheimnis jener Nacht zu erfahren, und er sprach zum Hirten: »Wenn du erzählst, was dein Schelmenstreich mit der Leber und der Lunge zu bedeuten hatte, so will ich dich begnadigen.« Der Hirte schüttelte statt aller Antwort ablehnend den Kopf. Da befahl der Padischah dem Henker, den Hirten zu henken. Just in diesem Augenblick kam die Dienerin der holden Jungfrau zum Galgen geeilt und warf den Kürbis zu Boden. Der Kürbis brach in Stücke, und die Asche streute aus. Als dies der Hirte sah, rief er: »Gnädiger Padischah, Lasst mich nicht hinrichten! Ich will alles erzählen!«

Also gleich gebot der Padischah dem Henker Einhalt und sagte lachend zum Hirten: »Du hast also doch Angst vor dem Tod!«

»Nein, gnädiger Padischah«, erwiderte der Hirte, »ich fürchte weder Euch noch den Tod...«

»Schwatz kein unnützes Zeug«, unterbrach ihn der Padischah, »erzähle lieber, wie sich alles zugetragen hat.«

»Gnädiger Padischah«, hub der Hirte an, »ich habe in jener Nacht in der Tat ans Tor des schönen Mädchens gepocht. Drauf hat sie mir eine Platte mit Leber und Lunge geschickt. Damit wollte sie mich fragen: Wenn ich einwillige, mich dir anzutrauen, werden wir dann, in unserem gemeinsamen Leben wie Leber und Lunge in einem Körper einander fernbleiben, oder wollen wir stets eins sein? Ich zerstückelte Leber und Lunge und vermischte die Schnitzel. Damit gab ich ihr meine Antwort: Wir wollen stets eins sein!«

»Angenommen, du sprichst die Wahrheit«, sagte der Padischah. »Doch weshalb hast du das Tischtuch zerlöchert und durch die Löcher Leber- und Lungenstückchen geschoben?«

»Damit wollte ich dem Mädchen sagen«, gab der Hirte zur Antwort, »dass, selbst wenn man mir meinen Körper durchlöchert wie dieses Tuch und mich auf die Folterbank spannt, so will ich mein Geheimnis nicht preisgeben. Niemand soll je erfahren, dass ich des Nachts zu ihr gekommen bin. Alsdann habe ich mein Messer zerbrochen und die beiden Hälften dem Mädchen geschickt. Das bedeutete, dass mein Wort fest ist wie meine Hand, die das Schwert zerbrochen hat.«

»Angenommen, du sprichst die Wahrheit«, wiederholte der Padischah, »doch warum entdeckst du uns jetzt dein Geheimnis, während du früher nicht sprechen wolltest?«

»Die Furcht vor dem Tod hat es bewirkt«, mutmaßte der Wesir. »Nein«, entgegnete der Hirte. »Nicht aus Furcht vor dem Tode habe ich mein Geheimnis gelüftet, sondern weil die Dienerin des Mädchens mir den Kürbis vor die Füße geworfen hat. Der Kürbis ist aufgebrochen, und die Asche streute aus. Damit wollte die Braut mir sagen: Du sollst meinetwegen den Tod nicht leiden. Mag unser Geheimnis sich über der Welt ausstreuen wie diese Asche, die im Kürbis beschlossen war.«

Der Padischah gebot, den Hirten freizulassen, machte ihn zu seinem Hofstallmeister, vermählte ihn mit dem schönen Mädchen und richtete das Hochzeitsfest. Vor Neid kam der Wesir nicht zu diesem Gelage. Nach einer Weile schickte der Padischah den Hirten in die Steppe, um sein bestes Gestüt zu beaufsichtigen. Der Wesir nutzte die Gelegenheit und schlug dem Padischah vor: »Jetzt ist der rechte Augenblick gekommen! Der Hirte ist nachts nicht daheim, nun kann mein Padischah dessen Weib besuchen.« Dem Padischah gefiel der Plan, und er wartete voller Ungeduld auf den Einbruch der Nacht. Der Hirte aber erriet die Absicht des Padischahs und kehrte abends, als die Pferdehirten eingeschlafen waren, nach Hause zurück und versteckte sich. Sein Weib wollte sich gerade zur Ruhe legen, als unvermittelt der Padischah die Stube betrat. Er war festlich gekleidet, hatte das Lippenbärtchen unternehmungslustig gezwirbelt und den gepflegten langen Bart sorgfältig gebürstet.

Das schöne Weib erriet, weshalb der Padischah gekommen war, und sprach: »Seid mir willkommen, mein Padischah! Nehmet Platz, ich will Euch ein Märchen erzählen.«

»Aber schwatze kein unnützes Zeug, erzähle rasch«, erwiderte der Padischah voller Ungeduld. »Der Löwe hatte einen Fuchs zum Freund«, hub die Frau des Hirten an. »Eines Tages sprach der Fuchs zum Löwen: ›Komm mit mir auf die Jagd, mein Freund. Ich kenne in der Steppe einen Ort, wo man einen Kulan aufspüren kann.‹ ›Schön‹, erwiderte der Löwe, ›lass uns in die Steppe gehen.‹ Der Fuchs führte den Löwen just an den Ort, wo jener Steppenesel lebte. Der Löwe holte das Tier ein und packte es. Miteins erblickte er am Lauf des Kulan eine blutige Wunde und fragte den Fuchs: ›He, Schlaukopf, was ist das für eine Wunde?‹ Erwiderte der Fuchs: ›Da hat ihn der Wolf verwundet. Er wollte den Kulan fangen, doch der konnte flüchten.‹ Als dies der Löwe vernahm, sagte er: ›Ach, Gevatter, ein Löwe, der vor der Beute des Wolfes kein Abscheu empfindet, ist schlimmer als ein Schakal.‹ Mit diesen Worten gab er den Kulan frei.«

Der Padischah erriet sofort, mit wem die junge Frau ihn verglich, und da er nicht einem Schakal gleichen wollte, erhob er sich rasch und ging. Die schöne junge Frau legte sich zur Ruhe, und der Hirte kehrte zum Gestüt zurück. Morgens kam der Hirte in die Stadt, ging aber nicht heim, sondern blieb im Palast des Padischahs. Als das schöne Weib erfuhr, dass ihr Mann im Palast weilte, rief sie ihren Bruder und sagte: »Geh in den Palast, packe meinen Mann am Kragen und schleppe ihn heim. Wenn der Padischah fragt, weshalb du den Hirten fortschleppst, so antworte: ›Ich habe ihm einen Garten verkauft, aber er nutzt ihn nicht. Wenn er ihn nicht besitzen will, mag er ihn mir zurückgeben.‹«

Der Bruder der schönen Frau tat, wie diese ihn geheißen. Als er den Hirten am Kragen packte, erriet jener, wie er sich verhalten müsse, und fragte: »Wohin schleppst du mich?«

»Nach Hause«, antwortete der Bruder der schönen Frau. »Weshalb?« fragte der Padischah. »Weil ich ihm einen Garten verkauft habe, er aber nutzt ihn nicht«, entgegnete der Bruder der schönen Frau. »Wenn er ihn nicht besitzen mag, so braucht er ihn also nicht. Wenn er ihn aber nicht braucht, so mag er ihn mir zurückgeben.« Drauf sprach der Padischah zum Hirten: »Wenn du einen Garten gekauft hast, so nutze ihn!« Antwortete der Hirte: »Gnädiger Padischah, wie kann ich meinen Garten nutzen, wenn ich darin die Spur eines Löwen gefunden habe?« Ärgerlich sagte der Wesir: »Dieser Hirte spricht stets in Rätseln.«

»Nein«, entgegnete der Padischah. »Das ist kein Rätsel, sondern eine Deutung.« Lachend wandte er sich an den Hirten: »Die fremde Spur ist auf immer aus deinem Garten verschwunden. Ein Löwe rührt nie die Beute des Wolfes an.« Der Hirte ging heim und lebte fortan glücklich mit seinem jungen Weib.