[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der gute Daichan

Es war einmal ein junger Daichan mit Namen Sapá. Es war ein ehrlicher und fleißiger Mann, der keinem etwas neidete. Die Ernte, die er von den Feldern einbrachte, war so reich, dass das Getreide ihm alle Scheunen füllte. Eines Tages, als Sapá seinen Boden bewässerte, sah er, wie ein großer roter Apfel im Aryk schwamm. Er fischte ihn aus dem Wasser und biss in die Frucht. Dann bedachte er sich: Bai-bo, ich hätte den Apfel nicht anbeißen dürfen, ohne den Besitzer zu fragen. Lange überlegte er und machte sich schließlich auf, um den Besitzer zu suchen und ihn um Verzeihung zu bitten.

Über kurz oder lang erblickte er einen großen Garten vor sich. Unter den Bäumen ging ein grauhaariger Mann mit einem Stecken in der Hand auf und ab. Sapá wünschte ihm Gesundheit, zeigte ihm den Apfel aus dem Aryk und fragte: »Aga, ist dieser Apfel vielleicht aus Eurem Garten?«

»Nein, mein Sohn«, erwiderte der Jaschul, nachdem er die Frucht betrachtet hatte. »Dort oberhalb liegt der Garten meines älteren Bruders, geh hin und frag ihn, vielleicht gehört ihm der Apfel.« Sapá wanderte weiter. Bald erblickte er einen zweiten Garten. Er war größer als der erste. Ein leicht angegrauter Mann ging unter den Bäumen einher und goss sie. Sapá grüßte und fragte: »Aga, ist dieser Apfel vielleicht aus Eurem Garten?« Der alte Mann trat zu ihm, sah sich den Apfel an und erwiderte: »Nein, guter Mann, solche Äpfel habe ich nicht, oberhalb liegt der Garten meines älteren Bruders, vielleicht wachsen sie bei ihm.«

Wieder machte sich Sapá auf den Weg. Bald erblickte er einen Garten, der noch größer als der zweite war. Ein Mann in mittleren Jahren häufelte die Apfelbäume an und sang sich ein Liedchen.

Sapá grüßte, zeigte ihm den gefundenen Apfel und fragte: »Aga, ist er vielleicht aus Eurem Garten?«

»Ja«, antwortete jener, nachdem er die Frucht aufmerksam betrachtet hatte. »Das ist also Euer Apfel?« fragte Sapá noch einmal verlegen und hub zu erzählen an: »Ich habe ihn im Aryk gesehen, aus dem Wasser geholt und, ohne recht zu überlegen, hinein gebissen... Dabei gehört er Euch und nicht mir... Aga, verzeiht mir um Mohammed willen mein Vergehen. Ich bin bereit, Euch als Entschädigung zu geben, was immer Ihr von mir fordert.«

»Nein, nein«, entgegnete der Gärtner, »ich will nichts von dir.«

»Aga-dshan«, flehte Sapá, »Ihr grollt mir also, da Ihr kein Entgelt von mir wollt. Doch ich bin genauso ein Daichan wie Ihr. Ich ernähre mich mein Lebtag von meiner Hände Arbeit und achte die Arbeit anderer. Nehmt, was immer Ihr wollt: Mein Geld oder mein Getreide, wie es Euch gefällt... Ich bin zu allem bereit. Nur verzeiht mir.«

Doch der Gärtner wollte keine Bezahlung annehmen, so inständig Sapá auch bitten mochte. Endlich sagte er: »Wenn du schon auf einem Entgelt bestehst, junger Mann, so höre, was ich dir sage: In jener Kibitka dort sitzt meine Tochter. Sie ist blind, taub und stumm. Sie hat weder Hände noch Füße. Nimm sie zum Weib.« Sapá stimmte bereitwillig zu: »Ich bin noch unvermählt, drum nehme ich Eure Tochter gern zum Weib. Aber verargt mir nicht länger, dass ich Euch den Apfel verdarb.«

»Ich verarge es dir wahrlich nicht«, erwiderte der Gärtner und wies ihm den Weg zu der Braut. Als der Jüngling die Kibitka betrat, blieb er reglos vor Staunen stehen. Auf einem hohen Ruhelager schlief ein Mädchen von unsäglicher Schönheit. »Allah«, rief der Jüngling vor Verblüffung aus und dachte alsbald: Ich habe sicher die Türen verwechselt. Sie gleicht so gar nicht dem Mädchen, von dem ihr Vater sprach.

Unverzüglich kehrte er um. »Aga«, sagte er erregt, »ich habe ein ganz anderes Mädchen gefunden, als Ihr mir beschrieben habt. Wahrscheinlich bin ich in die falsche Kibitka getreten?«

»Nein, mein Sohn.« Der Gärtner lächelte. »Du hast dich nicht geirrt, das ist sie.«

»Warum habt Ihr dann gesagt, sie sei blind, taub und stumm und habe weder Hände noch Füße?«

»Das verhält sich so: Sie ist blind, weil sie nichts sieht außer ihren Büchern, taub, weil sie nichts hört außer dem, was sie liest, stumm, weil sie allein mit ihren Büchern spricht. Sie hat keine Hände, weil sie nichts zwischen den Fingern hält als die Bücher, und sie hat keine Füße, weil sie nirgendwohin fortgeht von ihren Büchern.«

»Jetzt verstehe ich«, sagte Sapá und fragte, da er Mut gefasst hatte: »Als ich auszog, um den Besitzer des Apfels zu finden, kam ich an einen Garten mit einem uralten Mann, er aber sagte, dass oberhalb der Garten seines älteren Bruders liege. Als ich den Bruder sah, schien er mir jünger zu sein als der erste. Sein Haupthaar war nur leicht ergraut. Jener Gärtner schickte mich wiederum zu seinem älteren Bruder, also zu Euch. Ihr aber seht aus wie der Jüngste von allen Dreien. In Eurem Bart ist kein einziges graues Haar. Wie soll ich das begreifen?«

Der Gärtner seufzte. »Es mag dir seltsam erscheinen: Der Jüngste ist am stärksten ergraut. Weshalb? Er lebt in Unfrieden mit seinem Weib. Der mittlere Bruder führt ein geordneteres Leben, deshalb hat er sich jünger gehalten und beginnt erst jetzt zu ergrauen. In meiner Familie aber kennen wir keinen Streit. Bei uns herrscht ewiger Frühling. Deshalb altere ich nicht, sondern verjünge mich von Tag zu Tag.« Sapá stellte diese Antwort zufrieden. Er dankte dem Gärtner, weil der ihm verziehen hatte, und führte seine Braut, das Gärtnertöchterlein, heim. Bald wurde fröhlich Hochzeit gefeiert, und die Jungvermählten lebten glücklich in Frieden und Eintracht.