[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Fuchs

Ein türkischer Pascha raubte einst die Tochter eines Königs und verschleppte sie auf eine Insel mitten im Meer, damit ihr mächtiger Vater sie nicht fände. Auf der Insel lebten sonst keine Menschen, weil es dort nur Dornensträucher und Schlangen gab. Aus den vielen herumliegenden Granitblöcken ließ der Pascha eine Burg errichten, in der er die Prinzessin hinter neunmal verschlossenen Türen gefangen setzte. Bei ihr waren nur der Kerkermeister und seine Frau sowie ein Jüngling, der ebenso alt war wie sie und gleichzeitig aus der Heimat geraubt worden war. Er bediente sie, brachte ihr Wasser und Brot, manchmal auch wohlschmeckende Speisen, die er vom Tisch des Kerkermeisters stahl. Doch geschah das selten genug, nur alle drei Monate, wenn das Lebensmittelboot gekommen war.

Der Jüngling verliebte sich in die Prinzessin, war sie doch schön wie eine Lilie, die ihr schneeiges Weiß auch in sengender Sonnenglut nicht verliert. Die Prinzessin gewann den Jüngling ebenfalls lieb, und beide beschlossen, der Gefangenschaft zu entfliehen und sich zu vermählen, oder, falls die Flucht misslänge, gemeinsam in den Tod zu gehen. Die Gelegenheit zur Flucht bot sich erst nach drei Jahren, als die Boten des Paschas, die die Insel mit Wasser und Lebensmitteln versorgten, auch ein Fässchen Wein mitbrachten. Zwar ist den Mohammedanern der Wein verboten, aber sie trinken ihn ebenso gern wie wir Slowenen, nur nicht öffentlich, sondern insgeheim. Und nachdem die Boten das Fässchen ans Ufer gerollt hatten, dauerte es gar nicht lange, bis sie betrunken waren und auch der Kerkermeister und sein Weib unter dem Tisch lagen.

Der Jüngling nahm die Schlüssel zu den neun Schlössern und stürzte in die Burg, schloss die neun Schlösser auf und ließ die Prinzessin heraus. Eilig liefen sie ans Ufer, sprangen ins Boot und ruderten aufs Meer hinaus. dass sie verfolgt wurden, brauchten sie nicht zu befürchten. Der Kerkermeister besaß kein Boot, und die Türken würden von ihrer Flucht erst erfahren, wenn das zweite Boot, das sie aussenden würden, um festzustellen, weshalb das erste ausblieb, wieder zu ihnen zurückgekehrt wäre. Es blies ein günstiger Westwind, und schon nach kurzer Zeit waren die Flüchtlinge außer Sicht. Nach drei Wochen näherte sich ihnen ein großes Schiff; sie versuchten, so schnell wie möglich davon zu rudern, da sie glaubten, es gehöre den Türken, doch an Bord hatte man sie schon bemerkt und nahm die Verfolgung auf. Die Prinzessin war entschlossen, sich eher zu ertränken, als noch einmal im Kerker zu schmachten, und wollte sich schon ins Wasser stürzen, doch im letzten Augenblick erkannte sie, dass die Flagge ihres Vaters am Heck des Schiffes wehte. Überglücklich ließ sie sich und den Jüngling an Bord holen. Das Ruderboot wurde ins Schlepp genommen, und dann machte sich das Schiff auf den Heimweg.

Nun war aber der Kommandeur des Schiffes, ein General, böse wie der türkische Kerkermeister und so blatternarbig, als hätte der Teufel auf seinem Gesicht Erbsen geschrotet. Es war schon das dritte Schiff, das der König ausgesandt hatte, um seine Tochter zu suchen. Doch keiner der drei Kommandeure hatte sie wirklich gesucht. Sie waren nur mehrere Wochen in den türkischen Gewässern herumgesegelt und hatten dem König nach der Heimkehr die Hucke voll gelogen mit den Berichten von den erbitterten Schlachten, die sie den Türken angeblich geliefert hatten.

Der General, der die Prinzessin aufgefischt hatte, war außer sich vor Freude, denn er hoffte, dadurch Thronfolger zu werden. Der König hatte nämlich seine Tochter dem versprochen, der sie ausfindig machen und heimbringen würde. Nun stand aber der Jüngling, der Gefährte der Prinzessin, dem General im Wege. Und in einer stürmischen Nacht, als das Schiff wie eine Nussschale auf den haushohen Wogen tanzte und das kleine Ruderboot zersplitterte, rief er den Jüngling an Deck, angeblich, um ihm zu zeigen, was aus dem Boot geworden war, in Wirklichkeit aber, um ihn ins Meer zu stürzen. Der Jüngling rief laut um Hilfe, aber das Sturmgeheul übertönte seine Stimme.

Glücklicherweise sah er eine Planke des zersplitterten Ruderbootes vorbei treiben; daran klammerte er sich fest und hielt sich auf diese Weise mehrere Stunden lang über Wasser. Doch allmählich verließen ihn die Kräfte, zudem drohte die Planke unter zu sinken, weil plötzlich ein Fuchs aufgetaucht war, der sich ebenfalls an ihr festhielt. Ich muss ihn wegstoßen! sagte sich der Jüngling, denn uns beide trägt die Planke nicht. Doch als er den Fuchs näher betrachtete, hatte er das Gefühl, einem Freund in die Augen zu blicken, und er dachte mitleidig: Beide, Mensch und Tier, sind wir Geschöpfe Gottes, entweder retten wir uns beide, oder wir gehen beide zugrunde. Und als er das dachte, schnellte die Planke wieder an die Oberfläche, als hielte sich keiner daran fest, und in nächster Nähe tauchte eine Felseninsel aus dem Meer, die sie mühelos erreichten.

Als sie ans Ufer geklettert waren und der Jüngling die Insel durchstreifte, entdeckte er zu seiner Freude landeinwärts ein tiefes steinernes Süßwasserbecken, umgeben von den schönsten Blumen und von Bäumen mit seltsamen Früchten, wie er sie noch nie gegessen hatte. Auf dieser Insel verbrachte er mit dem Fuchs drei Jahre. Letzterer fing allnächtlich viele Fische, von denen sie ihr Leben fristeten, und nachdem das dritte Jahr vergangen war, begann der Fuchs plötzlich mit menschlicher Stimme zu reden. »Der General hat die Prinzessin wohlbehalten heimgebracht«, teilte er dem Jüngling mit. »Dann hat er den König an sein Versprechen erinnert und die Prinzessin zur Frau verlangt. Sie will ihn nicht haben, doch weil er droht, sie umzubringen, falls sie ihrem Vater den Namen ihres wirklichen Retters verrät, zittert sie vor ihm. Aber sie liebt dich noch immer und wartet sehnsüchtig auf deine Wiederkehr. Um die Hochzeit hinauszuschieben, hat sie zur Bedingung gestellt, dass ihr der General vorher einen Palast baut, geschmückt mit Bildwerken. Gefällt ihr der Palast, so sagte sie, dann will sie ihn heiraten. In den vergangenen drei Jahren ließ der General schon zwei Paläste bauen. Da sie aber beide der Prinzessin nicht gefielen, hat der General sie abreißen und die Baumeister hinrichten lassen. Nun aber, mein Freund und Retter«, fuhr der Fuchs fort, »ist es an der Zeit, dass du dich auf den Heimweg machst, denn die Prinzessin hat nicht das Recht, den dritten Palast abzulehnen, und wenn er fertig ist, muss sie den General heiraten. Deshalb sollst du zum General gehen und ihm deine Dienste als Baumeister anbieten.«

»Aber ich verstehe doch nicht das geringste von der Baukunst!« rief der Jüngling. »Das überlaß nur mir!« sagte der Fuchs. »Geh getrost zum General.«

Noch in der gleichen Nacht lud er sich den schlafenden Jüngling auf den Rücken und trug ihn übers Meer. Als letzterer am nächsten Morgen erwachte, waren sie schon vor dem Hause des Generals angelangt. Dieser freute sich sehr, als der Jüngling ihm seine Dienste anbot und ihm, obendrein den schönsten Palast der Welt versprach, hatten es doch alle einheimischen Baumeister abgelehnt, für den General zu arbeiten aus Angst, ihren Kopf zu verlieren. Der Bau dauerte ein ganzes Jahr. Alle Zeichnungen, die der Jüngling den Bauleuten übergab, und alle Anweisungen, die er ihnen erteilte, stammten in Wirklichkeit vom Fuchs. Als der Palast schließlich fertig geworden war, unternahmen der König, die Prinzessin, der General und der vermeintliche Baumeister einen Besichtigungsrundgang. Sie begannen mit der Wendeltreppe, die vom Eingang bis unters Dach führte. Jeder Treppenabsatz war mit Bildwerken geschmückt, die das Leben der Prinzessin darstellten: ihre Geburt, ihre ersten Schritte, ihr Spiel mit der ersten Puppe, ihre Schulstunden und ganz oben, auf dem letzten Treppenabsatz, ihre Entführung durch die Türken. Die Prinzessin lächelte glücklich, während sie die Bildwerke betrachtete, und der General war außer sich vor Freude, endlich einen Baumeister gefunden zu haben, der ihren Geschmack getroffen hatte. Vom Dach des Palastes führte eine zweite Wendeltreppe abwärts.

Doch beim Anblick der Bildwerke, die jetzt die Treppenabsätze zierten, verzerrte der General vor Wut das Gesicht. Sie stellten den Jüngling dar, wie er der Prinzessin auf der einsamen Insel das Essen in den Kerker bringt, dann das Zechgelage der Türken, die Flucht mit dem Ruderboot, den Empfang an Bord des Schiffes und schließlich, unten am Ausgang, den General, der den Jüngling in die tobende See hinab stößt. Vor diesem Bildwerk riss der General den Säbel aus der Scheide, denn er begriff, wer der Baumeister des Palastes war und aus welchem Grund die Prinzessin so glücklich lächelte. Doch ehe er noch dazu kam, dem Jüngling den Kopf abzuschlagen, blitzte ein anderer Säbel durch die Luft und tötete ihn. Im selben Augenblick stand vor der Prinzessin und ihrem Geliebten der Fuchs in Menschengestalt. Es war ein verwunschener Baumeister, der durch den Tod des bösen Generals seine menschliche Gestalt zurück gewonnen hatte. Die Liebenden aber wurden schon am nächsten Sonntag vermählt, und alles Volk freute sich mit ihnen.