[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der feige Chudaiberdy und die Füchsin

Es war einmal ein Mann mit Namen Chudaiberdy. Er fürchtete sich über alle Maßen vor Füchsen. Wenn er nur einem einzigen in der Steppe oder im Wald begegnete, so machte er einen großen Bogen um das Tier. Aus diesem Grunde galt er weit und breit als Feigling. Eines Tages, als seine Frau und die Tochter ein Stück Baumwollstoff gewebt hatten, trugen sie ihm auf, das Gewebe auf dem Basar zu verkaufen. Chudaiberdy schwang sich schon auf sein Pferd, um in die Stadt zu reiten, da bat ihn sein Weib, ein wenig Chalwa mitzubringen, und die Tochter wünschte sich Lutschbonbons. »Ich bringe euch ganz bestimmt kleine Gaben mit«, versprach Chudaiberdy und ritt vom Hof.

Im Wald begegnete ihm eine Füchsin. »Wohin des Weges, Chudaiberdy«, fragte sie. Chudaiberdy wollte sein Pferd schon wenden, doch die Füchsin umkreiste ihn arglistig und schlug unheilvoll mit ihrer buschigen Rute den Boden. »Mein Weib und die Tochter haben mich in die Stadt geschickt, um Stoff zu verkaufen«, antwortete Chudaiberdy. »Weshalb willst du ihn erst bis zum Basar schleppen?« meinte die Füchsin. »Verkaufe ihn lieber mir. Wenn du zurückkehrst, so will ich dir hier, an dieser Stelle, das Geld hinterlegen.«

»Schön«, Chudaiberdy was es zufrieden. »Nur lass das Geld schon im Strauchwerk liegen, wenn ich wiederkomme.«

»Keine Sorge!« versicherte die Füchsin. Chudaiberdy schenkte ihr Glauben, gab ihr den Stoff und ritt in die Stadt. Auf dem Basar erblickte er Chalwa und Lutschbonbons und erinnerte sich an die Bitten von Frau und Tochter. Doch er besaß kein Geld, um die Süßigkeiten zu kaufen. So bestieg er wieder sein Pferd und ritt heim. An der Stelle im Wald, wo Chudaiberdy der Füchsin begegnet war, fand er im Strauchwerk weder Geld noch Stoff noch die listige Gevatterin.

Lange wartete er, dass die Füchsin ihm das Geld bringe, doch da alles Warten vergeblich war, kehrte er schließlich mit leeren Händen heim. »Hast du Chalwa mitgebracht?« fragte die Frau. »Nein, Weib, es gab keine Chalwa«, erwiderte Chudaiberdy. »Hast du Lutschbonbons mitgebracht?« fragte die Tochter. »Nein, Kind, die Lutschbonbons waren schon ausverkauft, ehe ich überhaupt den Laden betrat.«

»Und wo hast du das Geld für die Ware?« fragte die Frau. »Ach, Weib«, antwortete Chudaiberdy, »als ich auf den Basar ritt, begegnete mir eine Füchsin. Sie kaufte mir den Stoff ab und versprach, das Geld unter einem Strauch zu hinterlegen. Doch sie hat mich betrogen und kein Geld gebracht.«

Wütend begann die Frau zu zetern: »Wo hat man das je gesehen, dass einer mit der Füchsin Handel treibt? Wie kann man der überhaupt Glauben schenken! Die sitzt jetzt in ihrem Bau und lacht sich ins Fäustchen. Geh sofort zu ihr und fordere das Geld für den Stoff zurück.«

»Aber Weib!« Chudaiberdy erschrak zutiefst. »Wie kann ich zu ihr gehen, wenn sie mir gedroht hat. Wenn du, sagte sie, mir nicht den Stoff verkaufst, so fress ich dich und dein Pferd.«

»Feigling!« schrie die Frau. »Nicht von ungefähr nennen dich alle Feigling!« und sie ging mit geballten Fäusten auf den Mann los. »Halt ein, Weib«, suchte Chudaiberdy sie zu beschwichtigen. »Ich habe lieber mit einem bösen Dew zu tun als mit Füchsen. Schicke mich besser zu den Unholden nach Geld!«

»Sieh doch zu, woher du dein Geld bekommst!« Die Frau konnte sich gar nicht beruhigen. »Bist mir ein rechter Wagehals! Willst zu den Unholden gehen, dabei rennst du schon vor einem Rotschwanz davon!«

»Wirst sehen, ich gehe wirklich zu den Unholden.« Chudaiberdy gefiel seine Idee. »Morgen ziehe ich aus und fordere von ihnen Geld!«

Anderntags rüstete Chudaiberdy zur Reise. Als die Nachbarn davon hörten, brachen sie in lautes Gelächter aus: »Unser Feigling Chudaiberdy will gegen die Unholde kämpfen!« Chudaiberdy ging schweigend zum Hühnerstall, nahm sich ein rohes Ei und schob es in die Tasche. Unterwegs fand er einen Eselsschwanz und schob ihn unter seine Papacha. Dann ging er aufs Feld, um die aufgestellten Vogelnetze zu überprüfen, und erblickte einen gefangenen Fasan. Er zog ihn heraus und schob auch ihn in den Gürtel. Endlich legte er ein paar Stricke auf, nahm Abschied von Weib und Kind und machte sich auf den Weg. Chudaiberdy gelangte zur Höhle, in der die Unholde lebten, trat ein und begrüßte sie. Der Oberdew sprach zu ihm: »Wir hätten dich zerrissen und dich mit Haut und Haar gefressen, wenn du uns nicht gegrüßt hättest. Sprich, wer bist du?«

»Ich bin der Recke Chudaiberdy«, antwortete er. »Dann setz dich an den Herd und sei unser Gast.«

Sie ließen Chudaiberdy Platz nehmen, und der Oberdew sprach: »Auch wir haben einen Recken Dew unter uns. Wenn du ihn im Faustkampf besiegst, so kannst du dir alles, was du nur magst, von uns wünschen. Wenn er hingegen siegt, so fressen wir dich.« Die Unholde riefen ihren Recken herbei, und der Ringkampf begann. Chudaiberdys Knochen krachten also gleich, und die Augen traten ihm vor Schmerz aus den Höhlen. Er wähnte, sein letztes Stündlein habe geschlagen, und warf den Kopf zurück. Als der Recke Dew sah, dass der andere in den Himmel starrte, fragte er: »Wohin starrst du da am Himmel?« Chudaiberdy entgegnete mit letzter Kraft: »Ich halte nach dem Stern Aussicht, zu dem ich dich gleich schleudern will.« Als der Recke Dew diese Worte vernahm, gab er Chudaiberdy frei und floh.

Chudaiberdy verfolgte ihn. »Halt ein, halt ein!« schrie der Oberdew. »Tu unserem Recken nichts zuleide! Wir zahlen dir auch ein Lösegeld für ihn!«

»Gut«, Chudaiberdy war es zufrieden. »Mag er weiterleben. Aber wagt nicht, mich mit dem Lösegeld zu betrügen!«

Alsdann setzte sich Chudaiberdy zu den Unholden und sprach: »Jetzt möchte ich doch sehen, wer die größeren Flöhe hat: ich oder ihr?« Der Oberdew fing einen Floh, groß wie eine Faust. Chudaiberdy zog den Fasan aus dem Gürtel und warf ihn in die Luft. Der Fasan schlug laut mit den Schwingen und flog von dannen. »Das ist vielleicht ein Floh!« Die Dews wussten sich gar nicht zu lassen vor Staunen. »Ein Recke hat auch reckenhafte Flöhe«, verkündete Chudaiberdy. »Nun zeigt einmal, wie stark eure Haare eigentlich sind.« Der Oberdew riss sich ein Haar, stark wie ein Pferdehaar, aus dem Schöpf, Chudaiberdy aber zog unbemerkt den Eselsschwanz unter der Papacha hervor. Erstaunt sagten die Dews: »Ja, das ist ein Haar! Wie trägt dein Kopf nur so dicke Haare?«

»Ein Recke hat auch reckenhaftes Haar«, antwortete Chudaiberdy stolz. »Doch lasst uns zum Abschluss vergleichen, welche Kraft in unseren Füßen steckt. Wer von euch vermag Öl aus der Erde zu pressen?« Die Unholde sprangen auf und vertraten sich die Füße. Chudaiberdy zog indes unbemerkt das rohe Ei aus der Tasche, legte es auf einen Stein und streute ein wenig Sand darüber. Die Unholde begannen mit aller Kraft auf der Erde umherzutrampeln. Die Erde erzitterte wohl, aber Öl erblickte man nicht. »Wo bleibt das Öl?« fragte Chudaiberdy. Die Unholde stampften mit solcher Kraft auf, dass eine fünfhundertjährige Platane umstürzte, doch Öl trat nicht aus der Erde. »Ihr habt ja keinen einzigen Tropfen Öl aus der Erde gepresst«, sagte Chudaiberdy. »Nun schaut einmal her, wie ich das mache.« Mit diesen Worten trat er mit dem Fuß auf das verscharrte rohe Ei, und alsbald sickerte das Gelbei in den Sand.

Voller Staunen umdrängten die Unholde Chudaiberdy, und der Oberdew sagte: »Wahrlich, du besitzt Kraft!«

»Jetzt wollen wir sehen, wer von uns mehr Bäume fällt!« schlug Chudaiberdy vor. Die Unholde waren es zufrieden und begannen jahrhundertealte Bäume zusammen mit dem Wurzelwerk aus dem Erdreich zu reißen. Nachdem jeder Dew ein Dutzend Bäume entwurzelt hatte, wickelte Chudaiberdy seine Stricke ab. »Was willst du tun?« fragte der Oberdew. »Ich werde doch nicht jeden Baum einzeln ausreißen!« entgegnete Chudaiberdy. »Ich will euren ganzen Wald mit Stricken unwinden und alle Bäume auf einen Ruck ausreißen.«

»Halt ein!« Die Unholde erschraken zutiefst. »Diesen Wald haben unsere Großväter gepflanzt! Verschone ihn, wir wollen dir Lösegeld geben und dich obendrein reich beschenken.«

»Na schön, mag es nach eurem Wunsche geschehen«, Chudaiberdy gab sich zufrieden. »Schafft das Lösegeld und eure Geschenke heran.« Eilig hasteten die Unholde hin und her, griffen ihre Spaten und zogen los, um das in der Erde verborgene Gold auszugraben. Bevor sie von dannen gingen, wies der Oberdew auf den Kessel mit Pilaw, der vierzig Eimer fasste, und sagte zu Chudaiberdy: »Wenn du Hunger verspürst, so setze dich an den Kessel und iß, soviel du magst. Wenn wir heimkommen, essen wir den Rest, den du uns lässt.« Die Unholde zogen ab, Chudaiberdy hob eine Grube aus, schob mit dem Spaten den fertigen Pilaw hinein und bedeckte die Grube mit Erde.

Als die Unholde heimkehrten, erblickten sie Chudaiberdy, der in den Kessel gekrochen war und den Boden auskratzte. Vor Erstaunen rissen sie die Mäuler sperrangelweit auf. »Soviel Pilaw können wir alle zusammen nicht essen, wie er ganz allein vertilgt hat!« Der Oberdew stapelte sieben Säcke voll Gold vor der Höhle auf und sagte zu Chudaiberdy: »Leg dich jetzt schlafen, morgen früh will ich einem Dew befehlen, dich Heim zu geleiten.« Die Unholde richteten in der Höhle eine Bettstatt her, gaben Chudaiberdy ein Tigerfell, traten alsdann aus der Höhle und begannen flüsternd Rat zu halten. »Was sollen wir nur mit dem Recken Chudaiberdy machen?« fragte der Oberdew. »Er schleppt uns unser Gold fort und fordert am Ende noch einen Tribut.«

»Jetzt wird er wohl oft nach Gold zu uns kommen«, meinte ein anderer Dew. »Wir schlagen ihn am besten tot.« Wieder hatte der Oberdew das Wort genommen. »Wenn er eingeschlafen ist, schleichen wir uns an ihn heran und töten ihn.« Chudaiberdy, der ihre Unterhaltung belauscht hatte, legte sich nicht ins Bett. Vielmehr schob er Steine unter das Tigerfell und verbarg sich selbst in einem Winkel. Tief in der Nacht schlichen sich die Unholde an Chudaiberdys leere Liegestatt und schlugen lange mit Knüppeln auf die Steine ein, die unterm Fell versteckt lagen. Dem Oberdew aber erschien selbst dies noch zu wenig: Er befahl, das Reisig anzuzünden, das als Unterlage auf Chudaiberdys Bettstatt lag. Dann machten sich die ausgehungerten Unholde daran, frischen Pilaw zu kochen. Frühmorgens, als das Essen fertig war, setzten sie sich um den Kessel herum, doch da trat Chudaiberdy gähnend aus der Höhle und streckte sich verschlafen. Die Unholde sprangen von Schrecken gepackt auf, stießen den Kessel dabei um und verschütteten den Pilaw. »Ich habe heute so schlecht geschlafen«, sagte Chudaiberdy. »Zuerst war mir, als fiele ein leichter Sprühregen; als mich die Regentropfen gar zu sehr störten, wickelte ich mich fester ins Tigerfell ein. Da wurde mir so heiß, dass ich ins Schwitzen geriet.«

Der Oberdew befahl kurzerhand einem Unhold: »Lade dir den Recken Chudaiberdy auf die Schultern, die sieben Säcke mit Gold dazu und trag ihn rasch fort, solange wir noch am Leben sind.« Gehorsam wälzte sich der Dew die Säcke mit Gold auf den Rücken, setzte Chudaiberdy darauf und schwang sich in die Lüfte. Unterwegs fragte der Dew: »Ruhmreicher Recke, du verzehrst soviel Pilaw, aber dein Körper hat gar kein Gewicht. Wie ist das zu erklären?«

»Ganz einfach«, gab Chudaiberdy zur Antwort. »Ich will dich einfach nicht mit meinem Gewicht belasten. Deshalb habe ich einen Strick zum Himmel geworfen und klammere mich daran.« Darauf bat der Dew: »lass doch bitte den Strick herab! Ich möchte die Last deines. reckenhaften Körpers spüren.«

»Sei's drum«, erwiderte Chudaiberdy, »wirst es gleich fühlen.« Er zog sein Messer aus dem Gürtel und stieß es dem Dew langsam zwischen die Schulterblätter. »Chudaiberdy«, flehte der Unhold. »Greife lieber nach deinem Strick, ich halte sonst dein Gewicht nicht aus. Am Ende stürzen wir beide ab.« Chudaiberdy steckte sein Messer ein, und der Dew flog noch rascher. Endlich ließen sie sich just in jenem Wald zur Erde nieder, in dem die Füchsin wohnte, die Chudaiberdy betrogen hatte. »lass mich heimkehren, Recke Chudaiberdy«, bat der Dew. »Du hast es jetzt nicht mehr weit bis zu deinem Haus. Lad dir die sieben Säcke Gold auf und wandere gemächlich heim.«

Chudaiberdy erblickte unter dem Baum den Fuchsbau. »Nein, Dew«, erwiderte er, »wir hatten abgesprochen, dass du mich bis nach Hause bringst. Wenn du zu müde zum Fliegen bist, so wollen wir fürbass gehen. Die Säcke mit dem Gold aber musst du schon selber tragen. Die Menschen sind daran gewöhnt, dass ich mehrere Kamele und Ochsen auf einmal abschleppe. Wenn sie mich jetzt mit diesen leichten Säcken auf dem Rücken erblicken, so werden sie mich auslachen.«

Das alles vernahm die Füchsin und steckte ihre Schnauze aus dem Bau. Dem Dew blieb nichts übrig, er musste die Säcke mit dem Gold bis zu Chudaiberdys Kibitka schleppen. Hier ließ ihn Chudaiberdy frei, und der Dew lief in den nahen Wald, um sich ein wenig zu verschnaufen, bevor er zurückflog. Im Wald begegnete ihm die Füchsin: »Woher des Wegs, Dew?«

»Ich habe den Recken Chudaiberdy mit sieben Säcken Gold heimgebracht«, entgegnete der Dew. Begann die Füchsin zu lachen: »Da hast du ja einen tapferen Recken gefunden! Der fürchtet sich sogar vor mir! Aus lauter Feigheit hat er mir den Stoff abgelassen, den er auf dem Basar verkaufen wollte, ihr aber zahlt ihm noch Tribut!« Die Füchsin wusste sich gar nicht zu lassen vor Lachen. Doch der Dew glaubte ihr nicht. Da schlug die Füchsin vor: »Wenn du mir nicht glaubst, so führe ich dich zu seiner Kibitka. Wenn er mich sieht, wird er davonlaufen, dann kannst du dir dein Gold zurückholen. Doch ich stelle eine Bedingung: Du musst mir als Lohn ein wenig Gold abgeben für einen neuen Winterpelz.« Der Dew willigte ein, knüpfte sich mit einem Strick am Hals der Füchsin fest und folgte ihr zu Chudaiberdy.

Als Chudaiberdy von ferne die Füchsin und den Dew erblickte, kletterte er auf seine Kibitka und rief von oben: »He, Füchsin! Du hast mir beim Knöchelspiel drei Unholde verspielt! Warum bringst du mir nur einen einzigen an? Wo sind die anderen zwei?« Als der Dew diese Worte hörte, schrie er die Füchsin an: »Ach, du abscheuliche Betrügerin! Wolltest mich mit einer List dem Recken Chudaiberdy ausliefern!« Er stürzte davon, die Füchsin hing am Strick und fiel mit solcher Gewalt zur Erde, dass sie mausetot liegen blieb. Der Dew aber gab Fersengeld. Seither galt Chudaiberdy allüberall als verwegener Recke.