Der Affe als Mensch - Wilhelm Hauff - Hekaya
[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Affe als Mensch

Im südlichen Teil von Deutschland liegt das Städtchen Grünwiesel, wo ich geboren und erzogen worden bin. Es ist ein Städtchen, wie sie alle sind. In der Mitte ein kleiner Marktplatz mit einem Brunnen, an der Seite ein kleines altes Rathaus, rund umher auf dem Markt die Häuser des Friedensrichters und der angesehensten Kaufleute, und in ein paar engen Straßen wohnen die übrigen Menschen. Alles kennt sich, jedermann weiß, wie es da und dort zugeht, und wenn der Oberpfarrer oder der Bürgermeister oder der Arzt ein Gericht mehr auf dem Tisch hat, so weiß es schon beim Mittagessen die ganze Stadt. Nachmittags kommen dann die Frauen zueinander auf Visite, wie man es nennt, besprechen sich bei starkem Kaffee und süßem Kuchen über diese große Begebenheit, und der Schluss ist, dass der Oberpfarrer wahrscheinlich in der Lotterie unchristlich viel gewonnen habe, dass der Bürgermeister sich »schmieren« lasse oder dass der Doktor vom Apotheker einige Goldstücke bekommen habe, um recht teure Rezepte zu verschreiben! ihr könnt Euch denken, wie unangenehm es für eine so wohleingerichtete Stadt wie Grünwiesel sein musste, als ein Mann dorthin zog, von dem niemand wusste, woher er kam, was er wollte, wovon er lebte. Der Bürgermeister hatte zwar seinen Pass gesehen, ein Papier, das bei uns jedermann haben muss der Ordnung wegen, dass man überall weiß, wen man vor sich hat.

Nun, der Bürgermeister hatte den Pass untersucht und in einer Kaffeegesellschaft bei Doktors geäußert, der Pass sei zwar ganz richtig mit einer Reiseerlaubnis von Berlin nach Grünwiesel versehen, aber es stecke doch was dahinter, denn der Mann sehe etwas verdächtig aus. Der Bürgermeister genoss das größte Ansehen in der Stadt, kein Wunder, das von da an der Fremde als eine verdächtige Person angesehen wurde. Und sein Lebenswandel konnte meine Landsleute nicht von dieser Meinung abbringen. Der fremde Mann mietete sich für einige Goldstücke ein ganzes Haus, das bis dahin leer gestanden hatte, ließ einen ganzen Wagen voll sonderbarer Gerätschaften, wie Öfen, Kunstherde, große Töpfe und dergleichen hineinschaffen und lebte von da an ganz für sich allein. Ja, er kochte sogar selbst, und es kam keine menschliche Seele in sein Haus als ein alter Mann aus Grünwiesel, der ihm seine Einkäufe - Brot, Fleisch und Gemüse - besorgen musste. Doch auch dieser durfte nur in den Flur des Hauses kommen, und dort nahm der fremde Mann das Gekaufte in Empfang.

Ich war ein Knabe von zehn Jahren, als der Mann in meine Vaterstadt einzog, und ich kann mir noch heute, als wäre es gestern geschehen, die Unruhe vorstellen, die dieser Mann im Städtchen verursachte. Er kam nachmittags nicht, wie andere Männer, auf die Kegelbahn, er kam abends nicht ins Wirtshaus, um, wie die übrigen, bei einer Pfeife Tabak über die Zeitung zu sprechen. Umsonst luden ihn der Reihe nach der Bürgermeister, der Friedensrichter, der Doktor und der Oberpfarrer zum Essen oder Kaffee ein - er ließ sich immer entschuldigen. Daher hielten ihn einige für verrückt, andere für einen Juden, eine dritte Partei behauptete steif und fest, er sei ein Zauberer oder Hexenmeister. Ich wurde achtzehn, zwanzig Jahre alt, und noch immer hieß der Mann in der Stadt »der fremde Herr«.

Es begab sich aber eines Tages, dass Leute mit fremden Tieren in die Stadt kamen. Es war hergelaufenes Gesindel, das ein Kamel hatte, welches sich verbeugen konnte, einen Bären, der tanzte, einige Hunden und Affen, die in menschlichen Kleidern komisch aussahen und allerlei Künste trieben. Diese Leute durchzogen gewöhnlich die Stadt, hielten an den Kreuzungen und Plätzen, machten mit einer kleinen Trommel und einer Pfeife eine übeltönende Musik, ließen ihre Truppe tanzen und springen und sammelten dann in den Häusern Geld ein. Die Truppe aber, die sich diesmal in Grünwiesel sehen ließ, zeichnete sich durch einen ungeheuren Orang-Utan aus, der beinahe Menschengröße hatte, auf zwei Beinen ging und allerlei artige Kunststücke zu machen verstand. Diese Hunde- und Affenkomödie kam auch vor das Haus des fremden Herrn. Er erschien, als die Trommel und Pfeife ertönte, zuerst ganz unwillig hinter den dunklen, vom Alter angelaufenen Fenstern. Bald aber wurde er freundlicher, schaute zu jedermanns Verwundern zum Fenster heraus und lachte herzlich über die Künste des Orang-Utans. Ja, er gab für den Spaß ein so großes Silberstück, dass die ganze Stadt davon sprach.

Am andern Morgen zog die Tierschau weiter. Das Kamel musste viele Körbe tragen, in welchen die Hunde und Affen ganz bequem saßen. Die Tiertreiber aber und der große Affe gingen hinter dem Kamel. Kaum aber waren sie einige Stunden zum Tor hinaus, so schickte der fremde Herr auf die Post, verlangte zur großen Verwunderung des Postmeisters einen Wagen und Extrapost, und fuhr zu dem selben Tor hinaus, den Weg dahin, den die Tierschau genommen hatte. Das ganze Städtchen ärgerte sich, dass man nicht erfahren konnte, wohin er gereist sei. Es war schon Nacht, als der fremde Herr wieder im Wagen vor dem Tor ankam. Es saß aber noch eine andere Person im Wagen, die den Hut tief ins Gesicht gedrückt und um Mund und Ohren ein seidenes Tuch gebunden hatte. Der Torschreiber hielt es für seine Pflicht, den anderen Fremden anzureden und um seinen Pass zu bitten, der antwortete aber sehr grob, indem er in einer ganz unverständlichen Sprache brummte.

»Es ist mein Neffe«, sagte der fremde Herr freundlich zum Torschreiber, indem er ihm einige Silbermünzen in die Hand drückte, »es ist mein Neffe und versteht bis jetzt noch wenig Deutsch. Er hat soeben in seiner Mundart ein wenig geflucht, dass wir hier aufgehalten werden.«

»Ei, wenn es dero Neffe ist«, antwortete der Torschreiber, »so kann er wohl ohne Pass hereinkommen. Er wird wohl ohne Zweifel bei Euch wohnen?«

»Allerdings«, sagte der Fremde, »und hält sich wahrscheinlich längere Zeit hier auf.«

Der Torschreiber hatte keine weiteren Einwendungen mehr, und der fremde Herr und sein Neffe fuhren ins Städtchen. Der Bürgermeister und die ganze Stadt waren übrigens nicht sehr zufrieden mit dem Torschreiber. Er hätte doch wenigstens einige Worte von der Sprache des Neffen sich merken sollen! Daraus hätte man dann leicht erfahren, was für ein Landeskind er und der Herr Onkel wären. Der Torschreiber versicherte aber, dass es weder französisch noch italienisch sei, wohl aber habe es so breit geklungen wie englisch - und wenn er nicht irre, so habe der junge Herr gesagt: »God damn!« - So half der Torschreiber sich selber aus der Not und dem jungen Mann zu einem Namen. Denn man sprach jetzt nur noch von dem jungen Engländer im Städtchen.

Aber auch der junge Engländer wurde nicht sichtbar, weder auf der Kegelbahn, noch im Bierkeller. Wohl machte er aber den Leuten auf andere Weise viel zu schaffen. - Es begab sich nämlich oft, dass in dem sonst so stillen Hause des Fremden ein schreckliches Geschrei und ein Lärm losgingen, dass die Leute haufenweise vor dem Hause stehen blieben und hinauf sahen. Man sah dann den jungen Engländer, angetan mit einem roten Frack und grünen Beinkleidern, mit struppigem Haar und schrecklicher Miene unglaublich schnell an den Fenstern hin und her durch alle Zimmer laufen. Der alte Fremde lief ihm in einem roten Schlafrock, eine Hetzpeitsche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft, aber einige Male kam es doch der Menge auf der Straße vor, als müsse er den Jungen erreicht haben. Denn man hörte klägliche Angsttöne und klatschende Peitschenhiebe. An dieser grausamen Behandlung des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen des Städtchens so lebhaften Anteil, dass sie endlich den Bürgermeister bewogen, einen Schritt in der Sache zu tun. Er schrieb dem fremden Herrn einen Brief, worin er ihm die unglimpfliche Behandlung seines Neffen in ziemlich derben Ausdrücken vorwarf und ihm drohte, wenn noch weiter solche Szenen vorkämen, den jungen Mann unter seinen besonderen Schutz zu nehmen.

Wer aber war mehr erstaunt als der Bürgermeister, als er den Fremden selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah! Der alte Herr entschuldigte sein Verhalten mit dem besonderen Auftrag der Eltern des Jünglings, die ihm diesen zur Erziehung gegeben hätten. Er sei sonst ein kluger, anstelliger Junge, äußerte er, aber die Sprachen erlerne er sehr schwer. Er wünsche so sehnlich, seinem Neffen das Deutsche recht geläufig beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu nehmen, ihn in die Gesellschaft von Grünwiesel einzuführen - und dennoch gehe demselben die Sprache so schwer ein, dass man oft nichts Besseres tun könne, als ihn gehörig durchzupeitschen. Der Bürgermeister war durch diese Mitteilung völlig befriedigt, riet dem Alten zur Mäßigung und erzählte abends im Bierkeller, dass er selten einen so artigen, gebildeten Mann gefunden habe wie den Fremden. »Es ist nur schade«, setzte er hinzu, »dass er so wenig in Gesellschaft kommt! Doch ich denke, wenn der Neffe erst ein wenig Deutsch spricht, besucht er meine Gesellschaften öfter.«

Durch diesen Vorfall war die Meinung des Städtchens völlig verändert. Man hielt den Fremden für einen artigen Mann, sehnte sich nach seiner näheren Bekanntschaft und fand es ganz in der Ordnung, wenn hie und da in dem öden Hause ein grässliches Geschrei ertönte. »Er gibt dem Neffen Unterricht in der deutschen Sprache«, sagten die Grünwieseler und blieben nicht mehr stehen. Nach ungefähr einem Vierteljahr schien der Unterricht im Deutschen beendet, denn der Alte ging jetzt eine Stufe weiter. Es lebte ein alter, gebrechlicher Franzose in der Stadt, der den jungen Leuten Tanzunterricht gab. Diesen ließ der Fremde zu sich rufen und sagte ihm, dass er seinen Neffen im Tanzen unterrichten lassen wolle. Er gab ihm zu verstehen, dass derselbe zwar sehr gelehrig, aber, was das Tanzen betreffe, etwas eigensinnig sei. Er habe nämlich früher bei einem anderen Meister tanzen gelernt, und zwar nach so sonderbaren Touren, dass er sich damit nicht in der Gesellschaft blicken lassen könne. Der Neffe halte sich aber gerade deswegen für einen großen Tänzer, obgleich sein Tanz nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit Walzer oder Galopp - nicht einmal Ähnlichkeit mit irgend einem anderen Tanz - habe. Er versprach übrigens einen Taler für die Stunde, und der Tanzmeister war mit Vergnügen bereit, den Unterricht des eigensinnigen Zöglings zu übernehmen.

Es gab, wie der Franzose unter der Hand versicherte, auf der Welt nichts so Sonderbares wie diese Tanzstunden. Der Neffe, ein ziemlich großer, schlanker junger Mann, der nur etwas kurze Beine hatte, erschien in einem roten Frack, schön frisiert, in grünen, weiten Beinkleidern und ledernen Handschuhen. Er sprach wenig und mit fremdem Akzent, war am Anfang ziemlich artig und anstellig, dann verfiel er aber oft plötzlich in seltsame Sprünge, tanzte die kühnsten Touren, wobei er Schritte machte, dass dem Tanzmeister Hören und Sehen verging. Wollte er ihn zurechtweisen, so zog er die zierlichen Tanzschuhe von den Füßen, warf sie dem Franzosen an den Kopf und sprang nun auf allen Vieren im Zimmer umher. Bei diesem Lärm fuhr dann der alte Herr in einem weiten, roten Schlafrock, eine Mütze aus Goldpapier auf dem Kopf, aus seinem Zimmer heraus und ließ die Peitsche ziemlich unsanft auf den Rücken des Neffen niederfallen. Der Neffe fing dann an, schrecklich zu heulen, sprang auf Tische und hohe Kommoden, ja selbst an den Fensterkreuzen hinauf und sprach eine fremde, seltsame Sprache. Der Alte im roten Schlafrock aber ließ sich nicht irre machen, fasste ihn am Bein, riss ihn herab, bläute ihn durch und zog ihm mittels einer Schnalle die Halsbinde fester an, worauf er immer wieder artig und manierlich wurde und die Tanzstunde ohne Störung weiterging.

Als aber der Tanzmeister seinen Zögling so weit gebracht hatte, dass man Musik zu der Stunde nehmen konnte, da war der Neffe wie umgewandelt. Ein Stadtmusikant wurde gemietet, der im Saal des öden Hauses auf einem Tisch sitzen musste. Der Tanzmeister stellte dann die Dame vor, indem ihn der alte Herr einen seidenen Frauenrock und einen indischen Schal anziehen ließ. Der Neffe forderte ihn auf und fing nun an, mit ihm zu tanzen und zu walzen. Er war aber ein unermüdlicher, rasender Tänzer, er ließ den Meister nicht aus seinen langen Armen, ob er ächzte oder schrie - er musste tanzen, bis er ermattet umsank oder bis dem Stadtmusikanten der Arm an der Geige lahm wurde. Den Tanzmeister brachten diese Unterrichtsstunden beinahe unter den Boden, aber der Taler, den er jedes Mal ausbezahlt bekam, der gute Wein, den ihm der Alte anbot, machten, dass er immer wiederkam - auch, wenn er sich am Tag zuvor fest vorgenommen hatte, nicht mehr in das öde Haus zu gehen.

Die Leute in Grünwiesel sahen aber die Sache ganz anders an als der Franzose. Sie fanden, dass der junge Mann viele Anlagen zum Gesellschaftlichen habe, und die Damen im Städtchen freuten sich, bei dem großen Mangel an Herren einen so flinken Tänzer für den nächsten Winter zu bekommen.

Eines Morgens berichteten die Mägde, die vom Markt heimkehrten, ihren Herrschaften ein wunderbares Ereignis. Vor dem öden Hause habe ein prächtiger Wagen gestanden, mit schönen Pferden bespannt, und ein Bedienter in reicher Kleidung habe den Schlag aufgehalten. Da sei die Tür des öden Hauses aufgegangen, und zwei schön gekleidete Herren seien herausgetreten, wovon der eine der alte Fremde und der andere wahrscheinlich der junge Herr gewesen sei, der so schwer Deutsch gelernt habe und so rasend tanze. Die beiden seien in den Wagen gestiegen, der Bediente sei hinten aufs Trittbrett gesprungen und der Wagen - man stelle sich vor! - sei geradezu auf des Bürgermeisters Haus zugefahren.

Als die Frauen solches von ihren Mägden erzählen hörten, rissen sie eilends die Küchenschürzen und die etwas unsauberen Hauben ab und versetzten sich in Staat. »Es ist nichts gewisser«, sagten sie zu ihrer Familie, in der alles umherrannte, um das Besuchszimmer, das sonst zu anderem Gebrauch diente, aufzuräumen. »Es ist nichts gewisser, als dass der Fremde jetzt seinen Neffen in die Welt einführt! Der alte Narr war zwar seit zehn Jahren nicht so artig, einen Fuß in unser Haus zu setzen, aber wegen seines Neffen sei ihm verziehen, der ja ein reizender Mensch sein soll!« So sprachen sie und ermahnten ihre Söhne und Töchter, recht manierlich auszusehen, wenn die Fremden kämen, sich gerade zu halten und sich auch einer besseren Aussprache zu bedienen, als gewöhnlich. Und die klugen Frauen im Städtchen hatten nicht unrecht geraten, denn der Reihe nach fuhr der alte Herr mit seinem Neffen umher, um sich und ihn der Gewogenheit der Familien zu empfehlen.

Man war überall ganz erfüllt von dem Fremden und bedauerte, nicht schon früher diese angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben. Der alte Herr zeigte sich als würdiger, sehr vernünftiger Mann, der zwar bei allem, was er sagte, ein wenig lächelte, so dass man nicht gewiss war, ob es ihm ernst sei oder nicht --, aber er sprach über das Wetter, über die Gegend, über das Sommervergnügen auf dem Keller am Berge so klug und durchdacht, dass jedermann davon bezaubert war. Aber der Neffe! Er bezauberte alle, er gewann alle Herzen für sich. Man konnte zwar, was sein Äußeres betraf, sein Gesicht nicht schön nennen. Der untere Teil, besonders die Kinnlade stand allzu sehr hervor, und die Gesichtsfarbe war sehr bräunlich. Auch machte er zuweilen sonderbare Grimassen, drückte die Augen zu und fletschte die Zähne. Aber dennoch fand man den Schnitt seiner Züge ungemein interessant. Es konnte nichts Beweglicheres, Gewandteres geben als seine Gestalt! Die Kleider hingen ihm zwar etwas sonderbar am Leib, aber es stand ihm alles vortrefflich. Er fuhr mit großer Lebendigkeit im Zimmer umher, warf sich hier auf ein Sofa, dort in einen Lehnstuhl und streckte die Beine von sich. Aber was man bei einem andern jungen Mann höchst gemein und unschicklich gefunden hätte, galt bei dem Neffen als Genialität. »Er ist ein Engländer«, sagte man, »so sind sie alle! Ein Engländer kann sich aufs Sofa legen und einschlafen, während zehn Damen keinen Platz haben und herumstehen müssen - einem Engländer kann man so etwas nicht übel nehmen!« Gegen den alten Herrn, seinen Onkel, war er sehr fügsam. Denn wenn er anfing, im Zimmer umherzuhüpfen oder, wie er gern tat, die Füße auf den Sessel zu legen, so reichte ein ernster Blick, ihn zur Ordnung zu bringen. Und wie konnte man ihm so etwas übel nehmen, als schließlich der Onkel in jedem Haus zu der Dame sagte: »Mein Neffe ist noch ein wenig roh und ungebildet, aber ich verspreche mir viel von der Gesellschaft, die wird ihn gehörig formen und bilden, und ich empfehle ihn namentlich Ihnen recht angelegen!«

So war der Neffe also in die Welt eingeführt, und ganz Grünwiesel sprach an diesem und den folgenden Tagen von nichts anderem als von diesem Ereignis. Der alte Herr blieb aber hierbei nicht stehen. Er schien seine Denk- und Lebensart gänzlich geändert zu haben. Nachmittags ging er mit dem Neffen hinaus in den Felsenkeller am Berg, wo die vornehmeren Herren von Grünwiesel Bier tranken und sich am Kegeln ergötzten. Der Neffe zeigte sich dort als flinker Meister im Spiel, denn er warf nie unter fünf oder sechs. Hie und da schien zwar ein sonderbarer Geist über ihn zu kommen. Es konnte ihm einfallen, dass er pfeilschnell mit der Kugel hinaus - und unter die Kegel hineinfuhr und dort allerlei tolles Durcheinander anrichtete. Oder wenn er den Kranz oder den König geworfen hatte, stand er plötzlich auf seinem schön frisierten Kopf und streckte die Beine in die Höhe, oder wenn ein Wagen vorbeifuhr, saß er, ehe man es sich versah, oben auf dem Kutschendach und machte Grimassen herab, fuhr ein Stückchen weit mit und kam dann wieder zur Gesellschaft gesprungen.

Der alte Herr pflegte dann bei solchen Szenen den Bürgermeister und die anderen Herren sehr um Entschuldigung zu bitten wegen der Ungezogenheit seines Neffen. Sie aber lachten, schrieben es seiner Jugend zu, behaupteten, in diesem Alter selbst so leichtfüßig gewesen zu sein, und liebten den jungen Springinsfeld - wie sie ihn nannten - ungemein.

Es gab aber auch Zeiten, wo sie sich nicht wenig über ihn ärgerten und dennoch nichts zu sagen wagten, weil der junge Engländer allgemein als ein Muster an Bildung und Verstand galt. Der alte Herr pflegte nämlich mit seinem Neffen auch abends in den »Goldenen Hirsch« das Wirthaus des Städtchens, zu kommen. Obgleich der Neffe noch ein ganz junger Mensch war, tat er doch schon ganz wie ein Alter, setzte sich hinter sein Glas, tat eine ungeheure Brille auf, zog eine gewaltige Pfeife heraus, zündete sie an und dampfte unter allen am ärgsten. Wurde nun über die Nachrichten, über Krieg und Frieden gesprochen, gab der Doktor diese Meinung, der Bürgermeister jene kund, waren die anderen Herren ganz erstaunt über so tiefe, politische Kenntnisse, so konnte es dem Neffen plötzlich einfallen, ganz anderer Meinung zu sein. Er schlug dann mit der Hand, von welcher er nie die Handschuhe ablegte, auf den Tisch und gab dem Bürgermeister und dem Doktor nicht undeutlich zu verstehen, dass sie von diesem allen nichts genau wüssten, dass er diese Dinge ganz anders gehört habe und tiefer Einsicht besitze. Er gab dann in einem sonderbaren, gebrochenen Deutsch seine Meinung preis, die alle - zum großen Ärger des Bürgermeisters - ganz trefflich fanden. Denn er als Engländer musste ja alles besser wissen.

Setzten sich dann der Bürgermeister und der Doktor in ihrem Zorn, den sie nicht laut werden lassen durften, zu einer Partie Schach, so rückte der Neffe hinzu, schaute dem Bürgermeister mit seiner großen Brille über die Schulter und tadelte diesen oder jenen Zug, sagte dem Doktor, so und so müsse er ziehen, so dass die beiden Männer heimlich ganz grimmig wurden. Bot ihm dann der Bürgermeister ärgerlich eine Partie an, um ihn gehörig mattzusetzen denn er hielt sich für den Meister -, so schnallte der alte Herr dem Neffen die Halsbinde fester zu, worauf dieser ganz artig und manierlich wurde und den Bürgermeister mattsetzte.

Man hatte in Grünwiesel bisher beinahe jeden Abend Karten gespielt, die Partie um einen halben Kreuzer. Das fand nun der Neffe erbärmlich, setzte Kronentaler und Dukaten, behauptete, kein einziger spiele so fein wie er, söhnte aber die beleidigten Herren gewöhnlich dadurch wieder aus, dass er ungeheure Summen an sie verlor. Sie machten sich auch gar kein Gewissen daraus, ihm recht viel Geld abzunehmen - denn »er ist ja ein Engländer, also von Hause aus reich«, sagte sie und schoben die Dukaten in die Tasche.

So kam der Neffe des fremden Herrn in kurzer Zeit bei Stadt und Umgebung zu ungemeinem Ansehen. Man konnte sich seit Menschengedenken nicht erinnern, einen jungen Mann dieser Art in Grünwiesel gesehen zu haben, und es war die sonderbarste Erscheinung, die man je bemerkte. Man konnte nicht sagen, dass der Neffe irgend etwas gelernt hätte, als etwa tanzen. Latein und Griechisch waren ihm - wie man zu sagen pflegte - böhmische Dörfer. Bei einem Gesellschaftsspiel in des Bürgermeisters Haus sollte er etwas schreiben, und es zeigte sich, dass er nicht einmal seinen Namen schreiben konnte. In der Geographie machte er die auffallendsten Schnitzer, denn es kam ihm nicht darauf an, eine deutsche Stadt nach Frankreich, oder eine dänische nach Polen zu versetzen. Er hatte nichts studiert, nichts gelesen, und der Oberpfarrer schüttelte oft bedenklich den Kopf über die rohe Unwissenheit des jungen Mannes. Aber dennoch fand man alles trefflich, was er tat oder sagte, denn er war so unverschämt, immer recht haben zu wollen, und das Ende jeder seiner Reden war: »Ich verstehe das besser!«

So kam der Winter heran, und jetzt erst trat der Neffe mit noch größerem Glanz auf. Man fand jede Gesellschaft langweilig, wo er nicht zugegen war, man gähnte, wenn ein vernünftiger Mann etwas sagte - wenn aber der Neffe selbst das törichteste Zeug in schlechtem Deutsch vorbrachte, war alles ganz Ohr. Es fand sich jetzt, dass der treffliche junge Mann auch ein Dichter war, denn nicht leicht verging ein Abend, an welchem er nicht Papiere aus der Tasche zog und der Gesellschaft einige Gedichte vorlas. Es gab zwar einige Leute, die von dem einen Teil dieser Dichtungen behaupteten, sie seien schlecht und ohne Sinn, einen anderen Teil wollten sie schon irgendwo gedruckt gelesen haben. Aber der Neffe ließ sich nicht irremachen, er las und las, machte dann auf die Schönheiten seiner Verse aufmerksam, und jedes Mal erfolgte rauschender Beifall.

Sein Triumph waren aber die Grünwieseler Bälle. Es konnte niemand anhaltender, schneller tanzen als er, keiner machte so kühne und ungemein zierliche Sprünge wie er. Dabei kleidete ihn sein Onkel immer aufs prächtigste nach der neuesten Mode, und obgleich ihm die Kleider nicht recht am Leibe sitzen wollten, fand man dennoch, dass ihn alles allerliebst kleidete. Die Männer fühlten sich zwar bei diesen Tänzen etwas beleidigt durch die neue Art, womit er auftrat. Sonst hatte immer der Bürgermeister in eigener Person den Ball eröffnet, die vornehmsten jungen Leute hatten das Recht, die übrigen Tänze anzuordnen. Aber seit der fremde junge Herr erschienen war, war dies alles ganz anders. Ohne viel zu fragen, nahm er die nächste beste Dame bei der Hand, stellte sich mit ihr oben an, machte alles, wie es ihm gefiel, und war Herr und Meister und Ballkönig. Weil aber die Frauen diese Manieren ganz trefflich und angenehm fanden, so durften die Männer nichts dagegen einwenden, und der Neffe blieb bei seiner selbstgewählten Würde.

Das größte Vergnügen schien ein solcher Ball dem alten Herrn zu gewähren. Er verwandte kein Auge von dem Neffen, lächelte immer in sich hinein, und wenn alle Welt herbeiströmte, um ihm über den anständigen, wohlerzogenen Jüngling Lobsprüche zu erteilen, so konnte er sich vor Freude gar nicht fassen. Er brach dann in ein lustiges Gelächter aus und benahm sich wie närrisch. Die Grünwieseler schrieben diese sonderbaren Ausbrüche der Freude seiner großen Liebe zu dem Neffen zu und fanden es ganz in der Ordnung. Doch hie und da musste er auch sein väterliches Ansehen gegen den Neffen anwenden. Denn mitten in den zierlichsten Tänzen konnte es dem jungen Mann einfallen, mit einem kühnen Sprung auf die Tribüne, wo die Stadtmusikanten saßen, zu setzen, dem Organisten des Kontrabass aus der Hand zu reißen und schrecklich darauf herumzukratzen. Oder er wechselte auf einmal und tanzte auf den Händen, indem er die Beine in die Höhe streckte. Dann pflegte ihn der Onkel auf die Seite zu nehmen, machte ihm dort ernstliche Vorwürfe und zog ihm die Halsbinde fester zu, dass er wieder ganz gesittet. wurde.

So betrug sich nun der Neffe in Gesellschaft und auf Bällen. Wie es aber mit den Sitten zu gehen pflegt - die schlechten verbreiten sich immer leichter als die guten, und eine neue, auffallende Mode, wenn sie auch höchst lächerlich sein sollte, hat etwas Ansteckendes an sich für junge Leute, die noch nicht über sich selbst und die Welt nachgedacht haben. So war es auch in Grünwiesel mit dem Neffen und seinen sonderbaren Sitten. Als nämlich die junge Welt sah, wie derselbe mit seinem linkischen Wesen, mit seinem rohen Lachen und log Schwatzen, mit seinen groben Antworten gegen Ältere eher geschätzt als getadelt wurde - dass man dies alles sogar sehr geistreich fand, da dachten sie bei sich: »Es ist mir ein Leichtes, auch solch ein geistreicher Schlingel zu werden!« Sie waren sonst fleißige, geschickte junge Leute gewesen. jetzt dachten sie: »Wozu hilft Gelehrsamkeit, wenn man mit Unwissenheit besser fortkommt?« Sie ließen die Bücher liegen und trieben sich überall umher auf den Plätzen und Straßen. Sonst waren sie artig gewesen und höflich gegen jedermann, hatten gewartet, bis man sie fragte, und anständig und bescheiden geantwortet. jetzt standen sie in der Reihe der Männer, schwatzten mit, gaben ihre Meinung preis und lachten selbst dem Bürgermeister ins Gesicht, wenn er etwas sagte, und behauptete, alles besser zu wissen.

Sonst hatten die jungen Grünwieseler Abscheu gehegt gegen rohes und gemeines Wesen. Jetzt sangen sie allerlei schlechte Lieder, rauchten aus ungeheuren Pfeifen Tabak und trieben sich in gemeinen Kneipen umher. Auch kauften sie sich, obgleich sie ganz gut sahen, große Brillen, setzten diese auf die Nase und glaubten nun, gemachte Leute zu sein, denn sie sahen ja aus wie der berühmte Neffe! Zu Hause oder wenn sie auf Besuch waren, lagen sie mit Stiefel und Sporen auf dem Sofa, schaukelten sich in guter Gesellschaft auf dem Stuhl oder stützten die Wangen in beide Fäuste, die Ellbogen aber auf dem Tisch, was nun überaus reizend anzusehen war! Umsonst sagten ihnen ihre Mütter und Freunde, wie töricht, wie unschicklich dies alles sei. Sie beriefen sich auf das glänzende Beispiel des Neffen. Umsonst stellte man ihnen vor, dass man dem Neffen, als einem jungen Engländer, eine gewisse Eigentümlichkeit verzeihen müsse, die jungen Grünwieseler behaupteten, ebenso gut wie der beste Engländer das Recht zu haben, auf geistreiche Weise ungezogen zu sein. Kurz, es war ein Jammer, wie durch das böse Beispiel des Neffen die Sitten und guten Gewohnheiten in Grünwiesel völlig untergingen.

Aber die Freude der jungen Leute an ihrem rohen, ungebundenen Leben dauerte nicht lange, denn folgender Vorfall veränderte auf einmal die ganze Szene. Die Wintervergnügungen sollte ein großes Konzert beschließen, das teils von den Stadtmusikanten, teils von geschickten Musikfreunden in Grünwiesel aufgeführt werden sollte. Der Bürgermeister spielte das Cello, der Doktor das Fagott ganz vortrefflich, der Apotheker - obgleich er keinen rechten Ansatz hatte - blies die Flöte, einige Jungfrauen aus Grünwiesel hatten Arien einstudiert, und alles war trefflich vorbereitet. Da äußerte der alte Fremde, dass zwar das Konzert auf diese Art trefflich werden würde - es fehle aber offenbar an einem Duett - und ein Duett müsse in jedem ordentlichen Konzert notwendigerweise vorkommen! Man war etwas betreten über diese Äußerung. Die Tochter des Bürgermeisters sang zwar wie eine Nachtigall, aber wo einen Herrn herbekommen, der mit ihr ein Duett singen könnte? Man wollte endlich auf den alten Organisten verfallen, der einst einen hübschen Bass gesungen hatte, der Fremde aber behauptete, dies alles sei nicht nötig, indem sein Neffe ganz ausgezeichnet singe. Man war nicht wenig erstaunt über diese neue treffliche Eigenschaft des jungen Mannes. Er musste zur Probe etwas singen, und einige sonderbare Manieren abgerechnet, die man für englisch hielt, sang er wie ein Engel. Man studierte also in aller Eile ein Duett ein, und der Abend kam endlich, an welchem die Ohren der Grünwieseler durch das Konzert erquickt werden sollten.

Der alte Fremde konnte zwar dem Triumph seines Neffen nicht beiwohnen, weil er krank war. Er gab aber dem Bürgermeister, der ihn eine Stunde zuvor noch besuchte, einige Maßnahmen für seinen Neffen an: »Er ist eine gute Seele, mein Neffe«, sagte er, »aber hie und da verfällt er in allerlei sonderbare Gedanken und fängt dann tolles Zeug an! Es ist mir eben deswegen leid, dass ich dem Konzert nicht beiwohnen kann, denn vor mir nimmt er sich gewaltig in acht, er weiß wohl, warum! Ich muss übrigens zu seiner Ehre sagen, dass dies nicht geistiger Mutwillen ist, sondern es ist körperlich, es liegt in seiner ganzen Natur. Wollen Sie nun, Herr Bürgermeister, wenn er etwa in solche Gedanken verfällt, dass er sich auf ein Notenpult setzt oder dass er durchaus den Kontrabass streichen will oder dergleichen - wollen Sie ihm dann nur seine hohe Halsbinde etwas lockerer machen, oder, wenn es auch dann nicht besser wird, ihm diese ganz ausziehen. Sie werden sehen, wie artig und manierlich er dann wird!«

Der Bürgermeister dankte dem Kranken für sein Vertrauen und versprach, im Fall der Not zu tun, wie er ihm geraten hatte.

Der Konzertsaal war gedrängt voll, denn ganz Grünwiesel und die Umgegend hatte sich eingefunden. Alle Jäger, Pfarrer, Amtleute, Landwirte und dergleichen aus dem Umkreis von drei Stunden waren mit zahlreicher Familie herbeigeströmt, um den seltenen Genuss mit den Grünwieselern zu teilen. Die Stadtmusikanten hielten sich vortrefflich, nach ihnen trat der Bürgermeister auf, der das Cello spielte, begleitet vom Apotheker, der die Flöte blies. Nach diesem sang der Organist eine Bassarie unter allgemeinem Beifall, und auch der Doktor wurde nicht wenig beklatscht, als er sich auf dem Fagott hören ließ.

Die erste Abteilung des Konzertes war vorbei, und jedermann war nun auf die zweite gespannt, in welcher der junge Fremde mit des Bürgermeisters Tochter ein Duett vortragen sollte. Der Neffe war in einem glänzenden Anzug erschienen und hatte schon längst die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich gezogen. Er hatte sich nämlich ohne viel zu fragen, in den prächtigen Lehnstuhl gelegt, der für eine Gräfin aus der Nachbarschaft hergesetzt worden war. Er streckte die Beine weit von sich, schaute jedermann durch ein ungeheures Fernglas an, das er noch außer seiner großen Brille gebrauchte, und spielte mit einem großen Fleischerhund, den er trotz des Verbotes, Hunde mitzunehmen, in die Gesellschaft eingeführt hatte. Die Gräfin, für welche der Lehnstuhl vorbereitet war, erschien. Aber wer keine Miene machte, aufzustehen und ihr den Platz einzuräumen, war der Neffe. Er setzte sich im Gegenteil noch bequemer hinein, und niemand wagte es, dem jungen Mann etwas darüber zu sagen. Die vornehme Dame aber musste auf einem ganz gewöhnlichen Strohsessel mitten unter den übrigen Frauen des Städtchens sitzen und soll sich nicht wenig geärgert haben.

Während des herrlichen Spieles des Bürgermeisters, während des Organisten trefflicher Bassarie, ja sogar während der Doktor auf dem Fagott phantasierte und alles den Atem anhielt und lauschte, ließ der Neffe den Hund das Taschentuch apportieren oder schwatzte ganz laut mit seinen Nachbarn, so dass jedermann, der ihn nicht kannte, sich über die sonderbaren Sitten des jungen Herrn wunderte.

Kein Wunder daher, dass alles sehr neugierig war, wie er sein Duett vortragen würde. Die zweite Abteilung begann. Die Stadtmusikanten hatten aufgespielt, und nun trat der Bürgermeister mit seiner Tochter zu dem jungen Mann, überreichte ihm ein Notenblatt und sprach: »Mein Herr! Wäre es Ihnen jetzt gefällig, das Duett zu singen?« Der junge Mann lachte, fletschte die Zähne, sprang auf, und die beiden anderen folgten ihm an das Notenpult, und die ganze Gesellschaft war voll Erwartung. Der Organist schlug den Takt und winkte dem Neffen, anzufangen. Dieser schaute durch seine großen Brillengläser in die Noten und stieß gräuliche, jämmerliche Töne aus. Der Organist aber schrie ihm zu: »Zwei Töne tiefer, Wertester, C müssen Sie singen, C!«

Statt aber C zu singen, zog der Neffe einen seiner Schuhe aus und warf ihn dem Organisten an den Kopf, dass der Puder weit umherflog. Als dies der Bürgermeister sah, dachte er: »Ha! Jetzt hat er wieder einen seiner körperlichen Zustände!« sprang hinzu, packte ihn am Hals und band ihm das Tuch etwas leichter. Aber dadurch wurde es nur noch schlimmer mit dem jungen Mann. Er sprach nicht mehr Deutsch, sondern eine ganz merkwürdige Sprache, die niemand verstand, und machte große Sprünge. Der Bürgermeister war in Verzweiflung über diese unangenehme Störung. Er fasste daher den Entschluss, dem jungen Mann, dem etwas ganz Besonderes zugestoßen sein musste, das Halstuch vollends abzunehmen. Aber kaum hatte er dies getan, so blieb er vor Schrecken wie erstarrt stehen, denn statt menschlicher Haut und Farbe umgab den Hals des jungen Mannes ein dunkelbraunes Fell, und alsbald setzte derselbe auch seine Sprünge noch höher und sonderbarer fort, fuhr sich mit den Handschuhen in die Haare, zog diese ab, und, o Wunder! diese schönen Haare waren eine Perücke, die er dem Bürgermeister ins Gesicht warf, und sein Kopf erschien jetzt mit demselben braunen Fell bewachsen.

Er setzte über Tische und Bänke, warf die Notenpulte um, zertrat Geigen und Klarinette und erschien wie ein Rasender. »Fangt ihn, fangt ihn!« rief der Bürgermeister ganz außer sich. »Er ist von Sinnen, fangt ihn!« Das war aber eine schwierige Sache, denn er hatte die Handschuhe abgezogen und zeigte Nägel an den Händen, mit welchen er den Leuten ins Gesicht fuhr und sie jämmerlich zerkratzte. Endlich gelang es einem mutigen Jäger, seiner habhaft zu werden. Er presste ihm die langen Arme zusammen, dass er nur noch mit den Füßen zappelte, und mit heiserer Stimme lachte und schrie. Die Leute sammelten sich rundum und betrachteten den jungen Herrn, der jetzt gar nicht mehr aussah wie ein Mensch. Aber ein gelehrter Herr aus der Nachbarschaft, der eine große Naturaliensammlung und allerlei ausgestopfte Tiere besaß, trat näher, betrachtete ihn genau, und rief dann voll Verwunderung: »Mein Gott, verehrte Damen und Herren, wie bringen Sie nur dies Tier in anständige Gesellschaft! Das ist ja ein Affe, der Homo Troglodytes Linnaei - ich gebe gleich sechs Taler dafür, wenn Sie ihn mir ablassen und stopfe ihn aus für meine Sammlung!«

Wer beschreibt das Erstaunen der Grünwieseler, als sie dies hörten! »Was, ein Affe? Ein Orang-Utan in unserer Gesellschaft? Der junge Fremde ist ein ganz gewöhnlicher Affe?« riefen sie und sahen einander ganz dumm vor Verwunderung an. Man wollte nicht glauben, man traute seinen. Ohren nicht, die Männer untersuchten das Tier genauer, aber es war und blieb ein ganz natürlicher Affe.

»Aber wie ist dies möglich!« rief die Frau Bürgermeisterin, »hat er mir nicht oft seine Gedichte vorgelesen? Hat er nicht, wie ein anderer Mensch, bei mir zu Mittag gespeist?«

»Was?« eiferte die Frau Doktorin, »wie? Hat er nicht oft und viel Kaffee bei mir getrunken und mit meinem Mann gelehrt gesprochen und geraucht?«

»Wie ist es möglich!« riefen die Männer, »hat er nicht mit uns am Felsenkeller Kegel geschoben und über Politik gestritten wie unsereiner?«

»Und wie?« klagten sie alle, »hat er nicht sogar vorgetanzt auf unseren Bällen? Ein Affe! Es ist ein Wunder, es ist Zauberei!«

»Ja, es ist Zauberei und teuflischer Spuk«, sagte der Bürgermeister, indem er das Halstuch des Neffen oder des Affen herbeibrachte. »Seht, in diesem Tuch steckt der ganze Zauber, der ihn in unseren Augen liebenswürdig machte! Da ist ein breiter Streifen Pergament, mit allerlei wunderlichen Zeichen beschrieben, ich glaube gar, es ist Latein. Kann es niemand lesen?«

Der Oberpfarrer, ein gelehrter Mann, der oft an den Affen eine Partie Schach verloren hatte, trat hinzu, betrachtete das Pergament und sprach: »Mitnichten! Es sind nur lateinische Buchstaben, es heißt: ›Der Affe sehr possierlich ist
zumal wenn er vom Apfel frisst.‹
Ja, ja, es ist höllischer Betrug, eine Art Zauberei«, fuhr er fort, »und es muss exemplarisch bestraft werden!«

Der Bürgermeister war derselben Meinung und machte sich sogleich auf den Weg zu dem Fremden, der ein Zauberer sein musste, und sechs Stadtsoldaten trugen den Affen. Denn der Fremde sollte sogleich ins Verhör genommen werden.

Sie kamen, umgeben von einer ungeheuren Anzahl von Menschen, an das öde Haus, denn jedermann wollte sehen, wie die Sache weitergehen würde. Man pochte an das Haus, man zog die Glocke - aber vergeblich, es zeigte sich niemand. Da ließ der Bürgermeister in seiner Wut die Tür einschlagen und begab sich in die Zimmer des Fremden. Aber dort war nichts zu sehen als allerlei alter Hausrat. Der fremde Herr war nicht zu finden. Auf seinem Arbeitstisch aber lag ein großer versiegelter Brief, an den Bürgermeister überschrieben, den dieser auch sogleich öffnete. Er las:

»Meine lieben Grünwieseler! Wenn ihr dies lest, bin ich nicht mehr in eurem Städtchen, und ihr werdet längst erfahren haben, von welchem Stand und Vaterland mein lieber Neffe ist. Nehmt den Scherz, den ich mir mit euch erlaubte, als eine gute Lehre auf, einen Fremden, der für sich leben will, nicht in eure Gesellschaft zu nötigen! Ich selbst war mir zu gut, um euer ewiges Klatschen, eure schlechten Sitten und euer lächerliches Wesen zu teilen. Darum erzog ich einen jungen Orang Utan, den ihr als meinen Stellvertreter so liebgewonnen habt. Lebt wohl und benützt diese Lehre nach Kräften!«

Die Grünwieseler schämten sich nicht wenig vor dem ganzen Land. Ihr Trost war, dass dies alles mit unnatürlichen Dingen zugegangen sei. Am meisten aber schämten sich die jungen Leute in Grünwiesel, weil sie die schlechten Gewohnheiten und Sitten des Affen nachgeahmt hatten. Sie stemmten von jetzt an keinen Ellbogen mehr auf, sie schaukelten nicht mit dem Sessel, sie schwiegen, bis sie gefragt wurden, sie legten die Brillen ab und waren artig und gesittet wie zuvor. Und wenn je einer wieder in solch schlechte, lächerliche Sitten verfiel, so sagten die Grünwieseler: »Er ist ein Affe!« Der Affe aber, welcher so lange die Rolle eines jungen Herrn gespielt hatte, wurde dem gelehrten Mann, der eine Naturaliensammlung besaß, übergeben. Dieser ließ ihn in seinem Hof umhergehen, fütterte ihn und zeigte ihn als Seltenheit jedem Fremden - wo er noch bis auf den heutigen Tag zu sehen ist.