[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Das Leben des Menschen

Als der Herrgott die Welt erschaffen hatte, kam der Mensch zu ihm. »Höre, Gott!« sprach er. »Ich bin dein Geschöpf, nun sage mir auch, wie lange ich leben, wovon ich mich nähren und was ich arbeiten soll.«

»Als Lebensdauer habe ich dir dreißig Jahre zugeteilt«, antwortete Gott. »Nähren sollst du dich von allem, was dein Herz begehrt. Und deine Arbeit wird sein, die Erde zu beherrschen.«

»Ich danke dir!« rief der Mensch. »Du hast mir ein gutes Leben zugedacht, aber es ist reichlich kurz.«

»Setze dich einstweilen dort in die Ecke und warte ab!« befahl Gott.

Da stellte sich der Ochse bei Gott ein. »Gott«, sprach er, »du hast mich als Vieh erschaffen, nun sage mir auch, wie lange ich leben, wovon ich mich nähren und was ich arbeiten soll.«

»Der Mensch, der dort sitzt, soll dein Gebieter sein«, antwortete Gott. »Du sollst ihm den Acker pflügen und die Fuhren ziehen. Nähren sollst du dich im Sommer von Gras und im Winter von Heu. Und dreißig Jahre lang wirst du im Joch gehen.«

»Oh Herr!« seufzte der Ochse. »Ein dreißig Jahre währendes Sklavendasein? Verkürze es mir!« Der in der Ecke sitzende Mensch flüsterte: »Nimm ihm doch ein paar Jahre fort und gib sie mir!«

»Gut!« sagte Gott und lachte. »Ich will euch beiden den Gefallen tun.« Nahm dem Ochsen zwanzig Jahre weg und gab sie dem Menschen.

Da kam der Hund gelaufen. »Herr«, sprach er, »du hast mich als Hund erschaffen, nun sage mir auch, wie lange ich leben, wovon ich mich nähren und was ich arbeiten soll.«

»Der Mensch, der dort sitzt, soll dein Gebieter sein«, antwortete Gott. »Du sollst ihm Haus und Hof, Vieh und allen Besitz bewachen und dich nähren von den Abfällen, die von seinem Tische fallen. Und währen soll dein Leben dreißig Jahre.«

»Oh Herr!« jammerte der Hund. »Habe Erbarmen und verkürze es mir!« Der in der Ecke sitzende Mensch machte Gott ein Zeichen. »Gut!« sagte dieser und lachte. »Ich will euch beiden den Gefallen tun und dir, Mensch, zwanzig Jahre des Hundelebens geben.« Somit wurde das Leben des Hundes auf zehn Jahre verkürzt und dasjenige des Menschen auf siebzig Jahre verlängert.

Da kam der Affe gesprungen und verneigte sich tief vor dem Schöpfer des Weltalls. »Herr«, sprach er, »du hast mich als Affe erschaffen. Nun sage mir auch, wie lange ich leben, wovon ich mich nähren und was ich arbeiten soll.«

»Der Mensch, der dort sitzt, soll dein Gebieter sein«, erwiderte Gott. »Ihn und seine Kinder sollst du mit deinen Possierlichkeiten erheitern. Nähren sollst du dich von Nüssen und anderen Früchten, und dein Leben soll dreißig Jahre währen.«

»Ein läppisches Dasein, oh Herr!« seufzte der Affe. »Verkürze es mir!« Wieder machte der Mensch dem Höchsten ein Zeichen. »Gut!« erwiderte dieser. »Ich will euch beiden gefällig sein. Hier hast du zwanzig Jahre des Affenlebens, Mensch.« Der Mensch nahm die Jahre und verlängerte sein Leben damit auf neunzig Jahre.

So kommt es, dass der Mensch dreißig Jahre lang ein freies menschenwürdiges Leben führt. Vom dreißigsten bis zum fünfzigsten Lebensjahr schuftet er wie ein Ochse, um Frau und Kinder zu ernähren. Danach wird er zum Hund, der das Erworbene kläffend und schimpfend bewacht und nur an den eigenen Besitz denkt. Und nach Überschreitung des siebzigsten Lebensjahres wird er zum Affen, über dessen Narrheit jedermann lacht.