[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Das bitterböse Weib

Es war einmal ein Mann, der hatte ein bitterböses Weib. Es plagte ihn von früh bis spät, nörgelte und keifte, drehte ihm jedes Wort im Munde um, zeterte über alles, was er für den Haushalt kaufte, beschimpfte und prügelte ihn tagein, tagaus. Und nicht nur der Mann musste unter dem bösen Weib leiden. Es setzte auch den Nachbarn, ob Alt oder Jung, dermaßen zu, dass viele Tränen flossen. Der arme Mann verzweifelte schier, hätte am liebsten seine Mütze unter den Arm geklemmt und wäre ans Ende der Welt geflohen, wo niemand ihn wieder finden konnte. Mit der Zeit reichten dem bösen Weib die Tage nicht mehr aus, es keifte und nörgelte auch die Nächte hindurch. Das konnte kein Stein aushalten, geschweige denn ein Mensch. Auch dem Mann riss eines Nachts die Geduld, er rannte davon, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, und war bei Sonnenaufgang schon hoch in den Bergen. Plötzlich erblickte er dort einen tiefen Brunnenschacht. Das ist die Rettung! dachte er. Wenn ich mich da hineinstürze, bin ich für ewig von meinem bösen Weib befreit. Er raffte seinen Mut zusammen und trat an den Brunnen heran. Doch da durchfuhr ihn der Gedanke: Wäre das nicht voreilig gehandelt? Immerhin ist das schlechteste Leben noch besser als der Tod! Obendrein hätte es keinen Zweck, denn wenn ich tot bin, lebt das verfluchte Weib ungeschoren weiter, schafft sich gar noch einen neuen Ehemann an und quält den ebenso wie mich. Nein, lieber will ich es herlocken und in den Brunnenschacht stoßen. Dann kann es weder mich noch einen zweiten Ehemann tyrannisieren.

Mit diesem Entschluss kehrte er nach Hause zurück. »Höre, Frau«, sagte er dort »Uns lächelt das Glück! Ich habe in den Bergen einen Brunnenschacht entdeckt, in dem unzählige Tauben nisten, fette, wohlgenährte Tiere, wie du sie gern isst. Wenn du Lust hast, dann wollen wir hingehen, die Tauben fangen, sie in Säcke stecken und nach Hause bringen. Einige essen wir, die anderen lassen wir noch eine Weile leben und schlachten sie später.« Das vermaledeite Weib ließ sich täuschen und kam mit. »Spann deine Schürze aus!« befahl der Mann, als sie den Brunnen fast erreicht hatten, »und decke sie schnell über den Brunnen! Dann sind die Tauben in der Falle. Und geh auf den Zehenspitzen, damit du sie nicht vorzeitig aufscheuchst!« Er schlich hinter dem Weib her, und als es am Brunnenrand angelangt war, packte er es an den Beinen und warf es in die Tiefe. »Da hast du, was du verdienst, du Otterngezücht, du verfluchte Hexe! Mögen deine Knochen hier verfaulen!« Anschließend ging er erleichtert heim.

Aber seine Freude währte nicht lange. Die Kinder schrieen, eines jammerte nach Brot, das zweite brauchte das Töpfchen, das dritte schrie nach der Mutterbrust, das vierte wollte zu Bett gebracht werden, das fünfte... Ja, kleine Kinder machen allerhand Arbeit! Da hatte sich der Mann nun eine Not vom Halse geschafft und die zweite aufgebürdet. Die ganze Nacht über plagte er sich mit den Kindern herum, zudem ging die Frau ihm nicht aus dem Sinn. Wie mochte es ihr dort in dem dunklen Brunnen ergehen? Und bei Tagesgrauen nahm er kurz entschlossen einen langen Strick und ging in die Berge, seine Frau zu befreien. Wenn sie noch am Leben ist, soll sie nach Hause zurückkehren, denn ein Vater ist außerstande, den Kindern die Mutter zu ersetzen! sagte er sich.

Am Brunnen angelangt, ließ er den Strick in die Tiefe hinab, wartete eine Weile und zog dann probeweise daran. Der Strick spannte sich. Demnach hat sich meine Alte schon daran festgeklammert! dachte er und zog langsam weiter. Als er den Strick fast herausgezogen hatte, hielt er inne und beugte sich über den Brunnenrand, um ihr zuzurufen: »Versprich mir, dich zu bessern, sonst lasse ich dich wieder fallen!« Doch was sah er? Nicht seine Alte hing am Strick, sondern eine grauenhafte Schlange! Entsetzt wollte er den Strick fahren lassen. Aber die Schlange flehte: »Ich beschwöre dich, Brüderchen, lass mich nicht wieder in den Brunnen fallen! Da unten hockt ein bitterböses Weib! Schon seit gestern ringe ich mit ihm und habe mich nur mit letzter Kraft aus seinen Klauen losreißen können! Wenn du mich herausziehst, werde ich dich mit Gold überschütten und dir treue Dienste erweisen!« Der Schweiß brach dem Unglücklichen aus, als er hörte, dass sein Weib an Bosheit die Schlange übertraf. Und er zog letztere aus dem Brunnen. »Ich danke dir«, zischte die Schlange, »dass du mich vor dieser Unholdin gerettet hast, sie wollte mich erwürgen. Und nun hör zu. Ich krieche heute Nacht in die Stadt und ringle mich um den Hals der Königstochter. Dann gehst du in den Palast, versprichst dem König, seine Tochter von der Schlange zu befreien, streichelst mich und befiehlst mir davon zu kriechen. Ich werde dir sofort gehorchen. Aber zuvor musst du beim König die Belohnung aushandeln. Anschließend krieche ich in ein anderes Land und winde mich dort um den Hals des Königssohnes. Ich hasse alle Könige, denn einer von ihnen hat mich in den Brunnen geworfen. Vom Hals des Königssohnes darfst du mich aber nicht mehr verscheuchen! Versuchst du es trotzdem, werde ich dich tot beißen. So, und nun geh heim, Brüderchen, ich will mich noch ein Weilchen in den schönen Bergen und dem grünen Wald ergehen, bevor ich am Abend in den Königspalast krieche.«

Der Mann kehrte nach Hause zurück und verbrachte bei seinen Kindern wiederum eine schlaflose Nacht. Am nächsten Morgen hörte er, dass die Ausrufer in der ganzen Stadt verkündeten, eine Schlange hätte sich um den Hals der Königstochter geringelt. »Na«, sagte der Mann, »wenn dabei eine Belohnung herausspringt, würde ich die Königstochter mit leichter Mühe aus dieser Not befreien.« Das erzählte der eine Nachbar dem anderen weiter. Es dauerte gar nicht lange, bis der König davon erfuhr und den Mann zu sich bestellte. Der Mann ließ sich nicht lange bitten, ging zum König, und nachdem sie die Belohnung ausgehandelt hatten, begab er sich zu der Schlange, streichelte sie, und sie glitt davon. Vor Freude, dass seine Tochter dem Leben zurückgegeben war, bezahlte der König dem Mann doppelt so viel, wie sie ausgehandelt hatten. Wenige Tage später verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, eine Schlange wäre zu dem Sohn eines anderen Königs in die Stube gekrochen und hätte sich um seinen Hals geringelt. Aus aller Welt strömten berühmte Ärzte, Zauberer und Hexenmeister herbei. Doch die Schlange ließ sich von ihnen nicht bannen und vertreiben, sie saß fest. Schließlich erfuhr der Vater des Königssohnes, dass es im benachbarten Königreich einen Mann gäbe, der eine Schlange vom Hals der dortigen Königstochter entfernt hätte, und befahl ihn zu sich. Nun saß der Mann in der Klemme. Ging er hin, so würde ihn die Schlange beißen, ging er nicht hin, so würden ihn die Schergen des Königs ergreifen und mit Gewalt hinschleppen. Und gegen Gewalt ist der Gerechte machtlos! Also machte er sich auf den Weg, zerbrach sich dabei den Kopf, wie er sich aus der Klemme befreien könnte, und fand auch einen Ausweg.

Er meldete sich beim König, handelte nach Landessitte mit ihm die Belohnung aus, streifte dann die Schuhe ab, klemmte sich die Mütze unter den Arm und rannte wie ein Besessener kreuz und quer durch den Palast, bis er zu der Schlange kam. »Mach dich aus dem Staube!« flüsterte er ihr ins Ohr. »Das verfluchte bitterböse Weib ist aus dem Brunnen geklettert und hat erfahren, wo wir beide sind. Es verfolgt uns, will dich erwürgen und mich umbringen, weil ich dir aus dem Brunnen geholfen habe!« Nach diesen Worten wandte er den Kopf, zog ein angstvolles Gesicht, schrie auf und rannte davon. »Rette dich, Schwesterchen Schlange!« rief er. »Die verfluchte Hexe ist schon ganz nahe! Mach dich aus dem Staube, bevor es zu spät ist!« Und dabei rannte er keuchend um den Palast herum, genau wie einer, der sich auf der Flucht befindet. Die Schlange ließ sich von seinem Geschrei täuschen, löste sich vom Hals des Königssohnes und schlängelte sich in wilder Flucht davon. Überglücklich dankte der König dem Manne für die Rettung seines Lieblingssohnes, vergalt ihm Gutes mit Gutem, zahlte ihm einen Haufen Geld und gab ihm für den Heimweg ein Ehrengeleit. Auf diese Weise wurde der Mann sein bitterböses Weib los und obendrein reich.