[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Fabel vom Einhorn

Wenn ein Löwe aufbrüllt in seinem Zorn, bebt der Boden, und die Tiere erzittern.

Die Schläue der Löwen erkennen die Opfer zu spät, wenn sie versuchen, zur Stunde der Dämmerung sich am Fluss oder an Wasserlöchern gütlich zu tun.

Im Nu sind sie - sagen wir eine Herde von Springböcken von den Beutegierigen eingekreist, und der Rückzug ist alsbald versperrt. Kaum stürmen die Löwen los, ist es für viele zu spät.

Verliert ein Löwe sein Rudel, muss er allein auf die Jagd, und sein Glück schwindet von Tag zu Tag.

Als ein Löwe so einige Tage umhergeirrt war, schrumpfte sein Magen, denn er fand kaum noch etwas zu fressen. Mal hatte er es mit Gnus versucht, dann mit Elefanten. Und als er danach zwischen Felsen umherlief, sprach es ihn an:

»Ausgebrüllt, lieber Löwe! Vor Hunger ein bisschen närrisch geworden! Du scheinst mir so närrisch, dass du nicht mehr vermagst, einen winzigen Fuchs aufzuspüren.«

»Dann sollte ich dich wohl als Mahlzeit verzehren«, rief der Löwe und knurrte bedrohlich.

Aber das Einhorn hatte sich in einer Felsspalte verkrochen, und dieser schmale Durchgang versperrte dem Löwen den Weg.

»Armer Löwe«, sprach das Einhorn ihn mitleidsvoll an, »mich dauert dein schlimmer Zustand, aber es gibt stets einen Ausweg, und deshalb lade ich dich zu einem Brettspiele ein. Gewinnst du, gebe ich dir satt zu speisen vom besten Fleisch, und danach kannst du des Wegs ziehen. Verlierst du aber, bekommst du zwar auch reichlich zu fressen, danach aber dienst du mir deine weiteren Tage.«

Der Löwe willigte sogleich ein, schon rasend vor Hunger.

Das Einhorn führte ihn mit sich in seine Behausung, bot ihm einen Napf Wasser, holte das Brettspiel, und sobald die Figuren aufgebaut worden waren, begannen die zwei.

Man merkt bereits, wie alles verlief, denn der ausgehungerte Löwe fand keinen klaren Gedanken mehr .

Er freute sich aber trotz allem, denn in jedem Fall winkte ein reichliches Mahl.

Vom Einhorn besiegt, wurde er in eine Kammer geführt, wo ein gewaltiger Fleischberg getürmt war.

Er fraß und fraß.

Schneller als gedacht wurde der Löwe in wenigen Wochen zu einem dienstbaren Geist, der es an Eifer nicht fehlen ließ, dem Einhorn die Wünsche voll zu erfüllen.

Der Löwe fraß, wurde runder und schwerer, fauler und zahm wie ein Schoßhund. Zum Brüllen sogar fehlten ihm alsbald die Kräfte. So winselte er bloß noch und blinzelte träge dem Einhorn entgegen.

Dann kam der Tag, es war schon ein Jahr der Gefangenschaft verstrichen, also kam dann der Tag, wo aus dem Raume des Löwen ein Blöken herausdrang.

Das Einhorn erschrak. »Habe ich ihn denn in meiner törichten Einfalt zum Lamme gemacht? Bald wird der Schwanz schrumpfen, und Schafswolle wird ihn zieren.«

Das Einhorn besann sich augenblicks, sprang sozusagen mit einem verwegenen Satz über den Schatten der eigenen Herrschgier.

Kaum wieder am Boden, eilte es schnurstracks zum Löwen.

»Ich flehe dich an«, rief das Einhorn, »ich habe schrecklich gefehlt. Aus dem stattlichen Herrscher der Wüste habe ich dich zum Haustier gemacht.«

Tränen der Reue trübten dem Einhorn den Blick.

Der Löwe selbst stand wie erstarrt, er stand, als begriffe er nicht Sinn und Absicht der Rede.

Nach einem gewaltigen Gähnen piepste er schmählich: »Bitte lass mich bei dir, denn besser kann ich es im Leben gewiss nicht mehr haben.«