[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Legenden von Rübezahl Zweite Legende

Die Mutter Erde war also von jeher der Zufluchtsort, wohin sich gestörte Liebe barg. Die unglücklichen Wichte unter den Adamskindern, welche Wunsch und Hoffnung täuscht, öffnen sich unter solchen Umständen den Weg dahin durch Strick und Dolch, durch Blei und Gift, durch Darrsucht *19 und Bluthusten oder sonst auf eine unbequeme Art. Aber die Geister bedürfen all der Umständlichkeiten nicht und genießen überdies des Vorteils, daß sie nach Belieben in die Oberwelt zurückkehren können, wenn sie ausgetrotzt oder ihre Leidenschaft ausgetobet haben, da den Sterblichen der Weg zur Rückkehr auf ewig verschlossen ist.

Der unmutige Gnom verließ die Oberwelt mit dem Entschluss, nie wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach und nach die Eindrücke seines Grams; gleichwohl erforderte diese langwierige Operation einen Zeitraum von neunhundertneunundneunzig Jahren, ehe die alte Wunde ausheilte. Endlich da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte, und er einstmals sehr übel aufgeräumt war, brachte sein Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs Riesengebirge in Vorschlag. Es war nicht mehr als eine Minute nötig, so war die weite Reise vollendet, und er befand sich mitten auf dem großen Rasenplatze seines ehemaligen Lustgartens, dem er nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab. Doch blieb alles für menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen nichts als eine fürchterliche Wildnis. Der Anblick dieser Dinge, die er ehemals in einem rosafarbenen Lichte schimmern sah, erneuerte alle Gedanken an die Liebschaft, und ihm dünkte, die Geschichte mit der schönen Emma sei erst gestern vorgefallen. Aber die Erinnerung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte seinen Groll gegen die Menschheit wieder rege. »Unseliges Erdengewürm,« rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die Türme der Kirchen und Klöster in den Städten und Flecken erblickte, »treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich bass geäfft durch Tücke und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und wohl plagen, dass dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge.«

Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge, und der keckste unter ihnen rief ohne Unterlass: »Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!« Von undenklichen Jahren her hatte die Lästerchronik die Liebesgeschichte des Berggeistes in mündlichen Überlieferungen getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften Zusätzen vermehrt, und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat, unterhielt sich mit seinem Gefährten von seinen Abenteuern. Man trug sich mit unzähligen Spukhistörchen, machte damit zaghafte Wanderer fürchten, und die starken Geister und Philosophen, die am hellen Tage und in zahlreicher Gesellschaft an keine Gespenster glauben und sich darüber lustig machen, pflegen aus Übermut, oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft zu zitieren, aus Schäkerei bei seinem Ekelnamen zu rufen und auf ihn zu schimpfen. Man hat nie gehört, dass dergleichen Kränkungen von dem friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er seine ganze Schande jetzt so kurz und bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem Augenblick bedachte, dass eine so furchtbare Rache großes Geschrei im Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum ließ er ihn nebst seinen Konsorten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungenossen hingehen zu lassen.

Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen beiden Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner Heimat an. Aber der unsichtbare Geleitsmann war ihm bis zur Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf Mittel, sich zu rächen. Von ungefähr begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher Israelit, der nach Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache zu gebrauchen. Also gesellte er sich zu ihm in Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, führte ihn unbemerkt seitab von der Straße, und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem Juden mörderisch in den Bart, riss ihn zu Boden, knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten noch gar übel traktiert hatte, ging er davon und ließ den armen geplünderten Juden halbtot im Busche liegen.

Als sich der Israelit von seinem Schrecken erholt hatte, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann zu ihm, fragte, warum er also beginne, und wie er ihn geknebelt fand, löste er ihm die Bande von Händen und Füßen. Nachher labte er ihn mit einem herrlichen Schluck Kordialwasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße und geleitete ihn freundlich gen Hirschberg an die Tür der Herberge; dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Jude, da er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch erblickte, so frei und unbefangen wie ein Mensch sein kann, der sich keiner Übeltat bewusst ist. Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern, und neben ihm lag der nämliche Rucksack, in dem er den geraubten Säckel verborgen hatte. Der bestürzte Jude wusste nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich in einem Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der Person geirrt zu haben; darum drehte er unbemerkt sich zur Tür hinaus, ging zum Richter und zeigte den Diebstahl an.

Die Hirschberger Justiz stand damals in dem Rufe, dass sie schnell und tätig sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, wenn's was einzuziehen gab; wo sie aber einfach ihrer Pflicht Genüge leisten musste, ging sie ihren Schneckengang. Der erfahrene Israelit war mit dem gewöhnlichen Gang schon bekannt und verwies den unentschlossenen Richter auf den Inhalt seines Beutels, und diese goldene Hoffnung unterließ nicht, einen Verhaftungsbefehl auszuwirken. Häscher bewaffneten sich mit Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen Väter indes versammelt hatten. »Wer bist du?« fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte hereintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig und unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.«

»Hast du nicht diesen Juden im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen, gebunden und seines Säckels beraubt?«

»Ich habe diesen Juden nie mit Augen gesehen, hab' ihn auch weder geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt.«

»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?«

»Mit meiner Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens.«

»Weis' auf deine Kundschaft.«

Benedix öffnete getrost den Rucksack, denn er wusste wohl, dass er nichts als ein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch als er ihn ausleerte, siehe da! Da klingelt es unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die Häscher griffen hurtig zu, störten den Kram auseinander und zogen den schweren Säckel hervor, den der erfreute Jude alsbald als sein Eigentum erkannte. Der Wicht stand da wie vom Donner gerührt, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach kein Wort.

»Wie nun, Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt. »Erfrechst du dich noch, den Raub zu leugnen?«

»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Beschuldigte auf den Knien, mit hochaufgehobenen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf' ich zu Zeugen an, dass ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des Juden Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.«

»Du bist überwiesen,« redete der Richter fort, »der Säckel zeugt genügend von Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit abzufoltern.«

Der geängstigte Benedix konnte nichts als auf seine Unschuld pochen; aber er predigte tauben Ohren. Meister Hämmerling, der fürchterliche Wahrheitsforscher, wurde herbeigerufen, durch die stählernen Argumente seiner Beredsamkeit ihn dazu zu bringen, Gott und der Obrigkeit die Ehre anzutun, zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die auf ihn warteten. Da der Peiniger im Begriff war, ihm die Daumenstöcke anzulegen, bedachte er, dass diese Operation ihn untüchtig machen würde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, von der Marter mit einem Male abzukommen, und gestand das Bubenstück ein, wovon sein Herz nichts wusste. Der Kriminalprozess wurde nun abgetan, der Beschuldigte, ohne dass sich das Gericht teilte, von Richter und Schöffen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden sollte.

Alle Zuschauer, die das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu als der barmherzige Samariter, der mit in die Kriminalstube eingedrungen war und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu erheben; und in der Tat hatte auch niemand nähern Anteil an der Sache als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Juden Säckel in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl selbst war. Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder fand an dem unwissenden Benedix einen so rohen, wüsten Klotz, dass es ihm unmöglich schien, in so kurzer Zeit, als ihm zu dem Bekehrungsgeschäfte übrig blieb, einen Heiligen daraus zu schnitzeln; er bat deshalb das Kriminalgericht um einen dreitägigen Aufschub, den er dem frommen Magistrat nicht ohne große Mühe und unter Androhung des Kirchenbannes endlich abzwang. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins Gebirge, den Termin der Hinrichtung dort zu erwarten.

Während dieser Zeit durchstrich er nach Gewohnheit die Wälder und erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich, und der Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit wischte sie mit der Hand eine herabrollende Zähre von den Wangen, und stöhnende Seufzer quollen aus der vollen Brust hervor. Schon ehemals hatte der Gnom die mächtigen Eindrücke jungfräulicher Zähren empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, dass er von dem Gesetz, das er sich auferlegt hatte, alle Adamskinder, die durchs Gebirge ziehen würden, zu necken und quälen, die erste Ausnahme machte. Er gestaltete sich wieder zu einem ehrsamen Bürger, trat zu der jungen Dirne freundlich hin und sprach: »Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, dass ich zusehe, wie dir zu helfen ist.«

Die Dirne, die ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Da sie den ehrsamen Mann vor sich stehen sah, öffnete sie ihren Purpurmund und sprach: »Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, zumal mir nicht zu helfen ist? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und Tränen, bis mir der Tod das Herz zerbricht.«

Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?« rief er, »bei diesem himmlischen Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! - Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich; gleichwohl ist es mir hier ein Rätsel.«

»So will ich's Euch lösen,« erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »wenn Ihr es zu wissen begehrt.«

Er sprach: »Sag' an!«

Sie: »Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn einer tugendsamen Witib, meiner Nachbarin, der mich zu seinem Liebchen erkor, als er heranwuchs. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, dass er mir das Herz stahl und ich ihm ewige Treue gelobte. - Ach, das Herz des lieben Jungen habe ich Natter vergiftet, hab' ihn die Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er das Leben verwirkt hat!«

Der Gnom rief nachdrücklich: »Du?«

»Ja, Herr,« sprach sie, »ich bin seine Mörderin, hab' ihn gereizt, einen Straßenraub zu begehen und einen schelmischen Juden zu plündern; da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehegt, und o Herzeleid! Morgen wird er abgetan. Ja Herr! Ich hab's auf meinem Gewissen das junge Blut!«

»Wie das?«

»Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge, und als er beim Abschied an meinem Halse hing, sprach er: ›Fein Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum drittenmal blüht und die Schwalbe zum Neste trägt, kehr' ich von der Wanderschaft zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib‹; und das gelobte ich ihm zu werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum drittenmal, und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckt' und höhnt' ihn, wie die Mädchen es oft mit den Freiern tun, und sprach: ›Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch Obdach. Schaff' dir erst blanke Batzen an, dann frage wieder an.‹ Der arme Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. ›Ach, Klärchen‹, seufzte er tief mit einer Träne im Auge, ›steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu nähren? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Buhle hat mir dein Herz entwendet; belohnst du mich also, Ungetreue?‹ Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: ›Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!‹ antwortete ich, ›nur meine Hand versag' ich dir zunächst; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm wieder.‹ ›Wohlan‹, sprach er mit Unmut, ›du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, schnurren, sorgen, und eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich dich erwerben muss. Leb' wohl, ich fahre hin, ade!‹ - So hab' ich ihn betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein guter Engel, dass er tat, was nicht recht war, und was sein Herz gewiss verabscheute.«

Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer Pause mit einer nachdenklichen Miene: »Wunderbar!« Hierauf wendete er sich zu der Dirne: »Warum,« fragte er, »erfüllst du hier den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Buhlen nichts nützen und frommen können?«

»Lieber Herr,« fiel sie ihm ein, »ich war auf dem Wege nach Hirschberg. Ich will dem Blutrichter zu Füßen fallen, will mit meinem Klageschrei die Stadt erfüllen, ob das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken; und wenn es mir nicht gelingt, meinem Buhlen dem schmählichen Tode zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.«

Der Geist wurde durch diese Rede so bewegt, dass er von Stund' an seine Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Buhlen wiederzugeben beschloss. »Trockne ab deine Tränen,« sprach er mit teilnehmender Gebärde, »und lass deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Küste geht, soll dein Buhle frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und horchsam, und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu' auf die Tür zu deinem Kämmerlein; denn es ist dein Benedix, der davor steht. - Du sollst auch wissen, dass er das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn anklagst, und du hast gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bösen Tat reizen lassen. Ich bin ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder verurteilt wurde, aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Banden zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.« Die Dirne machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kämpften.

Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs blutsauer werden lassen, den Verbrecher gehörig zu bekehren, um seine arme Seele der Hölle zu entreißen, der sie, seiner Meinung nach, verpfändet war von Jugend auf. Denn der gute Benedix war ein unwissender Laie, der mit Nadel und Schere besser Bescheid wusste als mit dem Rosenkranz. Den Engelsgruß und das Paternoster mengte er stets durcheinander, und vom Kredo wusste er keine Silbe; der eifrige Mönch hatte alle Mühe von der Welt, ihn das letztere zu lehren, und brachte mit dieser Arbeit zwei volle Tage zu. Denn wenn er sich die Formel aufsagen ließ und das Gedächtnis des armen Sünders auch nicht strauchelte, so unterbrach doch oft ein Gedanke an das Irdische und der halblaute Seufzer: »Ach Klärchen!« die ganze Lektion, weshalb es die religiöse Politik des frommen Bruders zuträglich fand, dem verlornen Schaf die Hölle recht heiß zu machen, und das gelang ihm auch so, dass der geängstigte Benedix kalten Todesschweiß schwitzte und zu geheiligter Freude seines Bekehrers Klärchen rein darüber vergaß.

Ob sich nun wohl Benedix völlig unschuldig wusste, legte er sich aufs Bitten, flehte seinen geistlichen Richter um Barmherzigkeit an und suchte von den Qualen des Fegefeuers so viel abzudingen wie möglich; wodurch sich denn der strenge Pater bewogen fand, ihn endlich nur bis an die Knie ins Feuerbad zu versenken.

Eben verließ der unerbittliche Sündenrüger den Kerker, als ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange begegnete, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit zu setzten, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf einen Einfall, der recht nach seinem Sinne war. Er schlich dem Mönche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, das ihm der Kerkermeister ehrerbietig öffnete.

»Das Heil deiner Seele,« redet er den Gefangenen an, »treibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Sag an, mein Sohn, was hast du noch auf deinem Herzen und Gewissen, damit ich dich tröste.«

»Ehrwürdiger Vater,« antwortete Benedix, »mein Gewissen beißt mich nicht; aber Euer Fegefeuer bangt und ängstigt mich und presst mir das Herz zusammen, als läge es zwischen den Daumenstöcken.« Freund Rübezahl hatte von kirchlichen Lehrmeinungen sehr unvollständige und verworrene Begriffe, daher war ihm die Querfrage: »Wie meinst du das?« wohl zu verzeihen. »Ach,« antwortet Benedix, »in dem Feuerpfuhl bis an die Knie zu waten, Herr, das halt' ich nicht aus!«

»Narr,« versetzt Rübezahl, »so bleib davon, wenn dir das Bad zu heiß ist.« Benedix ward an dieser Rede irre und sah dem Pfaffen so starr ins Gesicht, dass dieser merkte, er habe irgend eine Unschicklichkeit vorgebracht; darum lenkte er ein: »Davon ein andermal; denkst du auch noch an Klärchen? Liebst du sie noch als deine Braut? Und hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertraue es mir.« Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, dass er überlaut anfing zu weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Dieses jammerte den mitleidigen Pfaffen so, dass er beschloss, dem Spiel ein Ende zu machen. »Armer Benedix,« sprach er, »gib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass du unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu reißen und der Banden zu entledigen.« Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Lass sehen,« fuhr er fort, »ob er schließe.« Der Versuch gelang, der Entfesselte stand da frank und frei, das Geschmeide fiel ab von Händen und Füßen. Hierauf wechselte der gutmütige Pfaffe mit ihm die Kleider und sprach: »Gehe gemächlich wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast. Dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, dass du gelangest ins Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst, klopfe leise an, dein Liebchen harrt deiner mit ängstlichem Verlangen.«

Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, und da er inneward, dass sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen, umfing seine Knie, und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der Pfaffe trieb ihn endlich fort und auf dem Weg. Mit wankendem Knie schritt der Entledigte über die Schwelle des traurigen Kerkers, und sein ehrwürdiger Rock gab ihm einen solchen Wohlgeruch von Frömmigkeit und Tugend, dass die Wächter nichts darunter witterten.

Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein. Oft dünkte ihr, es rege sich etwas am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die Luke, und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und Grabesklang tönte. Der Wächter stieß zum letzten Mal ins Horn und weckte die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagwerke. Klärchens Lämpchen fing an dunkel zu brennen, weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und seufzte: »Benedix! Benedix! Was für ein bänglicher Tag für dich und mich dämmert jetzt heran!«

Da pocht es dreimal leise an das Fenster, als ob es spukte. Ein froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: »Fein Liebchen, bist du wach?« - Husch, war sie an der Tür. - »Ach Benedix, bist du es oder ist es dein Geist?« Als sie aber den Bruder Graurock erblickte, sank sie zurück und starb vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm, und der Kuss der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.

Nachdem die stumme Szene des Erstaunens und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger. Aber sie hatte nichts zum Imbiss als Salz und Brot, wobei sie voreilig gelobten, zufrieden und glücklich miteinander zu sein ihr Leben lang. Da dachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche und wunderte sich bass, dass sie schwerer war als ein Hufeisen, brach sie auseinander, siehe! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber Klärchen nicht wenig erschrak, meinte, das Gold sei ein schändliches Überbleibsel von dem Raube des Juden, und Benedix sei nicht so unschuldig, wie ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose Gesell beteuerte höchlich, dass der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Drauf segneten beide mit dankbaren Herzen den edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein angesehener Mann in friedlicher Ehe bei reichem Kindersegen lebte.

In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Buhlens am Fenster bemerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung des armen Sünders zu vollenden und ihn als einen halben Heiligen dem gewaltsamen Arm des Henkers zu überantworten. Rübezahl hatte einmal die Sünderrolle übernommen und war entschlossen, sie zur Ehre der Justiz rein auszuspielen. Er schien wohlgefasst zum Sterben zu sein, und der fromme Mönch freute sich darüber; darum ermüdete er nicht, ihn in dieser Gemütsverfassung durch seinen geistlichen Zuspruch zu erhalten, und beschloss seinen Sermon mit dem tröstlichen Weidespruch: »So viel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, siehe so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele in Empfang zu nehmen und sie einzuführen ins schöne Paradies.« Drauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, wollte Beichte hören und dann lossprechen; doch fiel ihm ein, vorher noch die geistige Lektion zu wiederholen, damit der arme Sünder unterm Galgen im geschlossenen Kreise sein Glaubensbekenntnis frei und ohne Anstoß zur Erbauung der Zuschauer hersagen möchte. Aber wie erschrak der Ordensmann, da er inneward, dass der Ungelehrige sein Kredo die Nacht über völlig ausgeschwitzt hatte! Der fromme Mönch war völlig der Meinung, der Satan sei hier im Spiel und wolle dem Himmel die gewonnene Seele entreißen.

Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht war dafür, dass es nun an der Stunde sei, den Leib zu töten, und kümmerte sich nicht weiter um den Seelenzustand seines Schlachtopfers. Ohne der Hinrichtung länger Aufschub zu gestatten, wurde der Stab gebrochen, und obwohl Rübezahl als ein verstockter Sünder ausgeführt wurde, so unterwarf er sich doch allen übrigen Formalitäten der Hinrichtung ganz willig. Als er von der Leiter gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, dass dem Henker dabei übel zumute war; denn es erhob sich ein plötzliches Getöse im Volk und einige schrieen, man solle den Henker steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte, und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin und her wandelten, aus Vorwitz hinzutraten und den Kadaver beschauen wollten, fing der Scherztreiber am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abend in der Stadt ein Gerücht um, der Gehangene könne nicht sterben und tanze noch immer am Hochgericht, was den Senat bewog, des Morgens in aller Frühe die Sache untersuchen zu lassen. Als sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als ein Wischlein Stroh am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man es in die Erbsen zu stellen pflegt, die genäschigen Spatzen damit zu scheuchen. Worüber sich die Herren von Hirschberg bass wunderten, ließen in aller Stille den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.