[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Vom Zaubervogel Murkumomo

Vor langer Zeit lebte einmal ein armer alter Mann mit seiner Frau. Tagein, tagaus sammelte er in der öden Steppe dürres Reisig und verkaufte es auf dem Basar. Als er eines Mittags vom Reisigsammeln ermüdet war, legte er sich auf den Boden und schlief ein. Währenddessen flog der Zaubervogel Murkumomo herbei, ließ sich auf dem Reisigbündel nieder, legte ein Ei und erhob sich wieder in die Lüfte. Der Alte erwachte und hob das Bündel auf. Da rollte das Ei heraus. Der Alte nahm es und ging damit auf den Basar. In der Stadt bemerkte den Alten ein Wesir. Sofort eilte er zum Schah und meldete, dass auf der Straße ein armer Mann ginge, der ein kostbares Ei in der Hand halte. Der Schah schickte seine Wächter aus und ließ den Alten holen. »Welche Kostbarkeit willst du für dieses Ei haben?« fragte der Schah den Alten. »Ihr könnt mir geben, was Euch genehm ist!« murmelte der arme Mann erschrocken. Der Schah gab ihm für das kostbare Ei einen ganzen Schatz. Zufrieden kehrte der alte Mann heim. Viele Jahre lang lebte er mit seiner Frau ohne Sorgen, dann aber war das Geld zu Ende. Der Alte musste sich von neuem seinen Lebensunterhalt verdienen und in der Steppe Reisig sammeln. Eines Tages schlief er wieder ein und sah im Traume denselben Zaubervogel herbei fliegen, ein Brillantenei in das Reisig legen und davonfliegen. Als er erwachte, sah er das kostbare Ei wirklich im Reisig liegen. Er nahm es und brachte es dem Schah. Als Entgelt bekam er vierzig Kamellasten Gold, denn das Ei war so viel wert, wie die Ausgaben des Staates im Laufe von sieben Jahren ausmachten.

Der Alte kehrte mit seinem Gold nach Hause zurück, rief alle obdachlosen armen Leute zusammen und begann, mit ihrem Beistand Häuser zu bauen. Bald war in der Wüste eine ganze Stadt emporgewachsen. Die Armen wählten den alten Mann zu ihrem Padischah. Da beschloss er, den Zaubervogel, der ihm so viel Glück gebracht hatte, einzufangen. Wieder zog er sein altes Gewand an und ging in die Wüste. Nachdem er Reisig gesammelt hatte, stellte er sich schlafend und wartete auf den Vogel Murkumomo. Nach einer geraumen Zeit sah er, wie der Zaubervogel herbei flog und sich ins Reisig einwühlte. Sofort warf der Alte seinen Rock über das Bündel und fing den Vogel ein. Er ließ einen goldenen Thron und einen goldenen Käfig anfertigen, sperrte den Zaubervogel in diesen Käfig und hängte denselben über seinem Thron auf.

Eines Tages sagte der Alte zu seiner Frau: »Ich will eine Pilgerfahrt nach Mekka unternehmen. Regiere du mittlerweile die Stadt!« Er zog davon, und seine Frau bestieg den Thron. In dieser Stadt lebte aber ein Dshigit, in den sich die Frau des Alten verliebt hatte. Sie schickte einen Boten zu ihm, der Reiter aber erklärte: »Ich werde nur zu ihr kommen, wenn sie mir aus dem Fleisch des Zaubervogels Murkumomo eine Suppe kocht!« Da ließ die Frau dem Zaubervogel Murkumomo den Kopf abhacken und eine Suppe zubereiten. Der Reiter kam, und die Frau breitete den Dastarchan aus.

Um diese Zeit kehrten Madshid und Hamid, die beiden Söhne des Alten, aus der Schule zurück. Sie waren hungrig. Als sie sahen, dass im Hofe eine Suppe kochte, fischten sie aus dem Kessel den Kamm des Vogels heraus und aßen ihn auf. Als der gekochte Vogel aufgetischt wurde, sah der Dshigit, dass der Kamm fehlte, und rief: »Ich werde dieses Fleisch nicht essen!«

»Warum wollt Ihr es nicht essen?« fragte die Frau verwundert. »Ich habe in einem Buche gelesen, dass der, welcher den gekochten Kamm des Vogels Murkumomo isst, Schah des Staates wird«, antwortete der Dshigit. »Aber ich sehe, dass den Kamm. des Vogels schon jemand gegessen hat. Er wird nun Schah. Dich will ich überhaupt nicht sehen!« Die Frau beschwor den Reiter zu bleiben. Er aber sagte: »Den Kamm haben deine Söhne aufgegessen! Wenn du die Knaben tötest, findest du ihn in ihren Lebern. Nur wenn ich ihre Lebern erhalte, kehre ich zu dir zurück.« Da die Frau befürchtete, dass der Dshigit sie verließe, befahl sie dem Henker: »Führe Hamid und Madshid aus der Stadt, töte sie und bringe mir ihre Lebern!« Der Henker führte die Knaben in eine abgelegene Schlucht und zog den Säbel. Kaum aber zückte er ihn nach dem älteren Knaben, lief der jüngere herbei und flehte ihn an, ihn doch als ersten zu töten. Als er aber nach dem jüngeren ausholte, bettelte der ältere, er möge ihn zuerst töten. Dem Henker taten die Kinder leid, und sein Arm sank herab. In diesem Augenblick vernahmen sie aus der Schlucht ein Winseln. Der Henker stieg hinab und sah dort zwei Hündchen. Er tötete sie, schnitt ihre Lebern heraus und sagte zu Hamid und Madshid: »Lauft fort, so weit ihr könnt!« Die Knaben liefen in die Steppe. Der Henker aber brachte der Frau die Hundelebern.

Lange wanderten die Knaben, bis sie an eine Weggabelung kamen. Dort lasen sie auf einem Stein: »Wer nach rechts geht, kehrt nicht zurück, wer nach links geht, der kehrt zurück.« Da schlug Madshid seinem Bruder vor: »Nimm du den linken Weg, ich will den rechten gehen.« So trennten sich die Brüder. Soll der ältere Bruder Madshid dem rechten Weg folgen, wir wollen hören, wie es Hamid, dem jüngeren Bruder, auf dem linken Wege erging.

Über kurz oder lang geriet er vor eine Stadt und betrat sie durch das Tor. An diesem Tage war der Schah dieser Stadt gestorben. Dem Brauch gemäß wurde ein Glücksvogel aus dem Käfig gelassen, damit er den neuen Herrscher wähle. Eben schwebte er am Himmel. Als er Hamid erblickte, ließ er sich auf dessen Kopf nieder. Das Volk lief herbei und sah den Glücksvogel auf dem Kopfe des jungen Wandersmannes.

Wieder ließ man den Glücksvogel aufsteigen, und wieder setzte er sich auf Hamids Kopf. Dasselbe wiederholte sich zum dritten Male. Da beschlossen die Leute, Hamid zum Schah zu wählen. Soll Hamid die Stadt regieren, hören wir, wie es seinem älteren Bruder Madshid erging.

Madshid war den rechten Weg gegangen und hatte bereits ein gutes Stück zurückgelegt, als er plötzlich drei Dshigiten sah, die miteinander kämpften. Madshid trennte sie und fragte nach der Ursache ihres Streites. Die Dshigiten erwiderten: »Wir sind Brüder. Unser Vater hat uns drei Dinge hinterlassen: einen Stab, eine Kappe und einen Teppich. Weil wir unser Erbe nicht zu teilen wissen, sind wir uns in die Haare geraten.«

»Welche Eigenschaften haben diese Dinge?« wollte Madshid wissen. Da erklärte ihm der älteste Bruder: »Mit dem Stab kann man tausendmal schneller vorankommen, als zu Fuß. Wer die Kappe aufsetzt, wird unsichtbar. Setzt du dich auf den Teppich und nennst den Namen eines beliebigen Landes, bringt er dich im Nu dorthin. Der Stab hat noch eine Eigenschaft: Wenn du ihn einem Blinden an die Augen hältst, kann dieser wieder sehen.« Da schlug Madshid den Dshigiten vor: »Ich will euch eine Bedingung stellen. Wer sie als erster erfüllt, der bekommt das gesamte Erbe.« Die Brüder waren einverstanden. »Stell deine Bedingung! Wir werden sie erfüllen.« Und Madshid erklärte: »Wer mir als erster einen Krug Wasser aus dem Flusse bringt, dem gebe ich Stab, Kappe und Teppich!« Spornstreichs eilten die Brüder zum Fluss. Ohne einen Augenblick zu verlieren, nahm Madshid den Stab, setzte die Zauberkappe auf, ließ sich auf den Teppich nieder und nannte die Hauptstadt des Staates. Der Teppich stieg empor und ging einen Augenblick später im Palastgarten des Schahs nieder.

Um diese Zeit badeten dort die wunderschöne Tochter des Schahs und ihre vierzig Dienerinnen in einem großen Becken. Die Prinzessin entstieg dem Wasser, um den am Ufer ausgebreiteten Teppich zu bewundern. Madshid hatte die Zauberkappe aufgesetzt, darum sah sie ihn nicht. Rasch flüsterte der Jüngling den Namen seines Landes. Im Nu erhob sich der Teppich und ließ sich am Ufer eines Flusses nieder. Madshid nahm die Kappe ab, damit die Prinzessin ihn sah. »Ihr sollt meine Frau werden!« forderte Madshid sie auf. Erstaunt und betroffen, wollte die Prinzessin ihn erst nicht einmal ansehen. Da er aber ein schöner Jüngling von edler Gestalt war, willigte sie schließlich ein Sie heirateten, und zwei Jahre später hatten sie einen Sohn und eine Tochter.

Madshid war sehr arbeitsam. Täglich ging er auf die Jagd und kehrte mit reicher Beute zurück. Eines Tages gestand ihm die Tochter des Schahs, sie wünsche ihren Vater zu besuchen. Madshid überlegte: »Wohin wird sie mit den beiden Kindern schon davon reisen?« und enthüllte ihr das Geheimnis des Teppichs. Als er wieder auf der Jagd war, setzte sie sich mit den Kindern auf den Teppich und nannte die Stadt ihres Vaters. Der Teppich schwebte zum Himmel und ließ sich sofort im Garten des Schahs nieder. Soll die Prinzessin mit den Kindern bei ihrem Vater weilen, hört, wie es Madshid erging.

Als er von der Jagd zurückkehrte, fand er niemanden mehr. Auch der Zauberteppich war verschwunden. Er erriet, dass seine Frau mit den Kindern zu ihrem Vater entflohen war. Sofort nahm er Stab und Zauberkappe und machte sich auf den Weg. Nach langer Wanderung gelangte er endlich in die Stadt, in der seine Frau lebte. Er nächtigte in der Hütte zweier armer Leute, eines alten Mannes und seiner Frau. Tagtäglich kehrte der Alte in aller Frühe den Platz vor dem Palast des Schahs. Dafür erhielt er Abfälle aus der Palastküche. Nach der dürftigen Abendmahlzeit fragte der Alte: »Was führt dich in unsere Stadt, mein Sohn?« Und Madshid erzählte ausführlich, was ihm widerfahren war. Als der Alte alles gehört hatte, tröstete er ihn: »Mach dir keinen Kummer, mein Sohn! Dein Teppich befindet sich in der Schatzkammer des Schahs. Deine Kinder sind wohlbehalten und tummeln sich im Garten, und deine Frau lässt es sich im Palast wohl sein. Morgen in aller Frühe zeige ich dir, wie du in die Schatzkammer gelangst.« Am nächsten Tag führte der Alte Madshid in den Palast. Madshid hatte die Zauberkappe auf, so dass ihn niemand bemerkte. Er betrat die Schatzkammer und setzte sich auf den Teppich. Im selben Augenblick erhob sich der Teppich, flog über den Palast hinweg und ließ sich im Garten nieder. Madshid setzte seine Kinder neben sich und flog davon. Der Schah und seine Tochter, die alles mit angesehen hatten, jammerten und schrieen, aber es war zu spät.

Madshid flog in den Staat seines Bruders Hamid. »Lass uns zu unseren Eltern fliegen!« schlug er ihm vor. »Vielleicht leben sie und sind wohlbehalten.« Freudig stimmte Hamid zu. Sofort setzten sie sich auf den Teppich und traten die Reise an. Mögen sie fliegen, hört, wie es ihren Eltern erging.

Kaum hatte der Henker die Hundelebern gebracht, fiel der Dshigit über sie her und verschlang sie gierig. Er blieb im Palast bei der Frau des Alten, die ihn zum Regenten ernannte. Er raubte die Bewohner aus, häufte riesige Schätze an und machte sich mit ihnen aus dem Staube. »Was soll ich nur sagen, wenn mein Mann heimkommt?« dachte die Frau. »Am besten, ich schaufle zwei Gräber und sage, Feinde seien gekommen, hätten die Stadt zerstört und unsere Söhne getötet.« Nachdem sie sich das ausgedacht hatte, ließ sie zwei Gräber schaufeln und Grabsteine aufstellen. Auf dem einen stand Madshid, auf dem anderen Hamid. Selbst ging sie oft hin und weinte, damit alle Leute es sähen.

Kurze Zeit später kehrte der Alte von seiner Pilgerfahrt nach Mekka zurück. Als er die traurige Nachricht vernahm, geriet er in Verzweiflung, entsagte allen irdischen Wohltaten und begann seine Söhne zu beweinen. Er vergoss so viele Tränen, dass er bald erblindete.

Nun aber kam Madshid mit seinen Kindern und seinem Bruder Hamid auf dem Teppich geflogen. Sie sahen die verwüstete Stadt und die Grabsteine mit ihren Namen. Daneben lag ihr erblindeter alter Vater.

Als sie erfahren hatten, was geschehen war, nahmen Madshid und Hamid ihren Vater auf die Arme und brachten ihn in den Palast. Dort hielt Madshid seinen Stab an die Augen des Alten, und er konnte wieder sehen. Die Söhne setzten ihren Vater auf den fliegenden Teppich und flogen mit ihm in den Staat, wo Hamid regierte.

Die Frau des alten Mannes aber blieb zurück, um ihre Schande zu beklagen.