[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Später

Es war einmal ein Bauer namens Jan, der lebte ganz für sich allein in einem kleinen Haus. Allmählich kam es ihm in den Sinn, dass er sich doch lieber eine Frau nehmen sollte, die ihm das Haus in Ordnung hielt. Darum machte er einem hübschen Mädchen den Hof und fragte sie: »Willst du mich heiraten?«

»Natürlich will ich das«, antwortete das Mädchen. Und so heirateten sie. Nachdem die Hochzeit vorbei war, stieg die junge Frau hinter ihm aufs Pferd, und er nahm sie mit sich nach Haus. Dort lebten sie den lieben langen Tag vergnügt und in Freuden.

Einmal sagte Jan zu seiner Frau: »Frau, kannst du Kühe melken?«

»O ja, Jan, das kann ich. Mutter hat immer die Kühe gemolken, als ich noch daheim lebte.« Er zog auf den Markt und kaufte ihr zehn Kühe, und alles ging soweit auch gut. Doch eines Tages, als die Frau die Kühe zum Teich getrieben hatte, tranken sie ihr nicht schnell genug. Deshalb trieb sie sie tiefer ins Wasser hinein, damit sie sich beeilten. Dabei ertranken alle. Als Jan nach Haus kam, erzählte sie ihm sogleich, was sie getan hatte. Aber er sagte nur: »Ach was, mach dir nichts draus, das nächste Mal wirst du mehr Glück haben.«

Das ging so ein Weilchen weiter. Da fragte Jan sie eines Tages: »Frau, kannst du Schweine füttern?«

»O ja, Jan, das kann ich. Mutter hat immer die Schweine gefüttert, als ich noch bei ihr lebte.« So kaufte er auf dem Markt ein paar Schweine. Alles ging soweit auch gut. Doch eines Tages, als sie den Schweinen das Futter in den Trog geschüttet hatte, fraßen sie ihr nicht schnell genug. Deshalb stieß sie ihre Köpfe tief in den Trog hinein. Dabei aber erstickten alle. Als Jan vom Feld nach Haus kam, erzählte sie ihm, was sie getan hatte. Doch er sagte nur: »Ach was, mach dir nichts draus, meine Liebe, das nächste Mal wirst du mehr Glück haben.«

Das ging so ein Weilchen weiter, da fragte Jan eines Tages: »Frau, kannst du Brot backen?«

»O ja, Jan, das kann ich. Mutter hat immer Brot gebacken, als ich noch daheim war.« Er kaufte seiner Frau, was man zum Brotbacken brauchte. Alles ging soweit auch gut. Doch eines Tages wollte sie ihrem Jan als Leckerbissen mal ganz weißes Brot backen. Darum trug sie das Mehl auf einen hohen Hügel hinauf und ließ den Wind drüber hin blasen. Sie glaubte nämlich, der Wind würde die Kleie wegwehen. Aber er trug das Mehl mitsamt der Kleie fort, und das war das Ende vom Lied. Als Jan vom Feld nach Haus kam, erzählte sie ihm sogleich, was sie getan hatte. Er aber sagte nur: »Ach was, mach dir nichts draus, meine Liebe, das nächste Mal wirst du mehr Glück haben.«

Das ging so ein Weilchen weiter, da fragte Jan sie eines Tages: »Frau, kannst du Bier brauen?«

»O ja, Jan, das kann ich. Mutter hat immer Bier gebraut, als ich noch bei ihr wohnte.« Er kaufte seiner Frau, was man zum Bierbrauen brauchte. Doch eines Tages, als sie gerade beim Brauen war und das Bier ins Fass goss, kam ein großer schwarzer Hund herein. Der sah sie aufmerksam an. Sie trieb ihn aus dem Haus, er blieb jedoch vor der Tür stehen und blickte sie weiterhin an. Das machte sie so wütend, dass sie den Stöpsel aus dem Fass zog und nach dem Hund warf. Dabei sagte sie: »Was hast du mich so anzugaffen? Ich bin Jans Frau!« Nun lief der Hund die Straße hinunter, und sie lief hinter ihm her, um ihn ein für allemal zu vertreiben. Als sie zurückkehrte, war das Bier aus dem Fass gelaufen. Bald danach kam Jan nach Hause, und sogleich erzählte sie ihm, was sie getan hatte. Doch er sagte nur: »Ach was, mach dir nichts draus, meine Liebe, das nächste Mal wirst du mehr Glück haben.«

Eines Tages dachte die Frau: Es ist Zeit, das Haus gründlich aufzuräumen. Als sie den Himmel von ihrem großen Bett herunternahm, fand sie dort einen Beutel Silbergroschen. Kurz darauf kam Jan vom Feld zurück, und sie erzählte es ihm: »Jan«, fragte sie, »wozu ist dieser Beutel voller Groschen in unserem Betthimmel da?«

»Der soll für später sein, meine Liebe.« Es traf sich aber, dass draußen vor dem Fenster ein Räuber stand; der hörte, was Jan sagte. Am nächsten Tag wartete der Räuber, bis Jan zum Markt gegangen war, und klopfte dann an die Tür. »Bitte sehr, was willst du hier?« fragte ihn die Frau. »Ich bin Später«, antwortete der Räuber, »und bin gekommen, um mir den Beutel mit den Silbergroschen abzuholen.« Da er wie ein feiner Herr gekleidet war, dachte die Frau bei sich, dass es doch sehr freundlich von einem so vornehmen Herrn wäre, sich selbst den Beutel mit den Groschen zu holen. Sie lief eilig nach oben, holte den Beutel mit den Silbergroschen und gab ihn dem Räuber. Der machte sich damit schleunigst aus dem Staube.

Als der Bauer nach Haus kam, sagte die Frau zu ihm: »Jan, Später war da und hat sich den Beutel mit den Silbergroschen abgeholt.«

»Was soll das heißen, Frau?« fragte Jan. Sie erzählte ihm, was geschehen war, und er rief: »Jetzt sind wir ruiniert, denn mit dem Geld wollte ich die Pacht bezahlen. Das einzige, was wir noch tun können, ist, in der Welt umherzuziehen und den Beutel mit den Silbergroschen zu suchen.« Er hob die Haustür aus den Angeln und sagte: »Auf der werden wir in Zukunft schlafen. Mehr ist uns nicht geblieben.« Er nahm die Tür auf den Rücken und machte sich mit seiner Frau auf, um nach Später Ausschau zu halten.

Viele lange Tage wanderten sie schon. In der Nacht legte Jan stets die Tür zwischen die Zweige eines Baums, und dort schliefen sie dann. Eines Abends gelangten sie zu einem großen Hügel, an dessen Fuß ein hoher Baum stand. Sie kletterten hinauf und schliefen ein. In der Nacht erwachte Jans Frau von einem Geräusch und blickte hinunter, um zu sehen, was es gab. Da bemerkte sie, wie sich im Berghang eine Tür öffnete. Heraus kamen zwei Männer mit einem langen Tisch. Ihnen folgten mehrere fein gekleidete Herren und Damen, die alle Beutel trugen. Und einer von ihnen war Später mit Jans Beutel voller Silbergroschen. Sie setzten sich um den Tisch und begannen zu trinken, sich zu unterhalten und das Geld in den Beuteln zu zählen. Da weckte die Frau ihren Mann und fragte ihn, was sie tun sollten. »Jetzt ist unsre Stunde gekommen«, antwortete Jan. Er stieß die Tür hinunter, und sie fiel mitten auf den Tisch. Darüber erschraken die Räuber so sehr, dass sie allesamt davonliefen. Jan und seine Frau aber stiegen vom Baum herab. Sie legten so viele Geldbeutel auf die Tür, wie sie tragen konnten, und kehrten auf dem kürzesten Weg heim. Von dem Geld kaufte Jan seiner Frau mehr Kühe und Schweine, als sie je zuvor hatten, und sie lebten zusammen glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.