[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Pulia und der Morgenstern

Das Märchen hebt an, guten Abend, ihr Herrschaften.

Es war einmal ein Jäger, der lebte zusammen mit seiner Frau. Und eines Tages gebar die Frau ein schönes Mägdlein, und sie nannten es Pulia. Aber nach kurzer Zeit starb die Frau, und der Jäger was sollte er machen - heiratete wieder. Die zweite Frau, die Stiefmutter von Pulia also, gebar nach kurzer Zeit auch und bekam ein Knäblein, das nannten sie Morgenstern. Je größer Pulia wurde, desto eifersüchtiger wurde die Stiefmutter auf sie und wollte sie als Sklavin verkaufen und sprach darüber heimlich mit ihrem Mann. Und Morgenstern hörte, was seine Mutter sagte, und ging hin und verriet es Pulia: »Liebe Pulia, meine Mutter will dich als Sklavin verkaufen, was sollen wir jetzt nur tun?«

Pulia macht sich auf und geht zu einer alten Nachbarin, um sie nämlich um Rat zu fragen. Und die Alte sagt ihr: »Du musst von ihr fortgehen, mein Mädchen. Wenn sie dich für den Basar kämmen wird«, sagt sie, »soll Morgenstern dir die Schleife aus den Haaren reißen, du musst ihm nachlaufen, und so werdet ihr fortkommen. Deine Stiefmutter wird euch verfolgen, dann musst du dieses Messer von dir werfen, und es wird ein Feld daraus, das gar kein Ende nimmt. Deine Stiefmutter wird es jedoch schnell durchqueren und euch einholen. Dann sollst du diesen Kamm von dir werfen, und es wird ein dichtes Dornengestrüpp daraus, und auch das wird sie durchqueren und euch einholen. Dann sollst du dieses Salz ausstreuen, und es wird ein großer See daraus, und deine Stiefmutter wird ihn nicht durchqueren können und wird umkehren.« Sie gibt also den Kindern ein Messer, einen Kamm und das Salz und schickt sie mit guten Wünschen fort.

Wie die Kinder wieder zu Hause sind, fängt die Stiefmutter an, Pulia zu kämmen, und singt ihr etwas vor und erzählt ihr einen Haufen Lügen. Da reißt Morgenstern ihr die Schleife aus dem Zopf und läuft hinaus, Pulia hinterher, so kommen sie auf die Strasse. Die Stiefmutter läuft auch hinterher und will sie einholen. Da wirft Pulia das Messer der Alten hin, und es wird ein Feld, das kein Ende hat. Aber die Stiefmutter durchquert ganz schnell das Feld und holt sie wieder ein. Da wirft Pulia den Kamm der Alten hin, und er wird ein dichtes Dornengestrüpp. Sie aber durchquert auch dieses, und da wirft Pulia das Salz hin, und es wird ein ungeheuer großer See. Die Stiefmutter wollte ihn durchqueren, konnte es aber nicht. Da verwünschte sie Morgenstern, der doch ihr Kind war und sie verleugnet hatte und mit der Stieftochter ging. »Dort, wohin du kommen wirst, sollst du Durst verspüren«, sagte sie, »und sollst Wasser trinken. Und in solch ein Tier sollst du verwandelt werden, wie das ist, aus dessen Fußspur du trinkst.«

Wie sie ein gutes Stück gegangen sind, sagt Morgenstern: »Ich habe Durst, Pulia!«

»Geh noch etwas weiter«, sagt sie zu ihm, »dort weiterhin ist die Quelle des Königs, dort kannst du trinken.« Wie sie wieder eine Strecke gegangen sind, sagt das Kind: »Ich habe Durst, ich komme um vor Durst!« Und da findet er eine Fußspur von einem Wolf mit Wasser drin und sagt: »Hieraus will ich trinken.«

»Trinke nicht«, sagt sie, »denn dann wirst du ein Wolf und frisst mich.« »Wenn es so ist, trinke ich nicht!« Sie gehen und gehen und treffen auf die Spur eines Lammes mit Wasser und das Kind sagt: »Hieraus will ich trinken, ich halt es nicht aus, ich komme um vor Durst!«

»Trinke nicht«, sagt Pulia, »denn du wirst ein Lamm, und sie werden dich schlachten.«

»Ich muss trinken, und wenn sie mich auch schlachten«, sagt er. Und er trank und wurde ein Lamm und folgte ihr und blökte: »Bäääh, Pulia, Bäääh, Pulia!«

»Komm zu mir«, sagte Pulia.

Voran ging Pulia, hinterher das Lämmchen Morgenstern, sie gingen und gingen und kamen an den Brunnen des Königs. Pulia schöpfte Wasser, tränkte das Lämmchen und trank auch selbst. Dort neben dem Brunnen war eine hohe, hohe Zypresse, und Pulia bat Gott: »Mein Gott, gib mir Kraft, dass ich auf den Gipfel der Zypresse steigen kann!« Und kaum hatte sie ihr Gebet beendet, befand sie sich schon oben auf der Zypresse, und dort oben, wo sie saß, war ein goldener Thron, und das Lamm blieb unten und weidete.

Nach kurzer Zeit kamen die Diener des Königs und wollten die Pferde tränken, und als sie sich der Zypresse näherten, scheuten die Pf erde und zerrissen die Halfter und flohen vor den Strahlen der Pulia, die oben auf der Zypresse glänzte. »Steig herunter«, sagen die Diener zu ihr, »denn die Pferde fürchten sich, Wasser zu trinken.«

»Ich steige nicht herunter«, erwidert sie, »lasst die Pferde trinken, ich tue ihnen nichts.«

»Steig herunter«, sagen sie wieder. »Ich steige nicht hinunter.«

Da gehen sie zum Königssohn und sagen ihm das und das: »Bei der Quelle, oben in der Zypresse sitzt ein Mädchen, und ihre Schönheit leuchtet, und vor ihren Strahlen scheuen die Pferde und wollen nicht trinken, und wir haben ihr gesagt, sie solle herabsteigen, aber sie will nicht.« Wie dies der Königssohn gehört hat, macht er sich auf und geht hin und sagt auch zu ihr, dass sie heruntersteigen solle, und sie will nicht, und er sagt es ihr zum zweiten und zum dritten Mal. »Steig herunter, wir fällen die Zypresse, wenn du nicht herunterkommst.«

»Fäll sie«, sagt das Mädchen, »ich steige nicht hinunter.« Und also holte er Männer, die die Zypresse fällen sollten, und immer wenn sie zuschlugen, kam das Lamm, leckte die Zypresse, und sie wurde doppelt so stark wie vorher. Sie mühten sich und mühten sich, sie zu fällen, sie vermochten es nicht. »Geht alle fort von hier«, sagt der Königssohn in seinem Zorn.

Und so gingen alle fort. Da geht er voll Kummer zu einer alten Frau und sagt zu ihr: »Wenn du mir das Mädchen von der Zypresse herunterholst, fülle ich dir dein Kopftuch mit Golddukaten.«

»Ich will sie dir wohl herunterholen«, sagt die Alte. Und sie nimmt einen Backtrog und ein Sieb und Mehl und geht unter die Zypresse und setzt den Backtrog umgekehrt hin und das Sieb umgekehrt drauf und siebt auf diese Weise. Das Mädchen sieht das von der Zypresse aus und ruft laut: »Andersherum, Frau, das Sieb, nimm andersherum auch den Backtrog.« Die Alte wiederum tat so, als ob sie nicht hören könne, und sagte: »Ich höre nicht gut, liebes Mädchen, komm herunter«, und siebt wieder falsch herum drauflos. »Andersherum, Frau, das Sieb, nimm andersherum auch den Backtrog«, sagt Pulia zu ihr zum zweiten- und dritten Mal. Und die Alte sagte wieder: »Ich höre nicht gut, liebes Mädchen, komm herunter und zeig es mir, so wirst du Gottes Segen haben.« So stieg das Mädchen langsam hinab, und als sie dranging, es der Alten zu zeigen, trat der Königssohn heraus, der dort verborgen war, und ergriff sie, setzte sie auf sein Pferd, und fort ging's.

Das arme Lämmchen, das dort unter der Zypresse weidete, fing an zu blöken, und auch Pulia rief: »Mein Lämmchen, mein Lämmchen!« Da sagt der Königssohn zu ihr: »Sei nur nicht böse, ich will dir soviel Lämmer bringen, wie du willst.« Aber wie sollte Pulia darauf hören? »Ich will es mit nichts in der Welt vertauschen«, sagt sie. Was soll der Königssohn machen? Er befiehlt, dass sie das Lämmchen in die Kammer ins Schloss bringen, und so heiratet er Pulia. Der König liebte seine Schwiegertochter sehr, aber die Königin beneidete sie, und eines Tages, als der Königssohn fort war zur Jagd, nahm sie ihre Schwiegertochter, wie sie sagt, zu einem Spaziergang mit in den Garten. Als sie so spazieren gingen, kamen sie an einen ausgetrockneten Brunnen. Die Schwiegermutter gibt ihr einen Stoss und wirft sie in den Brunnen.

Das Lamm merkte das und begann zu blöken, und um ihm das Maul zu stopfen, ging die Schwiegermutter dran, es zu schlachten. Als der Königssohn zurückkam und sie nicht sah, fragte er seine Mutter: »Mutter, wo ist die Braut?«

»Draußen«, antwortete sie, »und es trifft sich gut, denn wir wollen das Lamm schlachten.« Das hört das Lamm und läuft zum Brunnen und sagt zu Pulia: »Pulia, sie wollen mich schlachten!«

»Sei still, mein Herzblatt, sie schlachten dich nicht.«

»Sieh, sie wetzen die Messer, sie haben mich gegriffen, sie wollen mich schlachten!«

»Was kann ich tun, mein Herzblatt?« sagt sie, »du siehst ja, wo ich bin.« Da ergriffen die Knechte der Königin das Lamm und gingen dran, es zu schlachten, und als sie das Messer ansetzen wollten, betete Pulia zu Gott und sagte: »Mein Gott, meinen Bruder schlachten sie, und ich sitze im Brunnen!«

Mit einemmal vermochte sie sich aus dem Brunnen zu schwingen und lief zum Lamm, dem sie den Hals durchschnitten hatten. Sie weinte und rief, sie sollten davon ablassen. Sie hatten es geschlachtet. »Mein Lamm«, sagte sie, jammerte und rief: »Mein Lamm!« Trost fand sie nicht. Der unglückliche Königssohn versprach ihr alle Lämmer der Welt. Sie wollte keines. »Mein Lamm, mein Lamm!« rief sie immer nur. Recht und schlecht brieten sie das Lamm und brachten es auf den Tisch. »Komm zum Essen«, sagten sie zu ihr. »Ich habe gegessen«, sagte sie, »ich esse jetzt nichts mehr.«

»Komm, Liebe, komm«, sagten sie. »Esst nur, ich sage euch ja, ich habe gegessen.«

Und als die andern das Mahl beendet hatten, ging sie hin und sammelte alle Knochen und tat sie in einen Krug und begrub ihn im Garten. Am nächsten Morgen sehen sie, dass ein hoher, hoher Orangenbaum an jener Stelle entsprossen ist mit einer goldenen Orange an der Spitze. Kaum sieht das die Hexe, die Schwiegermutter, fängt sie an zu schreien: »Ich will die Orange, ich will die Orange.« Aber als niemand sie erreichen konnte, wurde sie wütend und fing selbst an hinaufzusteigen. Da wandten sich die Zweige gegen sie und drangen ihr geradewegs in die Augen und stachen sie ihr aus.

Pulia hat es von ferne gesehen und sagt: »Lasst mich die Frucht herunterholen.« Wie sie sich nähert, neigt die Orange sich von selbst herunter und sagt: »Greif mich fest, Pulia!« Und als sie sie ergriff, gab es einen Donnerschlag, und sie flog hoch in den Himmel und sagte: »Leb wohl, lieber Schwiegervater und du, guter Königssohn. Ich kann auf dieser Welt nicht leben. Aus den Händen der bösen Stiefmutter fiel ich in die Hände der bösen Schwiegermutter.« Und seitdem gibt es zwei neue Sternbilder am Himmel, Pulia, das Siebengestirn, und den Morgenstern.

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