[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Nymalide und die alte Frau

Nymalide ging einmal mit den anderen Mädchen spielen. Am Fluss vergaß sie ihr Spielzeug, und als sie zurückkehrte, um es zu holen, begegnete sie dort einer alten Frau. Die Alte forderte Nymalide auf: »Leck mich ab.« Nymalide erfüllte die Bitte, und die Alte verlangte nun: »Hol' Wasser für mich.« Das Gefäß aber, das sie Nymalide zum Schöpfen gab, war eine menschliche Hand, und das andere, in das sie Wasser füllen sollte, war ein Schädel. Nachdem Nymalide den Schädel voll Wasser geschöpft hatte, hob sie ihn auf den Kopf. Der Kopfring, auf den sie ihn setzte, war eine große Schlange, und das Schilf, mit dem sie das Wasser bedeckte, das waren kleine Schlangen.

Nymalide begleitete die Alte nun in ihr Dorf, das sehr groß war, obwohl die alte Frau allein lebte. Gegen Abend bereiteten sie sich etwas zu essen. Während der Brei kochte, sollte Nymalide ein paar Erdnüsse mahlen. Und als sie beim Mahlen war, erschien ein Frosch und bat sie, ihm ein paar Erdnüsse zu geben. Nymalide schenkte dem Frosch Nüsse, und er sagte: »Gib mir noch mehr, und ich werde dir ein Geheimnis verraten.« Da gab ihm Nymalide noch mehr Erdnüsse, und der Frosch sprach: »Fragt dich jemand, mit wem du essen wirst, dann sage: ›Mit meiner Großmutter‹. Fragt dich jemand, mit wem du schlafen wirst, dann sage: ›Mit meiner Großmutter‹. Und schickt man dich irgendwohin, um irgendetwas zu tun, dann antworte stets: ›Ich will meiner Großmutter helfen.‹«

Als die alte Frau später an Nymalide die Frage richtete: »Mit wem wirst du essen?« antwortete sie: »Mit meiner Großmutter.« Dann aßen sie zusammen. Danach wollte die Alte wissen: »Mit wem wirst du schlafen?« Und Nymalide erwiderte: »Mit meiner Großmutter.« Da legten sich die beiden in einer Hütte zum Schlafen nieder. In der Nacht hörte das Mädchen die alte Frau mit jemandem sprechen und wollte wissen: »Wonach riecht es auf einmal?« Die Alte erwiderte: »Hier ist nichts.« Es waren aber Hyänen, die mit Fleisch, das sie in eine andere Hütte warfen, von der Jagd zurückgekommen waren. Am Morgen befahl die alte Frau: »Mahle Mais.« Nymalide antwortete: »Ich will meiner Großmutter helfen« und holte aus der Vorratshütte Mais. Die alte Frau griff mit zu, und gemeinsam mahlten sie den Mais.

Als der Brei fertig war, sagte die Alte zu Nymalide: »Du sollst heute nach Hause gehen.« Dann öffnete sie eine kleine Hütte, die voller Schaffelle war, und gab dem Mädchen einen Umhang und einen Schurz aus Fell, außerdem hübsche Perlen und andere schöne Dinge. Anschließend gingen sie zu einer Maishütte. Die alte Frau öffnete die Tür, holte ein kleines Kind heraus und reichte es Nymalide. Schließlich öffnete sie noch eine dritte Hütte, in der standen lauter Kühe, und Nymalide durfte sich eine davon aussuchen. Sie wählte eine weiße Kuh, die ein Kälbchen hatte. Nun reichte die alte Frau ihr noch vier ausgetrocknete Tiere: zwei Käfer, eine Ameise und einen Wurm. Dazu sagte sie: »Wenn die Hyänen dir folgen, dann zerdrücke die Tiere nacheinander und wirf sie ihnen vor.« Zum Abschluss gab sie Nymalide noch ein Horn und zeigte ihr, wie man darauf bläst, und sie schickte auch einen Vogel mit, der ihr helfen sollte. Das Mädchen machte sich auf den Weg. Sie trug das Kind und trieb die Kuh vor sich her. Aber es dauerte nicht lange, da näherten sich die Hyänen, und der Vogel warnte sie mit einem Schrei. Nymalide zerdrückte nacheinander die zwei Käfer, die Ameise und den Wurm und warf sie den Hyänen vor. Als die Hyänen stehen blieben, um zu fressen, entkam Nymalide über einen Fluss. In der Nähe eines Kraals versuchten junge Männer, ihr die schöne Kuh wegzunehmen. Nymalide aber blies in ihr Horn. Da wurden die jungen Männer alle vom Schlaf überwältigt, und das Mädchen zog weiter.

Bei Nacht, als alle Leute schliefen, langte Nymalide in ihrem Dorf an und gelangte ungesehen in ihre Hütte. Ihre jüngere Schwester trat mit einem Licht in der Hand ein, um ein paar Schüsseln wegzuräumen. Nymalide aber blies das Licht aus. Da zündete Nymalides Mutter noch ein Licht an, um zu sehen, wer das erste ausgeblasen hatte, und sie entdeckte ihre Tochter. Nun war die Freude groß, und alle Leute des Dorfes wurden zusammengerufen. Sie bewunderten das hübsche Kind und die schöne Kuh, und Nymalide erzählte alles, was ihr widerfahren war. Da machte sich ihre jüngere Schwester auf den Weg, um ebenfalls zu der alten Frau zu gelangen. Schon am Fluss aber weigerte sie sich zu tun, um was man sie bat, und sie schenkte auch dem Frosch keine Nüsse. Und deshalb wurde sie ein Opfer der Hyänen.