[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Masinges Töchter

Masinge hatte zehn Töchter, die eines Tages um die Mittagszeit baden gingen. Während die Mädchen noch im Wasser waren, hörten sie einen Vogel singen. Da sagten sie zueinander: »Wir wollen näher gehen und ihm zuhören.« Doch der Vogel flog weg, und so folgten sie ihm, um seinem Gesang zu lauschen. Nun war aber ein kleines Mädchen dabei, das die anderen eigentlich nach Hause schicken wollten. Aber die Kleine weigerte sich und wollte unbedingt mitgehen, obwohl man sie schlug. Darauf nahmen die anderen sie mit. Sie kamen zu einer Weggabelung. Die Mädchen wollten dem breiten Weg folgen, auf dem schon viele Menschen gegangen waren, doch die Kleine warnte sie und empfahl ihnen den schmalen Weg. Niemand wollte auf sie hören, alle gingen auf dem breiten Weg weiter. Nachmittags kamen sie zu einem Dorf, in dem Nyabangakhulu wohnte. Er brachte sie in einer seiner Hütten unter, die angefüllt waren mit Decken und Elefantenzähnen. Als es Nacht geworden war und alle schliefen, kam Nyabangakhulu mit einem großen Messer herbei, setzte sich an den Schleifstein und fragte: »He, ihr Mädchen, schlaft ihr?« Das kleine Mädchen aber schlief nicht. Als sie Nyabangakhulu draußen hörte, sang sie: »Nein, nein, nein! Ich habe ihnen gesagt, nehmt den schmalen Weg! Sie haben nicht auf mich gehört, sie folgten dem breiten, er endet im Unglück!« Nyabangakhulu trat in die Hütte und schalt: »Kleine, warum schläfst du nicht?« Er deckte sie zu, wartete eine Weile und fragte dann wieder: »He, ihr Mädchen, schlaft ihr?« Und wieder antwortete die Kleine: »Nein, nein, nein! Ich werde von den Mücken wach gehalten. Ich habe die anderen vor dem breiten Weg gewarnt, der im Unglück endet.« Nyabangakhulu schalt die Kleine wieder und fragte: »Stechen die Mücken denn dich allein? Ich werde dich gut zudecken!« Dann ging er wieder hinaus. Das kleine Mädchen weckte nun seine Schwestern und sagte: »Wir sind verloren. Nyabangakhulu ist mit seinem Messer gekommen und hat es vor unserer Tür gewetzt. Bleibt wach und lauscht. Ihr werdet hören, wie er fragt, und ich werde mein Liedchen singen.« Nach einiger Zeit kam der Mann wieder, fragte, ob die Mädchen schliefen, und die Kleine antwortete ihm. Da schimpfte er: »Mädchen, du bist ein Verhängnis. Willst du denn überhaupt nicht schlafen?« Er deckte sie wieder sehr sorgfältig zu und ging fort. Zitternd standen die Mädchen auf. Sie sammelten alle wertvollen Sachen, die in der Hütte waren, ein, legten dann Elefantenzähne und Felle auf ihre Schlafstätten und versteckten sich hinter der Hütte. Nach einer Weile erkundigte Nyabangakhulu sich wieder, ob die Mädchen schliefen. Alles blieb still, und man vernahm keinen Laut. Nyabangakhulu fragte dreimal, dann rief er seiner Mutter zu: »Ich werde jetzt in die Hütte gehen!« Er trat ein und hieb mit dem Messer auf die Decken. Bald aber merkte er, dass er nicht auf Menschen, sondern auf Elefantenzähne einschlug. Er bat seine Mutter um Feuer, leuchtete und sah, dass niemand mehr da war. Die Mädchen waren inzwischen, so schnell sie konnten, fortgelaufen. Sie liefen die ganze Nacht hindurch. Als es tagte, trafen sie einen Frosch und baten ihn, sie zu verstecken. Er verschluckte sie alle und danach noch einige Mücken. Bald darauf erschien Nyabangakhulu und fragte den Frosch: »Sind hier Mädchen vorbeigegangen?« Der Frosch antwortete, dass er niemanden gesehen hätte. Nyabangakhulu ging weiter, kehrte aber bald zurück und fragte: »He, Frosch, warum bist du so dick?« Der Frosch sagte: »Ich habe so viele Mücken gegessen«, und er erbrach einige, um es ihm zu beweisen. Da ging Nyabangakhulu nach Hause. Der Frosch ließ die Mädchen wieder aus seinem Magen, ging mit ihnen zum Fluss, wusch sie, salbte sie mit Fett und begleitete sie dann zu ihrem Vater. Als sie in die Nähe des Dorfes kamen, schickte der Frosch einen Vogel aus, um Masinge zu benachrichtigen. Der Vogel flog zum Dorf und sang: »Du, Masinge, deine Kinder sind beim Frosch!« Man warf mit Steinen nach ihm, weil die Dorfbewohner meinten, er wolle sie verspotten. Der Vogel sang aber immer weiter, und schließlich fingen alle an zu weinen, am meisten die Eltern der Kinder. Als die Dorfbewohner nach einer Weile die Augen erhoben, sahen sie in der Ferne eine Gruppe von Menschen, die sehr schöne Kleider trugen, besonders das kleinste Mädchen. Als die Gruppe näher kam, erkannten die Eltern ihre Kinder. Da freuten sie sich sehr, und sie empfingen die Mädchen mit großem Jubel. Dem Frosch wurde zum Dank ein Rind geschlachtet. Als die Mädchen der anderen Dörfer sahen, dass die Töchter Masinges so viele schöne Sachen mitgebracht hatten, machten sie sich ebenfalls auf den Weg zu Nyabangakhulu. Aber keine von ihnen kehrte jemals zurück.