[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Marienlegenden Mariens Tod

Ich weiß nicht, ob es auf dieser Welt noch ein Weib gegeben hat, das so bedrängt, gequält und gehasst war, wie die Mutter des Herrn; kaum hatte sie Jesus, den Erlöser der Welt, geboren, als auch schon die Verfolgungen begannen. Kaiser Herodes, der fürchtete, dass Jesus ihm den Kaiserthron rauben werde, befahl seinen Soldaten, alle Säuglinge bis zu zwei Jahren zu töten, da er hoffte, dass auf diese Weise auch Jesus ums Leben kommen werde. Vor dieser Gefahr, die sowohl die Mutter, als auch das Kind mit dem Tode bedrohte, musste sie mit dem Neugeborenen und ihrem Mann, Josef aus Bethlehem, auf einem Esel reitend, flüchten. Sie flohen in die Wüste, wo sie alle drei bis zum Tode des Herodes sich verborgen hielten.

Kaum aber waren sie von der Verfolgung durch Herodes erlöst worden, als sich auch schon die mächtigen alten Juden gegen ihren Sohn erhoben. Sie waren mit seiner neuen Lehre nicht einverstanden und suchten daher auf allen Wegen und mit allen Mitteln Hand an ihn zu legen, um sein Leben auszulöschen. In der Bosheit ihrer Herzen verfolgten, und umstellten sie ihn so lange, bis sie schließlich Hand an ihn legen konnten. Dann verspotteten und marterten sie ihn in jeder Weise. Endlich, um den Kelch der Bitterkeit, den Maria trinken musste, voll zu machen, schlugen sie ihn zwischen zwei Verbrechern an das Kreuz.

Als die Mutter des Herrn auch dieses noch gesehen hatte, trug sie es noch, solange sie es tragen konnte, und litt noch, solange sie leiden konnte, endlich aber verließ sie diese Welt voll Bosheit und Tränen. Sie hauchte ihre Seele aus, die zum Himmel aufstieg, um dort für uns sündige Menschen zu beten.

Die Trauer und der Schmerz waren überall groß und überwältigend, als die Mutter des Herrn entschlief. Sogar die Bäume mit den schönsten und erwähltesten Früchten versammelten sich und bildeten einen großen Baum, der sich an die Spitze des Trauerzuges stellte, welcher die Mutter des Herrn zu Grabe trug. Seit damals ist es Brauch in den meisten Teilen unseres Landes, einen Baum mit allerlei Früchten vor den Leichenzügen herzutragen, wenn jemand bestattet wird. Aber nicht nur dieses: die Trauer und der Schmerz, die die Welt nach dem Hinscheiden der Mutter des Herrn erfassten, waren so groß, dass sogar die Blätter aller Bäume und Sträucher vor Schmerz und Verzweiflung gelb wurden. Auch die Kürbisse und Melonen bildeten einen großen Strauß mit den Sonnenblumen und legten sich als Totenkranz auf den Sarg der Mutter des Herrn. So wurde sie in ihre ewige Heimat getragen. Daher kommt es, dass in jedem Jahr zur gleichen Zeit, zu der man das Hinscheiden der Mutter des Herrn feierlich begeht, Birnen, Äpfel, Melonen und Kürbisse reif und gelb werden.

Und dann bricht die große Trauer an: der Winter.