[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Jokimas und sein Vater Grumpis

Grumpis war ein reicher Bojare. Er wohnte nicht weit von der Stadt Veliuona am Nemunas (Njemen). Als ihm sein erster Sohn geboren wurde, gab er ihm den Namen Jokimas. Aber als der Sohn gerade geboren war, fing er zu derselben Stunde an, mit lauter Stimme zu lachen. Und der Vater fragte: »Mein Sohn, warum lachst du verständig wie ein Großer?« Und der Sohn sagt: »Wenn ich groß bin, dann wirst du, Vater, mir Wasser zum Gesichtwaschen bringen und meine Mutter ein Handtuch zum Abtrocknen!« Und nachdem er das gesagt hatte, sprach er nichts mehr, und sein Verstand war so wie bei allen kleinen Kindern. Aber der Vater nahm diese Worte übel auf und sagte zu seiner Frau: »Hast du gehört, was unser Sohn gesagt hat? Wenn er groß geworden ist, dann sind wir ein Nichts! Am besten, wir schaffen ihn uns jetzt gleich vom Halse!« So flocht er aus Binsen einen kleinen Wiegenkorb und warf das Kindlein in den Nemunas. Es schwamm stromab nach Rusne unweit der preußischen Grenze.

Da jagten gerade zwei Söhne eines Bojaren, und als ihre Hunde den Wiegenkorb in Ufernähe auf dem Wasser sahen, fingen sie an zu bellen. Darauf gingen die beiden Bojarensöhne hin, um nachzusehen. Und als sie einen schönen kleinen Jungen fanden, trugen sie ihn nach Hause. Seinen Namen fanden sie auf einem Stück Papier, das in den Korb gelegt war - Jokimas ist sein Name. Da zogen die Bojaren ihn groß und unterrichteten ihn wie ihre eigenen Söhne. Als er schon zwanzig Jahre alt war, ging er immer auf die Jagd, denn dieses Handwerk hatte er ja gelernt.

Einmal, als sein zwanzigstes Jahr begonnen hatte, geschah es, dass er allein zur Jagd auszog. Doch da er in der Nähe des Hauses kein Wild fand, ging er tiefer hinein in die Wälder. Er geriet in ein großes Dickicht, ging vergebens hierhin und dorthin und begriff schließlich, dass er sich verirrt hatte. Als er auf einem Baum ein Rabenweibchen sah, wollte er auf sie schießen, doch sie sagte: »Lieber Jokimas, schieße nicht auf mich!« Und sofort ließ sich das Rabenweibchen vom Baum herab, flog ihm zu Füßen und hieß ihn mit ihr gehen: »Komm«, sagte sie, »fürchte dich nicht davor, wohin ich dich führen werde. Ich bin eines reichen Fürsten Tochter in einem verwunschenen Schloss. Doch dir war es schon bestimmt, als du noch nicht geboren warst: Ich werde deine Frau, und du wirst einen großen Palast mit einer Stadt haben, aber drei Nächte lang werden dich Teufel furchtbar quälen und peinigen. Doch du selbst wirst nichts spüren: ich werde an deiner Stelle leiden. Es wird dir nur so scheinen. Sie wollen dich zum Sprechen bringen, aber du musst schweigen, auch wenn du viele Qualen dadurch erdulden musst, dass du Schreckliches mit ansiehst. Doch fürchte nichts, ich werde alles für dich vollbringen.«

Indem sie so sprach, führte das Rabenweibchen Jokimas zu einem hohen Berg. Der Berg tat sich auf wie eine Tür, und sie gingen hinein. In der Erde fand er ein Schloss. Dort gab es Gold und Silber, doch herrschte eine schreckliche Finsternis. Als sie nun Jokimas hineingeführt hatte, gab sie ihm den ganzen Tag zu essen und zu trinken wie dem vornehmsten Herrn, doch am Abend musste sie hinausgehen und Jokimas allein den Qualen überlassen. Und sie schärfte ihm ein, zu schweigen und nichts zu sagen, was auch immer vor seinen Augen geschehen würde.

Na, sie ging also hinaus, und er blieb allein zurück. Da kamen um die neunte Abendstunde von allen Seiten die Teufel herbei geflogen und fingen an ein wildes Fest zu feiern. Doch als sie Jokimas entdeckten, begannen sie ihn zu schlagen und zu bespeien. Das taten sie bis zum ersten Hahnenschrei, und danach verschwand der Spuk plötzlich. Als aber Jokimas von den Teufeln geschlagen wurde, schwieg er und sagte kein Sterbenswörtchen. Am Morgen kam das Rabenweibchen - von den Füßen bis zum Gürtel war sie ein Mensch geworden. Und die anderen Gemächer, in denen Verwunschene mit den Dienern eingeschlossen waren, auch die taten sich von selbst auf, und alle Diener, Lakaien und Zimmerjungfern waren bis zum Gürtel weiß. Und alle verwunschenen Dinge wurden schöner.

So auch zur zweiten Nacht: Wieder bat die Jungfrau Jokimas, dass er schweigen und kein Sterbenswörtchen sagen sollte, denn in der zweiten Nacht gäbe es noch größere Qualen. Und als sie so gesprochen hatte, ging sie wieder hinaus.

Um die neunte Stunde kamen die Teufel wieder in Scharen angeflogen, alle Gemächer voll, und als sie dort Jokimas fanden, wollten sie ihn hinausjagen. Doch er ging nicht. Da fingen die Teufel an ihn zu würgen, ihn mit Hühnermist zu bewerfen und mit Ahlen und Nadeln zu stechen. Und das taten sie bis zum ersten Hahnenschrei. Als die Hähne aber zu krähen anfingen, da ließen sie von ihm ab, und alle Teufel verschwanden. Die Jungfrau kam und war bis unter die Arme weiß, aber der Kopf war noch der eines Rabenweibchens. Nun, sie dankte für seine Leiden und bat ihn um Standhaftigkeit für die letzte, dritte Nacht, dass er sein Schweigen nicht brechen möge.

Und als die dritte Nacht schon begonnen und sie ihn alleingelassen hatte, da kamen zur neunten Stunde wieder die Teufel angepoltert. Voll waren alle Gemächer! Und als sie Jokimas entdeckten, marterten sie ihn, hackten auf ihn ein und verwundeten ihn immer wieder auf neue Weise. Sie kochten ihn im Kessel und sagten immerzu: »Warum schweigst du denn jetzt, und warum sprichst du nicht mit uns?«

Doch als der erste Hahn krähte, da erdröhnte der ganze Palast wie von einem furchtbaren Donnerschlag und stieg aus der Tiefe der Erde nach oben. Und die ganze Stadt, die in den Schoß der Erde gesunken war, stieg auf, heil und gesund und voller Freude. Und sie, die ein Rabenweibchen gewesen war, wurde nun vor Jokimas' Augen die allerschönste Jungfrau, die jetzt seine Gemahlin werden wollte. Und aus allen Gemächern - von denen es zwanzig gab, und alle diese Gemächer waren voll von allerlei Dienern und Lakaien - kamen alle, um sich grüßend vor ihr zu verneigen und für die Erlösung zu danken. Und alle wollen ihn sehen und ihm die Hand küssen. In großer Liebe zu ihrem Jokimas zog die Jungfrau ihm Kleider an, die glänzten wie die Sonne, so wie sie selbst der weiseste, stolzeste und ruhmreichste König nicht haben konnte.

Und nun gedachte Jokimas zu seinem Vater zu Besuch zu fahren; er wusste aber nicht, in welchem Lande der Welt dieser Grumpis lebte. Und so versprach er seiner Jungfrau: »Wenn ich vom Besuch bei meinen Eltern zurückkomme, dann heirate ich dich, dann veranstalten wir ein Hochzeitsfest!«

Weil er nun zu seinen Eltern reisen wollte und damit er bald zu ihnen käme, gab die Jungfrau ihm jetzt ein besonderes kleines Kissen: wenn man sich nur darauf setzte, ritt man gleich in einer Minute fünfzig Meilen. Und sie gab ihm eine Nadel: wenn man die in der ausgestreckten Hand hielt, dann zeigte sie den Weg. Und sie gab ihm noch ein Hütchen: wenn du es dir auf den Kopf setzt, dann kann dich niemand sehen, bis du es wieder abnimmst.

So reiste er nun los zu seinem Vater. Und er zeigte sich seinen Eltern, sagte ihnen, was er nun war, wies seine prächtigen Kleider vor, und welches Glück er hatte, alles erzählte er. Als der Vater und die Mutter ihren Sohn in so prächtigen Kleidern sahen, da wussten sie gar nicht, wie sie bei ihm schöntun sollten!

Früh am Morgen, als der Sohn aufgestanden war, brachte ihm sein Vater sofort Wasser und die Mutter ein Handtuch zum Abtrocknen des Gesichts nach dem Waschen. Und so erfüllte sich jetzt das, was er gleich nach der Geburt unter Lachen gesagt hatte, dass ihm der Vater Wasser bringen würde und die Mutter ein Handtuch. Schließlich beendete Jokimas seinen Besuch und verabschiedete sich von den Eltern, denn er wusste, dass die Jungfrau auf seine Rückkehr wartete.

Doch als er zurückkehrte, konnte er den Palast nirgends finden! Da flog er zur Sonne und fragte sie, ob sie nicht wisse, wo der Palast wäre. Da sagte die Sonne: »Ich kann durch meinen Lichtglanz nicht so weit sehen - geh zum Mond!« Doch als er den Mond fragte, sagte der wiederum: »Auch ich habe durch meinen Glanz nichts sehen können. Geh zu den Wolken, die wandern herum und können es vielleicht wissen!« Und als er zu den Wolken flog, sagten sie ihm die Wahrheit: »Geh, Jokimas, geh schnell nach Hause, denn deine Jungfrau ist schon mit einem anderen einig geworden, und morgen schon soll die Trauung sein! Und wenn du den Palast finden willst, dann geh da und dort hin.«

Als er von den Wolken erfahren hatte, wo sich der Palast befindet, flog er geradewegs dorthin, und schon traf er den jungen Mann am Tisch, wie er mit der Jungfrau trank. Da setzte sich Jokimas sorgfältig das Hütchen auf den Kopf, damit man ihn nicht sah, und schob sich vorsichtig auch an den Tisch, wo der Jüngling mit der Jungfrau saß. Und Jokimas setzte sich neben den jungen Mann. Und immer, wenn dem Jüngling etwas zu trinken gereicht wird, verschwindet das Getränk aus dem Gefäß; jedes Mal trinkt er, der neben ihm sitzt, alles aus, und der andere bekommt nichts. Und als sie zu essen auftrugen, da füllte sich der Jüngling den Teller voll, doch als er essen wollte, leerte sich der Teller vor seinen Augen. So blieb er an diesem Abend ohne Speise und Trank.

Am nächsten Morgen fuhren sie zur Trauung. Und Jokimas ging hinter ihnen her, das Hütchen auf dem Kopfe. Und als der Priester am Altar sie trauen wollte, da gab er, der neben dem Jüngling stand, dem Pfarrer eine kräftige Ohrfeige und dem jungen Mann auch. Da fuhr der Pfarrer sofort auf den Jüngling los: »Warum schlägst du mich?« Und der Jüngling ging auf den Pfarrer los - so lagen sich denn beide am Altar in den Haaren, und die Menschen stürzten herbei, sie zu trennen. Sie prügelten den Jüngling aus der Kirche hinaus, aber Jokimas nahm seinen Hut vom Kopf und zeigte sich seiner Braut.

Als sie ihn erblickte, fiel sie ihm sofort zu Füßen und umschlang seine Knie. Da bezeugten alle, dass dieser der Richtige sei, der sie aus der Verzauberung erlöst hatte. Und der Priester traute beide mit großer Freude. Als sie aber nach der Trauung zum Palast gefahren kamen, freute sich der ganze Hof und die ganze Stadt, dass sie einen neuen Fürsten bekommen hatten, der die Leute regieren würde bis ans Ende seines Lebens.