[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Herr Essig und Frau Essig

Herr Essig und Frau Essig wohnten in einer Essigflasche. Eines Tages war Herr Essig unterwegs, und Frau Essig, die eine gute Hausfrau war, fegte emsig aus. Dabei stieß sie mit dem Besen so unglücklich gegen die Wand, dass das ganze Haus mit riesengroßem Geklirr über ihrem Kopf zusammenstürzte. Tränenüberströmt eilte sie ihrem Mann entgegen und rief: »Oh, mein lieber Essig, mein lieber Essig, wir sind ruiniert, wir sind völlig ruiniert! Ich habe unser Haus zerschlagen, es ist in tausend Stücke zerbrochen!« Da sagte Herr Essig: »Meine Liebe, wir wollen sehen, was sich tun lässt. Hier ist ja noch die Tür. Ich will sie mir auf den Rücken laden, und wir werden ausziehen, um unser Glück zu suchen.«

Sie wanderten den ganzen Tag und kamen gegen Abend in einen dichten Wald. Beide waren sehr müde, und Herr Essig sprach: »Liebste, ich will auf einen Baum steigen, die Tür heraufziehen, und du komm nach.« Gesagt, getan. Beide streckten ihre müden Glieder auf der Tür aus und schliefen schnell ein.

Mitten in der Nacht wurde Herr Essig durch lautes Reden aus dem Schlaf geweckt. Zu seinem großen Missbehagen bemerkte er, dass sich unterm Baum eine Diebesbande versammelt hatte und ihre Beute teilte. »Hier, Jack«, sagte einer, »hier hast du fünf Pfund. Hier, Bill, hier hast du zehn Pfund, hier, Bob, hier hast du drei Pfund.«

Herr Essig war so erschrocken, dass er aufs heftigste zu zittern begann. Da wackelte die Tür und fiel den Dieben auf den Kopf. Eilig ergriffen sie die Flucht. Aber Herr Essig wagte erst bei hellem Tageslicht, sein Versteck zu verlassen, während seine Frau weiter in den Zweigen sitzen blieb. Er kletterte vom Baum herunter, hob die Tür auf, und was sah er da? Eine Menge Goldstücke. »Komm herunter, liebe Frau«, rief er. »Wir haben unser Glück gemacht, wir haben tatsächlich unser Glück gemacht. Komm herunter, sag ich.«

So schnell sie konnte, stieg jetzt Frau Essig herab und war über das Geld ebenso erfreut wie ihr Mann. »Nun, mein Lieber«, sprach sie, »werde ich dir sagen, was du tun sollst. Ganz in der Nähe ist eine Stadt, dort findet heute ein Markt statt. Nimm die vierzig Goldpfund hier und kauf dafür eine Kuh. Aus der Milch mache ich Butter und Käse, und von dem Erlös werden wir angenehm leben.« Herr Essig stimmte mit Freuden zu, nahm das Geld und machte sich auf den. Weg. Er spazierte den Viehmarkt auf und ab und entdeckte schließlich eine schöne rotbunte Kuh. Ach, dachte er, wenn ich diese Kuh hätte, wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden. So bot er seinen ganzen Goldschatz für die Kuh. Ihr Besitzer erklärte, er wolle ihm die Kuh für diesen Preis nur verkaufen, weil er sein Freund war, und der Handel wurde abgeschlossen.

Voll Stolz über seinen Kauf trieb Herr Essig die Kuh hin und her, um sie allen zu zeigen. Dabei erblickte er einen Mann, der dideldum-dideldei auf einem Dudelsack spielte. Die Kinder folgten ihm überall hin, und es schien, als bekäme er von allen Seiten Geld zugesteckt. Ach, dachte Herr Essig, wenn ich solch schönes Instrument besäße, wäre ich der zufriedenste Mensch auf Erden, und mein Glück wäre gemacht.

So ging er auf den Mann zu. »Freund«, sprach er, »was für ein schöner Dudelsack ist das doch, und Wie viel Geld du damit verdienst.«

»Na ja«, entgegnete der Mann, »ich bekomme eine Menge Geld, das ist sicher. Es ist auch wirklich ein wundervoller Dudelsack.«

»Oh«, rief Herr Essig, »wie gern möchte ich den haben!«

»Gut«, sagte der Mann, »da du ja mein Freund bist, will ich mich von diesem Dudelsack trennen. Du kannst ihn haben, wenn du mir deine rote Kuh dafür gibst.«

»Abgemacht«, sprach Herr Essig entzückt und tauschte die Kuh gegen den Dudelsack.

Mit dem Dudelsack wanderte er nun weiter auf und ab. Vergeblich aber versuchte er, eine Melodie darauf zu spielen. Doch statt Geld einzunehmen, folgten ihm die Jungen, lachten ihn aus und warfen sogar Steine nach ihm. Dem armen Herrn Essig wurden beim Spielen die Finger kalt.

Als er die Stadt verließ, begegnete er einem Mann, der ein Paar schöne, dicke Handschuhe anhatte. Ach, sprach Herr Essig zu sich. Hätte ich diese schönen Handschuh, ich wäre der glücklichste Mensch auf Erden. Er ging auf den Mann zu und sagte zu ihm: »Guter Freund, mir scheint, dass du ein Paar großartige Handschuh anhast.«

»Ja, wahrlich«, erwiderte der Mann. »Meine Hände sind so warm, wie sie an einem kalten Novembertag nur sein können.«

»Deine Handschuhe möchte ich gern haben«, sagte Herr Essig. »Was gibst du mir dafür?« fragte der Mann. »Aber du bist ja mein Freund, da will ich sie dir gegen diesen Dudelsack eintauschen.«

»Abgemacht«, rief Herr Essig. Er zog die Handschuh an und trabte glücklich und zufrieden heimwärts.

Allmählich wurde er schrecklich müde. Da sah er einen Mann auf sich zukommen, der einen guten, starken Stock in der Hand hielt. Ach, sprach Herr Essig zu sich, hätte ich einen solchen Stock, wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden. Er trat auf den Mann zu. »Lieber Freund, was für einen guten Stock du doch hast.«

»Ja«, entgegnete der Mann, »manche Meile hat er mir schon treulich gedient. Wenn er dir gefällt, will ich ihn gern gegen deine Handschuhe tauschen, denn auch du bist ja mein lieber Freund.« Herr Essig hatte jetzt warme Hände, aber seine Füße waren so müde, dass er gern auf den Tausch einging.

Als er sich dem Wald näherte, in dem er seine Frau zurückgelassen hatte, hörte er einen Papagei. Er saß auf einem Baum und rief ihn beim Namen. »Essig«, sagte er, »du närrischer Mensch, du Dummkopf, du Einfaltspinsel! Du bist auf dem Markt gewesen, hast all dein Geld ausgegeben und dafür nur eine Kuh erhalten. Aber nicht genug damit, hast du sie gegen einen Dudelsack eingetauscht, auf dem du nicht einmal spielen konntest. Außerdem war er nicht den zehnten Teil der Kuh wert. Kaum hattest du den Dudelsack, tauschtest du ihn gegen die Handschuhe ein. Und die kosten nicht den vierten Teil eines Dudelsacks. Die Handschuhe aber tauschtest du gegen diesen elenden Wanderstock. Statt deiner vierzig Goldpfunde, der Kuh, dem Dudelsack und den Handschuhen hast du jetzt nichts weiter als einen Stock. Und den hättest du dir gut und gern aus jeder beliebigen Hecke schneiden können.«

Nach diesen Worten lachte der Papagei und lachte, und Herr Essig wurde darüber so wütend, dass er den Stock nach dem Vogel warf. Der Stock blieb im Baum hängen, und Herr Essig kehrte zu seiner Frau zurück ohne Geld, Kuh, Dudelsack, Handschuhe oder Stock. Dafür gab sie ihm eine gesunde Tracht Prügel.