[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Gott als Gast

Es lebten einmal zwei Brüder. Der eine war reich, der andere arm. Vielleicht war auch dieser einmal reich gewesen, doch er war so heruntergekommen, dass er ganz arm wurde, so arm, dass ihm nur ein Hühnchen übrig blieb. »Weißt du was?« sagt der Arme zu seinem Weib. »Wir wollen das letzte Hühnchen schlachten und Gott zu uns in unser Haus einladen.«

So machten sie es denn auch. Er schlachtete das letzte Hühnchen, dann ging er hinaus zum Kreuz, kniete nieder, betete und sagte: »Gott, komm zu uns zum Mittagessen!«

»Schön«, sagte Gott, »ich werde kommen.« Da kehrt der Alte zurück und erwartet Gott als Gast in seinem Hause. Da kommt ein Bettler gegangen. Sie nehmen ihn auf, bewirten ihn mit dem Hühnchen und haben vielleicht auch noch einen Bissen Brot. Na, soweit gut.

Beim Essen fragte der alte Bettler den Armen, wie es ihm geht, was er hat. Und er sagt: »Warum bist du jetzt so arm?« Der arme Mann erzählte dem Bettler alles, dass er früher viel gehabt hätte, aber jetzt so heruntergekommen sei, dass ihm nur ein Hühnchen blieb. »Schließlich habe ich auch das geschlachtet und Gott als Gast zu mir in mein Haus gebeten.« Als sich der gute Bettler satt gegessen hat, sagt er: »Wir wollen jetzt gehen und deine Wirtschaft ansehen.«

Na, und sie gingen los.

Sie gingen in die Kammer und fanden dort eine leere Truhe. Der Bettler hieß ihn den Deckel aufheben. Er hob ihn auf, er schaute hinein und hieß sie dann wieder schließen. Dann gingen sie in den Getreidespeicher, und er fragte: »Was war hier in diesen abgeteilten Fächern?«

»Hier drin war der Roggen, hier der Weizen, hier die Gerste und in diesem Fach der Hafer«, sagte der Mann. »Suche doch in den Ritzen nach«, sagte der Bettler, »vielleicht findest du noch einige von den Körnern!« Da fing er an zu suchen und fand noch einzelne Körner. Darauf warf sie der Bettler in die Fächer, dorthin das Roggenkorn, dorthin das Korn von der Gerste, dorthin vom Hafer, und hieß ihn die Fächer schließen.

Danach ging er in den Stall und fragte, wo welche Tiere gestanden hätten. »Hier die Pferde, hier die Kühe, hier andere Tiere«, sagte der Arme. »Sieh einmal an der Wand nach, vielleicht findest du noch einige Haare von den Tieren!« gebot ihm der Bettler. Er suchte und fand auch richtig noch einzelne abgeschabte Haare von den Tieren. Der Bettler wendete die Haare ein paar Mal hin und her und warf dann ein jedes Haar in den Stand, in dem das betreffende Tier früher gestanden hatte, und hieß ihn die Stände wieder schließen. »Wir wollen weitergehen«, sagte er.

Darauf gingen sie noch in die Scheune und fanden dort noch einige Strohhälmlein. Davon nahm er ein paar auf, betastete sie und warf sie dann auf die Tenne. Und er ließ die Scheune wieder schließen. Als er so alle Gebäude besichtigt hatte, verabschiedete sich der Bettler, ging hinaus, dankte für die Bewirtung und sagte, als er schon draußen war: »Geh jetzt und schau dich um!«

Der arme Mann geht in die Kammer und findet die Truhe so voller Kleider, dass der Deckel nicht mehr zugeht. Er geht in den Kornspeicher - die Fächer sind voller Getreide. Er geht zum Stall - voll sind die Stände von Tieren: ein Pferdegewieher! Er geht in die Scheune - sie ist voll von Futter. Da lief der arme Mann zu seinem Bruder, um zu prahlen. »Ich hatte nur noch ein Hühnchen«, sagt er, »aber nun sieh, was bei mir los ist! Sieh zu, wie reich ich geworden bin, als ich Gott zu Gast lud!« Der Reiche wollte, ihm zuerst nicht glauben und machte sich auf den Weg, um selber nachzusehen. Er kam und sah, dass der Arme jetzt reicher war als er selbst. »Wenn mein Bruder solche Reichtümer bekommen hat, nur weil er ein einziges Hühnchen schlachtete, dann werde ich noch mehr bekommen, wenn ich ein großes Festgelage veranstalte!«

Also veranstaltete der Reiche ein Festgelage. Er bedeckte den Weg vom Kreuz bis zum Hause mit Teppichen, lief zum Kreuz und bat: »Lieber Gott, komm zu mir zu Gast.«

»Schön«, sagt Gott, »ich werde kommen.« Der Reiche wartet, dass Gott zu Gast kommt. Doch da kommt langsam auf den Teppichen ein Bettler gegangen, auf Stöcke gestützt, mit Bettelsäcken behängt, in völlig zerrissene Fetzen und Lumpen gehüllt, dass die Bänder der zerrissenen Bastschuhe an seinen Hintern schlagen. »Was gehst du hier so zerlumpt über meine guten Wollteppiche! Nicht solchen Gast erwarte ich!« Der Bettler kommt trotzdem langsam gegangen, doch der Reiche lässt ihn nicht weiter, er will ihn wegjagen, er stößt ihn, er schlägt ihn. Und er trieb ihn fort - er ließ ihn nicht ins Haus. Und erst als er sich umdrehte, sieht er, dass sein Haus in Flammen steht.