[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Märchen aus tausend und einer Nacht Geschichte der Hajat Alnufus mit Ardschir

Man erzählt nämlich - und Gott kennt am besten alle Geheimnisse der Vergangenheit und Zukunft der Geschichte der Völker - es war in den frühesten Jahrhunderten ein mächtiger Sultan, der viele Truppen und Verbündete hatte; er besaß einen einzigen Sohn, der Ardschir hieß, so hübsch und verständig und alle Vollkommenheiten umfassend, wie nie ein Auge gesehen. Seine Leidenschaft war die Jagd. Als er einst auf der Jagd war, nahte sich eine Karawane, deren Anführer ein sehr einnehmendes Gesicht hatte. Es gefiel dem Prinzen so sehr, dass er zu einem seiner Diener sprach: »Geh und bringe mir diesen Mann!« Er ging zu ihm und sagte ihm: »Der Prinz möchte mit dir zusammenkommend Der Karawanenführer sagte: »Ich gehorche;« zog seine schönsten Kleider an, machte sich sogleich auf, nahm kostbare Geschenke mit und ging mit dem Diener zum Prinzen. Als ihm der Prinz erlaubt hatte, vor ihn zu kommen, küsste er die Erde, wünschte ihm langes Leben und überreichte ihm die Geschenke. Der Prinz freute sich darüber, hieß ihn sitzen und redete ihn freundlich an. Dann sagte er zu ihm: »Aus welchem Lande kommst du? und in welchen Geschäften?« Er antwortete: »Herr! ich komme aus Indien, um mir Trost und Zerstreuung zu holen.« Der Prinz fragte: »Und warum bedarfst du dessen?« Er antwortete: »Herr! meine Geschichte ist wunderbar und mein ganzes Unglück kommt davon.« Bei diesen Worten zog er ein Stück Seidenstoff aus der Tasche, und als es der Prinz ansah, war das Bild eines der schönsten Mädchen darauf. Sie hatte die Finger ihrer rechten Hand am Hals, ihre linke Hand an der Hüfte, und ihr Gesicht strahlte wie der Mond. Sie schien zu sprechen und dem, der sie ansah, freundlich zuzuwinken. Als der Prinz Ardschir sie sah, entbrannte eine Flamme in seinem Herzen und er sprach: »O Mann! woher kennst du dieses Mädchen?« Er antwortete: »Herr! ich beschwöre dich bei Gott, schüre nicht das Feuer in meinem Herzen, und rege meine Schmerzen nicht auf! Doch wenn sie dir gefällt, so nimm sie.« Der Prinz sagte: »Bei Gott! ich muss den Gegenstand dieses Bildes haben, ich nehme keine andere, und müsste ich ihretwillen die ganze Welt durchstreifen.« Er fragte den Fremden: »Wie heißt denn das Mädchen?« Dieser antwortete: »Der Name steht über dem Kopf des Bildes.« Der Prinz suchte nach und fand: »Hajat Alnufus, Tochter des Königs Kader, Herrn der weißen Stadt.« Als er diesen Namen las, kam er außer sich und wurde ganz Flamme. Sein Vater, der ihn dieses Bildes wegen in einem so fieberhaften Zustand sah, sagte: »Habe nur Geduld, mein Sohn, ich will zu ihrem Vater schicken und um sie für dich werben lassen; verweigert er sie, so ziehe ich gegen ihn mit einer Armee, so groß, dass ihre Vorposten bis zu ihm und der Nachtrab bis zu mir reicht.« Der Prinz sprach: »Tu das schnell, denn ich werde sonst gewiss zugrunde gehen.« Der König ließ hierauf den Großwezir rufen und sagte ihm: »Ich will dich sogleich zum König Kader schicken, denn du bist ein verständiger und einsichtsvoller Mann, damit du um seine Tochter für meinen Sohn werbest.« Der Großwezir ging sogleich, machte seine Vorbereitungen und der König gab ihm viele Geschenke mit, die keine Zunge beschreiben kann; er reiste durch Wüsten und Heiden Tag und Nacht, bis er zum König Kader kam. Die Kammerherren desselben kamen ihm entgegen und führten ihn zum König mit den Geschenken, die er bei sich hatte. Der König erzeigte ihm drei Tage lang viele Ehre. Am vierten ließ er ihn rufen, und nachdem er sich eine Weile mit ihm unterhalten, sprach der Wesir: »O König! ich komme im Namen des mächtigen Königs, des Herrn der Erde in der Länge und Breite, um für seinen Sohn Ardschir, der wie der leuchtende Mond ist, um deine Tochter anzuhalten.« Als der König diese Rede hörte, wurde er verlegen zu antworten; er beugte den Kopf eine Weile, dann sagte er zu einem seiner Diener: »Kafur, geh zu meiner Tochter Hajat Alnufus, grüßte sie von mir und sage ihr in zärtlichem Ton: Dein Vater schickt mich zu dir, um dir anzuzeigen, dass einer von den Großen der Erde gekommen ist, der dein Gemahl zu werden wünscht, was sagst du dazu? Merke dir ihre Antwort und bringe sie mir.« Kafur ging und sagte: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen und Mächtigen! Bei Gott! ich habe nur noch zwei Zähne, um essen zu können.« Die Prinzessin hasste nämlich die Männer so sehr, dass, so oft Kafur, im Namen ihres Vaters kam, um ihren Willen über eine Ehe zu erfragen, sie auf ihn losging, und ihm zwei Zähne ausriss, bis ihm zuletzt nur noch zwei blieben. Als er vor ihr Gemach kam, dachte er eine Weile nach, ob er hineingehen solle oder nicht. Die Prinzessin war eben aufgestanden und ließ sich von den Dienern goldene, mit Perlen besetzte Pantoffeln anziehen. Sie sah ihn, wie er sich nahte; er aber entfloh vor ihr. Sie rief ihm zu: »Bleibe nur! bei Gott, wenn du in meine Hand fällst, reiße ich dir die übrigen Zähne auch aus! Auch befahl sie den Dienern, ihn festzunehmen, er aber lief schnell zum König wie ein Rasender. Der König fragte ihn: »Wer verfolgt dich?« Er antwortete: »Herr, ich habe soeben glücklicherweise noch meine übrigen Zähne gerettet.« Da sagte der König zum Wesir: »Du hörst und siehst, entschuldige uns daher bei deinem Herrn, und sage ihm: Meine Tochter liebt die Männer nicht, sie will durchaus nicht heiraten, und wenn ich sie zwingen wollte, würde sie sich umbringend Der Wesir kehrte hierauf wieder nach seinem Land zurück, ohne etwas bezweckt zu haben. Das ist's, was ihn betrifft. Der Prinz Ardschir indessen hatte sich gleich nach der Abreise des Wesirs in seine Wohnung begeben; als es Nacht wurde, brannte eine mächtige Flamme in seinem Herzen, heiße Sehnsucht bemächtigte sich seiner, er musste zu Bett gehen, konnte weder essen noch trinken; er war höchst niedergeschlagen und in Wehmut versunken, und die Tränen flossen wie Regen über seine Wangen. In seinem Schmerz rezitierte er folgende Verse:

»Feindlich fällt die Nacht über den Verzweifelten her und bringt Schmerzen und glühende Seufzer in mein Herz. Fraget die Nacht nach mir, sie wird euch sagen, welche Liebespein in mir wohnt. Ich bin betrübt, verlassen, fremd ohne Frau und Kind und so krank, dass ich die Sterne der Nacht nicht mehr sehen mag; ich habe alle meine Geduld verloren und finde keinen Trost in meinem Trennungsschmerz. Doch will ich meine Qualen und meine Pein nur Gott allein und sonst niemandem klagen.«

Als er diese Verse gesprochen hatte, seufzte er tief und traurig und fiel in Ohnmacht; als er wieder zu sich kam, blickte er immer zu den Sternen bis morgens, stand auf und kleidete sich an. Sein Diener erschien, der Prinz hob den Kopf in die Höhe, und ließ sein von Kummer entstelltes Antlitz sehen; der Diener aber bemitleidete ihn und versprach ihm, ihn mit der Geliebten zu vereinigen. Der Wesir reiste indessen Tag und Nacht, bis er wieder in seine Heimatstadt kam; er ging sogleich zum König, küsste die Erde vor ihm und erzählte ihm alles von Anfang bis zu Ende. Als der König dies hörte, setzte er sich, stand nach einer Weile wieder auf und sprach: »Ein Mann wie ich soll in einer Angelegenheit einen Gesandten schicken und nichts ausrichtend Hierauf befahl er einem seiner Kammerherrn: »lass die Zelte aus den Magazinen nehmen und die Truppen zum Krieg aufrufen. Ich will seine Wohnung verwüsten und jede Spur von ihm vertilgen, seine Schätze rauben, seine Krieger umbringen und seine Familie gefangen nehmen.« Da der Prinz Ardschir, der neben seinem Vater stand, diese Worte hörte, und wohl wusste, dass sein Vater ein so mächtiger Sultan war, dass er mit seinen vielen Truppen und Verbündeten wohl seine Wohnung verwüsten, seine Spur vertilgen und seine Familie wegnehmen konnte, fürchtete er, die Prinzessin möchte durch ein solches Verfahren so erbittert werden, dass sie sich selbst umbringe, und er dann doch seinen Zweck nicht erreiche. Er näherte sich daher seinem Vater, küsste die Erde vor ihm und sprach: »O großer König! du willst doch nur in den Krieg mit deinen Tapferen ziehen und dein Gut opfern, um mein Anliegen zum Ziele zu führen, ich will versuchen, das Mädchen auf eine andere Art zu gewinnen.« Der König aber erwiderte: »Und was soll ich für dich tun?« Er antwortete: »Ich will als Kaufmann zu ihr reisen und suchen, in ihre Nähe zu kommen.« Der König versetzte. »Wenn du das willst, so nimm mit dir alle Schätze, die du begehrst, nimm auch den Wesir mit, dass er dir zum Erlangen deines Zweckes behilflich sei.« Der König gab ihm dreihunderttausend Dinare, führte ihn in seine Schatzkammer und ließ ihm für ebensoviel Waren übergeben. Ardschir ging dann zu seiner Mutter; diese gab ihm hunderttausend Dinare und für ebensoviel Kleider und Schmuck. Hierauf nahm er von seinen Eltern Abschied. Der König ließ seine Waren auf Kamele laden, und befahl den Dienern, sich als Kaufleute zu kleiden; der Prinz aber reiste mit dem Wesir Tag und Nacht durch Wüsten und Heiden. Auf der langen Reise nahm seine Liebe immer mehr zu und er sprach folgende Verse:

»Meine Pein kommt von der Liebe, die immer wächst, niemand hilft mir gegen die Gewalt des Schicksals; ich schaue immer zu den Sternen, bis der Morgen naht, in Sehnsucht vertieft, mit brennender Liebesflamme. Doch ich schwöre es, nie will ich aufhören, dich zu lieben, wenn auch der Schmerz meinen Augenlidern den Schlaf raubt, wenn auch meine Leiden lange dauern und meine Geduld immer weniger wird. Ich werde ausharren, o du mein höchstes Verlangen! bis uns Gott vereinigt und alle unsere Feinde und Neider beschämt!«

Als er diese Verse vollendet hatte, weinte er heftig vor Liebespein; der Wesir bemerkte es, kam zu ihm und versprach ihm die Erfüllung seiner Wünsche; er unterhielt ihn und tröstete ihn die ganze Reise durch, bis ihnen endlich an einem Morgen bei Sonnenaufgang die Stadt entgegenleuchtete, die das Ziel ihrer Reise war; der Prinz freute sich sehr und sprach folgende Verse:

»O mein Freund! immer schmachte ich nach meiner Geliebten mit sehnsuchtsvollem Schmerz; ich weine und seufze wie eine Verwaiste, und im Dunkel der Nacht begleiten mich die Tauben. Aus meinen Augen strömen Tränen wie Regen; Tag und Nacht kannst du mich im Meer dieser Tränen schwimmen sehen. Friede sei mit euch, solange der Zephyr weht, die Turteltauben seufzen und meine Sehnsucht glüht!«

Der Prinz konnte den Augenblick nicht erwarten, bis sie sich der Stadt näherten. Als sie endlich hineinkamen, fragten sie nach den Chans der vornehmen Kaufleute; man zeigte sie ihnen und sie stiegen dort ab mit ihren Waren, um auszuruhen. Der Wesir dachte über die Angelegenheiten des Prinzen nach und beschloss, auf dem Bazar zu wohnen; er sagte zum Prinzen: »Wisse, mein Sohn! länger im Chan bleiben wird uns nichts nützen; mir ist etwas in den Sinn gekommen, das - so Gott will! - zum Besten führen wird.« Der Prinz sprach: »Du hast recht, Wesir, tu, was du für gut findest, Gott mag dir beistehend Der Wesir versetzte: »Wir wollen auf dem Bazar einen Laden mieten und ich will dich für meinen Sohn ausgeben; alle Leute werden dann deine schöne Gestalt bewundern, und man wird bald in der ganzen Stadt von dir sprechen.« Der Prinz sagte: »Tu, was dir gut scheint.« Der Wesir machte sich sogleich auf und zog seine kostbarsten Kleider an. Der Prinz tat dasselbe, steckte tausend Dinare zu sich und sie gingen miteinander aus. Sobald sie aber auf die Straße kamen, sahen ihnen alle Leute nach, denn sie verbreiteten Moschus- und Kampferduft. Die Leute bemerkten, wie Gott den Prinzen mit so großer Schönheit, Beredsamkeit und königlichem Anstand geschaffen, und sagten: »Gelobt sei Gott, der diesen Jüngling geschaffen! Wessen Sohn ist er? aus welchem Land? das ist kein Mensch, das ist ein edler Engel!« Es wurde sehr vieles über den Prinzen gesprochen. Einer sagte: »Der Wächter des Paradieses war nachlässig und dieser ist daraus entflohen«. Ein anderer sagte: »Er ist ein Engel.« Ein dritter sagte: »Er ist ein Djinn.« Alle Leute blieben auf beiden Seiten stehen und sahen ihm nach, denn er war so hübsch, wie der Dichter sagt:

»O du, dessen Blicke in Liebe schmachten, wie viele Vornehme und Niedrige hast du getötet! die Menschen sind aus Wasser und Erde geschaffen, du aber aus Licht und Glanz! Sprichst du, so vermehrt sich mein Schmerz, und schweigst du, so wächst meine Sehnsucht. Du bist aus dem ewigen Paradies gestohlen worden, während der Engel Ridhwan nachlässig wachte.«

Als sie auf den Bazar kamen, trat ihnen ein alter, ehrwürdiger Mann entgegen und sprach zu ihnen. »Meine Herren! wer ist dieser Jüngling?« Der Wesir fragte: »Wer seid ihr?« Der Alte antwortete: »Ich bin der Oberste des Bazars.« Da sagte der Wesir: »Dieser Jüngling ist mein Sohn, mit dem ich alle Länder bereise und in jeder großen Stadt ein Jahr verweile, damit er den Handel und die Sitten der Bewohner kennen lerne. Der andere sagte: »Wohl!« und ließ ihm am schönsten Ort einen Laden einräumen. Der Wesir befahl den Dienern, ihn zu reinigen, eine Matratze herzurichten, die zehntausend Dinare wert war; darauf legte er einen goldgestickten ledernen Überzug mit goldenen Kissen und eine Lehne, mit Gold verziert und mit Straußfedern ausgestopft. Der Wesir stand vor dem Prinzen und andere Jünglinge wie Gazellen umgaben ihn. Der Prinz aber sah wie der Vollmond aus und wie ein Zweig in seinem Wuchs, die Schönheit zierte ihn von allen Seiten. Der Wesir empfahl ihm dann, sein Geheimnis zu verwahren, indem nur so der Zweck erreicht werden könnte, ließ ihn allein im Laden und ging nach Hause. Wer nun auf den Bazar kam, betrachtete den schönen Prinzen, und bald sprach man in der ganzen Stadt so viel von ihm, dass alle Leute kamen, an ihm zu sehen, was Gott an Schönheit, Liebenswürdigkeit, Wuchs, Ebenmaß usw. geschaffen. Dieser Bazar war zuletzt so gedrängt voll, nicht von Käufern und Verkäufern, sondern von Leuten, die den Prinzen sehen wollten, dass man kaum durchkommen konnte. Der Prinz sah sich auch nach allen Seiten um und suchte etwas von seiner Geliebten zu hören, was ihm aber nicht gelang; sein Liebesschmerz nahm so zu, dass er die Süßigkeit des Schlafes nicht mehr kostete, und doch durfte er nicht nach seiner Geliebten fragen.

Als er nun eines Tages betrübt und nachdenkend wie der Vollmond in seinem Laden saß und schon fürchtete, seine Mühe werde vergebens sein, und nicht wusste, was er anfangen sollte, da kam eine alte Frau mit zwei Sklavinnen hinter ihr und blieb an seinem Laden stehen, sah ihn an, bewunderte seine Schönheit und sagte: »Gelobt sei der, welcher diesen Jüngling geschaffen und ihn durch so viele Reize ausgezeichnet hat!« Mit diesen Worten näherte sie sich ihm und grüßte ihn; als er ihren Gruß erwidert hatte, fragte sie: »Bist du von hier, mein Freund?« Er antwortete: »Nein, bei Gott! meine Mutter, ich bin zum ersten Mal hier, um die Stadt zu sehen.« Sie sagte: »Du bist ein edler Gast; und«, setzte sie hinzu, »was hast du für Waren bei dir? zeige mir einmal so hübsches, als du bist, denn wer hübsch ist, kann nur hübsches bringen.« Der Prinz fragte sie, was sie wolle? und sie antwortete: »Ein Kleid für die Prinzessin, das schönste, das es gibt.«

Als der Prinz den Namen der Prinzessin hörte, pochte sein Herz, er sprach kein Wort, holte einen Pack herbei und nahm ein Kleid heraus, das tausend Dinare wert war. Da es der Alten sehr gefiel, fragte sie: »Wie teuer, o Vollkommener?« Er antwortete: »Es kostet nichts.« Sie dankte und fragte noch einmal; er aber sagte: »Bei Gott! ich nehme nichts von dir und mache es dir zum Geschenk; gelobt sei Gott, der mich mit dir bekannt gemacht, so dass, wenn ich deiner bedarf, ich dich zu finden weiß.« Sie war über die Freigebigkeit des Prinzen erstaunt und fragte ihn: »Wie heißt du?« Er antwortete: »Ardschir.« Sie sagte: »So nennen ja die Könige ihre Söhne und du trittst als Kaufmann auf?« Er versetzte: »Mein Vater hat mich aus großer Liebe zu mir so genannt, doch ein Name bedeutet gar nichts.«

Die Alte nahm das Kleid und ging, seine Schönheit, Liebenswürdigkeit, hübsche Gestalt und Freigebigkeit bewundernd, von ihm weg zur Prinzessin, küsste die Erde vor ihr und sagte: »O meine Gebieterin! hier bringe ich etwas, desgleichen ich nie gesehen!« Als sie fragte: »Was ist es denn?« zog sie das Kleid hervor und sagte: »Lege es auseinander und betrachte es!« Die Prinzessin tat dies, und es gefiel ihr sehr. Sie sprach: »O meine Amme! bei Gott! das Kleid ist schön, ich habe nie ein ähnliches gesehen!« Da sagte die Alte: »O meine Herrin! hättest du den Eigentümer dieses Kleides gesehen! bei Gott, er ist ein Mensch, so schön, wie es keinen auf Erden gibt, mit länglichen Wangen, prächtigen Augen, mit einem vollen Wuchs, schlank wie ein Baumzweig, der sich sanft hin und her neigt, und einem Gesichte wie eine Lampe. Gepriesen sei Gott, der erhabene Schöpfer, der ihn aus gutem Samen geschaffene Als die Prinzessin die Beschreibung der Alten hörte, geriet sie in heftigen Zorn und sprach: »Du Alte, bist du besessen, oder hast du keinen Verstand? Habe ich dich nach seiner Schönheit und Anmut gefragt, dass du mir ihn schilderst? Glaubst du, ich höre gern von Männern sprechen, dass du dies tust?« Die Alte, die den Zorn der Prinzessin fürchtete: erwiderte: »Bei Gott, meine Gebieterin! ich wollte nur sagen, dass, als ich nach dem Preis des Kleides fragte, er schwor, er werde nichts annehmen, er mache es Euch zum Geschenke, und so sehr ich ihn auch bat, er doch nichts von mir nahm.«

Als die Prinzessin dies hörte, war sie sehr erstaunt und sprach: »Das ist sehr wunderbar! Die Kaufleute reisen doch nur des Geldes willen in der Welt herum. Er soll uns aber nicht an Freigebigkeit übertreffen; geh und bring ihm den Wert des Kleides und sieh, ob er noch was Schöneres hat als dieses.« Die Alte sagte: »Dein Wille ist mir Befehl!« und konnte nicht erwarten, bis sie von ihr weg war. Sie ging sogleich wieder in den Laden des Prinzen, der sich sehr freute; denn er hatte nicht gehofft, sie in den nächsten Tagen wieder zu sehen. Er stand vor ihr auf, als sie an seinem Laden hielt, und hieß sie willkommen. Sie sagte: »Die Prinzessin schickt dir den Wert des Kleides, nimm ihn und sieh dann, ob du noch was Schöneres hast.« Der Prinz aber sprach: »Recht gerne, ich habe noch etwas Schöneres; doch nimm du den Wert des Kleides, denn ich habe geschworen, ich werde nichts annehmen, nicht einen einzigen Drachmen; wenn daher die Prinzessin das Kleid nicht annehmen will, so nimm du dessen Wert.« Er holte hierauf einen Pack herbei, öffnete ihn und zog ein anderes Kleid hervor, mit Perlen, roten, blauen und gelben Rubinen und Saphiren besetzt, vom Wert eines Kaiserreichs. Als er es vor ihr auseinanderlegte, war der ganze Bazar von den Edelsteinen und Diamanten beleuchtet. Die Alte wurde ganz entzückt von der schönen Arbeit und sagte: »Bei Gott, das ist was Wunderbares! was kostet das, o Vollkommener an Eigenschaften?« Er antwortete: »Es kostet nichts, nimm es nur und fürchte nichts!« Sie sagte: »O mein Freund, lass doch diese Reden und sage mir, was es kostet!« Er antwortete: »Das weiß nur Gott! aber, beim Allmächtigen! ich nehme nichts dafür, sondern ich mache es der Prinzessin zum Geschenk für die Gastfreundschaft, die ich hier finde; dieses Kleid ziemt nur ihr.« Als die Alte diese Rede hörte, sagte sie: »O mein Freund, wisse, dass Aufrichtigkeit die höchste Tugend ist; was du hier sagst, hat gewiss irgend einen geheimen Grund, drum erkläre dich mir und vertraue mir dein Geheimnis, vielleicht kann ich dir in deiner Angelegenheit behilflich sein.« Der Prinz ergriff hierauf ihre Hand, erzählte ihr seine ganze Geschichte und vertraute ihr seine Liebe zur Prinzessin, nur gestand er nicht, dass er ein Prinz sei. Die Alte schüttelte den Kopf und sagte: »Das ist nun die Wahrheit: aber, mein Sohn, du bist doch nur ein junger Kaufmann, und wenn du auch noch so viele Schätze besitzest. Verhehle mir nicht, wer du bist; du behauptest, du seiest ein Kaufmann, ich sage dir jedoch, sobald ein Kaufmann eine Stufe nur über seinen Rang sich erheben will, so strauchelt er. Drum, mein Sohn, wirb um die Tochter eines Kadi, oder eines Offiziers, oder eines Kaufmanns deinesgleichen. Aber, mein Sohn, wie kannst du deine Augen zur Tochter des Königs der Zeit, der Perle des Jahrhunderts, erheben, zu einer Jungfrau, die noch gar nicht weiß, wie die Welt beschaffen ist, wie die Straßen gebaut sind; die in ihrem Leben nichts als ihr Schloss und das Gemach gesehen, in dem sie wohnt und die Zitadelle ihres Vaters; die aber doch trotz ihrer Jugend sehr klug, verständig und geistreich ist und das schönste Betragen hat, so dass ihr Vater, der mächtige König, von allen seinen Kindern nur sie liebt, und so oft er vom Schlaf erwacht, sie besucht, ihr guten Morgen wünscht, ihr leuchtendes Antlitz küsst, nichts ohne ihren Rat beschließt; daher auch alle, die ihr und ihres Vaters Schloss bewohnen, sie sehr fürchten. Auch wage ich es nicht, mein Sohn, mit ihr von etwas derart zu sprechen. Dafür kann ich gar nichts tun, mein Sohn, so sehr auch mein Fleisch, mein Blut, meine Gebeine und Glieder mit dir Mitleid fühlen. gewiss, könnte ich dich mit ihr vereinigen, ich würde es um deinetwillen auf Gefahr meines Lebens tun; willst du, so werde ich um das vornehmste Mädchen in der Stadt für dich werben.« Der Prinz antwortete: »Ich kenne keinen Ersatz für sie; bei Gott, mein Herz sehnt sich nur nach ihr. Die Liebe zu ihr tötet mich, ich bin hoffnungslos, ganz rasend vor Liebe! Bei Gott, meine Mutter, habe Mitleid mit mir Fremden und mildere meinen Jammer; ich werde dich reich dafür belohnen!« Die Alte sagte: »Bei Gott, mein Sohn, mein Herz spaltet sich um deinetwillen, doch weiß ich nichts für dich zu tun.« Der Prinz versetzte: »O meine Mutter, ich fordere nicht, dass du für mich sprechen sollst; bring ihr nur ein Briefchen von mir, sonst nichts!« Sie sagte: »So schreibe, was du willst, ich will es ihr bringen.« Als er dies hörte, freute er sich sehr, nahm Tinte und Papier und schrieb folgende Verse:

»O Hajat Alnufus! beglücke mit deiner Nähe einen Liebenden, den die Trennung auflöst! Mein Leben war von Freude und Wonne umgeben, und nun bringe ich die Nächte rasend und liebestrunken zu. muss immer fern von dir seufzen und jammern, bin stets betrübt und hoffnungslos! die ganze Nacht koste ich keinen Schlaf und schaue immer nach den Sternen hinauf. O habe Mitleid mit einem bestürzten, gequälten Liebenden, dessen Herz stets betrübt und dessen Augen wach sind.«

Als er diese Verse geschrieben hatte, legte er das Papier zusammen, reichte es der Alten und gab ihr auch einen Beutel, in dem fünfhundert Dinare waren, mit den Worten: »Nimm das für die Antwort!« Sie schlug es ab; er aber sagte: »Du darfst dich dessen nicht weigern!« Sie nahm ihn, ging zur Prinzessin und brachte ihr das Kleid; als sie es auseinanderlegte, wurde das ganze Schloss von der schönen Arbeit und den vielen Edelsteinen beleuchtet, und die Sklavinnen und Dienerinnen, die es sahen, waren höchst erstaunt. Auch die Prinzessin bewunderte die Arbeit und die Edelsteine an dem Kleid und fand, dass es gar nicht zu schätzen war. Sie sagte zur Alten: »O Amme, ist dieses Kleid von demselben, bei dem du das erste kauftest, oder von einem anderen?«

»Es ist vom demselben.«

»Ist dieser Kaufmann aus unsrer Stadt oder aus einer fremden?« »Meine Gebieterin, er ist ein Fremder und wohnt erst seit kurzer Zeit hier.« Die Prinzessin sprach: »Es ist merkwürdig, dass diese beiden Kleider, für die sich gar kein Wert angeben lässt, von einem Kaufmann sind; wie reich muss der wohl sein! Ich habe in meinem Leben nichts Schöneres gesehen. Was verlangt er dafür?« Die Alte antwortete: »Er gab es mir mit den Worten: »Das ist ein Geschenk, das ich der Prinzessin mache; es ziemt nur ihr. Auch gab er mir das Geld für das erste Kleid zurück und schwor, er werde es nicht nehmen: wolle es die Prinzessin nicht, so möge ich es behalten.« Da sagte die Prinzessin: »Das ist ein großer Reichtum und eine unerhörte Freigebigkeit; ich fürchte sehr, er hat etwas anderes im Sinne. Hast du ihn gefragt, ob er irgend ein Anliegen habe, worin du ihm helfen kannst?«

»Ich habe ihn gefragt und er antwortete: er habe ein Anliegen, wollte mir es aber nicht anvertrauen, sondern gab mir nur diesen Brief.« Die Prinzessin nahm ihn, öffnete ihn und las; als sie ihn gelesen hatte, wurde sie ganz blass und entstellt; sie sagte der Alten: »Wehe dir, O Amme! was denkt der verbannte Hund, der in unsere Stadt gekommen, dass er es wagt, mir zu schreiben? Bei Gott und dem Brunnen Samsam und der heiligen Mauer am Tempel zu Mekka! fürchtete ich nicht Gott, den Herrn der Welten, ich würde nach diesem Hund schicken, ihn gefesselt, mit abgeschnittenen Ohren und Nase hier herbringen und mit allen seinen Nachbarn vor seinem Laden aufhängen lassen!« Die Alte wurde ganz blass, ihre Schultern zitterten und ihre Zunge wurde gelähmt. Endlich sagte sie: »Was enthält denn der Brief, das dich so entrüstet? ich denke, er klagt dir seinen Zustand, oder verlangt Hilfe gegen irgend ein Unrecht, das ihm geschehend Sie antwortete: »Nein, bei Gott, es sind Verse und Worte der Leidenschaft; der Mensch muss entweder wahnsinnig, betrunken oder lebensmüde sein, dass er mir solche Verse zusendet, um meinen Verstand zu verwirrend Die Alte erwiderte: »Bei Gott! du hast recht, meine Gebieterin; doch was kehrst du dich an solche Worte, du wohnst ja hier in deinem hohen Schloss, das nicht einmal Vögel erreichen können, und das niemanden zugänglich ist. Drohe ihm mit dem Tode und schreibe ihm: Du Hund unter Kaufleuten, der sein ganzes Leben in der Welt herumreist, um Geld zu gewinnen! Bei Gott, wenn du aus deinem Schlafe nicht erwachst und aus deiner Trunkenheit nicht nüchtern wirst, so lasse ich dich und alle deine Nachbarn vor deinem Laden aufhängend Die Prinzessin aber sagte: »Ich fürchte, o Amme, wenn ich ihm schreibe, wird er sich noch mehr Hoffnung machen.« Die Alte entgegnete: »Wie kann er das? wenn ihr ihm nur schreibt, dass ihr nichts mehr von ihm hören wollt, so wird er Angst und Furcht bekommen.« Sie redete dann der Prinzessin solange zu, bis sie sich Tinte und Papier geben ließ und folgende Verse schrieb:

»O du, der vom Gram, Kummer und langen schlaflosen Nächten aus Liebe zu uns spricht! O Verblendeter! kannst du wohl die Nähe des Mondes verlangen? Hat je ein Mensch vom Mond die Befriedigung seiner Wünsche erlangt? Höre nun den Rat, den ich dir hier erteile: lass ab, denn du schwebst in großer Gefahr! Kommst du noch einmal mit einer solchen Bitte, so erwarte eine herbe Züchtigung von mir; sei verständig, klug und bedacht, und höre meinem Rat; denn ich beschwöre bei dem, der alles so herrlich geschaffen und die Himmel mit Sonne und Mond geschmückt hat, wenn du noch einmal mit solchen Reden wiederkehrst, so lasse ich dich an den Zweig eines Baumes hängen!«

Nachdem sie dies geschrieben hatte, legte sie den Brief zusammen und gab ihn der Alten. Diese ging zum Prinzen, warf ihm den Brief hin und sagte: »Lese hier die Antwort und wisse, dass sie deinen Brief gelesen und dessen Inhalt verstanden hat, dass sie aber sehr erzürnt darüber war; ich habe ihr solange süße Worte gesagt, bis sie mir diese Antwort schrieben Der Prinz dankte ihr, öffnete den Brief und las. Als er dessen Inhalt verstanden, weinte er heftig. Die Alte aber sagte: »Warum weinst du so? Gott lasse nie dein Auge weinen, noch dein Herz trauern! Was schreibt sie denn, dass du so kummervoll bist?« Er antwortete. »Was soll ich denn tun? Sie droht mir mit dem Tode und verbietet mir, ihr wieder zu schreiben. Aber bei Gott, meine Mutter, ich will lieber sterben, als so leben! Drum sei so gut und bringe ihr einen anderen Brief von mir, ich fordere nichts anderes von dir.« Die Alte sagte: »Schreibe nur, ich will dir schon wieder Antwort bringen. Bei Gott, ich will gern mein Leben für dich wagen, wenn nur deine Wünsche erfüllt werden.« Er dankte ihr und schrieb folgende Verse:

»Du drohst mir für meine Liebe mit dem Tode; nun, der Tod ist meine Bestimmung, der bringt mir Ruhe. Der Liebende zieht den Tod einem langen Leben vor, das er fern von der Geliebten zubringen soll. Wende dich, Geliebte, einem Unglücklichen zu, von dem alle Hilfe fern, und quäle nicht länger einen Verlassenen durch dein Verschmähen! Wie soll ich mich trösten, da mir niemand dich ersetzen kann? Wie soll ich mit zerknirschtem Herzen auf Milderung hoffen? Der Mond ist mein Gesellschafter und mein Schmerz tobt die ganze Nacht; kann den Trunkenen Gefahr nüchtern machen? O meine Herrin! habe Mitleid mit einem Sehnsuchtskranken; es ist ja kein Verbrechen, edle Menschen zu lieben.«

Als er dies geschrieben hatte, legte er das Papier zusammen und gab es der Alten nebst einem Beutel von vierhundert Dinaren mit den Worten: »Das ist für die Antwort.« Die Alte wollte es nicht nehmen und sprach: »O mein Sohn, bei Gott! du überschüttest mich mit deiner Güte; doch sei guten Mutes und freudigen Auges! ich werde deinen Feinden zum Trotze dein Verlangen stillen.« Sie nahm den Brief, ging zur Prinzessin und gab ihr denselben. Diese wurde ganz blass und sagte: »O Amme, soll dieser Briefwechsel so fortgehend Diese antwortete: »O meine Gebieterin! gib mir nur eine Antwort, wie sie dir in den Sinn kommt.«

Dir Prinzessin nahm den Brief, las ihn und schlug die Hände übereinander; endlich sagte sie: »Wir sind schon einer Gefahr ausgesetzt, ohne nur zu wissen, wie wir dazu gekommen; vielleicht könnten wir entdeckt werden und ich meinen Ruf verlierend Die Alte fragte: »Wieso das, meine Gebieterin? Wer kann ein solches Geheimnis aufdecken? oder wer darf nur davon reden?« Die Prinzessin versetzte: »Selbst wir dürfen von solchen Dingen nur mit Besorgnis und Furcht sprechen.« »Nun«, sagte die Alte, »schreibe ihm einen recht derben Brief, und sage ihm: wenn du mir noch einmal schreibst, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.« Die Prinzessin aber erwiderte: »O meine Amme! ich fürchte, dass sich der Fremdling dadurch nicht abweisen lässt.« Sie schrieb ihm dann folgende Verse:

»O du, der die Zufälle des Schicksals des Lebens nicht beobachtet, und dessen Herz nach Vereinigung schmachtet, hoffst du, o Getäuschter! den Himmel zu erreichen und den leuchtenden Mond einzuholen? Du wirst mehr Verachtung finden, als dein Herz ertragen kann; schneidende Schwerter werden dir den Tod geben, eine brennende Flamme wird dich verzehren und der Schmerz deine Haare bleichen. Drum nimm meinen Rat an, lass ab von der Liebe, der du dich hingegeben.«

Sie warf zornig der Alten den Brief vor; diese legte ihn zusammen und brachte ihn dem Prinzen. Als er ihn gelesen hatte, beugte er den Kopf zur Erde, sagte nichts und schrieb in seiner Verzweiflung mit den Fingern Worte vor sich hin. Da sagte die Alte: »Warum sprichst du nichts, mein Sohn?« Er antwortete: »Was soll ich dazu sagen? Sie droht mir mit dem Tode und wird immer härter.«

»Schreibe ihr nur wieder«, sprach die Alte, »ich übernehme es, dir Antwort zu bringen: sei nur guten Mutes, ich werde euch schon vereinigend Er dankte ihr und schrieb folgende Verse:

»Bei Gott! erweicht sich dein Herz nicht für einen Liebenden, der nach Vereinigung schmachtet? Meine Augen sind entzündet, denn sie vergießen jeden Abend blutige Tränen. O sei mild und gütig gegen einen aus Liebe zu deinen Reizen Verzweifelten, der die ganze Nacht schlaflos zubringt, weil er, o Schöne! liebevoll an dir hängt. Zerstöre nicht die Hoffnungen des Herzens, das nur für dich schlägt, gramvoll und abgehärmt ist! Bei Gott! verschmähe nicht länger den, der in Liebe zu dir untergeht.«

Der Prinz legte das Papier zusammen, gab es der Alten mit einem Beutel von dreihundert Dinaren und sagte ihr: »Nimm das, um deine Kleider waschen zu lassen!« Sie sagte: »Bei Gott, verschone mich mit diesem Geld, du hast mir schon Gutes genug erwiesene Er sprach aber: »Du musst es nehmen!« Sie nahm es an und küsste seine Hände.

Als sie zur Prinzessin gekommen war, küsste sie den Brief und überreichte ihr ihn. Die Prinzessin sagte: »Was denkst du, o Amme! uns in solche Gefahr zu setzen durch das Hin- und Herbringen unsrer Briefe? Ich glaube, du hast keinen Verstand, dass du so den Rasenden beschützest, dem ich bald den Todeskelch reichen werde.« Sie las dann den Brief und warf ihn weg; die Ader des Zornes trat zwischen ihren Augen hervor und niemand wagte es, sie anzureden. Sie begab sich nach dem Schloss des Vaters und fragte nach ihm, aber man sagte ihr, er befinde sich auf der Jagd. Sie kehrte vor Zorn zitternd zurück, ließ den Kopf hängen und redete mit niemand ein Wort. Erst nach drei Stunden beruhigte sie sich, und ihr Gesicht nahm wieder seinen lieblichen Ausdruck an. Als die Alte dies bemerkte, näherte sie sich ihr, küsste die Erde vor ihr und sagte: »Wohin hattest du deine edlen Schritte gewendet?« Sie antwortete: »Nach dem Schloss meines Vaters.«

»Hätte dir niemand dein Geschäft besorgen können, dass du dich selbst bemühtest?« »Niemand konnte das versehen, denn ich ging zu ihm, um ihm die Geschichte mit den Kaufleuten zu erzählen, die auf dem Bazar sitzen und sich bis zu mir erkühnen, damit er sie züchtigen und vor ihre Läden hängen lasse; kein einziger Kaufmann soll in der Stadt bleiben.«

»Bist du nur deshalb zu deinem Vater gegangen?«

»Ja.«

»Und was hat er beschlossene - »Er war auf der Jagd, und ich muss nun warten, bis er zurückkehrt.« Da sagte die Alte: »Hättest du nun deinen Vater zu Hause gefunden und ihn von dem ganzen Vorfall in Kenntnis gesetzt, würden nicht die Leute, wenn er den jungen Kaufmann mit den Seinigen hätte hinrichten lassen, fragen, was sie denn verbrechen haben. Man würde sagen, sie haben die Prinzessin verführen wollen; andere würden sagen: sie haben die Prinzessin verführt, sie verließ deshalb ihr Schloss nicht, weil sie ganz den Kaufleuten lebte - kurz, jeder würde was anderes sagen; denn das Volk ist blind, und Ehre ist wie Milch. Ihr Tod wird dir nichts nützen, du wirst nur deinen Ruf verlieren. Nimm daher meinen Rat an, du bist ja eine kluge Herrin, lass ab von deinem Vorhaben und dankte Gott, dass dein Vater nicht zu Hause und dass du mich zuerst angehört. Doch das ist deine Sache.«

Als die Prinzessin diese Worte hörte und darüber nachdachte, fand sie, dass die Alte recht hatte, und sprach: »Bei Gott! meine Amme, du hast wahr gesprochen; der Zorn hatte nur meinen Verstand betäubt und mein Herz verstopft; gelobt sei Gott! dass ich meinen Vater nicht getroffen.« Die Alte sagte: »Dein Entschluss ist dem erhabenen Gott angenehm; ich glaube, wir werden mit diesem Hund von Kaufmann nicht fertig, bis du ihm schreibst: Du Hund von Kaufmann! bei Gott! hätte ich den König getroffen, ehe er ausritt, so hingest du mit allen deinen Nachbarn an der Tür deines Ladens; doch wird dir dies, bei Gott, nicht fehlen! ich schwöre, dass ich jede Spur von dir von der Erde vertilgen werde, wenn du nicht ablässest. Gib mir dann den Brief, er soll ihn lesen, dass seine Achseln zittern und er aus seinem Schlaf erwache. »Da sagte die Prinzessin: »Wird er vor diesen Worten zittern?«

»Und wie sollte er nicht zittern und von seinem Vorhaben abstehen?« Sie schrieb ihm dann folgende Verse:

»Du knüpfst deine Hoffnung auf unsere Vereinigung und erwartest Gegenliebe von mir. Der Mensch fällt nur durch Selbsttäuschung, sie stürzt ihn ins größte Verderben; du hast keine Kraft keine Macht, kein Reich, und doch bekehrst du dich nicht. Handelte selbst ein Sultan meines Ranges so wie du, er würde doch vor der Gefahr zurückschrecken, denn der Krieg macht grau. Doch ich vergebe dir deine Schuld, vielleicht wirst du nun zu besserer Einsicht gelangen.«

Sie warf das Papier der Alten hin und sprach zu ihr: »O Amme! halte ihn doch ab von solchen Reden, sei nicht nachgiebig gegen sein Beharren in seiner Schuld.« Die Alte sagte: »Bei Gott! ich will im keine Seite lassen, auf die er sich umwenden könnte.« Sie ging damit zum Prinzen und gab ihm den Brief. Als er ihn gelesen und verstanden hatte, sprach er: »Ich bin Gottes und kehre zu ihm zurück. O meine Mutter! was soll ich tun? mein Herz zerspringt und meine Geduld versiegt.« Die Alte sagte: »lass den Mut nicht sinken! nach dem einen kommt das andere. Schreibe ihr nur, was du im Sinne hast, so Gott will, bringe ich dir wieder Antwort. Sei nur guten Mutes und heitern Blickes; so Gott will, muss ich euch doch vereinigen. Er dankte ihr und schrieb folgende Verse:

»Wenn mir in der Liebe niemand Schutz bietet, so wird meine Schuld mit dem Tode bestraft. Warum soll ich nicht nach dir verlangen, o höchstes Ziel? Ich trage bei Tag und bei Nacht eine Feuerflamme in meinem Inneren, und bete zu dem Gott des Firmaments, dass er mir deine Zuneigung verschaffe, denn schmerzlich plagt mich die Liebe!«

Er gab den Brief der Alten mit einem Beutel von hundert Dinaren und sagte: »Nimm dieses Geld und widersetze dich nicht.« Sie nahm das Geld und den Brief und überreichte ihn ihrer Herrin. Die Prinzessin nahm ihn aber nicht, sondern sah ihn an und sagte: »Was hat er hier wieder für einen Brief geschickte Die Alte sagte: »Es ist die Antwort auf dein Schreiben.« Sie nahm und las den Brief, und als sie damit zu Ende war, sah sie die Alte an und sprach zu ihr: »Wo sind deine Ermahnungen geblieben?« Sie antwortete: »Er hat sich bekehrt und dich um Verzeihung gebeten.« Die Prinzessin aber versetzte: »Bei Gott! er hat sich weder bekehrt noch entschuldigt.« Die Alte sagte: »So antworte ihm nur, ich will dir schon sagen, was ich mit ihm anfange.« Die Prinzessin erwiderte: »Soll ich ihm denn immerfort schreibend Die Alte erwiderte: »Du musst das tun, um ihm alle Hoffnung zu nehmen und ihn ganz zu verwirrend Die Prinzessin nahm dann, als die Alte es durchaus wollte, Tinte und Papier und schrieb folgende Verse:

»Lange schon dauert die Zurechtweisung und die Sorge und der Kummer; wie oft muss ich dir in Versen schreiben: lass ab? Deine Widerspenstigkeit nimmt immer zu; ich verzieh dir, doch du ließest nicht ab. Verschließe nur deine Liebe und lass sie nie mehr laut werden, sonst werde ich kein Mitleid mehr mit dir haben. Du wirst sehr bald mächtige Stürme sehen, und die Vögel der Wüste werden dir zurufen! Kehre zurück zu einem frommen Wandel, du warst lange genug ruchlos.«

Sie warf das Papier in heftigem Zorn weg; die Alte hob es auf und lief damit zum Prinzen. Er nahm, öffnete es und las es. Da er aber daraus merkte, dass sie immer erzürnter gegen ihn wurde und ihm kein Mittel übrig blieb, sich ihr zu nähern und seine Wünsche gekrönt zu sehen, entschloss er sich, sie in einer Antwort zu verwünschen. Er schrieb daher folgende Verse:

»O Herr! befreie mich von den Fesseln meiner Liebe! Du kennst die Flamme, die mich verzehrt, und meine Sehnsucht, nach einem mitleidlosen Wesen. Wie lange soll ich die noch lieben, die mir so große Qual bereitet, und wie lange soll ich ihre Tyrannei ertragen? Wie lange soll ich noch unter den Fittichen der Nacht laut und heimlich klagen? Ich irre in einem bodenlosen Abgrund umher und niemand kommt mir zu Hilfe. Wie lange soll ich noch vergebens Trost und Geduld gegen ihre Liebe suchen? O Vogel der Trennung! sage mir doch einmal: du bist nun sicher gegen die Vorfälle und Tücken des Schicksals. Du lebst ruhig mitten in deiner Heimat, während ich von meiner Familie und meinem Vaterlande getrennt bin.«

Er legte den Brief zusammen und gab ihn der Alten mit einem Beutel von einhundert Dinaren. Sie ging zur Prinzessin und gab ihr den Brief. Als diese ihn ganz gelesen hatte, warf sie ihn weg und sagte: »Du unheilvolle Alte! Alles Böse kommt von dir! du treibst uns von einem Brief zum anderen und sagst immer: ich will dir Ruhe schaffen! nur damit ich ihm von neuem schreibe und der Briefwechsel solange fortgesetzt werde, bis zuletzt mein Ruf zugrunde geht.« Sie befahl dann ihrem Diener: »Ergreift die Alte und prügelt sie!« Sie wurde geprügelt, bis ihr das Blut aus der Nase und vom ganzen Körper herunterlief und sie ohnmächtig hinfiel. Dann befahl die Prinzessin einer ihrer Sklavinnen, sie an den Füßen zum Schloss hinauszuschleppen, neben ihr stehen zu bleiben, und wenn sie wieder zu sich komme, ihr zu sagen: »Die Prinzessin hat geschworen, dich umzubringen, wenn du wieder ins Schloss kommst.«

Man schleppte sie hinaus und es blieb jemand bei ihr stehen, der ihr, als sie wieder zu sich kam, sagte, was die Prinzessin befohlen hatte. Die Alte sprach: »Gott bewahre mich vor dem bösen Teufel! Bin ich rasend? Wenn auch die Prinzessin mir das nicht sagen ließe, so würde ich doch lieber sterben, als je zu ihr zurückkehren; da ich aber nun nicht gehen kann, so bitte ich dich, sei so gut, miete mir einen Esel, der mich nach Hause bringe.« Die Sklavin holte ihr einen Esel und sie ritt darauf nach dem Laden des Prinzen. Dieser sagte ihr: »O meine Mutter! warum sehe ich dich in diesem Zustand? Du machst mir bange.« Sie versetzte, indem sie ihm ihren Leib und ihre zerrissenen Kleider zeigte: »Das alles habe ich um deinetwillen erlitten.« Als er dies hörte und ihren zerschlagenen Leib sah, kam er fast von Sinnen und sprach: »O meine Mutter! wer hat dir das getan?« Sie erzählte ihm die Geschichte von Anfang bis zu Ende. Er wurde sehr betrübt darüber und sagte ihr: »O meine Mutter! es tut mir sehr leid, doch geschieht ja alles nach der Bestimmung des erhabenen Gottes; weißt du aber nicht, meine Mutter, wie es kommt, dass die Prinzessin die Männer hasst?« Sie antwortete: »Wisse, mein Sohn, sie hat einen großen Garten, den größten und schönsten auf der ganzen Erde. Als sie einst in der Nacht schlief, sah sie im Traum einen Vogelfänger, der sein Netz auswarf und Weizen ausstreute. Nach einer kurzen Pause versammelten sich die Vögel umher und klaubten die Weizenkörner auf. Da fiel ein Männchen in das Netz und wurde verstrickt, und alle Vögel entflohen; nur ein Weibchen, das auch zugegen war, kam gleich wieder zurück, und biss solange mit dem Schnabel an dem Strick, der den Fuß des Männchens fesselte, bis es ihn brach und dadurch das Männchen befreite. Dies alles geschah, während der Vogelfänger schlief. Als er erwachte, sah er das Netz zerrissen; er flickte es und streute wieder Weizen aus. Nach einer Weile kamen die Vögel wieder, ein Weibchen fiel ins Netz und flatterte! erschrocken entflohen alle übrigen Vögel mit dem Männchen, das nicht zurückkehrte. Nach einer Weile wurde nun das Weibchen gefangen, losgemacht und geschlachtet. Hier erwachte nun die Prinzessin ganz erschrocken und sprach: So verfährt das männliche Geschlecht mit dem weiblichen! Das Weibchen hat auf Gefahr des eigenen Lebens das Männchen befreit, und als Gott beschlossen hatte, dass jenes falle, hat das Männchen es sterben lassen und ist ihm nicht zu Hilfe gekommen, bis der Vogelfänger es schlachtete. Gott verdamme jeden, der auf Männer sich verlässt! Seit jener Zeit hasst sie die Männer.«

Es sagt der Erzähler: Hierauf fragte der Prinz: »Kannst du mich nicht nach jenem Garten bringen? Bei Gott! ich möchte ihm nur so nahe sein, dass ich einen einzigen Blick auf sie werfen könnte, und wäre es auch mein Tod.« Die Alte erwiderte: »Sie kommt jährlich nur einmal in diesen Garten.«

»Und wann wird sie ihn besuchen?«

»Wenn die Früchte reifen; sonst lebt sie immer in ihrem Schloss, und geht auch nur durch die geheime Türe in diesen Garten, der in der Nähe des Schlosses ist; außer ihrem und ihres Vaters Schloss hat sie noch nichts in der Welt gesehen. Ich will dir nun einen guten Rat geben: Wir haben noch einen Monat bis die Früchte reif werden; du weißt, mein Sohn, Liebe kann alles, du gehst nun von heute an nach dem Garten, den ich dir zeigen werde, knüpfst mit dem Gartenhüter ein freundschaftliches Verhältnis an und erzeigst ihm manche Wohltaten, damit er dich lieb gewinne. Dann bittest du ihn, er möge dich den Garten sehen lassen, worin du täglich spazieren gehst; an dem Tage, bevor die Prinzessin in den Garten gehen will und ehe der Torhüter es weiß, dass sie kommen wird, wird er dir dann auch, wie immer erlauben, hineinzugehen; bringe sodann die Nacht darin zu, um, wenn die Prinzessin kommt, schon daselbst zu sein. Sobald du sie siehst, gehe ihr entgegen; vielleicht, wenn sie dich sieht, wird sie gerührt werden, denn die Liebe überwindet alles. Auch bist du so schön, mein Sohn, dass selbst ein Mönch, wenn er dich sähe, von deiner Schönheit hingerissen würde.« Er dankte, brachte ihr ein Stück Seidenstoff mit goldenen Fransen und andere Stoffe, und sagte ihr: »O meine Mutter, nimm das statt deiner zerrissenen Kleider!« Auch gab er ihr hundert Dinare, die sie nahm. Zuletzt zeigte sie ihm noch ihre Wohnung. Der Prinz aber erzählte dem Wesir alles, was ihm widerfahren, von Anfang bis zu Ende, und befahl seinen Dienern, den Laden zu schließen.

Als der Wesir dies hörte, sagte er: »Mein Sohn, wenn du aber in den Garten gehst und sie dich sieht und nicht gut aufnimmt, was willst du dann tun?« Er antwortete: »O Wesir! es bleibt mir dann nichts übrig, als mein Leben zu wagen, sie mitten aus ihren Dienern herauszureißen, hinter mir auf mein Pferd zu setzen und mit ihr in die Wüste zu fliehen. Entkomme ich, so habe ich meinen Zweck erreicht, wo nicht, so bin ich dieses schlechte Leben los.«

Der Wesir sprach: »Mein Sohn, das kann nicht gut enden, du bist allein mit mir, wir sind hier fremd und dieses Land ist sehr weit von dem unsrigen entfernt; wie kannst du so etwas gegen einen der mächtigsten Könige der Zeit unternehmen, der über hunderttausend Zügel zu gebieten hat; könntest du auch seinen Truppen entkommen, so würden die Bürger dir im Wege sein; so darf ein verständiger Mann nicht handeln.« Der Prinz entgegnete: »Was ist denn zu tun, Herr? mein Schicksal reißt mich dahin.« Der Wesir sagte. »Wir wollen morgen in den Garten gehen und sehen, wie er ist und was mit dem Wächter angefangen werden kann.« Sie brachten mit diesem Entschluss die Nacht zu. Als Gott einen schönen Morgen heranleuchten ließ, stand der Wesir auf und nahm den Prinzen mit nach dem Garten; vorher steckte er tausend Dinare zu sich.

Als sie nach dem Garten kamen, sahen sie hohe Mauern, viele Bäume und Bäche; Blumen dufteten, Vögel sangen und Früchte waren in Menge da, wie in den Gärten des Paradieses. An der Ur saß ein alter Mann. Als er sie sah, stand er vor ihnen auf und grüßte sie, sie aber erwiderten seinen Gruß. Er sprach zu ihnen: »Braucht ihr etwas, womit ich die Ehre haben kann, euch aufzuwarten?« Der Wesir antwortete: »Wisse, o Alter! wir sind hier fremd, es ist uns sehr heiß, und unsere Wohnung ist weit von hier am anderen Ende der Stadt; sei also so gut, nimm dieses Geld und kauf uns etwas dafür zu frühstücken, öffne uns den Garten, und führe uns auf einen schattigen Platz, wo wir uns abkühlen können, bis das Essen kommt; wenn wir ausgeruht haben, so gehen wir wieder unseres Weges.«

Der Wesir dachte, auch in einer solchen Stunde nützt das Geld dem etwas, der es hat; er griff daher in die Tasche und nahm einen goldnen Dinar heraus, der fünf Mithkal wog, steckte ihn dem Alten in die Hand und sagte: »Kaufe dafür deinen Kindern etwas!« Derselbe war schon siebzig Jahre alt und hatte niemals in seiner Hand etwas Gelbes gesehen als Limonenschalen. Als er daher den Dinar sah, flog sein Verstand davon. Er machte sich auf, öffnete ihnen die Türe und führte sie in den Garten unter einen großen schattigen Baum, neben dem Wasser floss. Dann sagte er ihnen: »Meine Herren! geht nicht ins Innere des Gartens, wegen der Haremstür, die ins Schloss der Prinzessin führt.« Sie erwiderten: »Wir werden nicht von hier aufstehen, bis du wiederkehrst.« Der Wächter ging dann fort und kam nach einer Weile mit allerlei Speisen zurück; sie aßen und tranken, und als sie fertig waren, betrachtete der Wesir den Garten und untersuchte ihn von allen Seiten. Er sah ein altes Schloss mit hohen Mauern, die aber gespalten waren und keinen festen Grund mehr hatten. Der Wesir fragte: »O Alter! wem gehört dieses Schloss und dieser Garten? ist es dein Eigentum, oder hast du es bloß gemietet?«

»Herr, ich bin bloß der Wächter.« Der Wesir fragte abermals: »wie viel Lohn hast du monatlich?«

»Einen Dinar.« Da sagte der Wesir: »Man tut dir Unrecht, besonders wenn du Frau und Kinder zu ernähren hast.« »Herr«, sprach der Alte, »ich habe acht Kinder und ihre Mutter.« Der Wesir sagte: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Ich teile deine Sorgen, o armer Mann! Was sagst du zu dem, der deiner Familie willen dir Gutes erweist?« Der Alte antwortete: »Was du auch mir tuest, mag Gott gefällig und dir selbst zum Besten werden.« Da sagte der Wesir: »Sieh, Alter, in diesem so schönen Garten steht ein altes, zerfallenes Schloss, das sich gar schlecht ausnimmt; ich will es ausbessern, frisch weißen, hübsch anstreichen und meinen Namen auf die Tür schreiben lassen.« Der Alte fragte: »Was ist denn deine Absicht damit?«

»Damit«, antwortete der Wesir, »wenn du oder deine Kinder es sehen, ihr für mich betet und euch meiner zum Besten erinnert; und wenn der Eigentümer kommt und dich fragt, wer das so hergestellt hat, du ihm antwortest: ich war es, Herr, ich wollte mit weißem Gesicht vor dir erscheinen, denn ich hoffte auf deine Wohltaten; und gewiss wird er dir dann die Auslage ersetzen und es wird zu deinem Nutzen ausfallend Er zog hierauf einen Beutel von fünfhundert Dinaren hervor und sagte ihm: »Nimm diesen Beutel, mach es dir bequemer mit deiner Frau und deinen Kindern und sage ihnen, sie sollen nach jedem Gebete uns Gutes wünschen.«

Als der Alte das Gold sah, entfloh sein Verstand. Er warf sich dem Wesir und dem Prinzen zu Füßen, küsste sie und wünschte ihnen Glück. Der Wesir sagte.- »Dein Abschied wird uns wehe tun.« Der Alte fragte: »Wohin gehst du?« Der Wesir antwortete: »Nach Hause.« Der Alte rief wehmütig aus: »So wird sich dieses edle Gesicht von mir wenden? Ich kann eure Trennung nicht ertragen, und ihr habt mir ja versprochen, diesen Ort schöner herstellen zu lassen.« Der Wesir antwortete: »So Gott will, kommen wir morgen früh und trennen uns dann nicht mehr von dir, weder bei Tag noch bei Nacht«, und ging fort. Der Prinz aber fragte: »O Wesir, was ist deine Absicht bei der Herstellung dieses Schlosses?« Er antwortete: »Ich habe etwas im Sinne, das du, so Gott will, später erfahren sollst und worauf unser Wohl beruht.«

Am folgenden Morgen ging der Wesir zu dem Obersten der Maurer und Anstreicher und forderte von ihnen die beste Arbeit, die in der Stadt zu finden sei. Zu den Maurern sagte er: »Streicht dieses Haus schön weiß an.« Als dies geschehen war, gab er ihnen den Lohn und schickte sie fort. Er ließ hierauf die Maler kommen und sagte ihnen. »Heute ist der Tag, wo wir eurer bedürfen; hört nun meinen Plan. Wisset, ihr Gelehrten! ich schlief eines Tages in diesem Garten und sah im Traum einen Jäger, der sein Netz auslegte und Weizen streute. Die Vögel versammelten sich um ihn her, um den Weizen aufzulegen; ein Männchen und ein Weibchen waren darunter; nach einer Weile fiel das Männchen in das Netz, und alle Vögel entflohen; das Weibchen aber kam wieder zurück und biss solange am Strick, der den Fuß des Männchens festhielt, bis es ihn losmachte und das Männchen mit ihm davonfliegen konnte. Dies alles geschah, während der Vogelfänger schlief. Als er erwachte, fand er das Netz verdorben, er besserte es wieder aus und streute wieder Weizen. Die Vögel kamen wieder und das Weibchen fiel in den Strick. Als dies die übrigen Vögel sahen, entflohen sie sämtlich mit dem Männchen; der Jäger aber nahm das Weibchen und schlachtete es. Als das Männchen wiederkehren wollte, um das Weibchen zu befreien, stürzte ein Adler über es her, zerriss es und trank sein Blut. Ich wünsche nun, dass ihr meinen Traum mit allen Figuren auf diese Wand malet, mit dem Männchen, wie es später der Adler ergreift und verzehrt. Führt ihr das nach meinem Wunsch aus, so werde ich es bei eurem Lohn nicht genau nehmen, sondern euch reichlich bezahlen.« Sie sagten: »Herr! du sollst unsere Arbeit sehen.« Sie holten allerlei Farben, bemalten das Schloss von innen und außen, und malten in die Mitte, was ihnen der Wesir beschrieben; derselbe war sehr damit zufrieden, denn es war ihm, als habe er den Traum vor Augen. Er dankte ihnen und gab ihnen reichlichen Lohn.

Als später der Prinz kam, um zu sehen, was der Wesir machen lasse, und den Traum der Prinzessin gemalt fand, mit dem Netze, dem Vogelfänger und den Vögeln, wie das Männchen sich verstrickt und vom Weibchen befreit wird, und wie später das Weibchen fällt, und das Männchen, als es zu Hilfe eilen wollte, vom Adler ergriffen wird, der es mit seinen Krallen zerreißt, sein Blut trinkt und sein Fleisch frisst, war er vor Verwunderung ganz außer sich.

Er eilte zum Wesir und sagte ihm: »O Wesir, ich habe ein Wunder gesehen; wenn es mit der Nadel in das Auge geschrieben wäre, so würde es jedem zur Belehrung dienen.« Der Wesir sagte: »Was denn, Herr?« »Ich habe dir den Traum der Prinzessin erzählt, der die Ursache ihres Hasses gegen die Männer war; soeben sah ich diesen nun gemalt wie ein Bild der Wirklichkeit, und außerdem noch etwas, das die Prinzessin nicht gesehen; hätte sie es gesehen, so wäre unser Sieg gewiss.« Der Wesir fragte: »Was war es?« Der Prinz antwortete: »Ich sah, wie das Männchen zurückkam, um das Weibchen zu befreien und ein Adler darüber herstürzte, es zerriss, sein Blut trank und sein Fleisch aß. O hätte doch die Prinzessin den Traum bis zum Ende gesehen, wie das arme Männchen vom Adler ergriffen wurde, daher er das Weibchen nicht befreien konnte.« Der Wesir sagte: »Bei Gott, das ist wunderbare Der Prinz hörte nicht auf, sich zu verwundern und zu bedauern, dass die Prinzessin nicht alles gesehen. Er dachte bei sich: Träume ich am Ende nicht selbst? Der Wesir sagte: »Du hast mich gefragt, was ich mit der Ausbesserung dieses Schlosses wollte, und ich habe dir geantwortet, du wirst schon sehen, so Gott will. Nun, ich selbst habe diese Malerei angeordnet; ich habe den Malern befohlen, das Männchen in den Krallen des Adlers zu malen, damit es die Prinzessin sehe, das Männchen entschuldige und die Männer nicht mehr hasse.« Als der Prinz dies hörte, freute er sich sehr, dankte dem Wesir und sprach: »Ein Mann wie du verdient es, Wesir der Könige zu sein. Bei Gott! wenn ich meinen Zweck erreiche und zu meinem Vater zurückkehre, so muss er dir noch mehr Gutes erweisen und dich mit einem höheren Range bekleidend Der Wesir küsste ihm die Hand und wünschte ihm viel Glück. Dann suchte er den Alten auf und sagte ihm: »Sieh, wie schön dieser Ort nun ist.« Der Alte antwortete: »Eure Hoheit hat dies getan.« Der Wesir sagte ihm weiter: »Wenn deine Freunde dich fragen, wer dies hat machen lassen, so sage nur, du habest so und so viel dafür ausgegeben, damit dir Gutes dafür erwiesen werde.« Der Alte erwiderte: »Gut, ich werde gehorchen.«

Von diesem Tage an verließ der Prinz diesen Ort nicht mehr, beschenkte reichlich den Wächter und trennte sich nicht mehr von ihm, weder bei Tag noch bei Nacht. Das ist's, was diese betrifft; was aber die Prinzessin angeht, so hatte sie, als der Briefwechsel aufhörte, geglaubt, der junge Mann habe die Stadt verlassen; sie freute sich darüber sehr und lebte vergnügt, bis ihr eines Tages ihr Vater ein bedecktes Kästchen schickte. Als sie es öffnete, fand sie Früchte darin und fragte ihre Sklavinnen: »Sind die Früchte ganz reif?« Sie antworteten: »Ja; o möchtest du uns die Vorbereitungen zu dem Spaziergang in dem Garten machen lassen! wir sehnen uns danach.« Sie antwortete: »Wie kann ich das? Gehen wir doch kein Jahr in den Garten, um den Farbenwechsel und die herbstliche Natur zu sehen, zu spielen und uns zu freuen, ohne dass die Amme, die ich schlagen und vertreiben ließ, uns begleitete. Aber bei dem erhabenen Gott! ich sehne mich nach ihr und bereue, was ich ihr getan; sie ist doch immer meine Amme, und ich bin ihr meine Erziehung und lange Dienste schuldig; nur der Zorn hat mich dazu verleitete Als ihre Dienerinnen dies hörten, standen sie alle auf, beugten sich, küssten die Erde vor ihr und sagten: »Bei Gott! Herrin, verzeihe ihr, sei gnädig gegen sie und erlaube ihr, herzukommen.« Die Prinzessin aber sprach: »Bei Gott! das war meine Absicht, ehe ihr es sagtet. Wer von euch geht zu ihr und bringt sie mir her, schon habe ich ein schönes Kleid für sie bereitet?« Da traten zwei Sklavinnen hervor: die eine hieß Balid und die andere Suwad Alein, es waren die angesehensten und der Prinzessin liebste Sklavinnen unter allen, und sagten: »Wir wollen zu ihr gehen und sie hierher bringen.«

Die Prinzessin erlaubte es ihnen; sie gingen daher fort, nachdem sie ihre kostbarsten Kleider angezogen hatten, und klopften an dem Hause der Alten. Diese kam zu ihnen heraus, erkannte sie sogleich und drückte sie in ihre Arme, freute sich mit ihnen und erwies ihnen viele Ehre, denn sie wusste, wie hoch sie bei der Prinzessin standen. Als sie sich niedergelassen hatten, sagten sie: »O Amme! die Prinzessin hat dir verziehen, und bereut, was geschehen; sie sehnt sich wieder nach dir, denn sie erinnert sich der Erziehung, die du ihr gegeben, und der Zärtlichkeit, die du für sie hattest. Sie hat daher befohlen, dich mit Ehre zu ihr zurückzubringen, und schon hat sie ein schönes Kleid für dich bereitgelegt, das nur für dich passt. Komm also mit zu ihr.« Die Alte sprach: »Das kann nie sein und müsste ich den Todeskelch trinken. Wie kann ich zu ihr zurückkehren, nachdem sie mich vor meinen Freunden und Feinden so behandeln ließ, dass ich in meinem Blute schwamm und beinahe starb; ließ sie mich nicht wie eine Hündin an den Füßen zum Schloss hinausschleppen! Bei Gott! ich werde nie zu ihr zurückkehren, noch sie mehr bedienen, selbst wenn sie meine Augen mit Gold und Silber füllte!« Die Sklavinnen sagten ihr: »O Amme; das ist nicht schön von dir; wir sind nun einmal deshalb zu dir gekommen, wo bleibt die Ehre, die du uns schuldig bist? Bedenke, wer zu dir gekommen ist! Gibt es eine höhere Person, als wir bei der Prinzessin sind?« Sie antwortete: »Gott, der Allwissende, bewahre mich vor dem schlimmen Satan! Ich weiß, bei Gott, dass ich nicht so viele Ehre verdiene, und dass, wenn die Prinzessin mich nicht wieder auf eine hohe Stufe stellen wollte, sie euch nicht geschickt hätte. Aber immerhin werde ich in einem schlechten Ansehen bei ihren Dienern und Sklavinnen stehen, während früher der erste unter ihnen vor Angst starb, wenn ich ihn nur anschrie.« Eine der Sklavinnen erwiderte: »Höre meinen Rat! Wisse, das Sprichwort sagt: Küsse die Hand, die du nicht beißen kannst! Bedenke daher, dass die Prinzessin noch jung und rasch ist; wenn sie aufgebracht wird, so wird sie dir andere Boten schicken, dich mit Gewalt holen und umbringen lassen: wer kann es ihr verbieten; wenn wir zurückkommen und ihr sagen, du wollest nicht kommen, so würde es dir gewiss nicht gut gehen. Komm also mit uns und sträube dich nicht länger.«

Als die Alte diese Worte hörte und sie wahr fand, sagte sie: »Bei Gott! wäret ihr nicht gekommen und ständet ihr nicht in so hohem Ansehen, ich wäre nicht zu ihr zurückgekehrt, und hätte sie mich auch umbringen lassen.« Sie dankten ihr; die Alte aber machte sich sogleich auf und ging mit ihnen. Als sie zur Prinzessin kam, blieb sie in einiger Entfernung stehen, sah sie an und sprach: »Bei Gott! meine Gebieterin, ich verdiene nicht so viel Ehre; die Schuld ist auf meiner Seite und die Großmut auf der deinigen.« Die Prinzessin aber sprach: »Bei Gott, o Amme! dein Ansehen ist groß bei uns, ich bin dir meine Erziehung schuldig; doch du weißt, Gott hat drei Dinge geschaffen, die er unter die Menschen verteilt hat: den Charakter, die Lebensnotdurft und den Tod; der Mensch kann nichts daran verbessern. So konnte ich mich auch nicht beherrschen und meinen Zorn zurückhalten; aber bei Gott, o Amme! ich bereue, was ich getan.« Die Amme stand nun auf und küsste die Erde vor ihr, die Prinzessin aber ließ ein schönes Kleid bringen, überreichte es der Amme, und alle Diener und Sklavinnen freuten sich. Als dieses Gespräch zu Ende war, sagte die Prinzessin: »Wie steht's mit den Früchten? Ich glaube, die in unserem Garten sind reif.« Da sagte die Alte: »O Herrin, es ist nun die Zeit, in der wir jedes Jahr in den Garten gehen; ich will mich heute erkundigen und euch Antwort bringen.« Sie nahm dann wieder einen noch ehrenvolleren Platz ein, als früher. Sie ging sogleich zum Prinzen, der ihr freudig entgegenkam und sie umarmte. Seine Augen strahlten vor Freude, denn er hatte sie mit Sehnsucht erwartet. Als sie sich niedergelassen, erzählte sie ihm, was zwischen ihr und der Prinzessin vorgefallen, wie sie von ihr beschenkt worden, und dass sie nun morgen oder übermorgen in den Garten gehen wolle. Sie fragte ihn, ob er, wie sie ihn geheißen, dem Wächter Geschenke gemacht. Er antwortete: »Ja, er ist mein Freund.« Er erzählte auch, was der Wesir getan und wie er den Traum der Prinzessin habe malen lassen.

Als die Alte diesen Plan hörte, gefiel er ihr, und sie freute sich sehr; sie sagte: »Bei Gott! weise diesem Freunde eine Stelle mitten in deinem Herzen an; denn diese Handlung beweist, dass er viel Verstand hat und gut zu raten versteht; das ist das Werk eines Fürsten und wird dich zum Ziele führen. Nun, mein Sohn, mache dich sogleich auf, geh ins Bad und ziehe deine schönsten Kleider an, denn es bleibt uns kein anderes Mittel mehr; gehe zum Wächter und mache, dass er dich in den Garten lässt. Bist du einmal darin, so suche ein Mittel, dass er dir darin zu übernachten erlaubt. Tue das aber gleich; denn hört einmal der Wächter, dass die Prinzessin in den Garten kommt, so darfst du ihm die ganze Welt schenken, er wird dich nicht eintreten lassen, aus Furcht, sie möchte ihn umbringen lassen, und man könnte es ihm gar nicht übel nehmen. Kämpfe nur dafür, dass du im Garten übernachten darfst, und müsstest du ihn mit allem, was du besitzt, bestechen. Hast du dies erlangt, so verbirg dich im Garten an dem und dem Platze, bis du mich rufen hörst: O du mit verborgenen Reizen, befreie mich von meiner Furcht. Tritt alsdann hervor und zeige deine Schönheit; vielleicht, wenn sie dich sieht, wird ihr Herz dich lieben, du erreichst dein Ziel und deine Qual hat ein Ende.« Der Prinz versprach, ihr zu gehorchen, gab ihr einen Beutel mit fünfhundert Dinaren und sprach: »Verrichte deine Geschäfte damit.« Sie schwor, sie werde ihn nicht nehmen; der Prinz aber bestand darauf, sie müsse ihn nehmen; sie nahm ihn daher und kehrte wieder zur Prinzessin zurück. Der Prinz ging dann ins Bad und zog sein schönstes Kleid an, wie es nur die größten Könige tragen. Seine Wangen waren rot, seine Augen strahlten Liebe, seine Lippen schmachteten, er neigte sich lieblich hin und her mit seinem schönen Wuchs und er war von allen Seiten vollkommen schön. Er steckte dann 1000 Dinare zu sich und ging nach dem Garten. Als der Wächter ihn sah, freute er sich sehr, stand vor ihm auf, bewillkommte und grüßte ihn. Der Prinz stellte sich zornig; er fragte ihn daher, was er habe. Der Prinz antwortete: »O Scheich! ich wurde zu jeder Zeit bis auf den heutigen Tag von meinem Vater geliebt und in Ehren gehalten; heute aber hatten wir einen Wortwechsel, er schimpfte und schalt auf mich, schlug mich mit einem Stock und jagte mich aus dem Hause. Da ich nun keinen Freund und keinen Verwandten habe, an den ich mich wenden könnte, denn ich bin ja hier fremd und fern von meiner Familie, da ich ferner dachte: Wenn ich mich fremden Leuten anschließe, so wird mein Vater noch aufgebrachter gegen mich werden und die Sache wird schlimme Folgen haben, denn er ist ein sehr misstrauischer Mann und würde leicht irgendeine Tücke des Schicksals befürchten: so schwor ich, mit keinem von Gottes Geschöpfen Freundschaft anzuknüpfen, und kam zu dir, o mein Onkel! Weil mein Vater dich als einen guten Mann kennt, damit du mir den Garten öffnest, dass ich bis abends darin verweile und darin übernachte, bis Gott zwischen mir und meinem Vater Frieden machen wird, und er erfahre, dass ich mit niemanden Freundschaft angeknüpft und nur im Garten geschlafen habe.«

Als der Alte dies hörte, schmerzte es ihn sehr, und er sagte: »Herr, ich will zu deinem Vater gehen und zwischen euch den Frieden herstellen.« Der Prinz aber sprach. »Mein Vater hat eine unerträgliche Heftigkeit, und wenn du dich ihm in der Hitze seiner Leidenschaft vorstellst, so wird er sich nicht bereden lassen, weder von dir, noch von sonst jemanden: ich kenne ihn zu gut. Sind aber ein paar Tage vorüber, so wird er sich besänftigen lassen, und wenn du zu ihm gehst, so wird er dir Gehör geben.« Der Alte sagte.- »Ich bin bereit zu gehorchen; doch geh mit mir in mein Haus, du kannst bei meiner Frau und meinen Kindern übernachten; dein Vater kennt mich ja und weiß, dass ich ein alter Mann bin, der Familie hat und wird es nicht übel nehmen.« Der Prinz sagte: »Ich werde nirgends als in diesem Garten allein schlafen.« Der Alte versetzte: »Bei Gott! Herr, es tut mir leid, dich allein hier schlafen zu lassen, während ich bei meiner Familie übernachte.« Der Prinz aber wiederholte: »Ich tue das absichtlich, um meines Vaters Verdacht zu zerstreuen; ich weiß, dass ich dadurch sein Herz wieder gewinnen werde.« Da sagte der Alte: »So will ich dir ein Bett bringen, worauf du schlafen kannst«, und der Prinz antwortete: »Das kann nichts schaden.« Der Alte öffnete ihm die Türe, führte ihn in den Garten und brachte ein Stück Bett und eine Decke, denn er wusste noch nicht, dass die Prinzessin in den Garten kommen wolle. Das ist was ihn betrifft; was aber die Alte angeht, so ging diese zur Prinzessin und sagte ihr, die Früchte seinen reif. Die Prinzessin sprach: »Nun, so wollen wir nach unserer Gewohnheit in den Garten spazieren gehen, und zwar morgen, so Gott will; benachrichtige nur den Wächter davon.« die Amme schickte nach ihm, und als er kam, sagte ihm die Prinzessin: »Wir wollen in den Garten gehen; schaffe also alle deine Diener hinaus, lass kein Geschöpf Gottes im Garten und mache ihn recht rein.« Der Wächter sagte: »Ich habe gehört und gehorche«, ging zum Prinzen und sprach zu ihm: »Mein Sohn, die Prinzessin hat nach mir geschickt und mir gesagt, ich solle niemanden im Garten lassen, denn sie wird ihn mit ihren Sklavinnen besuchen; überlege nun, was du beginnen willst, Herr.« Der Prinz entgegnete: »Ist dir jemals durch uns etwas Unangenehmes zugestoßen?«

»Nein, bei Gott, Herr, nichts als Wohltaten und Geschenke.«

»Nun, so wird dir auch in Zukunft nur Gutes durch uns zuteil werden. Ich will mich im Garten verbergen, dass kein Mensch und kein Djinn mich sehen soll, bis die Prinzessin ihn wieder verlässt.«

»Wenn sie dich, oder nur deinen Schatten sieht, lässt sie mir den Kopf abschlagen - »Ich will mich so verbergen, dass kein Mensch mich sehen soll; sei nur guten Mutes.« Bei diesen Worten reichte er ihm hundert Dinare und sagte: »Gib das aus und mache es deiner Familie bequem; lass dir wohl sein: Alles wird nur zu deinem Besten gereichen Als der Alte die hundert Dinare sah, wurde ihm leicht zu Mute; er warnte daher den Prinzen noch einmal, sich gar nicht zu zeigen, und ging fort.

Als es früh Morgens war, kamen die Diener und Sklavinnen zur Prinzessin; sie befahl ihnen, die Türe zu öffnen, die vom Schloss in den Garten führte, zog die kostbarsten königlichen Kleider an, aus Seidenstoffen mit Gold gestickt, mit Perlen und Rubinen usw. besetzt. Sie war so schön, dass sie Sonne und Mond beschämte. Auf ihrem Kopf trug sie eine Krone von frischer Aloe, mit Gold und Juwelen besetzt; sie legte ihre Hand auf den Hals der Alten, um durch die geheime Ihr in den Garten zu gehen. Da sah die Alte den Garten voll mit Dienern und Sklavinnen und sagte zur Prinzessin: »O meine Gebieterin! ist das ein Garten oder ein Spital?« Die Prinzessin fragte: »Was willst du damit sagen, o Amme?« Diese antwortete: »Der Garten ist so mit Dienern und Sklavinnen angefüllt; es sind etwa fünfhundert Diener und fünfhundert Sklavinnen da, die essen die Früchte, trüben die Bäche, verscheuchen die Vögel und stören uns in unseren Spielen und Spaziergängen; was bedarfst du ihrer? Gingest du von deinem Schloss auf die Straße, so würde deine Würde dieses Gefolge notwendig machen; hierher kamst du jedoch durch die geheime Tür, und kein menschliches Geschöpf Gottes sieht dich hier.« Die Prinzessin sagte: »Bei Gott, o Amme! du hast recht; doch was ist zu tun?« Die Amme antwortete: »Ich will die Diener und Sklavinnen wegschicken.« Dies geschah, und es blieben nur ihre zwei liebsten Sklavinnen bei ihr.

Als die Alte nun Zeit und Ort günstig fand, sagte sie: »Komm, jetzt können wir hübsch spazieren gehen, meine Gebieterin.« Die Prinzessin machte sich auf, legte ihre Hand auf die Schultern ihrer Amme, die zwei Sklavinnen aber gingen voraus und klatschten mit den Händen; die Prinzessin lachte mit ihnen und wiegte sich im Gehen. Die Alte führte sie herum und scherzte mit ihr, zeigte ihr die Bäume, reichte ihr Früchte und machte sie auf das Zwitschern der Vögel aufmerksam, bis sie an das alte Schloss kam. Als die Prinzessin dieses Schloss hübsch neu fand, sprach sie: »O Amme, ich sehe dieses Schloss wieder fest gemauert und die Wände und Altane frisch angestrichen und glänzend bemalt.« Die Alte sagte: »Bei Gott! meine Gebieterin, du erinnerst mich wieder an das, was ich vergessen hatte. Ich habe nämlich von einem Kaufmann gehört, der Wächter habe Waren von ihm gemietet, sie verkauft und mit dem erlösten Geld dieses Schloss wieder aufbauen und malen lassen. Ich sah, wie der Kaufmann sein Geld von dem Wächter forderte, und hörte diesen sagen: Wenn die Prinzessin in den Garten kommt, will ich dich bezahlen. Ich fragte ihn hierauf: Warum hast du das Schloss hergestellt? und er antwortete: Bei Gott! ich sah den Grund ganz zerfallen und die Mauern gespalten.« Die Prinzessin sprach: »Hast du ihn nicht gefragt, was er dabei beabsichtigte Die Alte antwortete: »Ich habe ihn gefragt, und er hat mir gesagt, er wolle den Platz recht schön machen lassen, und erwarte dafür den Lohn von dir, Prinzessin, die die Güte selbst sei; er hatte wohl keinen anderen Zweck, als die Hoffnung auf deine Gnade und Wohltaten.« Die Prinzessin sprach: »Bei Gott! er hat etwas Gutes getan; durch das Aufbauen dieses Schlosses ist der ganze Platz verschönert; wie glänzen nun die Mauern und wie hübsch sieht das aus! Wir wollen ihm auch seinen schönen Lohn dafür geben.« Sie befahl hierauf einer Sklavin, hundert Dinare herbeizuschaffen, und schickte die Amme nach dem Wächter. Als sie zu ihm kam, sagte sie: »Die Prinzessin will dich sprechen.« Als er dies hörte, fürchtete er sich sehr, denn er dachte bei sich selbst: Die Prinzessin hat den jungen Mann gesehen; bei Gott! dies ist ein Unglückstag für mich. Er nahm weinend von seiner Familie Abschied und ging zur Prinzessin mit blassem Gesicht und so heftig zitternd, dass er fast umfiel. Als die Alte dies merkte, kam sie ihm zuvor und sagte: »O Scheich, küsse die Erde, danke dem erhabenen Gott und bete für die Prinzessin! Gott bewahre ihre Unschuld und mache ihr im Himmel ihre Rechnung leicht! Ich habe ihr gesagt, wie du Schulden gemacht hast, um dieses Schloss herzustellen, darum beschenkt sie dich auch mit hundert Dinaren, nimm sie von ihrer Sklavin, bete für sie und küsse die Erde vor ihr.« Als der Alte diese Worte hörte, küsste er die Erde vor der Prinzessin, nahm die hundert Dinare und ging vergnügt nach Hause; seine Leute aber freuten sich mit ihm, und sie beteten zusammen für den, der die Ursache von allem war. Das ist's, was diese betrifft. Die Alte aber sagte zur Prinzessin: »Bei Gott! Herrin, nun ist dieser Ort einer der schönsten, die es gibt; komm, wir wollen uns ein wenig im Schloss umsehen.« Sie gingen dann miteinander ins Schloss, wo die Prinzessin die schöne Malerei bewunderte und sich nach allen Seiten umsah, bis ihr Blick auf den gemalten Traum fiel; sie betrachtete ihn lange und sah immer danach hin; die Amme aber, die dies bemerkte, nahm die zwei Sklavinnen zu sich, damit sie nicht störten. Als die Prinzessin den ganzen Traum bis zu Ende gesehen hatte, wendete sie sich zur Alten und sprach: »O meine Amme! sieh einmal hier etwas; wenn es mit einer Nadelspitze aufs Auge gegraben wäre, so könnte jeder sich daran belehren.« Die Alte fragte: »Was ist's, meine Gebieterin?« Diese antwortete: »Habe ich dir nicht einst einen Traum erzählt, der die Ursache meines Hasses gegen die Männer war?«

»Ja, Prinzessin«, sagte die Alte, »du tatest es.«

»Nun«, versetzte diese, »komm und sieh dich einmal hier um und sag mir dann, was du gesehen.« Die Alte betrachtete die Malerei, ging erstaunt zur Prinzessin und sagte ihr: »Meine Gebieterin, hier ist der Traum im Garten, wie du ihn beschrieben hast, mit dem Vogelfänger, dem Netz und den Vögeln. Doch ich bewundere weder die Malerei, noch den Traum, sondern nur den Maler, der ihn nicht besser hätte zeichnen können, wenn du ihm ihn selbst erzählt hättest. Bei Gott! das ist wunderbar. Der Engel, der über Menschen und andere Geschöpfe wacht, hat wohl gehört, wie wir das Männchen mit Unrecht anklagten, dass es nicht zum Weibchen zurückkehrte, um es zu befreien; er hat daher diesen Traum hergemalt, um die Unschuld des Männchens zu beweisen und zu zeigen, was die Bestimmung über das Männchen verfügt.«

Die Prinzessin sprach: »Nun ist es entschuldigt, und wir denken nichts Böses mehr von ihm.« Die Alte sagte: »O meine Gebieterin! es gibt nichts Zärtlicheres auf der Welt, als ein Männchen gegen sein Weibchen, bei allen Geschöpfen Gottes, besonders aber bei den Menschen. Oft hungert der Mann, um die Frau zu speisen, er bleibt nackt, um sie zu kleiden, erzürnt lieber seine Eltern, um sie zu befriedigen; sie fällt ihm an die Brust und er umarmt sie, sie können nicht mehr getrennt leben, er wird ihr dann teurer als ihre Familie und Kinder. So war einst ein König, der seine Frau so sehr liebte, dass, als sie starb, er aus Liebe sich mit ihr beerdigen ließ. So starb auch einst ein König, und als man ihn beerdigen wollte, sagte seine Frau zu ihren Leuten: »lasst mich mit ihm das Grab teilen, wenn ihr nicht wollt, dass ich mich töte! Als sie sahen, dass sie dies ernstlich wollte, zogen sie ihr die hübschesten Kleider und den reichsten Schmuck an, und aus Liebe begrub sie sich selbst mit ihm.«

Die Alte fuhr dann fort, ihr von den Männern und Frauen zu erzählen, bis aller Männerhass im Herzen der Prinzessin verschwunden war, und sie sprach: »O meine Amme! der arme Vogel, wir haben ihm Unrecht getan, und seinetwillen alle Männer gehasst; nun sehen wir, dass er unschuldig war. Bei Gott, ich will die Männer nicht mehr hassen.«

Als die Alte merkte, dass kein Männerhass mehr im Herzen der Prinzessin geblieben, sagte sie: »Wir haben uns nun hier genug umgesehen: nun lass uns auch im Garten zwischen den Bäumen spazieren gehen.« Die Prinzessin machte sich auf, ging mit ihr, und man konnte so recht ihre Schönheit, Liebenswürdigkeit, ihren hübschen Wuchs und das Ebenmaß ihrer Glieder bewundern, als ein Blick des Prinzen auf sie fiel. Er starrte sie an und verlor seine Besinnung; seine Liebe zu ihr erreichte die höchste Stufe und er fiel ohnmächtig hin. Als er wieder zu sich kam und die Prinzessin verschwunden war, seufzte er tief. starb fast vor Sehnsucht und sprach folgende Verse:

»Als meine Augen ihre Reize sahen, wurde ich Liebesgefesselter ohnmächtig. Ich wurde wie ein Toter, der auf der Erde liegt, und meine Geliebte wusste nichts davon. Sie ging fort und zerstörte ein Herz, von Liebe gebunden; o dürfte ich doch nur ihr Sklave sein! O Herr! vereinige uns bald und verschaffe mir Hilfe durch meine Geliebte, ehe ich ins Grab steige. Ich werde nicht aufhören, sie zu lieben, bis sie mich tötet; vielleicht wird sie dann Mitleid mit mir haben und mich wieder ins Leben zurückrufen. Ich komme ihr zehn- und zehnmal entgegen, um ihretwillen ertrage ich Sehnsucht und Liebespein. O hilf mir durch ihre Liebe; denn, lebe ich ohne Hoffnung, so reicht mir die Liebe den Todeskelch. Tränen fließen stets aus meinen verwundeten Augen, die der Blindheit nahe sind. Ich kenne keinen Schlaf in den langen Nächten, ich durchwachte sie lieber, in meine Liebe vertieft. Selbst meine Feinde haben Mitleid mit mir, wenn sie den Gram sehen, den mir die Trennung verursacht. Wenn nur die Zeit einen einzigen Tag der Vereinigung brächte, gern wollte ich ihr mein Leben geben und ihr Sklave werden. Gott beschütze die Vereinigungstage und ihre Süßigkeit! und es lebe die Zeit, die mein Verlangen stillt.«

Die Alte führte die Prinzessin auf allen Seiten des Gartens umher, bis sie wieder an die Stelle kamen, wo der Prinz verborgen war. Da rief sie: »O du mit verborgenen Reizen! befreie mich von meiner Furcht.« Als der Prinz diese Worte vernahm, verließ er die Stelle, wo er verborgen war, und trat in seiner ganzen Schönheit und in der Anmut seines Wesens zwischen den Bäumen hervor, so dass seine Schönheit den Mond beschämte. Die Prinzessin ging eben majestätisch einher, als ihr schöner Blick auf den Prinzen fiel. Sie betrachtete ihn lange, wie seine Augen die Sprache der Liebe redeten, wie seine Augenbrauen sich wölbten und seine Wangen sich färbten; sie fand ihn so schön, anmutig und hübsch gewachsen, dass sie ihren Verstand verlor, und die Pfeile seiner Augen ihr Herz verwundeten. Sie wandte sich zur Alten und sagte ihr: »O Amme! woher kommt dieser schöne Jüngling mit wunderschönem Wuchs, gleich dem Vollmond oder einem Licht in der Dunkelheit?« Die Alte fragte: »Wo ist er?« Die Prinzessin erwiderte: »Hier in unserer Nähe zwischen den Bäumen.« Die Alte sah sich rechts und links um, als wüsste sie von nichts. Dann sprach die Prinzessin: »Wie mag er in den Garten gekommen sein?«

»Ich weiß nicht.«

»Wer ist wohl dieser junge Mann?«

»Meine Gebieterin! er ist der, der die Briefe schickte.«

»Bei Gott, meine Amme, er ist ein sehr hübscher Mann, es gibt auf der ganzen Erde keinen schönern; ist er wohl noch wie er war, oder hat er sich veränderte - »Bei Gott, meine Gebieterin, ich bin ihm vor drei Tagen erst auf der Straße begegnet, grüßte ihn und fragte nach seinem Befinden; er aber erwiderte mir: Gott war mir gnädig, und hat mir gegen alles dieses Kraft gegeben, d. h. gegen die Liebe, Sehnsucht und Verzweiflung. Es ist ihm, als hätte er sie nie gekannt, und es fällt ihm gar nichts mehr davon ein, gelobt sei Gott!«

Als die Prinzessin dies hörte, beugte sie den Kopf lange zur Erde; die Liebe bemächtigte sich ihres Herzens, es pochte heftig und sie sprach: »O Amme! vielleicht ist es später anders mit ihm geworden, oder vielleicht hat er die Wahrheit nicht gestandene Die Alte antwortete: »Bei Gott! ich habe ihm gesagt, so lang die Geliebte nicht erhört, dauert Liebe fort; er aber hat nur erwidert: Bei Gott! mein Herz denkt nicht mehr daran, denn der erhabene Gott hat meine Liebe in Hass verwandelt.« Die Prinzessin schwieg und machte sich Mut, dies half jedoch nichts, denn sowie sie wieder einen Blick auf den Prinzen warf, brachten sie seine Schönheit und anmutsvolle Gestalt in Verwirrung, und sie sprach: »O Amme, winke ihm mit der Hand, dass wir ihn näher sehen.« Die Alte antwortete: »Er wird nicht wollen und mich nicht anhören.«

Die Prinzessin beugte dann beschämt ihren Kopf zur Erde und enthielt sich weiterer Bitten, das Feuer der Leidenschaft aber raste in ihrem Inneren. Doch machte sie sich stark, um wieder einen Blick auf ihn zu werfen; sie wurde jedoch abermals von der Liebe besiegt, die Pfeile seiner Augen trafen sie und sie verlor ihre Stärke. Sie ergriff dann die Hand der Amme und sagte: »In meinem ganzen Leben bedarf ich deiner zum ersten Male, und du versagst mir deine Hilfe?« Die Amme antwortete: »Bei Gott, meine Gebieterin, es ist kein schlechter Wille; gibt es für die Sklaven eine größere Freude, als ihrer Herrin willfahren zu können? Ich fürchte, er wird mich beschämen und meine Bitte nicht anhören, ich möchte lieber sterben, als mit einer schnöden Antwort zu euch zurückkehren. Doch ich will zu ihm gehen und in ihn dringen.«

Mit diesen Worten ging sie zum Prinzen, der die Prinzessin lachen gesehen hatte, und sagte ihm: >,Die Prinzessin ist von einer unauslöschlichen Flamme ergriffen, komm nur zu ihr und klage ihr deine Lage. Die Tage des Briefwechsels sind nun vorüber, jetzt kommen die der Vereinigung und der Vorwürfe.« Der Prinz machte sich auf, außer sich vor Freude wegen der guten Botschaft; er glaubte zu träumen und wollte sogleich mit der Alten zur Prinzessin gehen. Die Alte aber sagte: »Halt, du gehst noch nicht mit, sie muss zu dir kommen; denn nun ist die Reihe an ihr, um Liebe zu flehen.« Der Prinz sagte im Übermaß seiner Liebe und in der Heftigkeit seiner Flamme: »lass mich doch zu ihr gehen und ihr meine Aufwartung machen.« Die Alte aber versetzte: »Folge nur meinem Rat und bleibe hier ruhig sitzen.« Der Prinz gehorchte ihr ungern, und die Alte kehrte allein zurück.

Als sie der Prinzessin nahe war, sprach diese: »O Amme, ich sehe dich mit kaltem Gesicht zurückkehren.« Die Alte erwiderte: »Habe ich dir nicht gesagt, er wird mich beschämen und nicht kommen wollen?« Die Prinzessin aber sprach: »Wärest du mit Ernst und ganzem Herzen zu ihm gegangen, er hätte sich nicht geweigert.« Die Alte versetzte: »O meine Gebieterin! als er am Anfang Lust hatte, wünschte er nichts mehr, als dass du ihm gnädig erlauben möchtest, vor dir zu erscheinen; er wäre damals auf den Augen zu dir gegangen, nun aber ist seine Lust vorüber, und du verlangst nach ihm, komm also, wir wollen zu ihm gehen; vielleicht wird er sich vor dir schämen, wenn du selbst zu ihm gehst.« Die Prinzessin sprach: »O Amme, wie kann ich zu ihm gehen? ich bin eine Jungfrau, kenne nur meinen Vater und dich, wie soll ich mich vor einem fremden Jüngling erniedrigen? was soll ich ihm sagen? wie kann sich mein Auge zu dem seinigen erheben? wie meine Zunge ihn anreden? Das kann nie sein, und müsste ich den Todeskelch trinken! Ich weiß kein Mittel und überlasse dir meine Angelegenheit.« Die Amme sagte: »O meine Gebieterin, bei Gott, ich weiß kein anderes Mittel, als dass du zu ihm gehst, und niemand kann dies tadeln. Komm nur mit, ich will vorausgehen und für dich mit ihm sprechen; du brauchst nicht zu erröten.« Die Prinzessin sprach: »Nun, o Amme, so geh mir voran. Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Gott hat das über uns verhängt.«

Die Alte machte sich dann auf und die Prinzessin folgte ihr zum Prinzen, der wie der Vollmond dasaß. Da sagte die Alte: »Junger Mann, sieh einmal, wer vor dir erscheint: es ist die Prinzessin Hajat Alnufus (Seelenleben), die dir entgegenkommt; steh also vor ihr auf!« Der Prinz stand bei diesen Worten auf, und die Alte ließ sie allein. Als sie nun einander gegenüberstanden und ihre Augen sich begegneten, waren beide von Liebe und Sehnsucht trunken; sie umarmten sich, fielen in Ohnmacht, und blieben lange auf der Erde liegen. Da die Alte fürchtete, sie möchten entdeckt werden, trug sie sie ins Schloss und sagte zu den Sklavinnen, die im Garten waren: »Benützt die Zeit zum Spaziergange, denn die Prinzessin schläft;« und so gingen sie wieder fort. Als nun die Liebenden erwachten und sich im Schloss fanden, sprach der Prinz: »Wache oder träume ich?« Sie umarmten sich wieder und klagten einander ihre Liebe und Sehnsucht; dann rezitierte der Prinz folgende Verse:

»Wenn das Licht der Sonne und das Leuchten des Mondes sich begegnen, wird das Firmament verdunkelt; wenn ihre strahlenden Wangen sich zeigen, wird die Morgenröte aus Scham blass; und wenn bei ihrem Lächeln ein Blitz aus ihren Zähnen leuchtet, so wird die dunkle Abenddämmerung heller Morgen. Ihr Wuchs ist so ebenmäßig, dass, wenn sie erscheint, die Zweige des Ban eifersüchtig über sie werden. Der Mond besitzt nur einen Teil ihrer Reize, die Sonne wollte sie anfechten, konnte aber nicht. Wo hat die Sonne Hüften, wie sie die Königin meines Herzens hat? Wer besitzt gleich ihr solche schöne Form und solch herrliche Tugenden? Kein Liebender kann je ihrer Liebe widerstehen, mein Auge und mein Herz bezeugen es einstimmig! An sie war mein Herz durch Liebe gefesselt; schmachtet nicht jedes Herz vor Verlangen nach ihr?«

Als er diese Verse vollendet hatte, drückte sie ihn an ihre Brust und küsste ihn zwischen die Augen und auf den Mund. Dies gab ihm neues Leben. Dann klagte er ihr, was er gelitten vor heftiger Sehnsucht und tiefer Liebespein, Verzweiflung und Schlaflosigkeit in dunkler Nacht; wie ihn ihre Hartherzigkeit und lange Trennung geschmerzt. Als sie diese Worte hörte, küsste sie ihm Hände und Füße und sprach: »O Geliebter meines Herzens, o höchstes Ziel meiner Wünsche! die Trennung höre auf, Gott lasse sie nie mehr wiederkehren und mich alles Schlimme statt deiner treffen; er erhöre alle deine Wünsche. Wie leid tut mir, dass wir so viel Zeit verloren, ohne uns zu sehen. Welches Herz kann deine Entfernung ertragen? Wen erfüllt nicht mit Wonne die Süßigkeit deiner Umarmungen? Heftige Liebe hast du in mir erregt und eine heiße Flamme in meinem Busen angeschürt.« Mit diesen Worten drückte sie ihn an ihre Brust und sprach noch folgende Verse:

»O du, der Mond und Sonne beschämt! Deine Anmut hat sich meines Herzens mit Gewalt bemächtigt, das Schwert deiner Blicke durchschneidet mein Inneres und ich weiß ihm nicht zu widerstehen. Ziehe den Bogen deiner Augenbrauen zurück, der mein Herz blutig getroffen! Deine Wangen und dein Wuchs gleichen einem blühenden Baumzweige mit schönen Früchten, haben mich verführt, so dass ich mich nicht mehr von dir trennen kann. Du hast mich lange gequält und mir schlaflose Nächte verursacht, am öffentlichen Tage wolltest du mich töten! Fern seien alle Schmerzen, verbannt die Trennung und stets freudig das Wiedersehen! O habe Mitleid mit einem zerrissenen Herzen, das, o Geliebter, deinen Schutz anfleht!«

Als sie ihre Verse vollendet hatte, wurde ihre Liebe entflammt, sie vergoss viele Tränen, schmachtete und war außer sich. Er näherte sich ihr und küsste ihre Füße, weinte und hatte Mitleid mit ihr. Sie sprachen dann miteinander, machten sich Vorwürfe und rezitierten Verse bis zur Asserstunde, als sie an das Weggehen denken mussten. Die Prinzessin sagte ihm: »O Licht meiner Augen und Innerstes meines Herzens, wann sehen wir uns wieder?« Der Prinz, den diese Worte wie ein Pfeil trafen, sprach: »Bei Gott, ich liebe die Trennung nicht, meine Seele verlässt mich.« Die Prinzessin sagte: »Bei deiner hohen Anmut und bei deinem schönen Antlitz! von dem Augenblick der Trennung wird der Schlaf mich fliehen und mein Herz in deiner Liebe versunken bleiben.« Der Prinz aber ging aus dem Schloss. Er wandte sich noch einmal um und sah, wie die Prinzessin viele Tränen vergoss; er musste ebenfalls heftig weinen und sprach folgende Verse:

»O Ziel meines Herzens! meine Flamme wird heftiger. O Leben der Seele! was ist zu tun? Auch wenn du nicht mit mir bist, begnüge ich mich mit deinem Bild im Traum. Dein Gesicht leitet die im Dunkeln Wandelnden wie der leuchtende Mond, während dein schwarzes Haar der Nacht gleicht. Deine Augen verbreiten das Licht des Tages, wenn sie nach den Edlen unter den Männern hinblicken. Ein Kuss von deinen Lippen ist wie Honig und Moschus und gewährt die süßesten Freuden. O Hajat Alnufus! befreie einen Gefesselten und beglücke ihn mit deiner Erscheinung im Traume!«

Als sie diese Verse hörte, umarmte sie ihn wieder und sagte: »Ich schwöre bei dem, der dich durch vollkommene Schönheit ausgezeichnet, dass ich ohne dich in der Mitte meiner Diener und Sklavinnen nicht leben kann; ich habe alle Geduld verloren, mein Herz ist auf heißen Kohlen und es ist mir, als ginge ich ins Grab. Doch die Leute sagen ein Sprichwort: Geduld ist der Schlüssel zur Freude. Wir wollen schon ein Mittel zur Vereinigung ersinnen, so Gott will.« Sie nahm dann Abschied von ihm und ging fort, ohne zu wissen, wohin sie ihren Fuß setzte, vor Liebe und Gram. Als ihr Geliebter aus ihren Augen verschwunden war, wurde ihre Sehnsucht noch heftiger; sie ging in ihr Gemach, immer mit dem Prinzen beschäftigt.

Was den Prinzen angeht, so wuchs auch seine Leidenschaft immer mehr, so dass er die Süßigkeit des Schlafs nicht mehr kostete. Er erzählte dem Wesir, was vorgefallen, und schmachtete immer mehr. Auch die Augen der Prinzessin schlossen sich nicht mehr dem Schlafe, und sie wollte nichts essen. Als Gott den folgenden Morgen zum Guten heranleuchten ließ, schickte sie nach der Alten; als diese kam, fand sie die Prinzessin ganz verändert und fragte nach der Ursache. Die Prinzessin erwiderte: »Das alles ist deine Verführung, mein ganzes Unglück rührt von dir her, wo ist der Geliebte meines Herzens, der meinen Verstand besitzt?« Die Alte antwortete: »Und wann hast du ihn denn verlassen? es ist ja erst eine Nacht seitdem verflossen.«

Die Prinzessin sagte: »O Amme, er ist so schön und liebenswürdig, dass ich gar keine Geduld habe, und ihn weder bei Tag noch bei Nacht, weder des Morgens noch des Abends vergesse; geh also und schaffe uns schnell wieder eine Zusammenkunft, denn ich bin in der schrecklichsten Qual und meine Seele ist dem Tode nahe.« Die Alte sagte: »Habe Geduld, dass wir auf ein Mittel denken, wie die Sache verborgen bleibt, damit deinem Ruf nicht geschadet wird.« Sie antwortete: »Es bleibt nichts mehr zu verbergen übrig, seitdem die Liebe sich meines Herzens bemächtigt hat und meine Neider schadenfroh werden.«

Es sagt der Erzähler: Dann fuhr die Prinzessin fort: »Wenn du uns nicht zusammenbringst, so werde ich dem König sagen, dass du mich verführt hast, und er wird dir den Hals abschlagen lassen; denn wärest du nicht gewesen, so hätte ich doch Ruhe vor allem diesem.« Die Alte entgegnete: »Bei Gott, meine Gebieterin, habe doch nur ein wenig Geduld, denn das ist eine ernste Sache.« Sie flehte dann solange, bis die Prinzessin ihr drei Tage Frist gestattete. Diese aber setzte hinzu: »Wisse, o Amme! dass mir diese drei Tage wie drei Jahre vorkommen, und gehen die vorüber, ohne dass du mir ihn bringst, so lasse ich dich umbringen.« Die Alte ging in ihre Wohnung und überlegte die Sache.

Am folgenden Morgen suchte sie Kammermädchen auf, die ihr Salben und Farben gaben, öffnete eine Kiste, nahm Frauenkleider heraus und ging damit zum Prinzen. Sie klopfte an der Tür; er kam zu ihr heraus, freute sich, sie wieder zu sehen, und fragte sie, wie sie sich befinde? Sie sagte ihm: »Mein Sohn, willst du eine Zusammenkunft mit der Prinzessin haben?« Er antwortete: »Wie soll ich das nicht wünschen, da mein Leben dem Untergang nahe ist?« Sie hieß ihn hierauf seine Kleider ausziehen. Als er dies getan, bemalte und färbte sie ihm Hände und Füße, reichte ihm ein königliches Kleid, putzte ihn wie ein Frauenzimmer auf, gab ihm goldene Armbänder und lehrte ihn, wie er als Frauenzimmer gehen müsse. Er ging eine Weile vor ihr her und glich einer Huri aus dem Paradies. Die Alte freute sich sehr und sagte: »Nun bleibt uns noch eins übrig: du musst nämlich recht herzhaft sein, denn du kommst nun in ein königliches Schloss und wirst viele Diener und Kammerherrn des Königs an der Tür treffen. Wenn du zu schnell gehst, so ist's um uns geschehen. Hast du also nicht den Mut dazu, so sage es, damit ich eine andere List ersinnen kann.« Der Prinz antwortete: »Wisse, mein Vater ist ein Kaufmann, der gewöhnt ist, mit allen Leuten, auch mit Fürsten und Königen, umzugehen; das macht mir gar keine Sorge, sei nur frohen Herzens.«

Als er dies gesagt hatte, ging er voran und sie folgte ihm. Da das Schloss mit Menschen angefüllt war, sah ihn die Alte an, ob er in Verlegenheit gekommen; sie fand ihn aber gar nicht verändert und er glich einer Huri. Sie war froh darüber. Als der Pförtner sie sah, erkannte er sie, da er aber noch ein Mädchen bei ihr erblickte, dem weder die Sonne noch der Mond an Schönheit verglichen werden konnte, sagte er: »Was die Alte betrifft, so ist sie die Amme; was aber die betrifft, die mit ihr geht, so kenne ich niemanden, der ihr gliche, als die Prinzessin, und die lebt zurückgezogen in ihrem Zimmer. Ich möchte doch wissen, wie sie auf die Straße gekommen ist, sie geht ja nie aus.« Er stand dann auf, um die Wahrheit zu erforschen, ihm folgten etwa dreißig Diener mit gezogenen Schwertern. Als die Alte dies sah, sprach sie: »Ich bin Gottes und kehre zu ihm zurück, es ist um uns geschehend Der Pförtner erinnerte sich indessen der Strenge der Prinzessin, ihn überfiel die Furcht, und er dachte: gewiss hat ihr der König erlaubt auszugehen, und zwar nach ihrem Wunsch, ohne dass jemand etwas davon wisse, was liegt mir daran; und so kehrte er wieder mit seinen Dienern um. Die Alte aber ging mit dem Prinzen immer vorwärts, und so oft sie jemanden begegnete, grüßte sie ihn mit dem Kopfe.

So kamen sie nun von einer Pforte zur andern, bis sie endlich an die siebente kamen, welche in das größte Schloss führte, wo des Königs Thron war, von wo aus man zu des Königs Gemächern gelangte. Es sagt der Erzähler: Als sie hier angelangt waren, blieb die Alte stehen und sagte: »Mein Sohn! nun kommen wir in das königliche Schloss und wir müssen durch viele Gemächer gehen, ehe wir in das der Prinzessin kommen; dieser Weg ist gefährlicher als der, den wir zurückgelegt, und wir kommen nicht gut durch, bis es dunkel geworden ist, und uns der Aufseher nicht mehr bemerkt.« Der Prinz sagte: »Du hast recht; doch sind wir nun hier, hast du das nicht vorher berechnete Sie antwortete: »Fürchte nichts; ich weiß hinter dieser Tür eine tiefe Höhle mit einer Falltür, wo es sehr finster ist; ich will dich hinunterlassen, und wenn es Nacht wird, wieder herausholen, dass wir weitergehen; und der uns im Anfang beschützt hat, wird uns auch am Ende beschützen.« Der Prinz sagte: »Tu, was du willst.«

So ließ sie ihn dann in die Grube hinunter und verließ ihn bis abends, holte ihn dann wieder herauf und führte ihn durch die Pforte des Königsschlosses zu dem Gemach der Prinzessin. Die Alte klopfte hier an der Tür, und eine Sklavin kam heraus. Als sie ins Gemach der Prinzessin traten, fand sie schon den Saal vorbereitet, alle Gefäße waren aufgestellt, die Divans mit Kissen hergerichtet; Wachslichter brannten in goldenen und silbernen Leuchtern, Süßigkeiten und Früchte standen bereit, und das Zimmer war mit Ambra, Moschus, Aloe, Kampfer usw. beräuchert, Sie saß auf einem Sofa, dessen Lehne mit Straußfedern gefüllt war, im Glanze der Wachslichter und der Lampen, doch überstrahlte sie selbst das Licht der Sonne. Als sie die Amme sah, sagte sie: »Wo ist der Geliebte meines Herzens, der Gebieter meiner Seele?« Sie antwortete: »Herrin, ich konnte ihn nicht dazu bereden, aber hier bringe ich dir seine Schwester.« Die Prinzessin sprach: »Bist du wahnsinnig, was soll ich mit seiner Schwester tun?« Die Alte aber sagte: »O meine Gebieterin, sieh sie einmal an, ob sie dir gefällt; wenn nicht, so führe ich sie wieder weg.«

Mit diesen Worten entschleierte sie ihm das Gesicht, und siehe da! es war der Prinz, der Geliebte ihres Herzens. Als sie ihn erkannte, stand sie auf, drückte ihn an ihre Brust und fiel in Ohnmacht. Die Amme bespritzte sie mit Rosenwasser und Kampferpulver, bis sie wieder zu sich kam; sie küsste ihn dann auf den Mund und zwischen die Augen und sprach folgende Verse:

»Der Geliebte meines Herzens besuchte mich in der Dunkelheit, ich stand ehrfurchtsvoll vor ihm auf, hieß ihn sitzen und sagte ihm: O du mein Verlangen! mein einziger Wunsch! du besuchst mich in der Nacht, fürchtest du die Wächter nicht? Er erwiderte: Wohl fürchte ich sie, doch die Liebe ist Herrin meines Herzens und Geistes. Wir umarmten uns und schliefen eine Weile so süß, dass uns fast die Seele schwand. Doch dürft ihr uns nicht im Verdacht haben: wir schütteln den Saum unsrer Kleider aus, und nichts Unreines ist darin.«

Als sie diese Verse vollendet hatte, sprach sie: »O Licht meiner Augen! o Innerstes meines Herzens! so sehe ich dich endlich in meiner Wohnung, kann mich endlich an deiner Nähe ergötzen.« Die Liebe wurde dann so mächtig in ihr, dass sie folgende Verse rezitierte:

»Der Geliebte meines Herzens besucht mich in der Dunkelheit, nachdem ich lange seine Ankunft erwartet hatte. Er rief: Geliebte! und ich antwortete: Sei willkommen! Ich küsste aus Unterwürfigkeit die Füße des Geliebten und sein Gesicht, dem nichts Übles nahen kann. Ich habe in meinem Leben keine solche Nacht gesehen. o wie süß habe ich sie durchwacht! Gott vergelte ihm nun auch, wie er es verdient, und belohne ihn, bei meinen Augen! solange der Zephyr weht.«

Als sie diese Verse vollendet hatte, drückte er sie an seine Brust und umarmte sie; er legte seine Wangen auf ihre Füße, beugte sein Gesicht zur Erde, weinte vor Liebe und sprach folgende Verse:

»O einzige Nacht unseres Lebens, wie süß ist sie, sie ersetzt mir alle anderen meines Daseins; ich nehme aus den Kelchen, was rein und klar darin ist, und wenn sie leer sind, gebe ich sie wieder zurück. Mein Leben gehört ihr, solange es währt. O Gott bewahre uns vor weiterer Trennung, denn schon haben wir genug gelitten.«

Er fiel dann in Ohnmacht, sie aber warf sich über ihn her und küsste ihm Hände und Füße. Sie brachten so die Nacht beisammen zu, rezitierten Verse, unterhielten sich, tranken, küssten und umarmten sich - mehr nicht. - Als der Morgen leuchtete, nahmen sie die Gefäße weg, legten das Bett zusammen und reinigten das Zimmer. Die Prinzessin setzte sich auf ihren Stuhl und ließ die Tür öffnen. Die Diener erschienen wie gewöhnlich vor ihr, die Sklavinnen machten ihre Aufwartung und gingen wieder fort. Als dies geschehen war, Schloss sie die Türen und richtete alles wieder her, wie es war. Sie tranken dann wieder und benützten die Zeit, rezitierten Verse und umarmten sich die ganze Nacht und den ganzen Tag, ohne dass etwas vorfiel, und ohne dass sie verraten wurden. Am folgenden Morgen stellten sie wieder Wein auf, und so ging das lange fort.

Als aber der Wesir nach mehreren Tagen den Prinzen nicht wiederkehren sah und nichts von, ihm hörte, fürchtete er, es sei ihm ein Unglück zugestoßen, das ihm selbst auch das Leben kosten würde. Er dachte: Mir bleibt nichts übrig, als nach Hause zu gehen, um den König von allem in Kenntnis zu setzen, damit er mich nicht anklage, und kehrte auch in der Tat in sein Land zurück. Der Prinz blieb indessen bei der Prinzessin, ohne dass etwas vorfiel. Erst nach Verlauf eines Monats dachte der Prinz: Bei Gott, ich bin in großer Gefahr; wenn das herauskommt, werde ich umgebracht werden; ich weiß nicht, wohin das führen soll. Das Beste ist, ich stelle ihr dies vor und warne sie vor weiterem Leichtsinn: ich werde dann hören, was sie dazu sagt.

Als in einer Nacht der Wein ihnen wohlschmeckte, sie in Liebe glühten und der Prinz betrunken war, sprach er zur Prinzessin: »O Gebieterin des Mondes, o du, die ich lieben darf, wisse, dass ich nun dir nichts mehr verbergen will, wir sind ja zwei Seelen in einem Körper.« Sie sagte: »gewiss«, und er fuhr fort: »So wisse, dass mein Vater kein Kaufmann und kein Handwerker ist, sondern der große König, der Herr der Erde in der Länge und in der Breite, und ich bin sein Sohn Ardschir; ich bin's, der deinem Vater meinen Wesir schickte, dass er um dich werbe; als er ohne Erfolg von euch zurückkam, zürnte mein Vater sehr und sprach. Ein Mann wie ich soll irgend einem König eine Botschaft schicken, und diese soll unverrichteter Sache zurückkommen? In seinem Zorn ließ er die Zelte zubereiten und die Truppen ausrüsten, um gegen euch zu ziehen. Da ich nun fürchtete, dass mein mächtiger Vater mit seiner zahlreichen Armee, mit seinen Reitern und Verbündeten euer Land verwüste, eure Güter plündere, eure Krieger erschlage und eure Frauen gefangen nehme, und dachte, du möchtest dir selbst den Tod geben und ich meinen Zweck nicht erreichen, näherte ich mich ihm, küsste die Erde vor ihm und machte ihn davon abwendig, denn ich sagte ihm: O mein Vater, ich will selbst dahin gehen und meine Angelegenheit besorgen. Er antwortete dann: Nimm meinen Wesir mit dir, dass er dir mit seinem Rat beistehe; auch gab er mir viel Geld und viele Geschenke mit. Ich verließ mit dem Wesir die Stadt, verkleidete mich als Kaufmann, und es geschah mit dir, wie du wohl weißt; du warst so hart gegen mich, dass ich fast starb, und nun hat Gott dein Herz für mich erweicht und es mir zugeneigt. Wir sind jedoch in großer Gefahr; wenn, was Gott bewahre, die Sache herauskommt, so ist's um uns geschehen, denn die Leute sagen: Bis das Heilmittel aus Irak kommt, stirbt der von einer Schlange Gebissene, d. h. meines Vaters Hilfe würde zu spät kommen, darum will ich dir nun alles gestehen.«

Als die Prinzessin vernahm, dass er ein vornehmer Prinz sei, fiel sie, Gott dankend, zur Erde, denn sie hatte sich stets Vorwürfe gemacht, innerlich und laut, und zu sich selbst gesagt: »O Hajat Alnufus, ist es so Weit mit dir gekommen, dass du dich einem Kaufmann hingibst, der des Geldes willen in der Welt herumreist. Wenn dein Geheimnis entdeckt wird, wie wird deine Schande groß unter den Prinzessinnen sein. Wäre dies mit einem Prinzen geschehen, so wäre die Schuld so groß nicht, und es ließe sich verzeihend So hatte sie immer zu sich gesprochen, die Liebe zu dem jungen Mann war jedoch stärker als alles gewesen. Wie sie aber nun hörte, dass er ein Prinz sei, bewunderte sie seine lange Geduld und Verschwiegenheit und sagte ihm: »O mein Geliebter, wie geduldig bist du für einen Prinzen, da doch Prinzen gewöhnlich hochmütig sind. Wie lange hast du meine harten Briefe, meine Drohungen ertragen, während ein anderer nach Hause gegangen wäre und seines Vaters Truppen geholt hätte. Doch habe ich dadurch deine Tugend kennengelernt, ich lobe nun deine Gesinnungen und deine Handlungen. Was hast du aber nun vor?« Der Prinz sagte: »O Innerstes meines Herzens, o du mein höchstes Verlangen, ich will nun nach Hause reisen und meinem Vater alles erzählen, er soll den Wesir wieder zu deinem Vater schicken und um dich werben lassen, du nimmst den Antrag an, und so entgehen wir der drohenden Gefahr.« Als die Prinzessin dies hörte, konnte sie nichts antworten und weinte sehr heftig. Der Prinz stillte ihre Tränen, beruhigte ihren Schrecken, küsste ihre Hände und Füße und sagte ihr: »Wenn ich einen Fehler begangen habe, so verzeihe mir, Gott sei uns gnädig.« Er war solange zärtlich gegen sie, bis sie sich beruhigte. Endlich sprach sie: »O mein Geliebter, ich glaube nicht, dass du mich verlassen wolltest, und vermute wohl, dass du in der Ferne noch eine andere liebest; doch sage mir es lieber, damit ich mich gleich umbringe, ehe du dich von mir trennst.« Der Prinz sagte: »Beil dem höchsten Herrn, mein Herz ist nie in ein Netz gefallen vor dir, und ich bin bereit, zu tun, was du begehrst.« Hierauf heiterte sie sich wieder auf und sprach: »O Geliebter meines Herzens, wie kann ich zu deiner Abreise einwilligen? Der Zeit ist nicht zu trauen, und alles ist dem Wechsel unterworfen; wenn du nun in dein Land gehst, könntest du mich vergessen, oder dein Vater könnte seine Einwilligung nicht geben, und ich müsste sterben. Das beste ist, du bleibst in meiner Nähe und wir suchen ein Mittel, dass wir zusammengehen können, und ich bleibe dann bei deinen Leuten.« Sie brachten noch viele Tage und Nächte so beisammen zu, bis sie einst in der Nacht, berauscht von Liebe und Wein, süß schliefen und des Morgens nicht erwachten. An jenem Morgen schickte gerade ein König ihrem Vater kostbare Geschenke, worunter auch eine wertvolle Halskette aus Edelsteinen war, die dem König sehr gefiel. Er dachte daher bei sich: Diese Halskette ziemt niemanden als meiner Tochter Hajat Alnufus.

Er rief dem Diener Kafur, dem sie so viele Zähne ausgerissen hatte, und sprach zu ihm: »Kafur, nimm diese Halskette, bringe sie meiner Tochter, grüße sie und sage ihr, diese Halskette sei mir von einem König zum Geschenk gemacht worden, ich schicke sie ihr, damit sie in ihrem Schatze verwahrt werde.« Der Diener sagte: »Ich höre und gehorche«, nahm die Kette und ging an die Tür ihres Gemachs; er fand sie aber geschlossen und die Alte vor der Tür schlafend; er weckte sie auf und sprach zu ihr: »Liegt ihr noch beim hellen Morgen?« Die Alte erwachte und erschrak. Er rief ihr zu: »Öffne die Tür!« Sie aber fragte: »Was willst du in dieser Stunde?« Er antwortete: »Der König schickte mich zur Prinzessin. ich habe etwas bei ihr zu tun.«

Die Alte wandte sich rechts und links, endlich sagte sie: »Ich habe die Schlüssel nicht bei mir, gehe einstweilen, bis ich sie bringe.« Kafur rief ihr zu: »Bring schnell die Schlüssel her, denn ich eile und will hier warten.« Da sie nun lange säumte und er sich vor dem König fürchtete, wenn er zu lange ausbleiben würde, zog er die Tür mit Gewalt an sich, bis das Schloss zerbrach und sie sich öffnete. Er kam dann an eine zweite Tür, die offen war, und so an eine dritte und vierte, bis er endlich an die Tür ihres Gemachs kam; er sah darin hübsche Teppiche, Wachslichter und Wein, und erstaunte sehr darüber. So ging er immer weiter, bis er an den Thron gelangte, auf dem die Prinzessin lag; er war aus Elfenbein und vergoldet, und eine seidene Decke lag darüber; er hob diese auf und sah die Prinzessin darunter liegen, mit einem hübschen Mann, wie der Mond, im Arme. Er sagte: »Bei Gott, ist es so weit mit der Prinzessin gekommen? Um dieses Jünglings willen hasste sie die Männer so, und riss mir die Zähne aus? Bei Gott! das soll dem König nicht verborgen bleiben.« Er deckte sie wieder zu und ging nach der Tür; in dem Augenblick erwachte die Prinzessin, erschrak, als die Kafur sah, und rief ihm nach; er gab ihr aber keine Antwort. Sie stieg schnell vom Thron herunter, holte ihn noch an der Tür ein, hielt den Saum seines Kleides fest und sagte: »Kafur, verbirg, was Gott verborgen hat!« Er antwortete: »Wer dich beschützt, bleibt doch nicht verschont. Du hast mir noch wenig Gutes getan, meine Zähne ausgerissen, mich hässlich und meine Feinde schadenfroh an mir gemacht!«

Mit diesen Worten riss er sich von ihr los, verschloss die Tür, stellte Diener davor und ging zum König. Dieser fragte: »Hast du die Kette abgegeben?« Er antwortete: »Bei Gott, deine Tochter verdient mehr als dies.«

»Was meinst du damit?«

»Ich will es dir allein sagen.«

»Sprich nur, wir brauchen nicht allein zu sein.« Da aber mehrere Wesire, unter anderen auch der böse Großwezir, zugegen waren, sagte Kafur: »Wirf mir ein Tuch als Zeichen der Sicherheit zu.« Der König warf es ihm zu. Dann sprach er: »O König, als ich zu Hajat Alnufus kam, fand ich ihr Gemach mit allerlei Teppichen versehen, Wachslichter brannten und Weingefäße waren aufgestellt. Ich sah sie auf ihrem Bett liegen mit einem jungen Mann in den Armen, schöner als die Sonne. So weit ist die Prinzessin gekommen, nachdem sie die Männer so sehr gehasst! Ich verschloss die Tür und kam hierher, um dir Nachricht davon zu bringen.« Als der König dies hörte, setzte er sich aufrecht, denn er hatte sich angelehnt, ließ den Pförtner rufen und sagte: »Nimm Diener mit dir, geh in meiner Tochter Gemach und bring sie hierher auf ihrem Thron mit dem, der bei ihr ist. Widersetzt sich dir jemand, so schlage ihm den Kopf ab.«

Der Pförtner trat in das Gemach der Prinzessin, wo er diese aufrecht stehend fand; ebenso den jungen Mann und beide weinten, Der Pförtner sagte: »O Prinzessin, lege dich mit dem jungen Mann auf den Thron, wie du gelegen warst, denn der König hat mir befohlen, euch so zu ihm zu bringen, und jedem, der sich widersetzt, den Kopf vor die Füße zu werfen.« Da Hajat Alnufus für ihr und des Prinzen Leben fürchtete, sagte sie, es ist jetzt keine Zeit des Ungehorsams; wir wollen uns nun wieder legen, wie wir waren, und unsere Sache Gott überlassen, der verfügt in seinem Reich über alles nach seinem Willen.« Sie legten sich, wie ihnen befohlen worden, und wurden so zum König getragen. Der König hob die Decke auf, und Hajat Alnufus erhob sich. Als der König sie sah, zog er sein Schwert, um ihr den Hals abzuschlagen. Der Prinz aber warf sich über sie her uns sagte: »O König, sie ist nicht schuldig, ich bin es allein, bring mich zuerst um.« Der König holte aus, um den Prinzen zu erschlagen, sie aber warf sich über ihn her und sagte: »O König, bring mich um, und tu diesem jungen Mann nichts zuleide, denn er ist der Sohn des mächtigsten Königs.« Als der König dies hörte, sprach er, zum Großwezir sich wendend: »Was sagst du dazu?« Dieser antwortete: »Ich sage, dass wer in einer solchen Lage sich befindet, seine Zuflucht zu Lügen nimmt; man muss ihnen den Kopf abschlagen, sie vorher aber noch derb züchtigen.« Der König ließ den Scharfrichter kommen, der mit zwei Jungen erschien, die wie Höllendiener aussahen. Der König sprach zu ihnen: »Nehmet diese Buhlerin und diesen Jungen, schlagt ihnen den Kopf ab, und fragt mich nichts weiter.«

Als der Scharfrichter diese Worte vernommen, legte er seine Hand auf ihren Rücken, um sie wegzuführen. Der König aber sagte: »Du Hund, bist du mild. wenn ich erzürnt bin? ergreife sie nur bei ihrem Zopf, schleppe sie weg auf ihrem Gesicht, ebenso den Jüngling, und breite die Blutmatte unter ihnen aus.« Er zog hierauf sein Schwert, die Prinzessin aber trat einige Schritte zurück und war nur mit dem Prinzen beschäftigt. Der Scharfrichter holte mit dem Schwert dreimal aus und schwang es um seinen Kopf, während alle Anwesenden den Jüngling und die Jungfrau beweinten und zu Gott beteten, dass er ihnen einen Fürbitter schicke. Er hob dann das Schwert so in die Höhe, dass man das Schwarze unter seiner Achsel sehen konnte, und wollte eben zuschlagen, als man einen großen Lärm hörte und einen mächtigen Staub in der Luft sah. Alle Leute zitterten und dem Scharfrichter versagte die Hand. Der König sprach zu seinen Leuten: »Seht einmal, was es Neues gibt und dieser Staub bedeutet, der die ganze Luft erfüllt, und dieser Lärm, der uns so betäubt. Der Großwezir ging weg, und sah vor sich ein Volk, so zahlreich wie Heuschrecken, das Weh und Unglück schrie. Er kehrte zurück und rief in den Saal: »O ihr Leute, es ist eine Armee herangerückt, so zahlreich wie Heuschrecken, die alle Berge und Täler ausfüllt.« Der König wurde sehr niedergeschlagen und sprach: »Was mag wohl die Ursache dieses Feldzugs sein? Geh einmal, Wesir, sieh, wer sie anführt, grüße ihn von mir und sage ihm, wenn er an einem unter uns Blutrache nehmen will, so würden wir ihm beistehen, bring mir dann seine Antwort.«

Der Wesir ging zur Stadt hinaus und sein Erstaunen wuchs, wie er Berg und Tal von Soldaten wimmeln sah. Er ging durch das Lager verschiedener Truppenabteilungen von morgens bis nachmittags, bis er endlich zum Zelt des Königs kam und den mächtigen König selbst und ganz fremde Gestalten sah. Seine Adjutanten riefen ihm zu: »Küsse die Erde!« Er küsste sie und stand wieder auf, man schrie ihm aber von allen Seiten so oft, bis zu zwanzigmal, zu, dass er vor Furcht fast zu Boden fiel. Dann sprach er: »O König, Gott gebe dir langes Leben und erhebe deine Macht! mein König schickt mich zu dir, er grüßt dich, küsst die Erde vor dir und lässt dich fragen: in welcher Angelegenheit du dahergezogen kommst, damit er dir beistehe.« Da antwortete ihm statt des Königs einer seiner Wesire: »Geh zu deinem Herrn zurück und sage zu ihm: der mächtige und verehrte Sultan hat einen Sohn, der schon vor langer Zeit in dieses Land gekommen ist, und von dem er seitdem nichts mehr gehört hat; Wisst ihr, wo er ist, so nehme ich ihn und ziehe wieder fort. Ist ihm aber ein Unglück zugestoßen, so verwüsten wir euer Land, vertilgen jede Spur von euch, plündern eure Güter und erschlagen eure Helden. Sage das deinem Herrn und bringe uns wieder Antwort, ehe unsre Leute zur Tat schreitend Der Wesir sagte: »Ich gehorche«, und wollte weggehen; man schrie ihm aber zu: »Küsse die Erde!« Er tat dies zwanzigmal und ging sehr besorgt fort, denn er fürchtete für sein und der Seinigen Leben.

Als er wieder zu seinem König kam, sagte er ihm: »O König, ein mächtiger Sultan ist's der dich überfallen hat; er hat einen Sohn in dieser Stadt verloren, es ist derselbe, den du umbringen lassen wolltest. Gelobt sei Gott, dass du dich nicht übereiltest und unser Land nicht verwüstet wird.« Der König sprach: »Daran ist dein schlechter Rat nicht schuld.« Er ließ den Scharfrichter kommen und rief ihm zu: »Wo ist der junge Mann, der Prinz? Er antwortete: »Herr, du hast mir befohlen, ihn ungesäumt umzubringen.« Der König schrie ihn an: »Du Hund von einem Scharfrichter, dich werde ich ihm nachfolgen lassen!« Derselbe sprach: »Herr, er lebt noch.« Der König freute sich und sagte: »Bring ihn her.« Als man ihn brachte, stand der König vor ihm auf und sprach: »Mein Sohn, ich bitte Gott um Verzeihung deinetwillen; sage doch deinem Vater nicht, wie wir gegen dich verfahren sind.« Der Prinz sprach: »Bei deiner Gnade, ich weiche nicht von hier, bis meine und deiner Tochter Ehre von deinem Verdacht gereinigt ist. Wisse, deine Tochter ist Jungfrau, ist dem nicht so, so ist dir von Gott erlaubt, mein Blut zu vergießen.« Der König sagte: »Sprichst du wahr? sage es lieber, dass wir keine zweite Schmach erleben.« Er antwortete: »O König, deine Tochter ist eine verständige, tugendhafte Jungfrau, ihre Ehre ist unbefleckt.«

Der König freute sich sehr darüber, und alle Frauen und Sklavinnen im Schloss jubelten; der König umarmte den Prinzen, ließ ihm ein kostbares Bad bereiten, gab ihm ein unschätzbares Kleid und setzte ihm eine glänzende Krone auf. So ausgestattet ließ er ihn auf einem seiner Lieblingspferde mit allerlei Ehrenbezeugungen zu seinem Vater begleiten, und bat ihn, bei demselben anzufragen, ob er vor ihm erscheinen dürfe. Der Prinz sagte: »Gut, es wird dir alles gestattete Der König dankte ihm und sprach: »Mein Sohn, sage deinem Vater nichts von dem, was bei uns vorgefallen, da doch Gott ein so gutes Ende herbeigeführt.« Der Prinz küsste die Erde vor ihm und ritt mit großem Gefolge fort, alle Bewohner der Stadt kamen auf die Straße, um den schönen Jüngling zu sehen, denn seine Geschichte wurde bekannt, und man freute sich über sein Entkommen, weil dadurch der Friede zwischen den beiden Königen erhalten wurde. Als der Sohn mit seinem Gefolge zu seinem Vater kam, jubelte die ganze Armee; alle Truppen mit den Wesiren erschienen vor dem König und wünschten ihm zur Rettung seines Sohnes Glück. Der Prinz ließ hierauf unter den Truppen bekanntmachen, dass es jedermann vergönnt sei, ihn zu sehen; wer nun früher auf den Markt gekommen und den jungen Prinzen vor seinem Laden sitzen gesehen hatte, wunderte sich darüber, wie er, ein großmächtiger Prinz, das hatte tun mögen.

Die Geschichte wurde nun bekannt und die Leute sahen die Größe des mächtigen Sultans. Auch der Prinzessin blieb dies nicht länger verborgen, sie sah von ihrem Schloss aus Berg und Tal mit Truppen wimmeln und sprach: »Die Majestät ist Gottes!« Sie war aber noch immer ängstlich im Schloss ihres Vaters und wusste noch nicht, was er ihr tun werde; auch fürchtete sie, der Prinz möchte sie vergessen. Endlich sagte sie einer Dienerin, die bei ihr war: »Geh zu meinem Herrn, dem Prinzen Ardschir, fürchte dich nicht, denn er hat befohlen, man solle niemanden zurückweisen; wenn du zu ihm kommst, küsse ihm die Hände, sage ihm, dass du von mir abgesandt seist, auch melde ihm, dass deine Herrin noch im Schloss ihres Vaters unter Verwahrung ist und nicht weiß, was derselbe ihr tun wird; dass sie ihn bittet, doch auch ihrer zu gedenken, da er doch heute alles vermag. Sage ihm, wenn er mich noch liebt, so soll er bei meinem Vater um mich werben und mir dadurch Beweise von seiner Liebe geben; hat er keine Freude mehr an mir, so soll er seinen Vater bei dem meinigen für mich um Gnade bitten und nicht eher ruhen lassen, bis ihm mein Vater versprochen hat, mir kein Leid zu tun. Gott möge mir alsdann meinen Gram erleichtern! Sage ihm, dass die Trennung nur von ihm komme, dass die Liebe mich töten und bald ins Grab senden wird.« Die Dienerin ging zum Prinzen und gab sich zu erkennen. Der Prinz stand vor ihr auf, umarmte sie und hieß sie willkommen. Als sie ihm den Auftrag der Prinzessin bekannt gemacht, musste er so heftig weinen, dass ihm fast die Seele schwand; endlich sagte er ihr: »Sage deiner Herrin, ich sei ihr Sklave und ihr Gefangener, liebe nur sie allein, und werde, bei Gott, nie unseren Liebesbund brechen; ich habe schon mit meinem Vater von ihr gesprochen und werde nur mit ihr abreisen, denn ihr Vater wird sich dem meinigen nicht widersetzend Die Dienerin kehrte mit dieser Botschaft zu ihrer Herrin zurück und erzählte ihr alles, was vorgefallen. Die Prinzessin weinte vor Freude, lobte und dankte Gott. Als der Prinz abends allein bei seinem Vater war und ihm alles, was vorgefallen, von Anfang bis zu Ende erzählte, fragte ihn derselbe: »Nun, mein Sohn, was soll ich jetzt tun? Wenn du es verlangst, so lass ich ihr Land verwüsten und ihr Harem schänden.« Der Prinz antwortete: »Bei Gott, mir ist nichts geschehen, was eine solche Strafe verdient; übrigens hängt mein Herz an Hajat Alnufus, sie ist eine verständige Jungfrau, ich kenne sie seit langer Zeit, sie liebt nur mich. Ich wünsche also von deiner Gnade, dass du ihrem Vater ein kostbares Geschenk schickest. lass den teuern, zärtlichen und klugen Wesir dasselbe überbringen und zugleich um Hajat Alnufus für mich werben. Bei dieser Gelegenheit soll er in seinem Rang steigen und der größte aller Wesire werden, so wie ich ihm versprochene Sein Vater sagte: »Gern«, öffnete sogleich seine Schätze und nahm ein schönes Geschenk heraus von Moschus, Kampfer, Gold, Silber usw., so viel, dass man es gar nicht beschreiben kann, und legte es seinem Sohne vor. Dieser war sehr damit zufrieden, ließ den Wesir rufen und befahl ihm, es mitzunehmen und damit für die Prinzessin zu werben. Er nahm es, ging damit zum König, der, seit der Prinz ihn verlassen, in angstvoller Erwartung war, küsste die Erde vor ihm und sagte: »Mein König grüßt dich und lässt dir sagen, dass er deine Tochter für seinen Sohn wünscht!« Der König sprach: »Gern;« der Wesir gab ihm das Geschenk, der König nahm es an, freute sich dessen und ritt mit seinen Truppen aus. Der große Sultan kam ihm entgegen und grüßte ihn, sie wurden große Freunde und ritten miteinander in die Stadt, wo ein großes Hochzeitsfest gefeiert wurde.

Der mächtige Sultan verweilte noch einige Zeit hier, dann reiste er wieder mit seinem Sohn und Hajat Alnufus in sein Land zurück, und sie lebten vereint in Glück und Freude, bis sie die Gewissheit (der Tod) überfiel. Gelobt sei Gott, der Herr der Welten!

Dann sagte Schehersad: O glückseliger König! was ist das im Vergleich zur Geschichte des Hasan aus Basra und der Prinzessinnen von den Inseln Wak-Wak?