[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Tochter des Bürgermeisters

Einstmals lebten auf einem Bauernhof in Schottlands Bergen zwei Brüder, die sich aufs beste miteinander vertrugen. Jeder hatte einen Sohn, und als einer der Brüder starb, übergab er seinem Bruder die Vormundschaft über den Sohn. Dieser wuchs heran und besorgte im Auftrag der Mutter die Wirtschaft fast ebenso gut, wie es der Vater hätte tun können.

Eines Nachts sah er im Traum das schönste Mädchen, das es auf der Welt geben konnte. Diesen Traum hatte er dreimal. Da beschloss er, nur sie zu heiraten und keine andre. Er wurde blass und elend. Seines Vaters Bruder wusste sich nicht zu erklären, was dem Burschen fehlte, und er fragte ihn oft danach. »Bruder meines Vaters«, sagte der Bursche eines Tages zu seinem Onkel, »ich habe im Traum das schönste Mädchen der Welt gesehen, und ich mochte keine andre heiraten als sie allein. Darum will ich mich aufmachen und so lange nach ihr suchen, bis ich sie gefunden habe.« Sprach der Onkel: »Sohn meines Bruders, ich habe hundert Pfund, die sollst du zum Abschied erhalten. Wenn du sie ausgegeben hast, komm wieder zu mir, und ich will dir weitere hundert Pfund schenken.«

Da nahm der Bursche die hundert Pfund und ging nach Frankreich. Dann zog er nach Spanien und in noch viele andre Länder. Aber er konnte das Mädchen, das er im Traum gesehen hatte, nicht finden. Am Ende kam er nach London; sein ganzes Geld hatte er verbraucht, seine Kleider waren verschlissen, und er wusste nicht, wo er die Nacht verbringen sollte.

Als er nun so durch die Straßen ging, sah er eine freundliche alte Frau und sprach sie an. Nach und nach erzählte er ihr, was ihm begegnet war. Die Frau war erfreut, einen Landsmann zu treffen, und sagte: »Auch ich komme aus Schottlands Bergen, obgleich ich jetzt in dieser Stadt lebe.« Sie nahm ihn in ihr kleines Haus mit und gab ihm Nahrung und Kleidung und riet ihm: »Geh morgen ein wenig spazieren. Vielleicht findest du hier an einem Tag, was du in einem ganzen Jahr nicht entdecken konntest.« Am nächsten Tag wanderte er in der Stadt umher und erblickte an einem Fenster ein Mädchen. Er erkannte es sogleich, denn es war die Schöne, die er im Traum gesehen hatte. »Wie ist es dir heut ergangen, Schotte?« fragte ihn am Abend die alte Frau. »Gut ist es mir ergangen«, antwortete er. »Ich habe das Mädchen gefunden, das mir im Traum erschienen ist.« Die Frau fragte ihn nach dem Haus und der Straße, in der die Schöne wohnte, und sagte dann: »Du hast sie zwar gesehen, aber mehr wirst du nicht erreichen, denn sie ist die Tochter des Bürgermeisters von London. Trotzdem - ich bin ihre Pflegemutter und wäre sehr froh, wenn sie einen Landsmann von mir heiratete. Ich werde dir die Kleidung des schottischen Hochlands geben. Morgen kannst du der jungen Dame in einer bestimmten Straße begegnen. Sie geht stets in Begleitung dreier Mädchen. Du folge ihr und tritt ihr auf den Rock. Wenn sie sich umdreht, sprich sie an.«

Der Bursche handelte nach dem Rat der alten Frau. Er ging aus, traf das Mädchen und trat ihr aufs Kleid. Als sie sich umwandte, sagte er: »Ich bitte vielmals um Entschuldigung - es geschah aus Versehen.«

»Es war nicht deine Schuld, die Schneiderin hat das Kleid zu lang gemacht«, antwortete die Tochter des Bürgermeisters. Dabei blickte sie ihn an. Und als sie bemerkte, wie stattlich er aussah, sprach sie weiter: »Würdest du so freundlich sein, mich nach Haus zu begleiten, und dort eine kleine Erfrischung annehmen?« Der Bursche ging mit ihr, nahm im Zimmer Platz, und bevor sie ihn etwas fragte, stellte sie ein Glas Wein vor ihn hin und sagte: »Besser als jede Erzählung ist ein guter Schluck.« Als er getrunken hatte, berichtete er ihr von seinem Traum und dass er sie seitdem in der ganzen Welt gesucht hatte. Dem Mädchen gefiel die Geschichte sehr.

Zu Hause erzählte der junge Mann, wie es ihm ergangen war. Die Alte begab sich zur Tochter des Bürgermeisters und legte für ihren Schützling ein gutes Wort ein. Von jetzt an war er oft bei der Tochter des Bürgermeisters, und sie gewann ihn lieb. Endlich versprach sie, ihn zu heiraten. »Ich fürchte aber, das wird nicht so einfach sein«, sagte sie. »Darum kehre für ein Jahr nach Haus zurück. Wenn du wiederkommst, werde ich mir etwas ausdenken, damit wir unsre Absicht ausführen können. Es ist hierzulande Gesetz, dass ein Mädchen erst dann heiraten kann, wenn der Bürgermeister selbst es bei der Hand nimmt und dem Bräutigam entgegenführt.«

Der Bursche zog heim in die schottischen Berge und erzählte dem Bruder seines Vaters, wie es mit ihm stand. Als das Jahr beinahe um war, machte er sich auf den Weg nach London. Er nahm die zweiten hundert Pfund mit und dazu einige gute Hafermehlkuchen.

Wen traf er auf seiner Reise? Einen vornehmen Engländer, der dieselbe Straße entlang zog, und sie fingen eine Unterhaltung an. »Wohin des Wegs?« fragte ihn der Engländer. »Ich möchte nach London«, antwortete der Schotte. Der andre wollte wissen, was er da zu tun hätte, und erhielt zur Antwort: »Als ich vor einem Jahr dort war, warf ich in einer bestimmten Straße mein Netz aus und säte Flachs an. Nun will ich nachsehen, ob alles noch so ist, wie ich es zurückließ. Wenn meine Sache gut steht, werde ich alles zusammenpacken und mit mir heim nehmen. Wenn nicht, will ich's bleibenlassen.«

»Nanu«, sagte der Engländer, »das ist aber reichlich dumm. Wie kannst du den Samen noch so wieder finden, wie du ihn zurückgelassen hast? Er muss doch schon lange hoch gewachsen sein. Die Enten und Gänse werden ihn zertreten und die Hühner ihm gefressen haben. Auch ich gehe nach London und werde dort die Tochter des Bürgermeisters heiraten.«

Zusammen zogen sie weiter, und schließlich wurde der Engländer hungrig. Er hatte aber nichts zu essen bei sich, und ein Haus befand sich nicht in der Nähe. Da bat er den anderen; »Willst du mir nicht etwas von deinem Essen abgeben?«

»Ich habe nur ganz einfache Kuchen mit aus Hafermehl«, erwiderte der Schotte. »Willst du die haben, dann werde ich dir einen überlassen. Wenn ich aber ein so vornehmer Herr wäre wie du, würde ich niemals ohne meine Mutter reisen.«

»Wie kann ich mit meiner Mutter reisen«, entgegnete der Engländer. »Sie ist schon lange tot. Und selbst wenn das nicht so wäre, warum sollte ich sie mitnehmen?« Er griff sich einen Hafermehlkuchen und aß ihn. Danach setzten sie ihren Weg fort.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als es heftig zu regnen anfing. Der Schotte hängte sich ein raues Plaid um. Der Engländer aber hatte nichts und sagte zu seinem Reisegefährten: »Willst du mir nicht deine Decke leihen?«

»Ich will dir einen Teil davon lassen«, antwortete der Schotte. »Wenn ich aber ein so vornehmer Herr wäre wie du, würde ich niemals ohne mein Haus reisen.«

»Du bist ein Dummkopf«, erwiderte der Engländer. »Mein Haus ist vier Stockwerke hoch. Wie kann jemand ein so hohes Haus mit sich herumtragen?« Damit warf er sich einen Zipfel des schottischen Hochlandplaids um die Schulter, und sie gingen weiter.

Bald gelangten sie zu einem schmalen Fluss. Nach dem Regen war er angeschwollen, und es führte keine Brücke auf die andere Seite hinüber, denn dazumal gab es noch nicht so viele Brücken wie heutzutage. Der Engländer, der sich nicht die Füße nass machen wollte, sagte zum Schotten: »Willst du mich nicht hinübertragen?«

»Na gut«, antwortete der, »ich habe nichts dagegen. Wenn ich aber ein so vornehmer Herr wäre wie du, würde ich niemals ohne meine eigene Brücke reisen.«

»Du bist ein ganz einfältiger Kerl«, sagte darauf der Engländer. »Wie kann jemand mit einer Brücke herumreisen, die aus Steinen und Mörtel gemacht ist?« Aber nichtsdestoweniger ließ er sich von seinem Mitreisenden auf den Rücken nehmen und durch den Fluss tragen.

Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort, bis sie in London ankamen. Der Engländer begab sich zur Wohnung des Bürgermeisters, und der andre suchte das kleine Haus seiner Landsmännin auf.

Der vornehme Engländer berichtete dem Bürgermeister von seiner Reise und sprach: »Unterwegs begegnete ich einem Schotten. Der war ein rechter Narr - der größte Einfaltspinsel, den man je gesehen hat. Er erzählte mir, dass er ein Jahr zuvor hier in einer bestimmten Straße Flachs gesät und ein Netz ausgeworfen hätte. Und jetzt ist er hier und will nachsehen, ob alles noch so wie zuvor ist. Sollte das nicht der Fall sein, will er's bleibenlassen. Wie kann aber nach einem Jahr noch alles unverändert sein? Dann riet er mir, ich sollte niemals ohne meine Mutter reisen. Auch mein Haus und meine Brücke müsste ich stets mitnehmen. Wie kann man auf solche Art überhaupt reisen? Er war zwar ein richtiger Dummkopf, jedoch ein gutmütiger Bursche, denn er gab mir von seiner Wegzehrung ab. Er lieh mir auch einen Zipfel seines Plaids und trug mich durch einen Fluss.«

»Ich weiß nicht recht, aber ich glaube, er war mindestens so schlau wie der, mit dem er sprach«, erwiderte darauf der Bürgermeister. »Ja, er war wirklich klug! Ich werde es dir erklären.«

»Und ich meine, dass er ein Dummkopf war«, behauptete wiederum der Engländer. »Er sagte, er habe ein Netz ausgeworfen. Das bedeutet, dass er hier in der Stadt ein Mädchen zurückgelassen hat«, fuhr der Bürgermeister fort. »Nun ist er gekommen und will feststellen, ob es noch der gleichen Meinung ist wie zu der Zeit, als er es verließ. Wenn das der Fall ist, wird er es mit sich nehmen. Wenn nicht, wird er's bleibenlassen. Weiter: Deine Mutter hat dich ernährt, und ein vornehmer Mann wie du sollte stets seine eigene Wegzehrung bei sich haben und sich nicht von einem andern abhängig machen.

Weiter sagte er: Ein vornehmer Mann wie du sollte stets sein Haus bei sich tragen. Denn bist du daheim, dann schützt dich dein Haus, bist du aber draußen, dann ist die Decke dein Schutz. Auf einer Brücke überquert man einen Fluss, und ein Mann sollte immer in der Lage sein, ohne fremde Hilfe auszukommen. Dein Mitreisender war kein Dummkopf, sondern ein kluger Bursche. Ich würde ihn gern kennen lernen, wenn ich nur wüsste, wo er wohnt«, schloss der Bürgermeister.

Er erfuhr, was er wissen wollte, und am nächsten Tag bat er den Schotten zum Abendessen zu sich. Der Bursche erschien auch und sagte dem Bürgermeister, dass er gehört hätte, was über ihn gesprochen worden war. »Nun«, fuhr er fort, »da es Gesetz ist, dass hier nur derjenige heiraten darf, dem der Bürgermeister selbst die Braut an der Hand entgegenführt, bitte ich Euch recht herzlich: Seid so freundlich und gebt mir das Mädchen zur Frau, um dessentwillen ich hergekommen bin. Natürlich nur dann, wenn es der gleichen Meinung ist wie zuvor. Ich will inzwischen alles zurichten.«

»Deinen Wunsch will ich morgen erfüllen. Für einen solch tüchtigen Jungen würde ich sogar noch mehr tun«, antwortete der Bürgermeister. Der junge Mann sagte, dass er am nächsten Tag in dem und dem Haus zur Hochzeit bereit sein wolle. Dann ging er zu seiner Landsmännin, die die Pflegemutter der Bürgermeisterstochter war.

Als der Morgen anbrach, zog die Tochter des Bürgermeisters fremde Kleider an, verschleierte ihr Gesicht und begab sich zum Haus ihrer Pflegemutter. Der Bürgermeister erschien alsbald und ging auf sie zu. Sie aber zögerte einen Augenblick. »Gib deine Hand her, Mädchen«, ermahnte sie der Bürgermeister. »Es ist für dich eine Ehre, solch einen tüchtigen Mann zu heiraten.« Er fühlte sie zum Bräutigam, und die Ehe wurde geschlossen, wie das Gesetz es erforderte.

Danach ging der Bürgermeister nach Haus und wollte noch am selben Tag seine Tochter dem englischen Herrn zur Frau geben. Aber sie war nirgendwo zu finden. Jetzt ahnte er, wie alles zusammenhing. »Ich möchte wetten, dass der Schotte sie bekommen hat«, rief er. Im selben Augenblick trat das junge Paar ein und entschuldigte sich für die List, die es angewandt hatte. »Da ich selbst dir die Hand meiner Tochter gegeben habe«, antwortete der Bürgermeister dem jungen Schotten, »ist es trotzdem eine gültige Heirat. Und eigentlich bin ich froh, dass sie einen so tüchtigen Burschen wie dich zum Mann bekommen hat.« Danach feierten sie Hochzeit. Die dauerte nicht weniger als ein Jahr und einen Tag. Die beiden lebten fortan glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.