[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Mücke, der Löwe und der Mensch

Einstmals sagten die Löwen zu einer Mücke: »Findest du etwa jemanden, der gewaltiger und ungestümer ist als wir?« Die Mücke hub an und sagte: »Ihr seid nicht einmal so stark wie nur eine Hand des Menschen. Ich habe mir den Menschen schon gründlich angesehen.« Da huben sie an und fragten: »Wie wäre das möglich?« Die Mücke antwortet: »Einmal befielen wir einen Menschen, der schlief. Wir waren neun starke Männer und fingen an, sein Blut zu trinken. Doch der Mensch griff so leichthin mit einer Hand nach uns - und schon hatte er mit einem Schlage acht Mann zerdrückt. Ich war der neunte und blieb allein übrig. Er hätte auch mich zerdrückt, doch seine Hand reichte nicht ganz bis zu mir.« Da hub ein Löwe an zu bitten: »Sei so gut, geh mit mir und zeige mir einen Menschen. Was kann das nur für ein Wesen sein, der Mensch?«

»Na, wenn du willst, so komm mit mir.« Sie führte den Löwen nahe an einen Fahrweg, hieß ihn dort in einem Weidengebüsch warten und sagte: »Hier muss ein Mensch vorüberkommen.«

Sie warten beide, doch niemand kommt. Schließlich kommt ein kleiner Hirtenjunge angelaufen, der sich auf seinen Stab stützt. Der Löwe erblickt ihn und sagt zur Mücke: »Das ist wohl ein Mensch?« Die Mücke antwortet: »Der kann einmal ein Mensch werden, doch jetzt ist er noch keiner.« Danach kommt eine Frau des Weges. »Mücke, ist das vielleicht ein Mensch?«

»Ach geh, niemand bezeichnet die als Menschen, das ist nur ein Weib.« Der Löwe kann sich vor Ungeduld nicht halten, er will einen Menschen sehen und sich mit ihm messen. Da erblickt er einen Bettler, der auf zwei Stöcke gestützt daherkommt. Der Löwe sagt: »Das muss ein Mensch sein.« Die Mücke antwortet: »Der war ein Mensch, doch jetzt ist er keiner mehr.«

Da kommt ein herrschaftlicher Reiter angeritten, mit einem Säbel, und überall stecken bei ihm Pistolen. Nun sagt die Mücke: »Jetzt!« sagt sie. »Das ist ein Mensch! Wenn du Lust hast, mit dem kannst du anbinden.« Der Löwe spreizt seine Krallen: Den wird er sich holen, den wird er zerreißen! Als er schon auf Schussweite nahe war, stürzt sich der Löwe aus dem Weidengebüsch auf den Menschen. Der zieht eine Pistole, schießt - und schießt ihm ein Auge aus. Der Löwe dreht sich einmal um sich selbst und ging zum zweiten Male auf den Menschen los. Der gab aus einer anderen Pistole Feuer - und jetzt bohrte die Kugel dem Löwen das andere Auge aus. Er stürzte sich wieder auf ihn. Und jetzt zieht der Mensch seinen Säbel und haut auf den Löwen ein, so dass er es nicht mehr aushielt und sich davonmachte.

Als er zurückkam, erzählte er den anderen: »Wir können es nicht einmal mit einem Finger eines Menschen aufnehmen! Ich hätte es niemals gedacht, dass der Mensch so ungestüm und so gewaltig sein kannte. Betet nur fleißig, dass ihr niemals einem Menschen begegnet: der Mensch hat mich, nur so zum Spaß, fertiggemacht! Wenn der im Ernst losgelegt hätte, wäre ich niemals lebendig davongekommen. Er hat sich erst einmal geräuspert und nach mir gespuckt, dann das zweite Mal - da hat er mir die Augen herausgespuckt. Dann schlug er mit nur einem Finger auf mich ein - wo er nur hin traf, ging es mir durch und durch!«

Und seitdem gilt der Mensch als stärker und ungestümer als alle wilden Tiere und Vögel.