[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die kluge Tochter

Es lebte einmal ein armer Mann, der eine Tochter von zwölf Jahren hatte. Das ganze Hab und Gut des Alten bestand aus einem Kamel, einem Pferd und einem Esel. Der Alte fällte in den Bergen Holz und brachte es zum Verkauf in die Stadt, die Tochter besorgte den Haushalt. Eines Tages hatte der Alte sein Kamel mit Holz beladen und führte es auf den Basar. Da trat ein dicker Bei an ihn heran und erkundigte sich: »Wie viel verlangst du für das Holz?« Der Alte wollte drei Tenga. Da schlug der dicke Bei vor: »Nimm für das Holz, ›wie es da ist‹, zehn Tenga, aber bring es zu mir nach Hause!« Voller Freude willigte der Alte ein und schaffte das Holz in den Hof des dicken Beis. Er bekam die versprochenen zehn Tenga, lud das Holz ab und wollte davongehen. Da plötzlich sagte der dicke Bei: »Binde das Kamel an!« Verwundert meinte der Alte: »Das Kamel gehört doch mir.«

»Nein«, sagte der dicke Bei. »Ich habe das Holz gekauft, ›wie es da ist‹, also zusammen mit dem Kamel. Hätte ich dir Tölpel sonst zehn Tenga dafür bezahlt?« Sie stritten und stritten, schließlich gingen sie zum Kadi, damit dieser entscheide. Der Kadi fragte den Alten: »Ist es wahr, dass du das Holz, ›wie es da ist‹, verkauft hast?«

»Ja, Herr«, antwortete der Alte. »Aber das Kamel ist doch dreihundert Tenga wert!«

»Das ist nicht meine Sache, du selbst bist schuld! Du hättest nicht einwilligen dürfen, das Holz zu verkaufen, ›wie es da ist‹!« Der Kadi befahl, das Kamel dem dicken Bei zu geben, der Alte aber ging weinend nach Hause. Seiner Tochter sagte er nichts davon.

Am nächsten Tage packte der Alte dem Pferd das Holz auf und ging wieder auf den Basar. Der dicke Bei ließ nicht auf sich warten. »Wie viel willst du für das Holz?«

»Drei Tenga.« Da sagte der dicke Bei: »Nimm zehn Tenga für das Holz, ›wie es da ist‹!« Der Alte hatte vergessen, was ihm gestern widerfahren war, und stimmte zu. So verlor er auch sein Pferd. Betrübt kam er nach Hause, verheimlichte aber wieder sein Missgeschick vor seiner Tochter.

Am dritten Tage packte der Alte das Holz dem Esel auf und schickte sich bereits an, auf den Basar zu gehen, da hielt ihn seine Tochter zurück: »Das letzte und das vorletzte Mal bist du ohne Kamel und ohne Pferd zurückgekommen, Vater. Heute wird man dir auch den Esel wegnehmen. Besser, ich gehe das Holz verkaufen!« Der Alte war einverstanden, und das Mädchen zog mit dem Esel auf den Basar. Kurz darauf kam der dicke Bei. »Was verlangst du für das Holz?« Das Mädchen verlangte drei Tenga. Nun sagte der dicke Bei: »Nimm für das Holz, ›wie es ist‹, fünf Tenga!« Das Mädchen erwiderte: »Und Ihr werdet mir für das Holz das Geld, ›wie es ist‹, geben?«

»Gut, einverstanden, bring das Holz zu mir!«

Das Mädchen lud das Holz bei dem Bei ab und fragte: »Wo soll ich Euren Esel anbinden?« Der dicke Bei zeigte ihr den Platz. Das Mädchen band den Esel an und bat um das Geld für das Holz. Der dicke Bei hielt ihm das Geld hin, das Mädchen aber packte ihn flink bei der Hand und sagte: »Als wir um den Preis feilschten, habt Ihr gesagt. Ihr würdet mir das Geld geben, ›wie es ist‹. Gebt mir also das Geld zusammen mit Eurer Hand!«

Sie stritten so lange, bis die Nachbarn auf das Geschrei herbeiliefen und beide zum Kadi führten. Der Kadi drehte und wand sich, erdachte tausend Winkelzüge, aber das Mädchen beharrte auf dem Seinen. Darauf riefen die Leute: »Das Mädchen hat recht! Ein kluges Mädchen!« Der Kadi dachte nach und entschied: »Gib deine Hand her!« Da jammerte der dicke Bei: »Wie soll ich denn ohne die Hand auskommen?«

»Dann kaufe dich mit fünfzig Goldstücken los.« Der Bei zählte die fünfzig Goldstücke ab. Es tat ihm um das Geld leid, und er schlug vor: »Wollen wir eine Wette eingehen: Wer von uns besser lügen kann, der bezahlt noch fünfzig Goldstücke dazu!«

»Gut«, stimmte das Mädchen zu. »Aber Dir seid älter an Jahren, Herr, darum beginnt Ihr.«

Der dicke Bei setzte sich bequem hin, räusperte sich und begann: »Einmal habe ich Weizen gesät. Das Korn ist bei mir so gut gediehen, dass jeder, der mit einem Kamel oder einem Pferd auf das Feld ritt, darin zehn Tage herumirrte. Vierzig Ziegen sind in den Weizen geraten und nicht mehr zum Vorschein gekommen. Als der Weizen reif war, dingte ich Schnitter. Sie mähten und droschen ihn, aber die Ziegen waren nicht zu finden. Als ich aber einen Fladen aus dem Ofen holte, ein Stück abbrach und zu essen begann, hörte ich plötzlich zwischen meinen Zähnen ein ›Meckmeck‹. Aus meinem Mund sprang eine Ziege und dann noch eine und eine dritte. Sie waren so fett geworden, dass sie wie vierjährige Stiere aussahen.«

Das Mädchen klatschte in die Hände, lachte und rief: »Sehr gut! Ihr habt die Wahrheit gesagt, denn dergleichen kommt auf der Welt oft vor. Jetzt hört mich an. Eines Tages grub ich mitten in unserem Dorf den Boden um und säte ein einziges Baumwollsamenkorn. Und was meint Ihr, was geschah? Es wuchs ein riesiger Baum empor, dessen Schatten nach allen Seiten so weit reichte, wie ein Tagesritt von unserem Dorf. Als die Baumwolle reif war, rief ich fünfhundert gesunde Frauen mit flinken Händen zum Pflücken und Säubern herbei. Die gesäuberte Baumwolle verkaufte ich, und für das Geld kaufte ich vierzig große Kamele, bepackte sie mit teuren Baumwollstoffen und schickte sie mit meinen beiden Brüdern nach Buchara. Drei Jahre lang habe ich von ihnen nichts gehört. Neulich aber habe ich - o weh! - erfahren, dass sie ermordet wurden. Und jetzt, gute Leute, seht her: der dicke Bei trägt den Chalat meines mittleren Bruders, den er trug, als er nach Buchara zog. Also habt Ihr meine Brüder getötet, Bei, und Euch ihre Waren und Kamele genommen!«

Da war der dicke Bei in der Zwickmühle: Wenn er zugab, dass die Geschichte des Mädchens wahr sei, würde man ihn wegen Mordes verurteilen und er verlöre seinen Kopf, wenn er aber sagte, die Geschichte sei eine Lüge, dann musste er dem Mädchen gemäß der Abmachung wiederum fünfzig Goldstücke bezahlen. Lange dachte der Bei nach, schließlich holte er das Geld hervor und bekannte: »Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich überlistet worden!« Das Mädchen aber nahm Kamel, Pferd und Esel und kehrte fröhlich zu seinem Vater zurück.